1. Februar 2018

Köln, Cottbus, Kandel

Götz Kubitschek / 20 Kommentare

Der Kunsttheoretiker Bazon Brock formulierte 1987 das Gesetz vom »ausgeschlossenen Ernstfall«. Das Attribut ist dabei zugleich auffordernd und beschreibend:

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Zum einen sollte alle Entwicklung von dem übergeordneten Wunsch getragen sein, den Ernstfall auszuschließen und friedfertig zu entscheiden und zu handeln. Zum anderen könnte es einen zivilisatorischen Zustand geben, in dem die Frontlinie »Wir oder Nicht-Wir« aufgehoben sei, also nicht mehr vorkomme.

Vorbildlich auf diesem Weg erschienen Brock die Schweizer, die schon gegen den möglichen Einmarsch der Wehrmacht zwei erstens defensive und zweitens an Nationalgerichte angelehnte Strategien entwickelt hätten, die beide den Schwerpunkt auf das Ausweichen und Verhindern legten: Dem Schweizer Käse glichen die Löcher und Tunnelsysteme in den Alpen, das sogenannte Reduit, in das Armee und Volk im Fall des Falles verschwinden würden, während unten in den Tälern die Panzersperren aus pyramidenförmigen Betonklötzen gleich zerlegten Toblerone-Stangen auf den schmalen Durchfahrten zwischen den Felswänden lägen, den deutschen Angriff be- oder sogar verhindernd, zumindest in der Theorie.

Bazon Brock schlug überhaupt vor, die Geschichte nicht mehr nach ihren glanzvollen Taten und Tätern zu durchforsten, sondern im Verhindern das verdienstvolle Tun zu erkennen und zu würdigen.

In seinem Aufsatz »Von der Domestikation des Menschen zur Zivilisierung der Kulturen«, wiederabgedruckt im Sammelband Was geschah im 20. Jahrhundert? (2016), stellt Peter Sloterdijk die Frage, in welchen Größeneinheiten gesellschaftlicher Verbände Bazon Brocks Theoreme vom »ausgeschlossenen Ernstfall« und dem »Verhindern als Tugend« bereits verwirklicht seien.

Sloterdijk sieht die Nationen, zumal die westlichen, im Innern ebenso befriedet wie in ihren supranationalen Zusammenschlüssen EU und NATO. Dies müsse als Ergebnis einer mehrstufigen Entwicklung hin zur Selbstzähmung des Menschen begriffen werden, deren letzter Schritt zu einer den Ernstfall weltweit ausschließenden Weltinnenpolitik noch nicht gemeistert sei.

Sloterdijk nennt fünf Bändigungsstufen: Erziehung und politische Führung seien seit der griechischen Antike als Notwendigkeit zur Hegung des Einzelnen beschrieben, in einem zweiten Schritt ergänzt durch die Aufgabe des Menschen, sich weg von der Wildheit hin zur Zivilisiertheit »selbstzuverharmlosen«. Beide Vorhaben seien drittens Mitte des 20. Jahrhunderts durch die Erkenntnis vor allem Arnold Gehlens präzisiert worden, daß die Kultur die Natur des Menschen sei, und wir uns vor unserer Natürlichkeit hüten sollten.

Durch mannigfache symbolische Ordnungssysteme würde der Mensch zugleich entlastet und eingerahmt, was den Ernstfall nach innen wirkmächtig ausschließe und ihn zugleich nach außen wende: Das geschlossene »Wir« könne auch als Maximal Stress Cooperation Unit (MSC-Einheit) beschrieben werden, in der im Kampf auf Leben und Tod eine geradezu unnatürliche Selbstlosigkeit wirksam werde – aufgeladen durch Feigheitsverbot, heroische Erzählung, Feindbild und korporativen Drill.

Der Wir-Verband gegen die Anderen –vierte Stufe der Selbstzähmung, und wir ahnen, wo das enden soll: Können wir als Volk die traditionellen kulturprägenden Formen der Maximalstreß-Kooperation, die uns den Kampf der Kulturen führen lassen wollen, überwinden? Können wir die Gegnerschaft aufkündigen und den Weltinnenraum vergrößern?

Die Antwort lautet: Ja, wir schon, wir machen seit Jahrzehnten und für jeden augenfällig seit 2015 nichts anderes, und zwar um den Preis der Dekonstruktion aller verteidigungswürdigen Bestände und gleichzeitiger Auflösung des solidarischen »Wirs« im Innern. Zugleich gehen wir den fünften, den selbstmörderischen Schritt und zähmen unsere »Risikogruppe junge Männer« mittels Reproduktionsverweigerung. Wo keine jungen Männer mehr nachwachsen, wird die Domestikation zum Kinderspiel.

