Sezession
29. Januar 2018

Inländertaxi, Cucking und Quadrille: Wiener Akademikerball

Caroline Sommerfeld / 24 Kommentare

Man darf mich als ballunerfahren bezeichnen, war doch der einzige der Wiener Bälle, den ich je besucht hatte, der Kommunistenball.

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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Nun also der Akademikerball, ursprünglich ein reiner Vereinsball der studentischen Verbindungen, seit Jahren auch FPÖ-Ball. Die Szenerie läßt sich in innen und außen aufteilen: draußen eine Riesendemo mit 8.000 Teilnehmern, drinnen ein rauschendes Fest. Schwierig: der Übergangsritus.

Wie kommt man hinein? Freunde warnten mich davor, einfach zu Fuß hinzuspazieren, denn in den vergangenen Jahren wären gerade Ballbesucherinnen nur durch Spießruten von Pöblern, Eierwerfern und Spuckern hineingelangt, und ein ruiniertes Kleid verderbe doch den Abend. 2014 war es zu gewalttätigen Auschreitungen und einer regelrechten Straßenschlacht mit der Polizei gekommen.

Ich bekam den Ratschlag, mir ein Taxi zu nehmen, möglichst einen einheimischen Fahrer, denn sonst könnte ich mir nicht sicher sein, ob der Unrat wittere. Sollte ich also beim Taxiruf 40100 anrufen, meine völkischen Selektionskriterien in Anschlag bringen und nach einem autochthonen Taxler verlangen?

Schließlich wurde ich von einem Freund mit dem Auto mitgenommen, der zu berichten wußte, daß vor 20 Jahren der Taxifunk mitzuhören war, und regelmäßig Kunden ein „Inländertaxi“ anforderten. Der Bevölkerungsaustausch ist in Wien inzwischen so weit fortgeschritten, daß dieser Wunsch heute noch absurder wäre.

Die Polizei hatte in diesem Jahr erstmalig eine große Sperrzone um die Hofburg herum errichtet, in die man nur mit gezückter Ballkarte ungestört hineingehen durfte. Mit Flechtfrisur, bodenlangem Paillettenkleid, erstmalig in meinem Leben applizierter Schminke („Entschuldigen Sie, wohin genau gebe ich das Rouge?“) und einem Antaiosbeutel voller Bücher für Martin-Er ist wieder da-Sellner, stand ich schließlich mit großen Augen unter Kristalllustern, inmitten bunt herausgeputzter Couleursstudenten, Herren in Smoking oder Frack und wunderschöner junger Damen, einige mit schwarzrotgoldenen Schärpen, Abzeichen ihrer Mädelschaften.

Der Ball wurde feierlich durch ein Walzerpaar eröffnet, eine Sängerin intonierte „Die Gedanken sind frei“, Ansatz zur Gänsehaut. Dramatisches Lichttheater und eine Teufelsgeigerin bei der Stelle „und sperrt man mich ein / in finstere Kerker“ ließen mich dann eher degoutiert erschauern. Das Lied müssen wir unbedingt auf der Leipziger Buchmesse in petto haben, wenn man uns nicht lesen läßt. Bitte alle üben.

Auch, damit wir nicht in die Verlegenheit geraten, unsere beliebten und bewährten Nazilieder hervorkramen zu müssen und wie üblich zum Mord aufzurufen.

Man muß nämlich wissen: wir sind entlarvt worden, unser Mimikry hat wieder einmal versagt, Schminken ist uns halt wesensfremd. Die Wiener Stadtzeitung „Der Falter“ hatte vergangene Woche ein Burschenschaftsliederbuch zugespielt bekommen und daraus einen Skandal genudelt. Das Buch enthielt Sauf- und Gröllieder, Altherrenhumor der plattesten Sorte. Eine Zeile wie „Da schritt in ihre Mitte ein schlitzäugiger Chines’: ‚Auch wir sind Indogermanen und wollen zur Waffen-SS.‘“ ist schwerlich zur „Verherrlichung des Massenmordes an Jüdinnen und Juden“, wie der Falter schrieb, geeignet, hier ist nämlich unschwer eher Naziverarsche zu erkennen. Keiner, der ernsthaft noch die SS verehrt, würde das singen.

Die Zeile: „Da trat in ihre Mitte der Jude Ben Gurion: ,Gebt Gas, ihr alten Germanen, wir schaffen die siebte Million‘“ allerdings bereitet gewaltigen Kotzreiz. Das Bild: besoffene Männer auf der Burschenschaftsbude lassen die Sau raus. Wer, der eine geradlinige, ordnende, gute Erziehung genossen hat, braucht solche starken Schlüsselreize, auf die er nur noch instinktiv und wie tierisch reagiert?

