Karlheinz Weißmann: Kulturbruch ’68 – eine Rezension

von Werner Olles -- Auf dem bekanntesten Plakat der 68er-Studentenbewegung war die Behauptung zu lesen:

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„Alle reden vom Wet­ter. Wir nicht“. Dar­un­ter: die Por­traits von Marx, Engels und Lenin.

Zum 20-jäh­ri­gen Jubi­lä­um des Ereig­nis­ses gab es ein Tref­fen unter dem Mot­to: „Pri­ma Kli­ma“. Der Rezen­sent, damals bereits seit eini­gen Jah­ren zu den Natio­nal­re­vo­lu­tio­nä­ren kon­ver­tiert, ließ es sich nicht neh­men, vor dem Tagungs­ort ein Flug­blatt zu ver­tei­len mit dem Dutsch­ke-Zitat „Die Spal­tung Deutsch­lands ist die Spal­tung des deut­schen Pro­le­ta­ri­ats“ und Rudolf Bahros pro­vo­kan­ter Ein­schät­zung: „Die psy­chisch kor­rup­tes­te Klas­se der Metro­po­lis ist die intel­lek­tu­el­le Alter­na­tiv-Bour­geoi­sie, derer ein­zi­ges Inter­es­se die Expan­si­on des eige­nen Lebens­stils ist.“

Tat­säch­lich hat­ten sich die 68er in kri­tisch-zurück­hal­ten­de Ver­tei­di­ger der Mas­sen­de­mo­kra­tie ver­wan­delt, ihren radi­ka­len Uto­pie­an­spruch zuguns­ten einer ver­schäm­ten Ver­fas­sungs­treue klamm­heim­lich zu Gra­be getra­gen. Die Cré­me der 68er ließ es sich am Spuck­napf der Bour­geoi­sie gut gehen. Immer­hin nahm Dani­el Cohn-Ben­dit grin­send das Flug­blatt ent­ge­gen, wäh­rend der ehe­ma­li­ge SDS-Vor­sit­zen­de KD Wolff, sein ergrau­tes Haupt schüt­telnd, von dan­nen eilte.

Die Stu­den­ten­be­we­gung in der Bun­des­re­pu­blik hat sich inter­es­san­ter­wei­se nicht an Kon­flik­ten in der Pro­duk­ti­ons­sphäh­re ent­zün­det und auch kaum in die­se ihr frem­de Welt hin­ein­ge­wirkt. Ihr Wir­kungs­be­reich war der „mora­li­sche Über­bau“, die Kam­pa­gne gegen die Not­stands­ge­set­ze; die Demons­tra­tio­nen gegen den Viet­nam-Krieg, und man woll­te end­lich mit der Umer­zie­hung ernst machen, da die Repu­blik angeb­lich noch nicht aus­rei­chend ent­na­zi­fi­ziert war.

Zum Akti­ons­fo­kus der Außer­par­la­men­ta­ri­schen Oppo­si­ti­on (APO) wur­de der Sozia­lis­ti­sche Deut­sche Stu­den­ten­bund (SDS), der täg­lich für Schlag­zei­len sorg­te. Sei­ne Devi­se lau­te­te: „Der Par­la­men­ta­ris­mus ist ein Macht­mit­tel des Kapi­tals. Die Waf­fen der Arbei­ter­klas­se sind: Direk­te Akti­on! Mas­sen­kampf! Alle Macht den Räten! Nie­der mit dem Parlament!“

In der Tat stammt die Idee der Stadt­gue­ril­la, den west­deut­schen Zusam­men­hang betref­fend, aus dem SDS, die theo­re­ti­sche Begrün­dung lie­fer­ten Rudi Dutsch­ke und Hans Jür­gen Krahl.

Die Fol­gen waren die mör­de­ri­schen Ter­ror­ak­tio­nen der Baa­der-Mein­hof-Ban­de (RAF) und ande­rer ter­ro­ris­ti­scher Grup­pen. Die Wahl der Gebrü­der KD und Frank Wolff zu neu­en Bun­des­vor­sit­zen­den trug ent­schei­dend zu einer wei­te­ren Radi­ka­li­sie­rung des Ver­ban­des bei.

