Sezession
3. Februar 2018

»Soldat ohne Befehl« – Neue Biographie über Ernst von Salomon erschienen

Benedikt Kaiser / 14 Kommentare

Vor kurzem erschien eine neue Biographie Ernst von Salomons – er war Freikorpssoldat, Romanautor und politischer Aktivist. Eine Rezension. 

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Als Pierre Drieu la Rochelle 1936 seine bevorzugten zeitgenössischen Schriftsteller nannte (enthalten ist die Passage im Nachtrag zu den Unzulänglichen), gliederte er sie nach Ländern:

»In Rußland: Pasternak, Babel; in Italien: Malaparte, Moravia, in Deutschland: Ernst von Salomon.«

Wer war dieser Ernst von Salomon (1902–1972), und wieso erscheint jetzt eine neue Biographie, so ganz ohne Jahrestag oder sonstiges Jubiläum? Ist dieses Vorhaben lohnenswert? Dies unmittelbar vorweg, für all die, die sich die Lektüre vorliegender Besprechung ersparen wollen: Gregor Fröhlich ist mit seiner Studie Soldat ohne Befehl. Ernst von Salomon und der Soldatische Nationalismus der große Wurf gelungen.

Fröhlich schreibt Salomons Lebensgeschichte als zeithistorischen Großessay, als Lebensroman, als wissenschaftliche Untersuchung, als politiktheoretische Analyse. All das widerspricht sich auf den rund 400 Seiten keineswegs, und gerade deshalb ist dies als rare gelungene Synthese anzusehen.

Der Einstieg ist französisch, erfolgt aber nicht drieularochellianisch, sondern mit Dominique Venners enttäuschendem Besuch bei Salomon in dessen Todesjahr. Venner, Historiker und politischer Aktivist, ehedem Militanter, erwartet bei seinem Besuch nahe des niedersächsischen Stöckte, auf einen in Wesen und Gemüt gleichgesinnt fühlenden Menschen zu treffen – doch Salomon ist nicht (mehr) der asketische, disziplinierte Revolutionär, den Venner sich vorstellte, sondern ein gemütlicher Ruheständler geworden, der sich freilich die altbewährte Selbstironie bewahren konnte.

In Söldner ohne Sold (derzeit vergriffen) berichtet Venner über dieses unbefriedigende Gespräch mit seinem Heros. Salomon räumte demzufolge zwar ein, eine »schrecklich verrückte und leidenschaftliche Zeit« erlebt zu haben, sehe das Leben aber unterm Strich als nichts anderes an denn als »Farce«. Venner war enttäuscht, vermißte das Kämpferisch-Zuversichtliche, das Soldatische, reiste ab; sechs Wochen später verstarb Salomon.

Venner erwartete vielleicht zu viel von einem Mann, dessen bewegtes Leben einer Verfilmung harrt. Gregor Fröhlich trifft den Kern recht gut, wenn er schreibt, daß Salomons Lebensziel stets die Suche war nach der »Rückkehr zu einem neuen Mythos, einer großen Erzählung, die der Vereinzelung des Menschen ein Ende setzen sollte«. Entlang dieser Linie schreibt Fröhlich die Biographie Salomons.

Gewiß: Es ist nicht die erste (werk)biographische Darstellung; Markus Josef Kleins Revolutionär ohne Utopie (mit Vorwort Armin Mohlers) war hervorragend, und Jost Hermands bleibendes Verdienst ist es, die politiktheoretischen Ansätze Salomons stärker in den Fokus gerückt zu haben. Und doch: Fröhlichs Werk ist anders, es stellt größere Zusammenhänge dar, verknüpft kenntnisreich Geschehnisse und Akteure, Lebenswege und zeithistorische Umstände.

Fröhlich ordnet Salomons Leben in drei Phasen ein:

  • Phase eins, 1913 bis 1918: Salomon als Jugendlicher in der preußischen Kadettenanstalt, der hier wesentliche Persönlichkeitszüge entwickelte (das »Preußische« gewissermaßen).
  • Phase zwei, 1918 bis 1945: Salomon als Freikorpsfreiwilliger nach Kriegsende, als Kämpfer im Baltikum, als Heimkehrender, als Neuer Nationalist, als Militanter, verstrickt in Terror (Rathenau-Mord) und Gewalt (Feme), dann (und hier ist sozusagen Phase 2b erreicht) als innerer Emigrant im Dritten Reich, das er als Drehbuchautor erlebt.
  • Phase drei, nach 1945 bis zu seinem Tod: Salomon als Neutralist, der mit linken Splittergruppen gegen Westbindung und NATO-Hörigkeit opponiert, sich gegen Atomwaffen engagiert und einen spezifisch nationalen bis linksnationalistischen Pazifismus ausarbeitet.