Anstand ist durchgehaltene Form. Ist dem Verfasser der Liedstrophe der metaphysische Abgrund der Deutschen so fremd geblieben, daß er glaubt, darüber witzeln zu können (nicht: zu dürfen, denn sowas bedarf eigentlich keines äußerlichen Verbots)? Wir brauchen die Burschenschaften als  Elite, sie dürfen sich nicht selbst entehren. Es ist ein inneres Manko. Wird es nach außen gestülpt, muß es in sozialem Desaster enden.

Zurück zum Akademikerball. Vizekanzler Heinz-Christian Straches Cucking hat mir solch desaströse Fremdscham bereitet. Die linken Medien überschlagen sich wollüstig, hier, hier und hier über das „neonazistische Liedgut der FPÖ“, der „Rechtsextremismusexperte“ Scharsach erreicht Erregungsspitzen vor Entlarvungstaumel.

Und was macht Strache? Er kündigt bereits im Vorfeld an, den Ball zu einem „Statement gegen den Antisemitismus“ zu nutzen. Straches Rede streift die Jahreszahlen 1848, 1918, Burschenschafter im Kampf für die Freiheit, um dann 1938 haken zu bleiben.

„Die Verantwortung und das Gedenken an die Opfer des Holocaust sind uns Verpflichtung und Verantwortung in der Gegenwart und für kommende Generationen. Wer das anders sieht, soll aufstehen und gehen. Er ist bei uns nicht erwünscht“.

An dieser Stelle mache der Rhetor eine Kunstpause. Strache hingegen gelingt keine Kunstpause, er beeilt sich, den Satz mit Zeigegeste gen Fenster zu beenden:

“... und so können wir all denen da heraußen sagen: wir sind nicht so! Bei uns ist keiner aufgestanden!“.

Das ist ein geschickt eingefädeltes Moraltheater in drei Akten:

Hätten wir Ballgäste denn eine Chance gehabt? Was immer man tut, es ist falsch.

  1. Wären tatsächlich Leute gegangen (Murren, sehr verhaltenes Klatschen, grantige Blicke waren das Äußerste), die FPÖ wäre nach außen als Nazipartei diskreditiert.
  2. Da sie aber durch Ball-Comment und moralischen Würgegriff gleichermaßen an ihre Plätze genagelt waren, konnte Strache nach innen seine Leute unentrinnbar demütigen. Wer aufgestanden wäre, hätte sich auch unter Rechten in die Vorhölle der sozialen Ächtung manövriert.
  3. Strache hat den Priestern der Zivilreligion durch sein Katzbuckeln signalisiert: ich habe verstanden. Der Preis fürs Mitregierendürfen ist Kriecherei.

Das Schlimme: das Theaterstück wird dem "Mahner ohne Deckel" (doppelte Herabsetzung!) nichts nützen, im Gegenteil, siehe hier und hier. Wer sich entschuldigt, wer sich der Sprache des Feindes andient, wer kriecht, wird dadurch weder erhört (er wird das böhmermannsche Qualitässiegel niemals abkletzeln können) noch erhöht („Rechtfertigen Sie sich!“ ist eine der wirksamsten verbalen Erniedrigungsgesten) werden.

Mit einigen Gläsern Rosé in guter Gesellschaft konnte ich mich wieder innerlich erheben, um kurz vor Mitternacht zur „Mitternachtsquadrille“ mitgezogen zu werden. Quadrille ist mehr Erklären als Tanzen, also ganz nach meinen Fähigkeiten. Ein schlaksiger Korpsstudent, ein "Fuchs" mit vergleichbaren Fähigkeiten wurde mir als Herr zuteil, wir hatten Vergnügen und Lernfortschritte zu verzeichnen. Als „Damengabe“ gab es am Ausgang Piccoloflaschen Wein und Bier für den weiteren Verlauf der Nacht außerhalb der mit einem osteuropäischen Taxler passierbaren Polizeisperrzone, und ein Büchlein über das „Wartburgfest“.