Dutsch­ke, Luthe­ra­ner und Mar­cu­sia­ner, war als „DDR-Abhau­er“ in Kon­takt mit den füh­ren­den Köp­fen der „Sub­ver­si­ven Akti­on“ um Frank Böckel­mann, Die­ter Kun­zel­mann, Her­bert Nagel und Gün­ter Masch­ke gekom­men, doch fühl­te er sich als christ­lich beses­se­ner Mis­sio­nar und cha­ris­ma­ti­scher Füh­rer und ver­sprach den „Ernied­ri­gen und Bela­de­nen“ nichts weni­ger als ein irdi­sches Para­dies: „eine Welt, frei von Hun­ger, Krieg und repres­si­ver Arbeit.“ In Wahr­heit ver­stan­den die Revo­lu­tio­nä­re die spät­ka­pi­ta­lis­ti­sche Rea­li­tät trotz inten­si­ver Marx-Schu­lung nur rudi­men­tär, führ­ten Kämp­fe der Ver­gan­gen­heit und zer­split­ter­ten sich in Anti­au­to­ri­tä­re, Anar­chis­ten, Trotz­kis­ten, ortho­do­xe DKP-Kom­mu­nis­ten, Mao­is­ten und Pazi­fis­ten. Ihr Gesell­schafts­bild war jedoch durch­drun­gen von Sie­ges­ge­wiß­heit, der „Erzie­hung eines neu­en Men­schen“ und der blan­quis­ti­schen Uto­pie der Dik­ta­tur. Dies mün­de­te in die Ent­ste­hung grü­ner und lin­ker Pöbel­par­tei­en, die bis heu­te die poli­ti­sche Agen­da bestimmen.

Der His­to­ri­ker und Publi­zist Karl­heinz Weiß­mann unter­sucht in sei­nem Buch Kul­tur­bruch ’68 die Fol­gen der lin­ken Revol­te. Zwar ver­steht auch er die Stu­den­ten­be­we­gung pri­mär als Pro­test gegen den Viet­nam-Krieg der USA (1966–1968), doch geht es ihm auch um das indi­vi­du­el­le Lebens­ge­fühl der revol­tie­ren­den Stu­den­ten, das in einer anti­au­to­ri­tä­ren Hal­tung bestand und des­sen gesell­schafts­po­li­ti­sche Aus­drucks­for­men dem Ziel dien­ten die Pro­test­hal­tung gegen­über dem Durch­schnitts­ver­hal­ten der Bür­gen sinn­fäl­lig zu machen.

Weiß­manns Ver­dienst ist es, das „Atmo­sphä­ri­sche“ der zwi­schen Chi­li­as­mus und Ter­ro­ris­mus oszil­lie­ren­den Bewe­gung zu ent­lar­ven und das Hoch­fah­ren­de des idio­ti­schen Theo­rems der prin­zi­pi­el­len Ver­än­der­bar­keit des Men­schen als roman­tisch, dumm und ver­lo­gen zu ent­zau­bern. Er macht klar, daß der enthu­si­as­ti­sche Auf­bruch sei­ne Wur­zeln auch im Ego­is­mus ein­zel­ner cha­ris­ma­ti­scher Füh­rer hatte.

Das Ver­spiel­te wich jedoch schon bald einer ter­ro­ris­ti­schen Unduld­sam­keit, theo­re­ti­sche Debat­ten einem erbärm­li­chen Dok­tri­na­ris­mus und einer geis­ti­gen Ver­stei­ne­rung, die dem Anti­au­to­ri­ta­ris­mus, unter dem die 68er ange­tre­ten waren, Hohn sprachen.

Der „Lan­ge Marsch durch die Insti­tu­tio­nen“, den der Mar­cu­sia­ner Dutsch­ke pro­pa­gier­te, funk­tio­nier­te bis in den Bereich der insti­tu­tio­na­li­sier­ten Poli­tik und begüns­tig­te einen Ein­stel­lungs­wan­del, der bis in die Kir­chen, die Hoch­schu­len, das Bil­dungs­sys­tem, die Armee und die Fami­li­en reichte.

Doch war die Fun­da­ment­al­li­be­ra­li­sie­rung der Gesell­schaft, die Ver­än­de­rung der All­tags­kul­tur bereits zuvor in der poli­ti­schen und pri­va­ten Ver­faßt­heit der Bun­des­re­pu­blik ange­legt, die 68er rann­ten sperr­an­gel­weit offen­ste­hen­de Türen ein.

