Sezession
23. Januar 2018

Das war die 18. Winterakademie des Instituts für Staatspolitik

Benedikt Kaiser / 7 Kommentare

Nachdem Anfang Dezember die Anmeldeliste für die Januar-Akademie des IfS geöffnet wurde, diskutierte man intern über mögliche Szenarien:

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Denn das Thema der Veranstaltung, »Wirtschaft – Hegung und Entgrenzung«, war die letzten Jahre eines jener Themenfelder, das nicht zu den Forschungsgebieten des Instituts zählte. Wirtschaft – dieses so bedeutende weite Feld überließ man den sogenannten Libertären auf der einen und den Linken auf der anderen Seite.

Nun also: Wirtschaft beim IfS, dazu Konferenz der Identitären Bewegung Österreichs, die normalerweise mit einer relevanten Abordnung Schnellroda – den traditionellen Tagungsort – aufsucht, Prüfungsphase an den meisten Unis und einige weitere unvermeidliche terminliche Überschneidungen mit anderen Veranstaltungen der Mosaik-Rechten.

Und doch: Nach wenigen Wochen konnte noch vor Heiligabend Vollzug gemeldet werden: 130 Teilnehmer wurden rasch erreicht, einschließlich Bordpersonals und Referenten konnten wir daher vom 19. bis 21. Januar rund 150 Teilnehmer der 18. Winterakademie begrüßen und beherbergen, die den insgesamt neun Vorträgen beiwohnten.

Dies vorweg: Das Gros der Vorträge wird in der 82. Sezession in gekürzter Variante abgedruckt; es empfiehlt sich ein Abonnement.

Institutsleiter Dr. Erik Lehnert eröffnete die Akademie. Lehnert, von Hause aus Philosoph, legte dar, welche Wirtschaftsüberlegungen auf der politischen Rechten in den letzten zwei Jahrhunderten dominierten oder aber diskutiert wurden. Es war dies zugleich die Überleitung zu meinem Vortrag, einer »Kurzen Geschichte der Kapitalismuskritik von rechts mit einem Ausblick auf die Zukunft«, die vor allem zeigen sollte:

Auch im mannigfaltigen rechten Lager, das über ganz unterschiedliche Denktraditionen und -linien verfügt, wurde und wird die kapitalistische Produktionsweise und die durch sie wesentlich erzeugte bürgerliche Gesellschaft einer grundsätzlichen Kritik unterzogen.

Besprochene Protagonisten konservativer und rechter Kapitalismuskritik waren Akteure des Vereins für Socialpolitik um Adolph Wagner, generell preußisch-konservative »Staatssozialisten«, im weiteren Verlauf der deutschen Geschichte Werner Sombart, über den der Konnex zur »Konservativen Revolution« hergestellt werden kann.

Deren gemäßigt linker Flügel wurde vom Tatkreis (Hans Zehrer, Ferdinand Fried, Carl Rothe, Ernst Wilhelm Eschmann usw.) gestellt; andere Akteure waren die Nationalrevolutionäre um Ernst Jünger, Ernst v. Salomon und Franz Schauwecker im Lager des »soldatischen Nationalismus« oder auch die unterschiedlich argumentierenden rechten Sozialisten um Ernst Niekisch, Otto Strasser sowie K. O. Paetel.

Zusammenfassend zur ganz unterschiedlichen konkreten Kapitalismuskritik des KR-Komplexes ließe sich mit Rolf Peter Sieferle (Epochenwechsel) festhalten:

Der Widerstand gegen die kapitalistisch-universalistische Zertrümmerung der Alten Welt kommt (bei der KR) nicht aus der Perspektive eines überbietenden Prozesses, sondern aus der Position eines ‚ewigen’ oder elementaren Bestands, einer unzerstörbaren normativen Substanz. [...]. Der Hauptgegner der konservativ-revolutionären Position sind die Mächte der bürgerlichen Welt, also Liberalismus, Individualismus und Kapitalismus.