Zu dumm nur, daß Deutschland kein geschlossenes System ist: Es strömen ohne Zweifel völlig fremde MSC-Einheiten im aggressiven Alter herein, Zähmungslevel dreikommafünf auf der Sloterdijk-Skala. Deren Restchen an Dankbarkeit ist im selben Moment vergessen, in dem sich herumspricht, daß man hier Beute machen kann. Köln, Cottbus, Kandel– das war noch nicht einmal der Aperitif.

Kommentare (20)

Ein gebuertiger Hesse
1. Februar 2018 21:40

Worte von stechender Klarheit. Wenn es das gäbe, daß Texte jenen Einschlägen glichen, die da überhaupt nur aufrütteln können und zur brutalen Einsicht brächten, was ansonsten unter der restverbliebenen Wohstandsdecke verdeckt bleibt, wäre dies einer. Mehrfach lesen, weiterreichen.

Franz Bettinger
1. Februar 2018 23:07

"Sloterdijk sieht die Nationen des Westens im Innern ebenso befriedet wie in ihren supranationalen Zusammen-schlüssen EU und NATO. Dies müsse als Ergebnis einer mehrstufigen Entwicklung hin zur Selbstzähmung des Menschen begriffen werden, deren letzter Schritt zu einer den Ernstfall weltweit ausschließenden Welt-Innenpolitik noch nicht gemeistert sei."

Fatale Einstellung, Schlüsselloch-Perspektive! Seitdem der Versuch der Amerikaner läuft, die Welt im Sinne einer Pax Americana zu befrieden, haben wir Krieg. Ununterbrochen. Permanent Kanonen-Donner. Vielleicht nicht in Sloterdijks Schlafzimmer. Aber in Jugoslawien, im Irak, Afghanistan, Libyen, Syrien, Jemen, Mali, Sudan ... und demnächst im Iran und in Nord-Korea. Nein Danke, will ich nicht. War es Joachim Fernau, der (im Halleluja?) gesagt hat: "Wenn sie glauben (FB: die Wallstreet, Globalsten, USA) die Kriege weltweit abgeschafft zu haben, werden sie sie in Wahrheit nur umbenannt haben in Terrorismus, Rebellionen, und ihre Gegenmaßnahmen werden sie Friedensmissionen nennen."

Franz Bettinger
2. Februar 2018 01:55

Arnold Gehlens "Erkenntnis", dass die Kultur die Natur des Menschen sei, und wir uns vor unserer Natürlichkeit hüten sollten, ist fatal. Wir sehen aktuell gerade in Deutschland, wohin die völlig übertriebene Politik der Umerziehung vom Natur- zum Kultur-Wesen geführt hat: von einem der renommiertesten Völker zu einem Volk von Weich-Eiern. Die wild gebliebenen Völker werden uns noch einmal das Fürchten lernen.

"Durch mannigfache symbolische (FB:?) Ordnungssysteme (FB: Krippe, Schule, Propaganda und Willkür-Justiz) würde der Mensch zugleich entlastet und eingerahmt, was den Ernstfall nach innen wirkmächtig ausschließe," so schreibt dieser Philosoph. Wo lebt Peter S.? Ja, da wo Philosophen gewöhnlich leben: in der Wüste oder in ihrem Turm. Oder redet er gar nicht von existierenden Staaten? Redet er vom idealen Staat? Was ist das? Wie wäre es damit:

Demokratie und Aristokratie (die Herrschaft aller und die der Besten) bilden die zwei Ideale, zwischen denen sich das Leben und die Politik abspielen sollte, ebenso wie zwischen Links und Rechts (also zwischen Gleichmacherei und Eliten-Förderung). - Obwohl deep state auch in die Schweiz übel pervertierend eingreift, ist diese Staat dort seit über 150 Jahren für mich die beste, gelebte Demokratie. Bevor wir nach Höherem strebe: Erst mal nachmachen! Denn DAS wäre machbar. Es ist keine Utopie. Ein erster Schritt dahin ist die Forderung gegen den ohnehin verfassungswidrigen Fraktions-Zwang: "Alle Abstimmungen im BT und in den LT-en haben geheim zu erfolgen! Basta." Es ist Zeit, dass die AfD das einfordert. Hinter jede Rede gehört als Schluss -Satz ein cetero censeo: "Und im übrigen meine ich, die brd braucht Volksabstimmungen", "eine bessere, also direktere Demokratie", "geheime Abstimmungen im Plenum"... . Das wäre ein Nürnberger Trichter! Das kommt unters Volk. Das bläut den anderen die Überzeugungen ein. Das nervt sie!