Viel­leicht erklärt dies, wie­so gera­de dort, wo die poli­ti­sche Macht­fra­ge nicht gestellt wur­de, im All­tag, im Umgang der Geschlech­ter, der Öko­no­mi­sie­rung und vul­gä­ren Anti-Ästhe­ti­sie­rung aller Lebens­be­rei­che, der Früh­se­xua­li­sie­rung, der Durch­set­zung der Homo-Ehe und des Gen­der-Schwach­sinns eine blei­ben­de Revo­lu­tio­nie­rung statt­ge­fun­den hat.

So zählt die Ver­fes­ti­gung von Herr­schaft, Täu­schung, Lüge und Illu­si­on unter dem Zei­chen des „herr­schafts­frei­en Han­delns“ (Haber­mas) zu jenen „Errun­gen­schaf­ten“ der sturm­reif geschos­se­nen, „auf­ge­klär­ten Zivil­ge­sell­schaft“, deren spät­li­be­ra­le Deka­denz eine der schwer­wie­gends­ten Fol­gen der Kul­tur­zer­stö­rung von 1968 ist.

Nach­trag: Eini­ge Anmer­kun­gen im Buch sind dem Rezen­sen­ten zuzu­schrei­ben. Der selbst­ge­wähl­te Name der in Frank­furt agie­ren­den Schlä­ger­ban­de des Joseph Mar­tin Fischer lau­te­te nicht „Putz­grup­pe“ (S. 192 u.195), son­dern – Wiki­pe­dia zum Trotz – „Putz­trup­pe“.

Der Rezen­sent hat­te die zwei­fel­haf­te Ehre, ein paar Tage bei den „Putz­trüpp­lern“ („Putz“ stand für „Pro­le­ta­risch Uni­on für Ter­ror und Zer­stö­rung“) zu hos­pi­tie­ren, wech­sel­te dann jedoch wegen sei­ner noto­ri­schen Abnei­gung gegen den Fies­ling Fischer zu den „Roten Pan­thern“, zudem die Pan­ther-Mai­den im Gegen­satz zu den „Fische­rIn­nen“ erheb­lich jün­ger, hüb­scher und noch nicht femi­nis­tisch ange­haucht waren.

– – –

Das Buch von Karl­heinz Weiß­mann: Kul­tur­bruch ´68. Die lin­ke Revol­te und ihre Fol­gen. Ber­lin 2018. 252 S., 19,90 Euro kann hier  bestellt werden.

 

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Kommentare (7)

RMH

22. Januar 2018 13:19

"Doch war die Fundamentalliberalisierung der Gesellschaft, die Veränderung der Alltagskultur bereits zuvor in der politischen und privaten Verfaßtheit der Bundesrepublik angelegt, die 68er rannten sperrangelweit offenstehende Türen ein."

Ein Gedankengang, den man in dieser Art bzw. Ähnlich- oder Vergleichbarkeit auch bei Tocqueville in dessen Werk zur französischen Revolution "L’Ancien Régime et la Revolution" deutlich finden kann.

Caroline Sommerfeld

22. Januar 2018 13:48

"Weißmanns Verdienst ist es, das „Atmosphärische“ der zwischen Chiliasmus und Terrorismus oszillierenden Bewegung zu entlarven und das Hochfahrende des idiotischen Theorems der prinzipiellen Veränderbarkeit des Menschen als romantisch, dumm und verlogen zu entzaubern."

Müssen wir eigentlich Mitmachen beim "Entlarven" und "Entzaubern"? Nur so eine kleine "atmosphärische" Frage am Rande. Ich kenne andere Schriften vom Weißmann, und soweit ich es erspüren kann, käme er nicht drauf, irgend etwas als "romantisch, dumm und verlogen" anzusehen, und seien es die 68er.
Da ich nun aber wirklich wissen will, wie Weißmann es sieht, bestelle ich mir sein Buch.