Über die KR verläuft die Traditionslinie rechter Kapitalismuskritik dann in Sprüngen und Variationen via Henning Eichberg und seiner Neuen Rechten über die Zeitschriften wir selbst! und volkslust bis hin zu Alain de Benoist, der heute als der wichtigste Kapitalismuskritiker von rechts anzusehen ist.

Im zweiten Teil des Vortrags wurde die Brücke in die Gegenwart und Zukunft gebaut. Skizziert wurden Herausforderungen einer zukunftstauglichen Kapitalismuskritik: Was muß bedacht werden, welche Denkschulen können einbezogen werden, welche einschneidenden Ereignisse stehen uns bevor, auf die wir politiktheoretisch vorbereitet sein müssen? Welche Widersprüche und Herausforderungen bringt das zeitgenössische (digitale, partiell postindustrielle) Entwicklungsstadium des Kapitalismus mit sich?


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Kommentare (7)

Der_Juergen
23. Januar 2018 09:13

Eine erfreuliche Lektüre beim verspäteten Morgenkaffee. Schade, dass man da nicht dabei sein konnte. Da Lutz Meyer als Mitorganisator dabei war, liest er hier wohl mit: Melden Sie sich auch bei Sezession wieder einmal, Herr Meyer.

Zum Thema: Gut, dass sich die intellektuelle Rechte ernsthaft mit wirtschaftlichen Problemen auseinandersetzt. Dringliche, aber kaum je öffentlich erörterte Fragen wie die, warum der Staat eigentlich sein Geld nicht selber druckt, statt es zu Zinsen von Privatbanken auszuleihen, gehören endlich aufs Tapet gebracht. Rechter Aktivismus darf sich nicht auf den - selbstverständlich zentralen - Kampf gegen den Grossen Austausch beschränken. Es heisst auch über ein radikal neues Wirtschaftssystem nachdenken, das den produktiven Kapitalismus (schöpferisches Unternehmertum mit starker sozialer Absicherung der Arbeiter) beibehält, den unproduktiven und parasitären Finanzkapitalismus jedoch abschafft.

Ich wurde, als ich hier einmal auf "patriotische Marxisten" anspielte, von einem Mitforisten hämisch gefragt, wen, ausser Toten, ich denn da nennen könne. Der Name Peter Feist fiel mir spontan ein; ich hätte auch auf Reinhold Oberlechner oder auf die "Rote Fahne" hinweisen können.

Ich bin mir mit Kaiser darin einig, dass man von Marx trotz seines insgesamt offenkundig falschen Geschichtsbildes ("Die Geschichte ist eine Geschichte von Klassenkämpfen", nein, das ist sie nur ausnahmsweise, ungleich öfter ist sie eine Geschichte von Kämpfen zwischen Stämmen und Nationen) noch heute einiges lernen kann. Dass Marx persönlich unsympathisch war, seinen Freund Engels nach Strich und Faden ausnahm und in seiner Jugend finstere Gedichte schrieb, ist für den Historiker bestimmt interessant, aber zur Beurteilung seiner Thesen nicht von Belang.

Im übrigen empfehle ich allen hier Lesenden Benedikt Kaisers Büchlein über die Querfront. Klein, aber fein!

Gonzague de Reynold
23. Januar 2018 15:14

Sehr erfreulich. Muss es doch eines der Hauptanliegen jedes Rechten sein, das rein materialistische und ausschliesslich wachstumsorientierte Denken und Handeln, das ja (abgesehen natürlich vom religiösen «Notstandsgebiet») im profanen Bereich primär und dominierend im «Wirtschaftlichen» zu Tage tritt, wieder zurückzustutzen und auf seinen gebührenden (und das ist natürlich nicht der alles bestimmende und überragende) Platz zu setzen. Drieu la Rochelle hat das ja sehr gut auf den Punkt gebracht: «faire une politique de gauche avec des gens de droite et de voir ces hommes de droite amendés, élargis, par cette politique» …

Cacatum non est pictum
23. Januar 2018 18:30

Ein interessantes Potpourri von ökonomischen Themen. Das wichtigste jedoch fehlt: unser Geldsystem. Geld ist das Schmiermittel der Wirtschaft und damit auch ihr zentraler Bezugspunkt. Das heute weltweit dominierende Schuldgeld - emittiert von faktisch privaten Zentralbanken, geschöpft ohne Deckung und verknüpft mit dem alles zerstörenden Zins - ist ein unüberwindbares Hemmnis für gedeihliches Wirtschaften. Solange es nicht beseitigt wird, spielt es keine Rolle, ob man Marxist, Libertärer, Anhänger der sozialen Marktwirtschaft oder sonst etwas ist - das Zinsgeld wird zuverlässig für ökonomische Katastrophen und Kriege sorgen.