Wenn man irren und leiden muss, dann besser aufgrund der eigenen Fehler, die der Bürger, als aufgrund fremder Irrtümer, die von Regierungen. Mein Irrtum gehört mir! So spricht das Volk. "Referenden sind sinnvolle Mittel, um das Volk zu befrieden," sagte sogar mal ein Horst Seehofer.

"Zu dumm nur, daß Deutschland kein geschlossenes System ist." Damit führt Götz Kubitschek den Philosophen am Ende dann ad absurdum: "Zähmungs-Level 3,5 auf der Sloterdijk-Skala." Ha! Quot erat demonstradum.

Der_Juergen
2. Februar 2018 08:15

Sauberer Artikel und bisher gute Kommentare. Nur, lieber @Franz Bettinger, sollten wir uns von einer Idealisierung der Verhältnisse in der Schweiz hüten.

Ja, es gibt dort viele Volksabstimmungen, so dass dieser Staat weit eher als etwa die BRD beanspruchen kann, eine echte Demokratie zu sein, aber erstens werden missliebige Volksbeschlüsse oft nicht umgesetzt (z. B. im Fall der sogenannten "Ausschaffungsinitiative", welche die Abschiebung ausländischer Krimineller vorsah und vom Volk angenommen wurde), zweitens ist die Gehirnwäsche auch bei uns so gewaltig, dass das Volk meistens im Sinne der Herrschenden entscheidet (Ausnahmen waren die erwähnte Ausschaffungsinitiative sowie die Initiative, welche den Bau neuer Minarette verbot), und drittens arbeitet das System mit Hochdruck daran, ihm unangenehme Initiativen gar nicht mehr zuzulassen, wenn deren Forderungen "dem Völkerrecht widersprechen".

Ist erst einmal verbindlich festgelegt, dass internationales Recht (wozu etwa die Existenz eines "Gesetzes gegen Rassendiskriminierung" gehört; dass solche Gesetze in Wahrheit die Einheimischen diskriminieren, weiss jeder von uns), ist die globalistische Falle zugeschnappt, und auch in der Schweiz besteht die "Demokratie" nur noch darin, dass man sich bei Wahlen zwischen Pest, Cholera und Typhus entscheiden darf.

Blue Angel
2. Februar 2018 08:43

"...Sloterdijk sieht die Nationen, zumal die westlichen, im Innern ebenso befriedet wie in ihren supranationalen Zusammenschlüssen EU und NATO. Dies müsse als Ergebnis einer mehrstufigen Entwicklung hin zur Selbstzähmung des Menschen begriffen werden, deren letzter Schritt zu einer den Ernstfall weltweit ausschließenden Weltinnenpolitik noch nicht gemeistert sei..."

Irrt Herr Sloterdijk hier oder betreibt er Propaganda? - NATO und EU sind jedenfalls weder "bezähmt", noch "befriedet", sondern Instrumente aggressiver Globalpolitik nach außen und Repression im Innenbereich ihrer Herrschaftsbereiche.

Bei der "Vegetabilisierung" der als Nutzvieh betrachteten Bevölkerungsmehrheiten in diesen Herrschaftsbereichen handelt es sich also m. E. keineswegs um eine "Selbstbezähmung", sondern um ein vorsätzliches Programm, das ohne deren Zustimmung und - wie wir aktuell sehen - gegen den Willen dieser Mehrheiten von außen oktroyiert wurde.

Die Planer und Durchführenden dieses "Bezähmungs"programms setzen sich ihm selbst (und ihren Nachwuchs) nicht aus sondern pflegen ihr elitär-aggressives Selbst- und Menschenbild in (vor "Nutzvieh") abgeschotteten Zirkeln (und Bildungsinstitutionen).

Diese Differenzierung fehlt mir hier. Vielleicht ist sie Herrn Sloterdijk nicht bewußt.

Ei weiterer Gedanke, der sich aufdrängt ist Hybris: Wo Menschen vergessen (oder verdrängen), daß sie Teil der Natur und ohne sie nicht lebensfähig sind, scheitern ihre Konzepte. Die Natur bleibt letztendlich immer Sieger, so oder so.

Monika
2. Februar 2018 09:36

zu Cottbus
https://www.nzz.ch/international/die-deutsche-stadt-die-nicht-mehr-will-ld.1353317

die deutsche Stadt, die nicht mehr will

Der Gehenkte
2. Februar 2018 12:32

Allen, die hier nahtlos ans allseits beliebte Sloterdijk-Bashing anknüpfen, sei die Lektüre besagten Aufsatzes ans Herz gelegt. Dieser stammt aus dem Jahre 2010 und nicht 2016 (da wurde er veröffentlicht) und kann daher nicht an der Zäsur 2015 gemessen werden!

