Tristan Garcia: Das intensive Leben – eine Rezension

von Jörg Seidel -- Manche Bücher versteht man erst, wenn sich erschließt, was sie verschweigen.

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Erst recht, wenn es wis­sens­ge­sät­tig­te Wer­ke sind, wenn man also davon aus­ge­hen muß, daß der Autor tat­säch­lich mei­det, was er kennt. Dies könn­te der heim­li­che Diri­gent sein.

In Gar­ci­as phi­lo­so­phi­schem Best­sel­ler sind es zwei absen­te Namen: Hus­serl und Heidegger.

Gar­cia erzählt atem- und über­gangs­los die Geschich­te der Inten­si­tät von der Ver­gan­gen­heit bis in die Zukunft. Inten­si­tät ist ein Begriff, der bis­her wenig expli­zi­te phi­lo­so­phi­sche Auf­merk­sam­keit bekom­men hat, der aber impli­zit, qua­si als Quer­front, das Den­ken, Füh­len und Han­deln aller Obser­van­zen seit min­des­tens 250 Jah­ren beherrscht. Er ver­eint die Gegen­sät­ze. Und er ist akze­le­rie­rend bis zur Selbst­auf­he­bung: irgend­wann – wir sind gera­de die leben­den Zeu­gen – über­holt die Inten­si­tät sich selbst und wird zum kal­ten Kaffee.

Inten­si­tät ist – so will Gar­cia uns weis­ma­chen – aus der Elek­tri­zi­tät gebo­ren und hat das Flu­idum der Uralt­me­ta­pher des Flus­ses trotz neu­er Span­nungs­dif­fe­renz zwi­schen zwei Polen über­nom­men. Sie hat eine gänz­lich neue Unter­schei­dung ermög­licht, näm­lich das Ver­glei­chen des Selbst mit sich selbst und nicht mehr am ande­ren. Damit hat sie – in Marx‘ Wor­ten – alles Stän­di­sche und Ste­hen­de verdampft.

Die alten Weis­heits­leh­ren, die „höchs­ten Zustän­de (Leben nach dem Tod, See­len­wan­de­rung, Selig­keit, Ewig­keit)“, die „varia­blen Inten­si­tä­ten (Erleuch­tung, Nir­wa­na, Ata­ra­xie)“, die Tran­szen­denz, die Tra­di­ti­on … alles Maku­la­tur. Statt­des­sen Wech­sel, Geschwin­dig­keit und illu­sio­nä­re Jung­fräu­lich­keit als hei­li­ge Drei­fal­tig­keit des Intensivtäters.

Als Geschichts­ge­schich­te ist Gar­ci­as Buch Pop-Phi­lo­so­phie á la Richard David Precht oder Alain de Bot­ton, inter­es­sant und span­nend erzählt. Die Her­lei­tun­gen sind – vor­sich­tig aus­ge­drückt – ris­kant und über­haupt scheint er (nebst der Über­set­zung) der Viel­deu­tig­keit der Spra­che auf­zu­lie­gen: Zumin­dest im Deut­schen kann man unter „inten­si­té“ sowohl die Inten­si­tät, die Stär­ke und die Span­nung (in-ten­se) verstehen.

Die­se klei­nen Unschär­fen schei­nen sei­nem Phi­lo­so­phie­ren eher ent­ge­gen­zu­kom­men, erlau­ben sie doch das frei-von-der-Leber-weg-Schrei­ben. Er liebt die begrün­dungs­lo­se Set­zung, aus der sein fun­ken­sprü­hen­der elek­tri­fi­zie­ren­der Geist in rasan­tem Tem­po und ohne Siche­run­gen Schein­wer­fer entzündet.

