Sezession
3. Februar 2018

»Soldat ohne Befehl« – Neue Biographie über Ernst von Salomon erschienen

Benedikt Kaiser / 14 Kommentare

Vor kurzem erschien eine neue Biographie Ernst von Salomons – er war Freikorpssoldat, Romanautor und politischer Aktivist. Eine Rezension. 

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Als Pierre Drieu la Rochelle 1936 seine bevorzugten zeitgenössischen Schriftsteller nannte (enthalten ist die Passage im Nachtrag zu den Unzulänglichen), gliederte er sie nach Ländern:

»In Rußland: Pasternak, Babel; in Italien: Malaparte, Moravia, in Deutschland: Ernst von Salomon.«

Wer war dieser Ernst von Salomon (1902–1972), und wieso erscheint jetzt eine neue Biographie, so ganz ohne Jahrestag oder sonstiges Jubiläum? Ist dieses Vorhaben lohnenswert? Dies unmittelbar vorweg, für all die, die sich die Lektüre vorliegender Besprechung ersparen wollen: Gregor Fröhlich ist mit seiner Studie Soldat ohne Befehl. Ernst von Salomon und der Soldatische Nationalismus der große Wurf gelungen.

Fröhlich schreibt Salomons Lebensgeschichte als zeithistorischen Großessay, als Lebensroman, als wissenschaftliche Untersuchung, als politiktheoretische Analyse. All das widerspricht sich auf den rund 400 Seiten keineswegs, und gerade deshalb ist dies als rare gelungene Synthese anzusehen.

Der Einstieg ist französisch, erfolgt aber nicht drieularochellianisch, sondern mit Dominique Venners enttäuschendem Besuch bei Salomon in dessen Todesjahr. Venner, Historiker und politischer Aktivist, ehedem Militanter, erwartet bei seinem Besuch nahe des niedersächsischen Stöckte, auf einen in Wesen und Gemüt gleichgesinnt fühlenden Menschen zu treffen – doch Salomon ist nicht (mehr) der asketische, disziplinierte Revolutionär, den Venner sich vorstellte, sondern ein gemütlicher Ruheständler geworden, der sich freilich die altbewährte Selbstironie bewahren konnte.

In Söldner ohne Sold (derzeit vergriffen) berichtet Venner über dieses unbefriedigende Gespräch mit seinem Heros. Salomon räumte demzufolge zwar ein, eine »schrecklich verrückte und leidenschaftliche Zeit« erlebt zu haben, sehe das Leben aber unterm Strich als nichts anderes an denn als »Farce«. Venner war enttäuscht, vermißte das Kämpferisch-Zuversichtliche, das Soldatische, reiste ab; sechs Wochen später verstarb Salomon.

Venner erwartete vielleicht zu viel von einem Mann, dessen bewegtes Leben einer Verfilmung harrt. Gregor Fröhlich trifft den Kern recht gut, wenn er schreibt, daß Salomons Lebensziel stets die Suche war nach der »Rückkehr zu einem neuen Mythos, einer großen Erzählung, die der Vereinzelung des Menschen ein Ende setzen sollte«. Entlang dieser Linie schreibt Fröhlich die Biographie Salomons.

Gewiß: Es ist nicht die erste (werk)biographische Darstellung; Markus Josef Kleins Revolutionär ohne Utopie (mit Vorwort Armin Mohlers) war hervorragend, und Jost Hermands bleibendes Verdienst ist es, die politiktheoretischen Ansätze Salomons stärker in den Fokus gerückt zu haben. Und doch: Fröhlichs Werk ist anders, es stellt größere Zusammenhänge dar, verknüpft kenntnisreich Geschehnisse und Akteure, Lebenswege und zeithistorische Umstände.

Fröhlich ordnet Salomons Leben in drei Phasen ein:

  • Phase eins, 1913 bis 1918: Salomon als Jugendlicher in der preußischen Kadettenanstalt, der hier wesentliche Persönlichkeitszüge entwickelte (das »Preußische« gewissermaßen).
  • Phase zwei, 1918 bis 1945: Salomon als Freikorpsfreiwilliger nach Kriegsende, als Kämpfer im Baltikum, als Heimkehrender, als Neuer Nationalist, als Militanter, verstrickt in Terror (Rathenau-Mord) und Gewalt (Feme), dann (und hier ist sozusagen Phase 2b erreicht) als innerer Emigrant im Dritten Reich, das er als Drehbuchautor erlebt.
  • Phase drei, nach 1945 bis zu seinem Tod: Salomon als Neutralist, der mit linken Splittergruppen gegen Westbindung und NATO-Hörigkeit opponiert, sich gegen Atomwaffen engagiert und einen spezifisch nationalen bis linksnationalistischen Pazifismus ausarbeitet.

Alle drei Phasen verarbeitete Ernst von Salomon in Romanen (von den Kadetten und den Geächteten über die legendäre Stadt und den Bestseller Fragebogen bis zur nationalpazifistischen Kette der tausend Kraniche) und Zeitschriftenbeiträgen.