Im festlich geschmückten Rittersaal der Wartburg sang man damals übrigens: „der altböse Feind / wie ernst er's auch meint. Groß Macht und viel List / sein grausam Rüstung ist, auf Erd ist nicht seinsgleichen.“


Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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Kommentare (24)

Ein gebuertiger Hesse
29. Januar 2018 11:50

Widerwärtig, was Strache da gemacht hat. Für seine rhetorische Erpressung verdiente er eine Ohrfeige mit dem Fehdehandschuh - seitens aller Teilnehmer.

heinrichbrueck
29. Januar 2018 13:27

Dabei beweist Strache doch nur, wem die Demokratie letzten Endes dient. Würde sie den Demokraten dienen, wäre sie antisemitisch? Strache ist also kein Antisemit, hat aber etwas gegen die "demonstrierenden Antifaschisten" vor der eigenen Balltür. An die Spitze einer Demokratie kommt halt nur ein bestimmter Typus. Daran könnte man unter Umständen auch erkennen, was die NWO wirklich auf dem Kasten hat. Der gute Demokrat, womöglich ein Patriot, kommt wahrscheinlich selten auf die Idee, die bösen Taten der Vergangenheit einem Bewertungsvergleich zu unterziehen.

Der_Juergen
29. Januar 2018 13:43

Danke für diesen prächtigen Artikel, Caroline Sommerfeld!

Wäre ich Österreicher, so hätte ich bei der letzten Wahl mit der rechten Hand mein Kreuz bei der FPÖ gemacht und mir mit der Linken die Nase zugehalten, um den Gestank nicht allzu stark zu spüren. Wenn man die Wahl zwischen der Pest und dem Typhus hat, wählt man eben den Typhus als das kleinere Übel.

Ich würde Strache keine Sekunde lang trauen, ebenso wenig Sebastian Kurz, der genau wie Strache keine Gelegenheit auslässt, den Mächtigen die Füsse zu küssen; siehe z. B. hier:

https://www.timesofisrael.com/austrian-leader-says-country-bears-responsibility-for-holocaust/

Man kann hier einwenden, Strache und Kurz müssten solche entwürdigenden Bücklinge vor dem Gesslerhut eben vollziehen, um freie Hand bei der Eindämmung der Migrantenflut zu erhalten. Ich verstehe dieses Argument, gebe aber zu bedenken, dass von offenkundig charakterlosen Windbeuteln dieses Schlages jederzeit eine Kehrtwende auch in anderen Fragen erwartet werden kann.

Wenn es die Interessen ihrer Parteien oder ihre persönlichen Interessen erheischen, werden Kurz, Strache und all die anderen auch in der Migrationspolitik wieder zurückkrebsen.

Hartwig aus LG8
29. Januar 2018 15:26

Wer glaubt, es besser zu können, sollte in Parteien eintreten und Politik machen. Strache und Kurz sind ja nun keine Politiker mit erz-rechten Zielen, sondern offensichtlich bemüht, eine gewisse Normalität, sprich österreichische (zudem europäische) Interessenpolitik zu betreiben. Ich billige jedem Politiker in feindlichem Terrain zu, für seine Ziele zu tricksen und zu täuschen, Allianzen zu schmieden bzw. gegnerische Allianzen zu sprengen, Kreide zu fressen oder zu wüten. Ein Wahlsieg allein bedeutet noch gar nichts. Entscheidend ist das Erreichen des Zieles. Man schaue über den Atlantik und beobachte, mit was für Bandagen dort gekämpft wird. Zwei Schritte vorwärts und ein Schritt zurück heißt: Geländegewinn. Für die "reine Lehre" und die guten Sitten gibt es andere Instanzen - Institute, Stiftungen, Blogs etc. Und was heißt eigentlich "Vertrauen"?? Wer für eine Person oder eine Partei votiert, weil er ihr vertraut ... na, das will ich doch lieber nicht kommentieren.

Ostelbischer Junker
29. Januar 2018 16:14

@ Ein gebuertiger Hesse
@heinrichbrueck
@ Der_Juergen
@ Hartwig aus LG8

Ich frage mich, wie eine Vernünftige Verantwortungsübernahme, ein vernünftiges Erinnern denn aussehen soll?
Sollte der Holocaust aus der Erinnerung verschwinden?

Ich möchte Ihnen Vorschläge unterbreiten und bitte um Rückmeldung.
So könnten legitime Formen der Erinnerung meiner Meinung nach aussehen:

1. Ein Volk, dass diese Aufbauleistung vollbracht hat, hat ein Recht darauf, von Auschwitz nichts mehr zu hören.

2. Große Teile unseres Volkes haben an euch Juden, an euch Russen und Polen aus teils imaginierten Gefahren ein furchtbares Gericht gehalten. Wir haben dafür einen, mögt ihr ihn für angemessen halten oder nicht, großen Preis gezahlt. In Zukunft werden wir uns um Deutschland kümmern und zu unser aller Wohl, werden wir uns aus dem Wege gehen und den Kontakt auf das nötigste beschränken.