Alle drei Phasen verarbeitete Ernst von Salomon in Romanen (von den Kadetten und den Geächteten über die legendäre Stadt und den Bestseller Fragebogen bis zur nationalpazifistischen Kette der tausend Kraniche) und Zeitschriftenbeiträgen.

All dies webt Fröhlich mit Archivdokumenten und verstreuten Nachlässen verschiedener Zeitzeugen zu dem Panorama des deutschen 20. Jahrhunderts zusammen, das am Ende vorliegt. Es soll an dieser Stelle keine vollständige Zusammenfassung des Buches erfolgen, das es wahrlich verdient hat, von jedem selbst gelesen zu werden, aber einige Aspekte sind hervorzuheben:

1. Fröhlich gelingt es, darzustellen, wie Salomons geistige Haltung durch den Ersten Weltkrieg und die aufgrund des Alters fehlende Einberufung beeinflußt wurde. Die Freikorpsmeldung des 18jährigen Salomons resultierte auch aus ihr, ferner jene Weltanschauung, die viele junge Kadetten und Soldaten teilten: Verachtung des Zusammengestürzten, der Kapitulation, der älteren Generation.

Mit guten Argumenten verweist Fröhlich auf diese Faktoren als verantwortlich dafür, daß sich die junge revolutionäre Rechte 1918ff. in bewußter Frontstellung zum monarchistisch-reaktionären Gestern formierte, während sie die revolutionäre Linke zwar bekämpfte, ihren Mitstreitern aber Respekt als ebenbürtige Gegner zollte.

Auch die antibürgerliche Grundhaltung Salomons entstand im Übergang von Lebensphase 1 zu 2, als man realisierte, daß die junge Republik plan- und konzeptlos die Grenzprobleme anging; man fühlte sich im Umfeld Salomons als »Soldat ohne Befehl« – mit dem Resultat, daß sich die Freikorps noch stärker selbständig machten und ihre eigenen Kriege als national- und sozialrevolutionäre »Landsknechte« führten.

2. Nach einer plastischen Untersuchung dieser Zeit gelingt Fröhlich die Überleitung in jenen Abschnitt Weimars, in dem die heimströmenden Soldaten die ehemaligen Frontgebiete verlassen, um irritiert ob der »Normalität« der jungen Republik zu realisieren, daß man ein anderes Leben, andere Ziele, ein anderes Deutschland meint. Es entsteht in den gärenden Kreisen der Rückkehrer das, was man später als »Soldatischen« oder »Neuen« Nationalismus bezeichnen sollte: Ein Nationalismus, der aus »Negation des bürgerlichen Lebens« hervorgebracht wurde und doch kein Nihilismus war.

Diese Weltanschauung entstand vielmehr als Ausdruck von Mentalität und Erfahrungen. Geträumt wurde mystisch-elitär von einem anderen, einem geheimen Deutschland, das in Bildern und Gestalten seine Verkörperung fand und in der »Frontgemeinschaft« als klassen- und ständeloser Einheit wurzelte; gepflegt wurde eine Rhetorik der Tat; gelebt ein revolutionärer Voluntarismus; und der (literarische) Kern war »heroischer Realismus«.