Hat man das im Bewußtsein, dann liest sich sein letzter Paragraph, der hier leider nicht zur Sprache kam,

zwischenbemerkung kubitschek - doch, lesen Sie mal im vorletzten absatz die letzten sätze: "Zugleich gehen wir den fünften, den selbstmörderischen Schritt und zähmen unsere »Risikogruppe junge Männer« mittels Reproduktionsverweigerung. Wo keine jungen Männer mehr nachwachsen, wird die Domestikation zum Kinderspiel."

nahezu prophetisch. Dort hängt Sloterdijk seine gesamte Argumentation an die Frage der Bevölkerungsentwicklung, an "die Entschärfung der Bevölkerungswaffe". Es gelte "Elendsfruchtbarkeit" in den afrikanischen und "verwilderte Kampffortpflanzung" in den arabischen Ländern einzudämmen. Daraus ergibt sich nämlich die "Überproduktion von jungen Männern", die dann zu besagter Risikogruppe werden.

Sloterdijk hält diese "Selbstzähmung für die nähere Zukunft" für unwahrscheinlich und prognostiziert für die erste Hälfte des 21. Jh. Exzesse, die an das 20. erinnern werden. Nur unter der Prämisse, daß diese Dynamik zum Halt gebracht wird, wagt er langfristig einen zarten Optimismus.

Wenn Sloterdijk die EU erwähnt - von NATO kann ich nichts sehen - dann konnte er freilich 2010 nicht wissen, daß es dort selbstzerstörerische Tendenzen geben würde. Die "gewaltigen Konflikte" zwischen den "okzidental-islamischen" Großeinheiten ist ihm freilich nicht entgangen. Niemand wird ihm vorwerfen können, die konkrete Form dieses Konfliktes nicht vorausgesagt zu haben.

Die von ihm beschriebenen Domestikationsstufen sind historisch wohl kaum zu widerlegen - was natürlich nicht heißt, daß sie theoretisch nicht einen heißen Kern zurückbehalten, der ausbrechen kann. Die Gesamtentwicklung wurde vollkommen überzeugend von Steven Pinker auf 1000 Seiten nachgewiesen (The Better Angels of Our Nature: Why Violence Has Declined): Innerhalb des demokratischen und europäischen Paradigmas ist die Selbstzähmung weit vorangeschritten, alle Formen von Gewalt sind tendenziell rückgängig. Das ist als Fakt zu akzeptieren.

Daran werden die Neuankömmlinge auch nichts ändern - sie sind schon/noch numerisch zu schwach. Die Frage ist eher, ob sie das Paradigma nicht gefährden.

Der Feinsinnige
2. Februar 2018 17:41

@ Der Gehenkte:

„Daran werden die Neuankömmlinge auch nichts ändern - sie sind schon/noch numerisch zu schwach.“

Noch. Aber wie lange noch?

Zumal bezüglich der „Risikogruppe junge Männer“ nicht nur die absoluten Zahlen der Neuankömmlinge im Vergleich zur Gesamteinwohnerschaft wichtig sind, sondern auch der numerische Vergleich mit der entsprechenden Alterskohorte einheimischer junger Männer. Letzterer fällt deutlich beunruhigender aus.

Immer noch S.J.
2. Februar 2018 18:49

So schön es auch ist, für eine Weile in die Vorstellung zu gleiten, der Mensch könne Stufen der Veredelung durchlaufen, sodass beizeiten Tomaso Campanellas „Sonnenstadt“ zum Greifen nah erscheine – nein. So wie die Dinge stehen, ist einer der größten politischen Fehler in der Annahme zu sehen, eine pazifizierte Gesellschaft wie die unsere sei in der Lage, die schlagartige Zuwanderung aus Gesellschaften mit anderen Erfahrungen und Einstellungen zur Gewalt erziehen zu können. Es ist eher andersherum. Der Mangel an Weitsicht und Konsequenz wird sehr wahrscheinlich in Szenen resultieren, die bereits einschlägig dargestellt wurden. Der Verfall des Staates (und nichts anderes ist der Wegfall von staatlicher Weitsicht und notwendiger Konsequenz, um nicht zu sagen: Härte) wird mit großer Wahrscheinlichkeit in vielen kleinen Machtzentren münden, die sich nebeneinander behaupten können, so wie es Martin van Creveld prognostizierte. Gut beraten ist, wer sich darauf einstellt, sollte kein Politikwechsel eintreten.