3. Eine kriminelle Bande hat sich unser Volk unter den Nagel gerissen und in seinem Namen furchtbare Verbrechen begangen. Jüdische Bürger, die ihr Leben für unser Vaterland gaben, wurden unschuldig ermordet. Wir werden nicht zulassen, dass der deutsche Name je wieder so missbraucht wird.
Wir haben eine Nation geschunden (die tschechische oder auch böhmische, mährische und schlesische genannt) und bedauern es, da sie 800 Jahre ein Teil unseres Reiches war und unseren Schutz verdient gehabt hätte.
Aber wir werden nicht vergessen, wie viele Deutsche in Polen und der Tschechoslowakei ermordet worden, wie man unserem Volk nach dem ersten Weltkrieg eine faire Behandlung versagte.
An unsere deutschen Brüder, die ihr Land und ihre Ahnen hassen: stürzt die Regierung Hitler endlich in euren Herzen! Lernt endlich, mit eurer Geschichte umzugehen, statt die Augen in Selbsthass zu verschließen.

Ich tendiere zu Nummer drei.
Was halten die Mitforisten davon?

Ein gebuertiger Hesse
29. Januar 2018 17:27

@ Ostelbischer Junker

Ihre Vorschläge zu einer vernünftigen Verantwortungsübernahme in allen Ehren, doch nehmen diese einen Ball auf, den Strache überhaupt nicht gespielt hat. Ihm ging es nicht um die Sache selbst, sondern um eine pompöse Theatergeste. Daß er, um diese noch zu verstärken, seine ganze Zuhörerschaft in rhetorische Beugehaft nimmt und mißbraucht, ist so zutiefst unredlich, daß ich über seine vorgeschützten Inhalte gar nicht sprechen möchte. Diese kommen - moralischerweise - erst dann wieder zur Geltung, wenn der Blender selbst den Saal verlassen hat.

t.gygax
29. Januar 2018 17:27

@ostelbischer Junker
Zu 1: Das ist ein Originalzitat von Franz Josef Strauss.
Als er das sagte- in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts - hat das niemand interessiert. Und es hat ihm nicht geschadet, die Zeiten haben sich geändert.Nun denn.

Ich beschäftige mich nicht mehr mit diesem Thema, zumal das keine Sache der Geschichtswissenschaft ist, sondern des Strafrechts und damit der Justiz.

"Vernünftige Verantwortungsübernahme", bitte, wenn Sie etwas" übernehmen" wollen, Ihre Sache.

Aus und vorbei.

Solution
29. Januar 2018 17:31

Strache und Co sind wirklich Cuckservative. Erst das, was nach den "Populisten" kommen wird, wird wirklich gut werden. Das gilt auch für die AfD, die sich zuletzt mit der Zustimmung zur Verweigerung von Staatsgeldern an die NPD ihren Feinden angebiedert und angedienert hat.

Einfach nur widerlich, diese Kriecherei.

Ernst-Fr. Siebert
29. Januar 2018 17:39

Aus eigener Erfahrung:
Nehmen Sie Ihre Kinder, insbesondere Ihre heranwachsenden Töchter, und besuchen Sie den Akademikerball. Es wird einen tiefen Eindruck hinterlassen und in gewisser Weise immunisieren. Drei Tage Wien lohnen sich sowieso.

Immer noch S.J.
29. Januar 2018 18:31

@Hartwig aus LG8
Ihr Kommentar gefällt mir. Es ist für Außenstehende schwer nachzuvollziehen, was gegen den Strom schwimmende Politiker aus dem rechten Lager durchmachen müssen, die etwas verändern wollen. Und das geht leider nur scheibchenweise und nur mit vielen Rückschlägen in dieser linksliberalen Gesellschaft. Man führe sich die Einbußen an Lebensqualität vor Augen, die Strache oder gar Höcke hinnehmen: Tagein, tagaus umschleicht jemand das Haus, ohne Unterlass Pressekampagnen und Empörungswellen sowie Anfeindungen gegen sich und die Angehörigen, zähe Gespräche mit Leuten (und es sind nicht immer die Klügsten), um wenigstens etwas in die rechten Gleise zu rücken. Wäre etwas gewonnen, wenn es diese Aufopferung nicht gäbe und sie alles hinschmissen? Nichts, es würde nur schlimmer werden. Wenn ich mir jedoch etwas wünschen dürfte, so wäre es, dass die FPÖ oder die AfD sich nicht regelmäßig in die Rolle drängen ließen, sich für die Fehltritte und Geschmacklosigkeiten anderer Leute verantwortlich fühlen und entschuldigen zu müssen.