Es gibt zum Thema durchaus gute Referenten. Vielleicht wäre das eine Anregung für zukünftige Seminare.

Martin Lichtmesz
23. Januar 2018 18:55

Die Basis-Überbau-These hat viel Unheil gestiftet.

H. M. Richter
23. Januar 2018 19:43

"Vom Reich der Notwendigkeit ins Reich der Freiheit [...] auch wenn die Vereinfacherer [sic!] und Vulgarisierer in der Praxis oftmals Reiche des Terrors schufen", konstatierte, wie zu lesen ist, Fritze mit Blick auf Marx.

Millionen Hingemordeter, ist man da versucht zu sagen, sehen dies, wenn es denn möglich wäre, etwas anders und hätten nicht nur mit diesem "auch wenn" gewisse Probleme.

So sehe ich selbst denn auch weniger in der Teilnahme von Fritze und Feist, sondern vor allem in der von Beleites einen überaus erfreulichen Beleg dafür, daß die Akademien des Instituts für Staatspolitik Brücken zu schlagen in der Lage sind.
______________________________________________

PS: Den Wegfall der Kursiv-Funktion im Kommentar-Bereich bedauere ich sehr.

Thomas Martini
24. Januar 2018 00:52

Zunächst einmal vielen Dank an Herrn Kaiser für die ausführliche Berichterstattung über die Winterakademie des IfS. So erhält man einen guten Überblick hinsichtlich der behandelten Themen und den vortragenden Rednern.

Dann zu dem "praktischen Exkurs" von Oliver Hilburger.

>>Das wohl Wichtigste dabei: Hilburger trug zur theorieintensiven Akademie einen nicht zu vernachlässigenden Anteil bei, nämlich die Notwendigkeit, bei aller ideenpolitischen Diskussion die Praxisbezüge nicht aus den Augen zu verlieren.

Sein emotionaler Streifzug durch Werke und Betriebe, Gewerkschafts- und Arbeitnehmerwelten sorgte ohne Zweifel dafür, daß den Teilnehmern aufs neue bewußt wurde, wie wichtig es bleibt, im Kampf um Resonanzraumausweitung die Alltagssorgen der Menschen zu begreifen.<>Multikulti ist keine Utopie, keine Lösung, sondern der Status quo. Wir verschließen davor noch immer die Augen. Vielleicht weil wir ahnen, wie verwirrend der Anblick wäre.<<

https://coriolan.in/rom/multikulti-maennergruppen-messerstecher/

Die Gründe für die Multikulti-Blindheit sind vielfältig. Das politische Desinteresse bei uns im Betrieb ist eine seltsame Melange aus unbewusster Hinnahme einer Manipulation, die durch rot-grüne Sprachrohre wie dem „Trierischen Volksfreund“ verursacht wird, einer scheinbar angeborenen Treue gegenüber der Bundesrepublik, und schließlich einer selbst anerzogenen Bequemlichkeit, sich ausreichend zu informieren.

Besonders der letzte Aspekt erscheint mir im Internetzeitalter unverzeihlich. Muss jedoch gestehen, dass ich mir abgewöhnt habe, die Leute auf der Arbeit in politische Diskussionen zu verwickeln. Länger als fünf Minuten, halten sich weder die eindringlichsten Beispiele für das Staatsversagen, noch die aussagekräftigsten Belege für die Rechtsbrüche der Bundesregierung im Gedächtnis der Kollegen. Manche wollen sich ihr heile Welt auch nicht beschmutzen lassen, reagieren allergisch auf allzu scharfe Kapitalismus- oder Einwanderungskritik, nicht wenige versuchen einen sogar in die Resignation zu treiben, in dem sie auf das allseits beliebte Totschlagargument zurückgreifen: Man kann doch eh nichts dagegen machen!