So hetzt er von der Phy­sik zur Meta­phy­sik zur Anthro­po­lo­gie zur Ethik. Beson­ders das meta­phy­si­sche Kapi­tel ist für den Kon­ser­va­ti­ven erhel­lend und recht­fer­tigt den Kauf des Buches. Es ist auf kaum 15 gehalt­vol­len Sei­ten die span­nen­de Erzäh­lung, wie aus geis­tes­ge­schicht­li­cher Sicht die Iden­ti­tät an die Inten­si­tät ver­lo­ren ging und ver­lo­ren gehen muß­te. Gar­cia hebt her­vor, welch bahn­bre­chen­de Rol­le dabei Nietz­sche und Deleu­ze spiel­ten („Genea­lo­gie“ und „Über­mensch“ neu gesehen).

Da gibt es inten­si­ve Lese­mo­men­te, vor allem dort, wo die begriff­li­che und kon­zep­tu­el­le Bedingt­heit unse­res Den­kens und Wahr­neh­mens als Evi­denz erscheint und uns als licht­vol­le Ein­sicht das gram­ma­ti­sche Fun­da­ment unse­res Soseins ent­zieht. Wer Iden­ti­tät ret­ten will, soll­te Gar­cia wider­le­gen können!

Was fehlt, ist die Onto­lo­gie. Kein Zufall! Hier reinkar­niert sich der längst tot geglaub­te sich selbst­ge­nüg­sa­me sub­jek­ti­ve Idea­lis­mus, der Mate­rie oder „die Gesell­schaft“ nicht mehr zu brau­chen scheint. Und das nennt sich auch noch „heroi­sches Sub­jekt“, denn die neu­en Hel­den haben kei­ne Angst vor der Ver­än­de­rung, dem Wer­den. Hero­is­mus ist nicht mehr Stand­haf­tig­keit, son­dern Flie­hen-Kön­nen, in Bewe­gung und auf der Flucht sein.

Nun wird deut­lich: Das alles ist ein nega­ti­ver Kryp­to­dia­log mit Hei­deg­ger und Hus­serl, denn weder das Sein noch die eide­ti­sche Reduk­ti­on spie­len eine Rol­le und das, obwohl Gar­cia der Phä­no­me­no­lo­gie als Metho­de fast alles zu dan­ken hat, denn auch er geht von der Erkennt­nis in Bewußt­s­eins­ak­ten aus. Aber er unter­bie­tet sie inhalt­lich maß­los, geht vor die „Logi­schen Unter­su­chun­gen“, vor Hus­serls Psy­cho­lo­gis­mus­kri­tik zurück.

Doch zu gutem Effekt! Gut genug, um das schwa­che mora­lis­ti­sche Ende aus­zu­glei­chen, das für noch eine aus­glei­chen­de (und para­do­xe) „Ethik“ und, und „Moral“ als Brems­klöt­ze wirbt (mehr kann der Idea­list nicht wol­len kön­nen!), die sich wun­der­bar an den Zeit­geist anschlie­ßen – des­we­gen macht man Gar­cia zum Star. Er schreibt die neue Theo­lo­gie des gepfleg­ten Orgas­mus‘ – jedoch: post coitum omne ani­mal tris­te est – woge­gen nur der nächs­te Orgas­mus hilft – jedoch …
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Tris­tan Gar­cia: Das inten­si­ve Leben. Eine moder­ne Obses­si­on. Ber­lin 2017. 215 S., 24 € – hier bestellen!

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Kommentare (6)

Franz Bettinger

6. Februar 2018 08:53

"Ontologie." Okay, das ist die Lehre des Seins. "Der längst tot geglaubte, sich selbstgenügsame... ." Nein, es muss hier entweder heißen "selbstgenügsame" (ohne sich) oder "der sich selbst geügsame". Also der: "... subjektive Idealismus, der Materie oder die Gesellschaft nicht mehr zu brauchen scheint." Wie? Ich muss das mehrmals lesen. "Das ist ein negativer Krypto-Dialog, denn weder das Sein noch die eidetische Reduktion ... ." Echt? "Auch Garcia geht von der Erkenntnis in Bewußtseinsakten aus." Ja, was denn sonst!