RMH
29. Januar 2018 19:03

Ich finde das, was Strache gesagt hat, überhaupt keinen Aufreger und auch keinen Kommentar wert und diese dämliche Cuck-Beschimpfung in diesem Zusammenhang absolut unangebracht (Was ist denn schon ein "Cuck"? Vom aktivistischen Standpunkt aus doch jeder, der brav zu Arbeit geht, seine Steuern zahlt und nicht irgendwo auf YouTube oder bei irgendwelchen Mikro-Happenings (größer wird es ja nicht mehr) sich selbstvermarktend als der ultimative Patriot geriert, oder ?).

Kommentar Sommerfeld: Ein "cuck" ist nicht jemand, der es an Engagement oder Hardlinerschaft vermissen läßt. Sondern jemand, der sich solange konservativ bis rechts gibt, bis er mal Stellung beziehen muß, und dann kneift, bei den Linken zu liebedienern beginnt, sich verleugnet und plötzlich ganz liberal daherredet. Es geht um die Doppelzüngigkeit, nicht um politische Exponiertheit.

Der Artikel zeigt für mich auch eine Geschichtsvergessenheit der besonderen Art, die ich auf einer rechten Seite jetzt nicht unbedingt erwartet hätte. Jeder, der sich ein bisschen mit der Geschichte der studentischen Verbindungen beschäftigt, weiß, dass diese Repressionen und Zwangsvereinheitlichungsmaßnahmen durch die Machthaber ab 33 ausgesetzt waren und dass es auch Verbindungsbrüder gab, die in den Lagern waren. Man darf diese Fakten zwar nicht zu hoch hängen und als "Opfer" brauchen sich Verbindungen auch nicht zu stilisieren, aber begeisterte Anhänger des Systems, wie es heute dargestellt wird und auch in den verlinkten Zeitungsartikeln mehr oder weniger mitschwingt, waren sie nun auch wieder nicht und das sollte gerade heutzutage auch klar immer wieder zum Ausdruck gebracht werden.

Das einzige Wort, welches ich, wenn ich Strache gewesen wäre, nicht verwendet hätte, wäre das Wort Holocaust. Ich hätte von Opfern des NS gesprochen, da umfassender, aber grundsätzlich gab es da keinen Grund zum Aufstehen und Gehen.

Wie auch immer, ich habe mich über diesen Artikel - und ich war nie Mitglied in einer studentischen Vereinigung, Burschenschaft, Corps oder sonst was - jetzt doch ein bisschen gewundert. Alleine, dass man diesen albernen Liedzeilen auch noch hier auf den Seiten der Sezession Raum gibt - wenn auch nur als Zitate - ist mehr als seltsam. Ebenso bin ich - wie oben ja bereits ausgedrückt - genervt von diesem eitlen Wettlauf in der Radikalisierungsspirale, der durch die inflationär werdende Verwendung des Begriffs "Cuck" zum Ausdruck kommt. Österreich soll dankbar sein, dass sie so eine Regierung hat, wie sie es jetzt hat - wir in "Reichsdeutschland" können da noch lange warten, bis wir auch nur annähernd etwas Vergleichbares haben werden. Und die FPÖ war mir, seit Haiders ableben, eigentlich egal, so wie mir ein Herr Strache grundsätzlich egal ist, aber auf die Häme und Hexenjagd der Linken muss nicht auch noch ein Hohn von rechts kommen (meiner Meinung nach).

Wie auch immer, das, was ich an Burschenschaften jeglicher Art immer am ernsthaft Bedenklichsten fand, war noch nie ihr mittlerweile zahnloses pro patria pathos oder irgendwelches Liedgut, sondern ihr seltsamer Umgang mit Alkohol (und das schreibe ich jetzt als jemand, der kein Asket oder Antialkoholiker ist, aber einige Verbindungsleute im Freundeskreis hat und mitbekommt, wie die langfristig, wenn sie dann mal über 40 sind, daran zerfallen, wenn ihnen nicht der Körper rechtzeitig mal nen deutlichen Warnschuss verpasst hat, der sie zum Umdenken gebracht hat).

heinrichbrueck
29. Januar 2018 19:26

Ostelbischer Junker: "Wir werden nicht zulassen, dass der deutsche Name je wieder so missbraucht wird."

Mit Angela Dorothea als Kanzlerin?

Für jeden Ausländer, der nach Deutschland kommen darf, wird ein deutsches Kind nicht geboren.