All dies webt Fröhlich mit Archivdokumenten und verstreuten Nachlässen verschiedener Zeitzeugen zu dem Panorama des deutschen 20. Jahrhunderts zusammen, das am Ende vorliegt. Es soll an dieser Stelle keine vollständige Zusammenfassung des Buches erfolgen, das es wahrlich verdient hat, von jedem selbst gelesen zu werden, aber einige Aspekte sind hervorzuheben:


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Kommentare (14)

Der_Juergen
3. Februar 2018 11:13

Danke für diesen Artikel. Das Buch ist zwar reichlich teuer, aber offenbar so wichtig, dass sich der Erwerb trotzdem aufdrängt. Ich bestelle auch gleich noch den "Fragebogen".

Das Relikt
3. Februar 2018 13:11

Die Geächteten, von Salomons Freikorps-Roman, wurde 2011 noch einmal von Unitall neu aufgelegt, mit einem herrlich trashig-triggerigen Titelblatt. Nicht so tief, wie der Fragebogen, aber dafür spannend und frei von Versuchen der Selbstentlastung

Thomas Martini
3. Februar 2018 23:11

"Nationalismus als Selbstbehauptungswillen gegenüber Fremdbestimmung sei daher per se »anti-imperialistisch«, und der Nationalismus sei in der Folge »der echte Feind des Imperialismus."

Eine der wichtigsten Erkenntnisse überhaupt, die man sich gut einprägen sollte. Noch einfacher formuliert, ist der Nationalismus logischerweise das einzige Gegenmittel gegen den Internationalismus.

Das ist der Ungeist, der seit Französischen Revolution über alle Völker kommt, zur Globalisierung führte, und schließlich in der Neuen Weltordnung und einer "One World" zu enden droht.

Letztlich lassen sich alle völkerverderbenden Entwicklungen seit 1789 auf den massendemokratischen Internationalismus unter angloamerikanischer Leitung zurückführen. Nicht nur die beiden Weltkriege, sondern später auch Anti-Rassismus, Anti-Faschismus, Feminismus, die Gender-Ideologie und der Neoliberalismus.

Auch die Sowjetunion gehört in diesem Kontext als totalitäres "Experiment" betrachtet. Eine These, die auch Peter Haisenko in seinem Buch über das 20. Jahrhundert aufstellt. Zu keinem Zeitpunkt war die Sowjetunion autark, und vor allem im Zweiten Weltkrieg war man auf die bedingungslose Unterstützung aus den USA angewiesen.

1945, als der Boden für die Neue Weltordnung bereitet war, hätten es die Amerikaner in der Hand gehabt, dem "kommunistischen" Spuk ein schnelles Ende zu bereiten.

Nur hätte das den langfristigen Zielen des Internationalismus geschadet, und genau deshalb stieß General Patton mit seinen Plänen damals bei seinen Vorgesetzten auf Granit, als er darauf drängte, das geschwächte Russland im Handstreich zu nehmen.

Wer mir hier widerspricht, soll mir bitte die Frage beantworten, wieso England und Amerika damals bewusst auf Geländegewinn verzichteten, obwohl man de facto die Weltherrschaft zu diesem Zeitpunkt offensichtlich inne hatte und weder in Europa noch in Asien eine ernsthafte militärische Konkurrenz verblieben war.

Kahlenberg
4. Februar 2018 00:08

Diese Rezension, faktenreich, systematisch, schlank, und doch mit Musik, hat echt Freude gemacht. Und Lust auf das Buch.

Ostelbischer Junker
4. Februar 2018 17:32

@ Thomas Martini:
Drei Gründe kommen in Frage
1. Wahlen. Va die Engländer waren Kriegsmüde, schickten den Kriegstreiber Churchill, der ja tatsächlich diese Idee hatte sofort auf die gegenüberliegende Bank des Parlaments.
2. Unmöglich, eine solche Wendung, auch mit geschicktester Propaganda, mehrheits- und begeisterungsfähig zu machen. Wie soll man denn vernünftig erklären, dass das Volk, dass eben noch Millionen Tote bei der Beseitigung der faschistischen Kralle ließ und treuer verbündeter war, von jetzt auf gleich der neue Feind sein soll? Das widerstrebt dem menschlichen Ehrgefühl.
3. Russlands militärische Kraft. Invasion der Wehrmacht, beste Armee aller Zeiten, zwar mit viel Hilfe aber erfolgreich zurückgeschlagen. Inzwischen eine riesenhafte Rüstungsindustrie aufgebaut. Durch den Sieg hoch motivierte Soldaten. Ein Volk, dass beinahe alles ertragen würde. Es hätte wahrscheinlich einer Atombombe auf jeder mittleren Stadt bedurft, um zu gewinnen. Da war der kalte Krieg, ohne direkte Konfrontation und Massenvernichtung doch die ethischere Alternative.