Was glauben Sie, Herr Seidel, wie viele Leser auch nur ein Viertel dessen verdauen können, was Sie auftischen? Ich habe zwar schon zwei Gläschen Rosé intus, glaube trotz meiner reduzierten Hirnstamm-Aktivität aber, den Kern des Pudels erwischt zu haben. Voilà mal wieder:

Jenseits der Philosophie haben die Natur-Wissenschaften etwas zu sagen. Jenseits der Phrasen wird Farbe bekannt, werden Wirklichkeits-Teste bestanden. Was ist angeboren, was ist erworben? Solches ist längst geklärt. Zwillings-Forschung, Verhaltensforschung! Übersetzen Sie einmal ein paar Garcia-Weisheiten in verständliches Deutsch! In der Griffigkeit von Sprache liegt die Lust und der Genuss. Auch der kleine Mann will ja verstehen. Vom Glauben hat er genug. Liefern Sie! Bitte. Das Gesagte gilt natürlich nicht für die Herrschaften, die im luftleeren Raum noch atmen können, ja dort erst tiefe Lungenzüge hinbekommen, sondern für ganz normale Franzles, Lottas, Ottos und Gretls.

Stellen Sie sich die Welt einmal ohne Garcia-Wahrheiten vor. Wo wären wir dann? Nicht im vor-kopernikanischen Mittelalter. Wir wären in der Steinzeit, so macht man uns weis. Reicht das als Beleg der Größe dieser Wahrheiten? Ach so, das Rad. Nein, das Rad ist keine Erkenntnis, sondern eine Erfindung, ein Stück schaler Zivilisation. Vor 100 Jahren (schrieb Hans Ruesch) hätten die Bewohner des Nordens noch gerätselt, wer wohl die Krönung der Schöpfung sei, der Mensch oder der Eisbär. Ich? Weiß es heute noch nicht. Jedenfalls nicht die Literateure!

Monika

6. Februar 2018 13:15

Danke, daß Sie dieses Buch besprechen ! Garcia ist Philosoph und Schriftsteller zugleich. Seinen Roman "FABER - der Zerstörer" habe ich verschlungen. Und ich lese sonst keine modernen Romane. Aber dieser ist am Nerv der Zeit und nicht konstruiert. Da ist man in Frankreich authentischer als in Deutschland.

Der Gehenkte

6. Februar 2018 19:13

@ Franz Bettinger

Ich kann nur mutmaßen, aber es scheint mir nicht unwahrscheinlich, daß man im Betriebsraum mit der Veröffentlichung dieser Rezension gerade jetzt etwas, als Subtext - mindestens zweierlei - sagen will.

Das eine haben Sie sofort richtig erkannt.

Das andere scheint eine unterirdische Verbindung zu unserer kleinen Auseinandersetzung um Sloterdijk zu sein, die ja zum Ende hin ebenfalls den Begriff der "Identität" problematisiert. Die drei "I": Identität, Immunität, Intensität.

Was die "eidetische Reduktion" betrifft - das finde ich auch etwas dick aufgetragen. Hier hätte es der Husserlsche Begriff der epoché (ἐποχή) auch getan.

Caroline Sommerfeld

7. Februar 2018 09:41

"... spannende Erzählung, wie aus geistesgeschichtlicher Sicht die Identität an die Intensität verloren ging und verloren gehen mußte."

Gibt es denn mit (ohne sowieso) García eine Chance, die Identität wiederherzustellen, quasi der Intensität wieder abzuluchsen? Oder ist Intensität so eine Art teuflisches simulacrum, das sich als Identität ausgibt? Also so, daß ich in der ständigen Steigerung, Stromstärkeerhöhung, erhabenen Augenblickserfahrung aus den Augen verlieren muß, wer ich bin?
Mit der sloterdijkschen "Immunität" kenne ich mich zu wenig aus, hätte aber Sorgen, daß der an sich perfekte Begriff (worunter leiden wir denn anderem, als unter Immunschwäche? GedankenAIDS? Mangel an Abwehrkörpern?) die ganze "Volkskörper"-Metapher nach sich zieht?