Franz Bettinger
2. Februar 2018 21:20

@Gehenkter eine Zukunfts-Vision,

Peter S. hat mit seinen Aussagen aus dem Jahr 2010 aus philosophischer Sicht eine Prognose abgegeben. Wenn er hätte wissen können, was ab September 2015 mit Europa passieren würde, hätte er nicht mehr Begabung als mein Papagei gebraucht. Im Gegensatz zu Peter Scholl-Latour hat P. Sloterdijks gesammelte geistige Kampfkraft eben nicht gereicht, die zukünftige Entwicklung vorauszusehen. Ich verfolge diesen Peter nun schon sehr lange, und frage mich, was er überhaupt je zutage gefördert hat. Mir fällt nur ein Spruch aus 2008 ein: "Geld (FB: der Geldmarkt) ist nicht theoriefähig." (Philos. Quartett.) An dieser Aussage glänzt eigentlich nur eins: die Bescheidenheit. Nein, ich will den Satz nicht klein reden. Er hat was. Aber das erörtern wir ein andermal. Will sagen: Jedem Sach-Flüchtling, also Geistes-"Wissenschaftler", würden ein paar Semester Naturwissenschaft guttun, bevor er Soziologie, Philosophie oder Theologie studiert und die Leute damit behelligt bzw. belästigt; insbesondere Evolutionsbiologie, darin die von @Grambauer verwendeten, verblüffenden Erkenntnisse der Onto- und Phylogenese. Mir kommt es manchmal so vor, als hätten die Sachwissens-Flüchtlinge nicht mal die 2 größten Erkenntnisse der Menschheit verinnerlicht: 1. Der Mensch ist ein Tier, und 2. Die Sonne ist ein Stern. Alles andere verblasst daneben.

Waldgaenger aus Schwaben
3. Februar 2018 06:26

Angesichts der weltweiten Probleme, Umweltverschmutzung, ABC-Waffen, Seuchengefahr und global agierender Konzerne, wäre es eher selbstmörderisch den Schritt 5 zum "Weltinnenraum" nicht zu tun.

Aber die Idee diesen Schritt durch einen Umweg von Stufe vier, den selbstbewussten, freien Nationalstaaten über Stufe drei tribalistischen Gesellschaftsstrukturen, ("multikulturellen Gesellschaften, in denen das Zusammenleben täglich neu ausgehandelt wird") zu gehen, erinnert an die Roten Khmer, die über die Steinzeit zum wahren Kommunismus finden wollten.

Ich halte viel davon gute Bücher im Abstand von Jahren wieder zu lesen. Ich finde neue Denkanstöße. Gerade lese "Kann nur ein Gott uns retten?" zum zweiten Mal.

Davor las ich die "Marmorklippen". In diesem Roman beschreibt Ernst Jünger eine allgemeines Muster in der Geschichte: Die alte, tribalistische Bauern- und Hirtengesellschaften in der Campagna wird durch den agressiven Oberförster zerstört. So könnte es uns ergehen, wenn wir auf dem jetzigen Weg fortschreiten.

Der Gehenkte
3. Februar 2018 11:22

@ Franz Bettinger

Sloterdijk ist die hellste Lampe im Innnenraum des deutschen und europäischen Denkens der Jetztzeit - die Lust, diese zu zerschlagen, weil sie Dinge sichtbar macht, die man gern ausblenden möchte, zeigt die wahre Crux vieler Rechter. Ihr Licht umfaßt alle Spektralfarben, auch die naturwissenschaftlichen. Allerdings ist sie stark infrarot- und ultraviolettlastig und ich sehe wohl, daß nicht jedes Auge dies wahrnehmen kann.

Wer ernsthaft die Frage, "was er überhaupt je zutage gefördert hat" stellt, gehört entweder zu den lichtunempfindlichen Menschen oder trägt einen selbstverschuldeten Aufklärungs-Filter oder kennt schlicht das immense Werk nicht oder macht seine eigene politischen Anschauung, seine begrenzte Perspektive, zum Maßstab seiner Urteile über andere.

Schlafes Bruder
3. Februar 2018 13:07

Man muss bei der Selbstzähmung des Menschen aber dazudenken, dass in einer Scheidung von Körper/Geist Europa sich irgendwann historisch und theoretisch für Vergeistigung (und die Verdrängung des Körpers) entschieden hat. Die Zähmung und Kultivierung geschah in einer Art Sublimierung, nicht aus Spaß oder Hilflosigkeit, sondern zu anderen Zwecken: Um Raum zu gewinnen fürs Denken und Schreiben, für eine Distanz zu sich selbst und seinen Sehnsüchten, für Reflexion und Wissenschaft. Dahinter stand vermutlich auch die Einsicht in die Notwendigkeit einer solchen Scheidung: Man konnte nicht körperlich und kriegerisch bleiben - und zugleich Fortschritte in Strategie und Reflexion machen (heute: Technologisierung). Daher kann man eigentlich die verlorene Kriegsfähigkeit nicht bedauern, so wie man auch den reinen christlichen Glauben nach der Sekularisierung nicht mehr einfach zurück-erreichen kann. Man könnte den Menschen vielleicht verändern, man könnte ihn wieder instinkt- und kampffähig machen, aber vielleicht dann im Gegenzug um den Verlust seiner Lernfähighkeit. Ob man das wirklich will.