3. Im Unterschied zu den Nationalsozialisten, vertrat Salomon samt Umfeld einen nichtchauvinistischen Nationalismus, der sich stark auf Persönlichkeiten und Tatdenken konzentrierte. Die Masse sei träge, unbeweglich, lethargisch; daher sei jede Bewegung, die auf eine solche Masse abziele, abzulehnen. Salomon schrieb 1928 in seinem Grundlagenartikel »Masse und Mensch«, daß der Nationalismus, wie sie ihn vertreten, eine Bewegung des starken Einzelnen sei, der als Typus erst neu entstehen würde: »Wir glauben an keinen Aufstand der Massen. Wir glauben an einen Aufstand des neuen Menschen.«

4. Mit einigem Recht verweist Fröhlich darauf, daß Salomons politische Bekenntnisse und Abhandlungen oftmals hintangestellt werden, daß Salomon also lediglich als Literat gewürdigt worden wäre. Er verweist daher auf Salomons Berliner Aktivitäten im Umfeld des Tatkreises um Hans Zehrer, der in der Zeitschrift Die Tat das forderte, was Salomons »Neuer Nationalismus« ebenfalls enthielt: Die Forderung der Verstaatlichung von Banken, ein staatliches Außenhandelsmonopol, eine vollständige Neuordnung (»wenn nicht Abschaffung«) des Kapitalbesitzes.

Es verwundert angesichts derartiger nichtmarxistisch-sozialistischer Standpunkte nicht, daß Salomon – neben einigen Aufsätzen für Publikationen Otto Strassers – auch im Widerstand Ernst Niekischs publizierte und mit dessen Widerstandsmilieu korrespondierte. Salomon sah im übrigen, ganz wie Niekisch, die Ostorientierung des Deutschen Reiches für elementar an. Nur durch gemeinsame Schritte mit der Sowjetunion im Zeichen einer neuen Großraumidee könne eine multipolare Weltordnung erreicht werden und die (damals ja erst im Entstehen befindliche) Hegemonie der angloamerikanischen Allianz gebrochen werden.

5. In diesem Sinne verweist Fröhlich folgerichtig darauf, daß Salomons politisches Verständnis im Kern auf einer Gegnerschaft zum »Westen« als Idee basierte – und dies in allen drei Lebensphasen. Zeitlebens, so Fröhlich, habe Salomon das kapitalistische Wirtschaftsmodell und die individualistische Gesellschaftsordnung abgelehnt.

Dies führte ihn in der Zwischenkriegszeit nach rechts, und nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Rechte für Salomons Geschmack prokapitalistisch, altersliberal und prowestlich wurde, nach links (wobei hinzuzufügen ist, daß sich Salomon bereits als Rechter mit Linken wie Michail Bakunin und Boris Sawinkow beschäftigte). Ernst von Salomon dachte stets von der Krise her, die nur mit neuen Ideensynthesen zu überwinden wären.

Arthur Moeller van den Brucks Diktum von der »konservativen Revolution« (abgedruckt im Hauptwerk Moellers) war diesbezüglich Salomons ideologischer Wegbegleiter: »Was heute revolutionär ist, wird morgen konservativ sein. Ewig löst die Erhaltung den Umsturz ab und holt nach, was dieser unterließ, stellt richtig, was dieser verfehlte. [...] Wir wollen diese revolutionären Ideen mit den konservativen verbinden, die sich immer wieder herstellen, und wollen sie konservativ-revolutionär dahin treiben, wo wir Zustände erreichen, bei denen wir wieder leben können. Wir wollen die Revolution gewinnen.«

6. Im Nationalsozialismus der Regimephase erblickte Salomon keinerlei Verwirklichung einer solchen Revolution. Er war zwar nicht im direkten Widerstand gegen das Hitlerregime (anders seine alten Weggefährten Hartmut Plaas, Otto Strasser oder F. W. Heinz), sympathisierte aber mit all jenen, die gegen die Machthaber opponierten.

Seine politische Inaktivität während der Jahre 1933–45 schützte nicht nur seine »halbjüdische« Lebensgefährtin, sondern auch ihn, der für viele Nationalsozialisten als »Strasser-Mann« im Dunstkreis der »Schwarzen Front« galt und daher besonders unter Beobachtung stand. Das hielt Salomon indes nicht davon ab, einen alten Brauch aus der Weimarer Republik fortzuführen, den er mit einigen weiteren konservativen Revolutionären teilte: Er besuchte jährlich den Festempfang in der sowjetrussischen Botschaft anläßlich des Jahrestags der Oktoberrevolution.