Monika

7. Februar 2018 11:16

@Caroline Sommerfeld
....gibt es denn eine Chance, die Identität wiederherzustellen ?.....

Das ist ein Lernprozeß

von Czeslaw Milosz
" Lernprozeß
Zu glauben man sei großartig und sich dann schrittweise davon zu überzeugen,,daß man keineswegs großartig ist. Genug Arbeit für ein Menschenleben."
Manche überleben das nicht .

Der Gehenkte

7. Februar 2018 14:36

@ Caroline Sommerfeld

Gegen bewußte Feindassoziationen wird man sich nie wehren können, dagegen kann man immer nur auf den Text verweisen und der läßt beim Immunitätsbegriff Sloterdijks keine Mißinterpretation zu. Schon allein deswegen nicht, weil Sl die gesamte menschliches Geschichte und die menschliche Verfaßtheit neu als Immunisierungen beschreibt. Ein anderes Wort sind "Sphären". Man müßte diese Großerzählung als ganze widerlegen. Auch wenn man daraus eine Ethik generieren kann, so ist sein Anliegen kein Ethisches. Was man bisher als Identität oder als Religion interpretierte, sind in Wahrheit Immunisierungs- und autopoetische Wärmeprozesse.

Die Schwierigkeit mit der Identität wird deutlich, wenn man sie in den Imperativ setzt: "Sei identisch!", "Werde identisch!"

Hier wird sofort ersichtlich, daß es sich um einen ähnlich paradoxen Begriff wie "Spontaneität" oder "Authentizität" handelt. Paul Watzlawick hat diese Begriffe immer wieder auseinander genommen, die das Gegenteil von dem erreichen, was sie vorgeben. Das sind „Forderungen nach einem Verhalten, das sich seinem Wesen nach nur spontan (authentisch, identisch ....) ergeben kann, dessen Spontaneität (und damit die Möglichkeit seines Eintretens) aber eben durch sein Gefordertwerden unmöglich gemacht wird.“ (Lösungen: 86)

"Werde immun" - also arbeite an deiner Immunitätskapazität - ist perfekt möglich. Immunität ist, im Sloterdijkschen Verständnis nämlich - auf das menschliche heruntergebrochen - eine Praxis, eine Übung. auch Religion ist keine Bezüglichkeit auf Gott, sondern ein großes jahrtausendealtes Übungsprogramm und Identität desgleichen ... Sie selbst sind Immunisierungsstrategien. Aber genauso wie man Glauben nicht verordnen kann - wer auf Anweisung (auch auf erzieherische) glaubt, glaubt gerade nicht ... - genauso kann man "Identität" nicht verordnen, schaffen oder organisieren.

Wenn ich die Garcia-Frage recht verstehe, dann will er uns sagen, daß Intensität die neue Identität i s t. Wir sind intensive Menschen und werden immer weiter in die sich beschleunigende Intensität hineingetrieben. Ich denke, das kann man so sehen. Fragte man mal bei der IB nach, dann würden vermutlich viel mehr das intensive Leben dort hervorheben, als die Identität. Letztere ist nämlich kaum noch zu definieren. Das sind objektive Prozesse, die im Zuge der Globalisation nicht zu stoppen sind - oder nur durch die globale Katastrophe.

Übrigens könnte man die Diskussion um den "Globalismus", die ja hier auch immer wieder hochkocht, mit Sloterdijk auf ganz andere Füße stellen. Ein Lehrstück, wie man damit - mit diesen Diskussionen - umgehen kann, hatte er hier geliefert, als es just um die "Globalisation" ging:

https://www.youtube.com/watch?v=qOvDs6jx0v0