Der_Juergen
3. Februar 2018 13:07

@Der Gehenkte @Franz Bettinger

Ich habe von Sloterdijk nur ein Buch gelesen ("Die schrecklichen Kinder der Neuzeit"). Gute, anregende Lektüre mit vielen Geistesblitzen, aber es hat mich nicht dermassen fasziniert, dass ich danach giere, die anderen Werke der "hellsten Lampe im Innenraum des deutschen und europäischen Denkens der Jetztzeit" nun flugs auch noch zu lesen. Kommt sicher später einmal.

Andere sind belesener und deshalb kompetenter, Urteile zu fällen, als ich, aber nach der abermaligen Lektüre von Lichtmesz' "Kann nur ein Gott uns retten?" frage ich mich, ob dieser Mann den Titel "hellste Lampe im Innenraum des deutschen Denkens der Jetztzeit" nicht viel eher verdient. Zumal auch "Die Verteidigung des Eigenen" sowie das gemeinsam mit Caroline Sommerfeld verfasste "Mit Linken leben", absolute Spitzenklasse sind. Auch Kubitscheks "Spurweite" hat mich wesentlich stärker beeindruckt als das Buch von Sloterdijk.

Dass dieser seinen Verleumdern a la Diez und Precht geistig und moralisch turmhoch überlegen ist, bedarf natürlich kaum der Erwähnung. Neben diesen Giftzwergen ist er in der Tat ein Titan.

Cacatum non est pictum
3. Februar 2018 22:41

Sloterdijk pflegt also ein lineares Geschichtsbild und sieht den Endzustand im vermeintlich kommenden Weltstaat erreicht. Habe ich ihn da richtig interpretiert? Er glaubt außerdem, daß dieser globale Staat eine totale Befriedung nach innen bewirken wird. Junge, Junge. Dann bin ich mal gespannt, mit welchen Mitteln dieser Staat agiert. Ein Paradies für zarte Feingeister wird er wohl nicht werden. Und seine Bezähmungsmethoden dürften eher an stalinistische Sicherheitspolitik erinnern als an die Vervollkommnung der Zivilisation. Nur so ein Gedanke.

@Der Gehenkte

"Die von ihm beschriebenen Domestikationsstufen sind historisch wohl kaum zu widerlegen - was natürlich nicht heißt, daß sie theoretisch nicht einen heißen Kern zurückbehalten, der ausbrechen kann. Die Gesamtentwicklung wurde vollkommen überzeugend von Steven Pinker auf 1000 Seiten nachgewiesen (The Better Angels of Our Nature: Why Violence Has Declined): Innerhalb des demokratischen und europäischen Paradigmas ist die Selbstzähmung weit vorangeschritten, alle Formen von Gewalt sind tendenziell rückgängig. Das ist als Fakt zu akzeptieren."

Aber diese angebliche Selbstzähmung ist doch noch heute überwiegend auf unseren Kulturkreis beschränkt. Außerhalb dessen gibt es noch mannigfach unbezähmte Wildnis. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns eingestehen, daß wir in dieser Hinsicht auf einer Insel leben; und diese Insel wird gerade invadiert von Horden, die aus der Wildnis stammen und die sich der Domestikation widersetzen. Für mich sind zwei Szenarien denkbar: zum einen, daß wir mit unserer Harmlosigkeit den Unbezähmten nichts engegensetzen und folgerichtig von ihnen verdrängt werden; zum anderen, daß wir auf der Domestikationsleiter wieder eine Sprosse nach unten steigen und den Kampf aufnehmen. In beiden Fällen wäre das Sloterdijksche Entwicklungsgesetz durchbrochen.

Abgesehen davon halte ich schon im Grundsatz nichts von dieser Zähmungsthese. Da lasse ich mich von meiner Lebenserfahrung und meiner Intuition leiten. Ich brauche keinen wissenschaftlichen Beleg für Dinge, die ich auch so durchschaue. Gewalt ist eine anthropologische Konstante. Es wird sie immer geben. Diese nüchterne Erkenntnis sollte man jeder Strategie zugrunde legen, die auf Einhegung und Kanalisierung von Gewalt abzielt.

@Waldgaenger aus Schwaben

"Angesichts der weltweiten Probleme, Umweltverschmutzung, ABC-Waffen, Seuchengefahr und global agierender Konzerne, wäre es eher selbstmörderisch den Schritt 5 zum "Weltinnenraum" nicht zu tun."