Stil-Bluete
29. Januar 2018 19:50

o. T.
GK und EK, ein Paar, ein Liebespaar und Schöpfer SiN siezen sich auch privat. Warum wird man hier - in ihrem/Ihrem niveauvollem Blog mit 'schreibe einen Kommentar' ungefragt geduzt?

Kositza: Liebe Stilbüte, tja, das sind die irreparablen Manieren von WordPress, scheint mir. In meinem Kommentarkästchen (weiß nicht, ob Sies es auch sehen?) steht oben rechts bspw. auch immer "Tags schließen", und ich frag mich, warum ich nichts "Nachts schließen" kann?

Simplicius Teutsch
29. Januar 2018 20:03

„Das ist ein geschickt eingefädeltes Moraltheater in drei Akten“

@Caroline Sommerfeld, ich kann Ihr Unwohlsein nachempfinden. So etwas schlägt aufs Gemüt. Dieses zwangsweise Mitverbeugen-müssen vor dem demütigenden Geßlerhut, der auf jedem Marktplatz und in jedem Schulhof und in jedem Behördengebäude und großmächtig in jedem Parlament und sogar im FPÖ-Ballsaal steht, etc. etc.

Strache muss da mitmachen. Er hat keine Wahl. Zumindest hat er es so für sich und seine Partei entschieden. Wir haben den Krieg total in jeder Hinsicht verloren. Strache will vermutlich retten, was zu retten ist. Ein (medialer) Wilhelm Tell ist er nicht. Da fehlt ihm schon zunächst die rhetorische Geschicklichkeit. Jörg Haider hatte da mehr Talent. Ich war zeitweise begeistert. Aber der hat ja vom Ende her betrachtet, aus viel eigenem Verschulden alles verspielt.

Hartwig aus LG8
29. Januar 2018 20:09

@ Ostelbischer Junker
Weder die realpolitische noch die juristische Lage erlaubt eine Debatte bzgl. dieses geschichtlichen Gegenstandes.

@ gebürtiger Hesse
Mag ja sein, dass für diejenigen im Saal die Szenerie um Strache nicht erträglich war. Aber wie gesagt: Redlichkeit sollten Sie anderswo suchen; nicht dort, wo Politiker im Feuer stehen bzw. ihre nächsten Termine und Gesprächspartner vor Augen haben.

@ Immer noch S.J.
Eine Entschuldigung ist im Regelfall das überflüssigste überhaupt! Aber als politische Taktik, wenn es nützt, zulässig. Nützt nur meist nix.

Ostelbischer Junker
29. Januar 2018 20:13

@ t.gygax: Natürlich, möchte dafür nicht die Urheberschaft reklamieren. FJS ist wohl allen bekannt.

@ heinrichbrueck: Es ist ein zweifaches Wir.
,,Wir“ Deutschen lassen unseren Namen wieder in den Dreck ziehen. Da haben sie Recht, die Sonntagsreden sind Lügen gestraft worden.
Aber:
,,Wir“ Rechten wollen es nicht zulassen, Widerstand ist aktenkundig.

,,Für jeden Ausländer, der nach Deutschland kommen darf, wird ein deutsches Kind nicht geboren.“
Merkwürdige Aussage. Verderben ihnen die Morisken die Lust?
Den Gebärstreik müssen sich die Deutschen schon selbst zuschreiben.

Lyrurus
29. Januar 2018 20:18

Als Burschenschafter muss ich immer etwas schmunzeln, wenn ich derartige Kommentare von Außenstehenden lese.

Aber immerhin hat sich Fr. Sommerfeld ein eigenes Bild gemacht, und ich hoffe, Sie hatten einen netten Abend. Offensichtlich hat es -trotz Strache - ja bis nach Mitternacht Vergnügen bereitet. Vielleicht treffen wir uns ja nächstes Jahr, diesmal ging's bei mir nicht.

Ansonsten bitte ich darum, folgendes zu bedenken: Die Korporationen gibt es seit über 200 Jahren und sie haben selbst in dunkelster Zeit im Kern (Deppen gab's bei uns auch zu jeder Zeit) ihre Ideale bewahrt und an die deutsche Jugend weitergegeben. Wir werden auch ein verbrecherisch dummes Liedchen und Strache et al. überstehen.

@RMH: Ich bin schon deutlich jenseits der 40 und gesundheitlich geht's immer noch ganz gut - vielleicht trinke ich aber auch zu wenig?