In Österreich entbrannte gerade eine kleine, metapolitisch hochinteressante Debatte "Konservative Revolution" (Regierung) gegen "68er" (Opposition), siehe:

https://www.tt.com/politik/innenpolitik/13906635-91/kein-durchwinken-mehr-kickl-will-grenzschutzeinheit.csp

https://www.kleinezeitung.at/meinung/5357528/Provokationen_Blaue-Parfuemerie

https://derstandard.at/2000072698450/Warum-die-Rechten-die-1960er-Jahre-so-hassen

Der Gehenkte

22. Januar 2018 16:31

Man sollte die Verdienste der 68er auch nicht klein reden:

"Dank der Revolte von 1968 können junge Autoren heute frei über das Masturbieren schreiben."

https://www.zeit.de/zeit-magazin/2018/04/harald-martenstein-1968-utopie-sexualitaet

Franz Bettinger

22. Januar 2018 23:07

Die studentischen 1968-er waren anti-alles. Anti-autoritär, anti-Establishment, anti-Vietnamkrieg, anti-amerikanisch, anti-Schah, anti-CDU, anti-brd, anti-kapitalistisch und anti-bürgerlich. Die 1968-er unterstützten konsequent alle Feinde ihrer Hass-Objekte. Sie war pro-DDR, pro UDSSR, pro Proletariat, pro Mao, pro HoChiMinh, pro Ayatollah, pro Islam und pro Hippies.

Dass der Spott allem Althergebrachten gegenüber, dass Gottlosigkeit, Religionsverachtung, Minirock, Hotpants und offen ausgestellte Nacktheit 2015 so abrupt ins Gegenteil (Vollverschleierung, Frauen-Verachtung, Islam-Toleranz, ja Islam-Verehrung und Gewalt-Verniedlichlung) umschlagen konnte, das ist für mich kulturell das Überraschende, aber auch das (ihre Geistesschwäche) Dekuvrierende an den momentanen Hillary Clinton- und Moslem-Verstehern und One-World-Fantasten, deren Zentren klar grün und links auszumachen sind, aber wie ein Tusnami ins bürgerliche Lager überschwappten und auch dort alles besudelten.

Im Gegensatz zu den Krawall-Machern heute - der Antifa, die ja als Fußtruppen des Establishments gehätschelt und finanziert werden - schlug jener revoltierenden 68-Jugend (Demos, Beat, Gammler, Sex) geradezu konzertierter Hass entgegen, der Hass einer bürgerlichen Gesellschaft und der Hass der Arbeiterschaft, die beide ihre Werte auf den Kopf gestellt sahen. Das ist der entscheidende Unterschied zu den Zuständen der Gegenwart. Heute schließen die feige gewordenen oder auch eingeschüchterten Mittelschichten (weniger die Arbeiterschaft) die Reihen mit der Antifa, den Umstürzlern, den Revoluzzern. Heute sehen wir ein breites Bündnis gegen Rechts, das perverser Weise Karnevals-Vereine, Gewerkschaften, Arbeitgeber-Vertreter und die Kirche einschließt. Die Orwellianer haben ganze Arbeit geleistet. Der Kampf gegen Merkel und Maas wird schwer werden. Die ehemals Anti-Autoritären sind zu Totalitären geworden, sie sind an der Macht, sie haben alles infiltriert.

Gustav Grambauer

23. Januar 2018 09:57

"Doch war die Fundamentalliberalisierung der Gesellschaft, die Veränderung der Alltagskultur bereits zuvor in der politischen und privaten Verfaßtheit der Bundesrepublik angelegt, die 68er rannten sperrangelweit offenstehende Türen ein."

Das hier

https://www.youtube.com/results?search_query=dutschke+cohn-bendit+club+2

fand zwar nicht vor 1968 sondern 1978 statt, und doch dokumentiert es nachträglich einen Substanzverlust, der nicht innerhalb von nur zehn Jahren eingetreten sein kann. Habe diese Diskussion irgendwann mal von hinter der Mauer aus in einer Wiederholung im Westfernsehen gesehen. Es war ein Schlüsselerlebnis. Sah darin sofort ein unfreiwilliges Sittenstück à la Molière, und meine Ahnungen wurden düster. Diese Sendung war für mich nicht nur prägend dafür, daß ich im Verkehr mit dem 68er-Typus sozusagen niemals Gummihandschuhe und Mundschutz vergessen würde. Vor allem ist für den, der den Blick dafür hat(te), an der Servilität Sontheimers, Waldens und Nennings auch wie mit einem tiefen Blick in den Abgrund hinein die ganze Verrottung der westlichen Intelligenzija einmal beispielhaft wie sonst nur selten erfaßbar.

- G. G.

Gustav Grambauer

23. Januar 2018 09:58

Franz Bettinger

"Die ehemals Anti-Autoritären sind zu Totalitären geworden, sie sind an der Macht, sie haben alles infiltriert."