Lassen Sie sich von der globalistischen Propaganda nicht an der Nase herumführen. Glauben Sie, daß auch nur eines der aufgezählten Probleme von einer Weltregierung gelöst würde? Und wenn nicht? Was wollen Sie tun, wenn die Weltregierung diese Probleme noch verschärft? Abwählen oder absetzen wird wohl kaum funktionieren. Das geht nur in einem Nationalstaat herkömmlicher Prägung. Ich sehe wirklich keinen einzigen Grund, ihn zugunsten eines totalitären supranationalen Machtgebildes einzuebnen. Keinen einzigen!

quarz
4. Februar 2018 17:09

@Schlafes Bruder

"Man könnte den Menschen vielleicht verändern, man könnte ihn wieder instinkt- und kampffähig machen, aber vielleicht dann im Gegenzug um den Verlust seiner Lernfähighkeit."

Vielleicht. Aber welche Gründe gibt es für die Annahme, dass das eine das andere tatsächlich ausschließt?

Der Gehenkte
4. Februar 2018 20:07

@ Sloterdijk

Die Rechte hat leider noch nicht einmal im Ansatz verstanden, daß der Großteil des theoretischen Rüstzeugs, welches sie benötigt, um sich selbst und ihre Aufgabe zu verstehen, im Werk Sloterdijks enthalten ist. Man nehme nur den Zentralbegriff der „Identität“ der paradox ist, weil nichts mit sich selbst identisch sein kann im Moment seines Bewußtseins und seiner Beschreibung.

Hätte Sellner Sloterdijk studiert, dann wäre er vielleicht über den Begriff der „Immunität“ gestolpert, der viel kräftiger und präziser in der Beschreibung und weit weniger belastet ist.

Spätestens seit seinem gigantischen „Sphären“-Projekt arbeitete Sloterdijk an der Ausarebitung einer Immunologie, einer Umformatierung der Metaphysik auf die Beschreibung von Innenverhältnissen und deren Schalen.

Menschen befinden sich makro- und mikrophysisch- und psychisch in Sphären, in bergenden Hüllen – von denen das Volk nur eines ist. Das beginnt bei der individuellen Geburt und endet im Kosmos. Damit wäre auch die monothematische Besessenheit zu überwinden, die mehr Mauer (Einmauerung und Ausschließung) baut als permeable Zustände an osmotischen Zellwänden zuläßt.

„Nach dem Wechsel der Optik stellen sich alle Fragen der sozialen und personalen Identität unter morphologischen und immunologischen Aspekten dar, also unter dem Gesichtspunkt, wie in geschichtlich bewegten Großwelten so etwas wie lebbare Formen des ‚Wohnens‘ oder des Bei-sich-und-den-Seinen-Seins eingerichtet werden können.“ (Weltinneraum des Kapital, 234)

Die jüngere Geschichte dieses Forums – zumindest im derzeitigen Stadium – zeigt jedoch, daß derartige Gedanken nicht gedacht werden wollen und man allzu schnell sich „Heim ins Reich“ des Gewohnten flüchtet, weshalb ich auf Energiesparmodus umschalte und besser schweige.

@ Der_Jürgen:

Die Sache mit Lichtmesz hatten Sie ja schon mal angebracht. Ich finde, das ist eine Mißachtung seiner Arbeit – sie zwingen ML, dessen „Gott“ tatsächlich ein wichtiges zeit- und mentalitätsdiagnostisches Buch ist, in die Beschämung. Peter Sloterdijk hat seit 1983 ein an Denkweite, Thematik und Umfang unvergleichliches Werk hinterlassen – es gibt überhaupt niemanden, der sich daran meszen kann.