Kuonirat
29. Januar 2018 20:48

„Anstand ist durchgehaltene Form. Ist dem Verfasser der Liedstrophe der metaphysische Abgrund der Deutschen so fremd geblieben, daß er glaubt, darüber witzeln zu können (nicht: zu dürfen, denn sowas bedarf eigentlich keines äußerlichen Verbots)? Wir brauchen die Burschenschaften als Elite, sie dürfen sich nicht selbst entehren. Es ist ein inneres Manko. Wird es nach außen gestülpt, muß es in sozialem Desaster enden.“

Das ist großartig formuliert und bringt es auf den Punkt, liebe Caroline Sommerfeld!

Davon abgesehen sprechen mir aber Hartwig aus LG8, Ostelbischer Junker und ganz besonders RMH aus der Seele. Hätte es diese Stimmen hier nicht gegeben, wäre ich als Stammleser dieses Blog heute Abend wahrscheinlich in eine tiefe Depression gefallen. Es ist schon schwer genug, im privaten und beruflichen Umfeld mit seinen patriotischen Überzeugen allein auf weiter Flur zu stehen. Da muss man nicht auch noch (meta)politisch unbehaust werden.

Weil Kubitschek kürzlich den Scheinriesen aus „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ als Vergleich heranzog, möchte auch ich mich dieser Geschichte als Gleichnis bedienen. Dort gibt es den zur Boshaftigkeit und Grausamkeit verfluchten Drachen Mahlzahn, der überwunden werden muss, um dann ein Jahr lang in Tiefschlaf zu verfallen und als Goldener Drache der Weisheit wieder aufzuerstehen. In diesem Bild gesprochen sind dies für mich die zwölf dunklen Jahre (die neben größter Grausamkeit allerdings auch Erstaunliches an kulturellen und wissenschaftlichen Leistungen sowie an Opferbereitschaft mit sich brachten, was ich durchaus anerkenne), die Jahrzehnte der Katharsis und das, was jetzt vielleicht im Werden begriffen ist. Dies zumindest hoffe ich, und dem gehört all mein Sehnen.

Der_Juergen
29. Januar 2018 20:58

@Ostelbischer Junker

Sie ersuchen mich, sowie drei andere Kommentatoren, um eine "Rückmeldung" auf drei "Vorschläge". Bitte sehr, hier ist meine Rückmeldung: Ein knallhartes Nein zu allen drei von Ihnen zur Auswahl dargebotenen Varianten.

Sie wissen ganz genau, dass die Hausherren keine Debatte zu diesem Thema zulassen können, ohne ins Visier der Behörden des freisten Staates der deutschen Geschichte zu geraten. Zu Recht begeben sie sich, um Kubitschek zu zitieren, nicht in die "Zone der Kopfschüsse".

Ebenso genau sollten Sie wissen, dass es heute, im Zeitalter der Mausklicks, nicht mehr sonderlich schwierig ist, sich kundig zu machen. Man benötigt hierfür keine Gouvernante in Gestalt eines Mitforisten. Man muss nur WOLLEN.

0002
29. Januar 2018 22:12

Wenn der Vizekanzler als Burschenschafter mit solch verstörenden Strophen in Verbindung gebracht wird, ist es nicht nur verständlich, berechtigt und wünschenswert, daß er dazu deutliche Worte findet, sondern auch unausweichlich. Daß dies in einer kryptoreligiösen Formel mündet ist ambivalent, aber naheliegend. Wie die Rede aber honoriert wird, können wir schlicht nicht wissen, da der Vergleich zur nicht gehaltenen Rede fehlt.

Kommentar Sommerfeld: Wir wissen, daß die linken Zeitungen (SZ und Kurier) ihn jetzt streicheln, aber die Schlinge umso fester anziehen:
https://m.kurier.at/amp/meinung/kommentare/innenpolitik/null-toleranz-fuer-braun/308.784.696?__twitter_impression=true

Bran
29. Januar 2018 22:18

@Ostelbischer Junker:
Wieso möchten Sie Verantwortung für Etwas übernehmen, woran Sie gar nicht beteiligt waren?
Weil Ihre Eltern oder Grosseltern damals lebten?
Dann sollten Sie diese und ihre Generation aber auch erst mal richtig anhören und ihren Standpunkt erwägen, egal, ob dieser in Windrichtung gescheitelt ist oder nicht.
Und wenn Sie diese Verantwortung übernehmen wollen, diese "Schuld" und "Erinnerung" (beides Dinge, die man nur selbst verursachen könnte), dann frage ich Sie, wieso Sie nicht ebenso begierig all die Verdienste, den Heldenmut, das Grosse, Schöne und Edle Ihrer Ahnen zuerst aufnehmen wollen.