Habe da ein Studienfeld diesbezüglich. Falls ich auf meine alten Tage noch mal Psychosoziodingsbums, Gender oder "Politikwissenschaft" studieren sollte, steht das Thema meine Diplomarbeit, - äh meines "Bätschlors", schon fest:

"Das Spannungsfeld von antiautoritär-egalitärer Heuchelei und autoritär-repressiver Charakterstruktur am Beispiel des Ordnungsrufs im BRD-Landesparlament unter besonderer Berücksichtigung der Psychosoziodingsbums-Regression auf das Niveau der Grundschul-Unterstufe bzw. DDR-Jungpioniergruppe herab".

Siehe

https://www.youtube.com/watch?v=zyHfliQz4UE

https://www.youtube.com/watch?v=54kEhrh9OJY

https://www.youtube.com/watch?v=J5UEpyLzlZA

Schwätzen von der "Würde des Hohen Hauses" usw. daher, sind aber nur die heutigen chamäleonhaft-angepaßten AktivistInnen der kulturhegemonialen Front, die in anderer taktischer Lage "Direkte Aktion! Massenkampf! Alle Macht den Räten! Nieder mit dem Parlament!“ wie wir oben lesen krakeelt.

- G. G.

Obi Wan Kenobi

23. Januar 2018 18:14

Ich schätze KHW sehr, aber sein ständiges Sich-Abarbeiten an den 68ern ist mir suspekt. Ist nicht der Opportunismus des bürgerlich-liberalen Lagers rund um die Unionsparteien und die FDP viel stärker für diverse Fehlentwicklungen unseres Landes verantwortlich? Es ist wohl auch mehr als bloß ein Zufall, dass die katastrophalste Fehlentscheidung in der Geschichte der Bundesrepublik - die bedingungslose Grenzöffnung des Jahres 2015 - von einer CDU-Politikerin getroffen wurde.

Im Klappentext zum neuen Buch von Weißmann heißt es unter anderem:

" (...) Tatsächlich waren die Ideen von `68 wahnhaft, die Anführer der Bewegung verantwortungslos und bereit, einem Weg zu folgen, der entweder in ein totalitäres System oder in den Terror führen mußte. Aber selbst wenn diese Alternative vermieden wurde, wirkte sich eine lautlose Revolution, der „lange Marsch durch die Institutionen“, auf fatale Weise aus. Er führte zu jener
Dekadenz, die es unserem Staat heute so schwer macht, sich zu behaupten.(...)"

Das ist widersprüchlich. Wenn der Weg der 68er automatisch in den Terror oder den Totalitarismus geführt haben soll, dann kann man sie nicht gleichzeitig für die heutige Dekadenz verantwortlich machen. Tatsächlich unterwarf sich ein Teil der Bewegung einer strikten organisatorischen (in den K-Gruppen) oder sogar militärischen Disziplin (also diejenigen, die den Weg in den bewaffneten Kampf beschritten). Che Guevara, die Lichtgestalt dieser Generation, war der Prototyp eines wagemutigen und disziplinierten Elitesoldaten, man wird ihm vieles vorwerfen können, Dekadenz sicher nicht.

Ich halte es auch für verfehlt, gleich den gesamten Ideenkorpus der 68er als "wahnhaft" zu denunzieren. Haben Sie als eine vielleicht letzte Generation leidenschaftlicher Leser nicht nochmals eine letzte Blütezeit der politischen Theorie eingeläutet, die in ihren einzelnen Ausprägungen so vielgestaltig war, dass sie am Ende auch zu Geburtshelfern einer "Neuen Rechten" wurden? (hierzu sehr aufschlussreich ist das Buch "Der lange Sommer der Theorie" von Philipp Felsch über die Geschichte des Merve-Verlages).

Was wäre die heutige Rechte ohne ihre Ex-68er, wenn man alleine schon an die Beiträge denkt, die Günter Maschke oder Frank Böckelmann geleistet haben? Am Ende hat der hochpolitisierte und hochaktivistische Bewegungskern, der die 68er waren, in verschiedenste Richtungen gewirkt, und zwar auch hin zur Bildung einer Ökologiebewegung und hin zur Bildung einer Neuen Rechten. Eine undifferenzierte Generalabrechnung, wie sie in dem Klappentext des Buches zum Ausdruck kommt, wird dem Phänomen meines Erachtens in keiner Weise gerecht.

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