Franz Bettinger
4. Februar 2018 21:29

@Martini: Ich will sie hier paraphrasieren, weil es wichtig ist, was Sie sagten: Nationalismus ist nichts anderes als der Selbstbehauptungs-Wille der Völker gegenüber jeder Fremdbestimmung. Das ist anti-imperialistisch.

Merke: Man stärke die Nation! Die Nationalstaaten sind die echten Feinde des Imperialismus, Egalitarismus, Globalismus und Internationalismus. Man verhindere alle, der eine Welt-Regierung anstreben, selbst wenn diese "Welt-Herrschaften" es unter den schmucken 12 Mänteln ihrer Menschlichkeit, Toleranz, Gleichheit, Gerechtigkeit, Frieden und Blabla tun. Es sind Verkleidungen. Darunter nichts als der Wille zur Macht, zur Allmacht.

Franz Bettinger
5. Februar 2018 08:10

@Ostelbischer Junker:

Die Engländer haben nicht "Millionen ihrer Landsleute" in WW2 verloren. Hier die Opferzahlen (circa): Deutschland 8 Mio. (davon die Hälfte Zivilisten), England: 320.000, USA: 260.000 (inklusive Pazifik), UDSSR: 20 Mio., China 12 Mio, Polen 4 Mio, Frankreich: <50.000 (?). (Quelle: dtv-Atlas Geschichte, Band 2, Seite 496). Ich halte diese Zahlen für wichtig. Sie scheinen mir ganz unabhängig von Recht oder Unrecht das unterschiedliche Maß von Vernichtungswille der kämpfenden Nationen aufzuzeigen.

Ostelbischer Junker
5. Februar 2018 08:27

@ Franz Bettinger
,,Millionen Tote“ bezog sich klar auf die Russen

Franz Bettinger
5. Februar 2018 08:35

@ Junker: Sie haben recht. Ich hatte es falsch verstanden.

Blue Angel
5. Februar 2018 11:13

Danke für die interessante Rezension, die Interesse an Buch und Person erweckt.

@Thomas Martini:
Die Vorstellung einer anglo-amerikanischen Weltregierung ist für mich eine Dystopie: Die nach dem II. WK dazu unternommenen Versuche haben genug Unheil gebracht, das sich noch heute auswirkt.

Hätten die Betreiber ihre Neue Weltordnung in den Vierziger Jahren durchsetzen können wären Daseinsformen wie in "1984" geschildert, wahrscheinlich pünktlich Realität geworden.

Kritik am Stalinismus ist aus nicht-russischer Sicht verständlich (in Russland selbst gibt es noch viele, die immer noch positive Aspekte für IHR Land sehen). Deshalb einem anglo-amerikanischem Weltreich Imperialismus abzusprechen und es als (zumindest zur damaligen Zeit) erstrebenswertes Gegenmodell zu betrachten, ist aus meiner Sicht nicht nachvollziehbar.

Die Sowjetunion hat ihre Soldaten aus der DDR abgezogen und die Wiedervereinigung ermöglicht. US-Basen, -Soldaten, -Lobbyisten, -Abhöreinrichtungen und -Atombomben haben wir immer noch im Land.

Stil-Bluete
5. Februar 2018 11:42

Bestellung von Salomons 'Fragebogen' abgegangen.
Gefällt mir, dass wir uns hier immer wieder auf kauf- und lesenswerte Bücher, die nicht ausschließlich das Aktuelle, Gegenwärtige reflektieren, vorwiegend aus dem anglo-amerikanischen Sprachraum, aufmerksam machen.

Hartwig aus LG8
5. Februar 2018 13:49

Danke Herr Kaiser. Ihr Beitrag war Anlass für mich, den "Fragebogen" aus dem Regal zu nehmen, wo er, einmal dort abgestellt, dem Schicksal des "Vergessenwerdens" entgegen ging. Die Rowohlt-Taschenbuchausgabe schreit allerdings nach einer stärkeren Lesebrille.

Fredy
5. Februar 2018 23:50

Schön geschrieben. Toller Schriftsteller, hoch interessante Persönlichkeit. Gerade solchen Menschen sollte man beim Lebensfazit zuhören, und nicht beleidigt sein, weil man sich in ein Bild der Person einer vorherigen Entwicklungsstufe "verliebt" hat. Die Geächteten als Hörbuch wäre zudem zu empfehlen. Sehr gut gemacht, atmosphärisch dicht.

Ansonsten ist der Fragebogen ein wichtiges Dokument deutscher Zeitgeschichte. Sprachlich wunderbar. Geschichtlich hochinteressant. Politisch erweckend. Wenn ich 5 Lieblingsbücher wählen müßte. Es wäre dabei.

Marc_Aurel
6. Februar 2018 08:34

Sehr interessante Figur, mit der sich eine nähere Beschäftigung lohnt - insofern, danke für den Artikel!

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