Fredy
29. Januar 2018 22:25

Also ich hab diese Texte auch mitgesungen, wenn ich früher selten mal auf so nem Burschihaus war. Mich hat keiner gezwungen, ich fands ganz witzig, der Lage und Situation angemessen und hab weiter kein Aufhebens drum gemacht.

Aber irgendwie bekomm ich jetzt ein Bedürfnis diese Zeilen gleich laut und nüchtern zu singen. Und das Horst-Wessel-Lied gleich hinterdrein.

Diese gottverdammte Spießigkeit, Miefigkeit, Borniertheit ... die Kleingeistigkeit ... mich widert das alles an.

Spuilts auf, Buabn!

antwort kubitschek:
Sie machen Ihr stückchen freiheit an ein paar liedstrophen fest, die tatsächlich unter aller kanone sind? als ob es zwischen "am brunnen vor dem tore" und diesem suff-humor nicht einen ganzen fächer an großartigen lustigen oder mobilisierenden oder aufmüpfigen liedern gäbe. sich selbst in solchen fragen kein maß aufzuerlegen und - egal wo - erziehend zu wirken, ist ein zeichen von fahrlässigkeit und infantilität.

Franz Bettinger
30. Januar 2018 00:11

@geb. Hesse

Was der Strache auf dem Ball aufgestellt hat, war eine klassische double-bind-Falle. Das ist nach Paul Watzlawick eine Kommunikations-Falle, in der man nur verlieren kann, egal wie man antwortet bzw. reagiert. Sogar Schweigen kann gegen einen verwendet werden. Die Gessler-Hüte des Orwell-Zeitalters kann man nur intellektuell zerpflücken. Nachteil: Es braucht Intellekt beim Redner und Zuhörer.

@Solution:

"Das gilt auch für die AfD, die sich mit ihrer Zustimmung zur Verweigerung von Staatsgeldern an die NPD" unfair und inkonsequent verhalten hat. Auch dies eine klassische double-bind-Falle, in die die AfD stolpern MUSSTE, da sie sich sonst mit der NPD 'gemein' gemacht und das bei den nächsten Wahlen Stimmen gekostet hätte. Sachzwänge?! Politik ist, wie @Hartwig richtig sagt, nicht l'art pour l'art, sondern die Kunst des Möglichen, oder wie @Erik Lehnert im Kaplaken-Band Nr. 19 schreibt: Politik ist die Kunst, im Inneren für Ordnung zu schaffen und die nach außen hin zu verteidigen. Beides ist flöten gegangen. Deutschland hat sich innerlich und äußerlich aufgegeben.

@RMH:

"Das Wort Holocaust hätte ich vermieden. Ich hätte von Opfern des NS gesprochen." Sehr gut! Indem man den Hut Gesslers anders nennt, vermeidet man den double-bind. Das ist übrigens eine Kunst, die viele Politiker beherrschen. Man wirft ihnen dann vor, sie redeten "drumherum". Ja, tun sie. Manchmal geht es nicht anders. Am Ende zählen nicht die Worte. Nur an ihren Taten werden Strache und Kurz zu messen sein. Sie hätten in der causa Sellner bereits ein Zeichen setzen und Hoffnung geben können. Haben sie aber nicht.

Cacatum non est pictum
30. Januar 2018 00:31

@0002

"Wenn der Vizekanzler als Burschenschafter mit solch verstörenden Strophen in Verbindung gebracht wird, ist es nicht nur verständlich, berechtigt und wünschenswert, daß er dazu deutliche Worte findet, sondern auch unausweichlich."

Ist das so? Als politischer Gegner wüßte ich dann, was ich die nächsten Jahre zu tun hätte: ihn ständig mit kompromittierenden Fakten oder Gerüchten in Verbindung bringen und zu Stellungnahmen zwingen. Strache würde sich nur noch im Staub wälzen. Nein, ehrlich: Einen Schuh, der mir nicht paßt, ziehe ich mir nicht an; und schon gar nicht lasse ich mir von einem moralisch verkommenen Gegner diktieren, wovon ich mich öffentlich zu distanzieren habe; noch weniger nötige ich meine Bundesgenossen dazu, diesen Gesslerhutgruß mitzuvollziehen. Das ist schäbig.

Ich verstehe - sosehr es mich anwidert -, daß man als exponierter Parteipolitiker dann und wann Kreide fressen oder dicke Kröten schlucken muß. Aber Menschen mit Charisma und Rückgrat definieren für sich rote Linien, die sie niemals überschreiten, egal welcher Schaden droht. Jemandem, der eine solche Opferattitüde an den Tag legt wie Strache, traue ich gewiß keinen radikalen politischen Umbruch zu.

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