https://petersloterdijk.net/werk/

Schlafes Bruder
5. Februar 2018 11:45

@ quarz

So genau kann ich das nicht sagen. Ich wollte nur auf die geschichtliche Dichotomie hinweisen, dass Europa sich für Vergeistigung und für Körperverleugnung entschieden und eingesetzt hat, weshalb heute ja der Sport diese irrsinnige (Ausgleichs-)Stellung hat, auf den Zeitungsseiten immer ganz vorn und wichtig erscheinen muss. In Wirklichkeit nehmen die meisten auf dem Sofa daran teil.
Oder man nutzt Fitnessstudios, um sich unnütze Muskeln am Leib aufzublähen. Aber ein Teil der Antwort auf ihre Frage ist vielleicht wiederum körperlich: Wenn Sie sich und ihren Körper von Testosteron und Adrenalin durchströmt vorstellen (Maximum Stress wie in Kämpfen und Kriegen), haben Sie gleichzeitig geistig arge Probleme, die Fassung zu bewahren und strategisch und reflexiv noch irgendeinen klaren Gedanken zu fassen. Siehe auch Frankfurter Buchmesse. Da können aufeinanderprallende Einstellungen (Geist) sehr schnell Fahrt aufnehmen und körperlich werden. - Daher reduziert sich die Frage von Herrn Kubitschek im Grunde darauf, dass es wohl weiterhin eine durch Technik, Waffen, Grenzschutz, Verwaltung usw. begründete "Überlegenheit" gibt, aber die Träger dieser Möglichkeiten nicht mehr zum Einsatz in der Lage oder willens, also irgendwie sediert oder selbst über diesen Möglichkeiten in Zweifel sind. Man ist bewaffnet und technisiert bis unter die Zähne, aber schaut zu, wenn Leute mit Obstmessern angreifen. Gleiches bei dem heutigen Auftreten der Polizei: Die Waffen werden bei der normalen Polizei nur noch als Zierrat getragen, es gibt ja massive Anweisung, nicht Gebrauch von der Waffe zu machen. Und wenn doch, verlieren die Leute ihre Posten. Also auch hier: Technik und Möglichkeiten vorhanden, aber der Wille fehlt. Der Polizist muss sich am Ende auf der Straße mit dem Messer oder dem Knüppel angreifen lassen; auch das sind wohl Folgen einer Vergeistigung.

quarz
5. Februar 2018 19:55

@Schlafes Bruder

Den Befund einer fatalen Laschheit des Vokes stelle ich nicht in Frage. Zweierlei scheint mir aber gegen die These zu sprechen, dass diese eine notwendige Begleiterscheinung intellektueller Reflexion ist.

Erstens finden wir in der Geschichte viele Beispiele von Epochen, in denen bedeutsame geistige Entwicklungen in Zeitgenossenschaft kämpferischer Anspannung stattfanden. In den paar Jahrzehnte etwa, in denen Deutschland das Zentrum der naturwissenschaftlichen Welt war, fanden zwei Weltkriege statt, die das Land bis zum Äußersten in "Thymosspannung" versetzt haben.

Zweitens aber scheint mir, dass Zeiten, in denen Menschen zum Eloi-Dasein (--> H.G.Wells) tendierten, alles andere als Phasen großer intellektueller Produktivität waren. Unsere Gegenwart eingeschlossen.

Freilich blockiert die Regression in einen atavistischen Modus permanent argwöhnischen Überlebenskampfes die Gelassenheit, die den "Flow" kreativen Schaffens erst ermöglicht. Andererseits erfordert dieser auch ein gewisses Maß an suchender Anspannung, die im Zustand des bloßen Dahinvegetierens nicht aufgebracht werden kann.

Quer zur Polarität von Anspannung und Laschheit steht das Merkmal der Disziplin im Denken und im Handeln. Ohne sie missrät Spannung zum Krampf und Entspannung zur Trägheit. Im Verbund mit ihr erscheint mir eine Koexistenz von wachsamer Selbstbehauptung und gelassener Erkundung geistiger Landschaften möglich.

Schlafes Bruder
6. Februar 2018 10:06

Da muss ich Ihnen Recht geben. Schattierungen und Graustufen dieser Art sind sehr wichtig. Ich musste in meinem Beitrag vielleicht an den Hang der Deutschen zu den Extremen denken. Nervt der Nachbar, wartet der Deutsche oft, bis ihm völlig der Kragen platzt. Das Ergebnis ist häufig eine Überreaktion, die schon die Täter von 9/11 wohlwissend eingeplant haben. Wenn man z.B. in Berlin in der U-Bahn mal "angemacht" oder bedrängt wird, ist der Einheimische derart alarmiert, dass er schnell daran denkt, zum Äußersten zu greifen. Und wenn er dann wieder in seinem Zuhause ist, denkt er über Bewaffnung nach. Viele Angreifer sind darin überlegen, über ein breites Repertoire der Gewalt zu verfügen und das auch relativ dosiert und fast natürlich einsetzen zu können. Die Diskussionen um Gewaltkulturen ist bekannt. Setzen Sie "den Deutschen" (wenn es ihn so gibt) dagegen: Seit einigen Jahrzehnten an Frieden und Wohlfahrt gewöhnt und letztlich zur Sesselfurzerei gelangt, gerät er völlig aus dem Häuschen, wenn er einmal wirklich herausgefordert wird. Naja, und die Überreaktion spielt den Angreifern natürlich wiederum in die Hand. Von daher stimme ich Ihnen zu, aber mit deutschen Abstrichen. Es hat hier so seine Probleme mit einer dosierten Abwehrreaktion. (Die Idee von den Deutschen als "Volk von Radikalen" stammt von Peter Watson: The German Genius)

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