Manchmal lasse ich nach Abschluss der Lektüre – trotz meiner Sammelwut, und wider besseres Wissen – heimlich eine Sezessions-Ausgabe im Entspannungsraum liegen, als handle es sich dabei um den SPIEGEL oder den Stern. Meine Befürchtung allerdings ist, dass die hochwertigen Zeitschriften ungelesen in den Müll fliegen.

Benedikt Kaisers feines Büchlein „Querfront“, das meine eigenen Erkenntnisse und mein Denken intellektuell so verfeinert auf den Punkt bringt, als hätte man bleifreies Benzin zu Super Plus mit 98 Oktan veredelt, versuchte ich einem der wenigen bücherlesenden Mitarbeiter in meinem Bereich unter der Woche schmackhaft zu machen, doch kam es mir eher vor, als hätte ich Sauerbier an den Mann zu bringen.

Da ist nichts zu machen, und die Aussicht, diese bundesdeutschen Mitläufer noch irgendwie zu einem handfesten – oder wenigstens zu einem geistigen! – Widerstand gegen die Altparteien, Leitmedien, Helfer und ausführenden Organe der BRD, zu bewegen, ist kurz- bis mittelfristig undenkbar.

Da muss einfach mehr passieren, die eigenen Lebensbedingungen müssten sich massiv verschlechtern, die unschönen Begleiterscheinungen der Umvolkung müssten deutlich im individuellen Alltag sichtbar werden, und last but not least bräuchte es wohl zunächst eine weniger systemkonforme Redaktion beim »Volksfreund«.

All das könnte ich besser akzeptieren, würde man im Trierer Land wie im letzten in Europa verbliebenen Großfürstentum, nämlich Luxemburg, an jeder Ecke den Wohlstand aus allen Nähten platzen sehen. Man muss sich nur mal das Kirchberg-Plateau ansehen, gleich wenn man in die Hauptstadt des Landes hinein fährt. Da wächst ein moderner Glastempel neben dem anderen in den Himmel.

Als Trierer dagegen, wo man in seiner Heimatstadt denkmalgeschützte Ensembles vorfindet, und vieles sanierungsbedürftig erscheint, hospitiert man im Nachbarland eben auch nur, um günstig an Benzin, Kaffee und Zigaretten zu kommen. Sich mal die Frage zu stellen, warum ausgerechnet die Luxemburger auf das dritthöchste Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in der Welt kommen, und das durchschnittliche Einkommen zweieinhalbfach so hoch wie jenes des durchschnittlichen Europäers ist, hieße, dass man sich um Staatspolitik Gedanken macht. Dabei sind die meisten Trierer - und natürlich die meisten Triererinnen ebenfalls - so außen vor, wie eine deutsche Tankstelle in Grenznähe zu Wasserbillig.

Max
25. Januar 2018 19:09

Peter Feist, ich fasse es nicht. Ok, ein bisschen recherchiert, aber, tatsächlich, er, der Neffe von Margot.

Ich kenne ihn aus DDR-Zeiten, 1988/89, Magnus-Haus, ein FDJ-Klub von Uni und Akademie der Wissenschaften, alle für Perestroika, und man konnte alles mögliche diskutieren, beispielsweise wurde auch die Variante, dass der ganze Laden einfach vom Westen übernommen wird, als Möglichkeit mal in Betracht gezogen.

Ich hatte (als Mathematiker) meine Zweifel an Marxens ökonomischer Theorie. Und es war Peter Feist, der mir dann, nach einer längeren Diskussion unter vier Augen, sagte, "das ist Antikommunismus". Ich war verwundert, hatte das bis dahin nicht so gesehen. Aber als ich auf dem Nachhauseweg darüber nachdachte, musste ich ihm recht geben. Seitdem betrachte ich mich als Antikommunisten.

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.