7. Nach 1945 gelang Salomon mit dem Fragebogen der erste Bestseller. Dieses Werk sollte jeder selbst lesen, weshalb es an dieser Stelle nicht skizziert wird. Seine amerikakritische Grundhaltung und die preußische Orientierung auch nach der Auflösung Preußens führte Salomon in die Reihen der Neutralisten, die vordergründig gegen jedwede Blockbildung agierten, tatsächlich aber vor allem Anti-Westbindungs-Aktivisten versammelten. In deren Kreisen (»eine diffuse, keineswegs homogene Gruppe und schon gar keine mehr oder minder geschlossene Bewegung«, so Alexander Gallus) trafen nichtdogmatische Linksradikale auf pazifistische Christen oder auf nichtwestlerische Rechte wie Ernst von Salomon.

Salomon agitierte insbesondere gegen jedwede Wiederbewaffnung Westdeutschlands im Zeichen einer NATO-Eingliederung. Die Armee wäre keine deutsche, keine preußische, sondern Objekt des westlichen Hegemonialstrebens, das deutschen Interessen per se zuwiderliefe. Trotz unterschiedlicher Herangehensweisen entstand so zwischen Salomon und DDR-freundlichen Linken eine temporäre Interessenskongruenz.

Ohnehin war das Verhältnis Salomons zu Ostberlin für einen radikalen Rechten erstaunlich entspannt; er konstatierte noch 1967, daß sich in der DDR wichtige preußische Prinzipien bewahrt fänden, die im Westen negiert würden: »Solidarität, Disziplin, Organisation, Denken für den Staat, der Staat als Maßstab des Handelns«.

Als einziger Freikorps-Schriftsteller standen seine Schriften im übrigen nicht automatisch und vollständig auf der Liste der auszusondernden Literatur in der DDR. Im Gegenteil: Der Fragebogen wurde von Parteischreibern gelobt, während die Kadetten aufgrund des preußisch-militaristischen Grundtons verfemt wurden.

Als verschiedene Konservative und Alt-Nationale Salomon 1954 angriffen und ihm vorwarfen, mit Kommunisten im Boot zu sitzen, reagierte dieser wie gewohnt streitlustig:

»Wie kann ich Kommunist sein? Bloß weil ich die Amerikaner nicht riechen kann? Ich will, wenn ich Lust habe, von Köln nach Wuppertal, Merseburg, Weißenfels und Posen reisen können, ohne mich von irgendwelchen Besatzungsideologien und -praktiken behindern oder festsetzen zu lassen. Wenn ich das will, und die Kommunisten propagieren dasselbe, dann haben die Kommunisten eben Pech gehabt.«

8. Ein weiterer Verdienst Gregor Fröhlichs daher: Die Fokussierung auch auf den Autor nach 1945. Oftmals wird lediglich der Freikorps-Salomon untersucht, nicht jedoch der Kategorien sprengende Aktivist in der Bundesrepublik, der sich, so Fröhlich, als einer der ersten Rechten überhaupt, noch vor Alain de Benoist, eingehend mit dem italienischen Intellektuellen Antonio Gramsci beschäftigte (als dieser im Deutschen noch kaum präsent war; selbst die Argument-Marxisten begannen erst später mit ihrer akribischen und fruchtbringenden Gramsci-Forschung).

Anhand seiner Gramsci-Exegese bestärkte Salomon der Eindruck, daß seine Aktivistenzeit, die auf Voluntarismus und der Tathörigkeit beruhte, gravierende Fehler im Denkfundament besaß. Themen wie kulturelle Hegemonie und Stellungskampf in der Zivilgesellschaft beschäftigten ihn nun stärker.

Aber wurde er deshalb ein Linker? Salomon selbst bestritt dies in einem Brief an Armin Mohler aus dem Jahr 1966:

»Aber wollen wir die idiotische Unterscheidung, die aus Parlamentssitzen-Bezeichnungen stammt, nicht bald durch eine bessere ersetzen; zusammengefaßt dürfte wohl die Bezeichnung konservativ-revolutionär die richtige sein. Der wohlverstandene Preußengeist war – und nicht nur in seiner Staatsidee – eben dies.«

Auch wenn Salomon somit abstritt, »links« geworden zu sein, unternahm er vorher einige Schritte in diese Richtung. 1961 empfahl er beispielsweise – einmalig in seinem Leben – die Deutsche Friedensunion (DFU) zu wählen, um die einzige Anti-Westintegrations-Partei zu stärken. Diese DDR-finanzierte Formation, auf deren Kongressen Salomon als Gastredner auftrat, erzielte jedoch lediglich 1,9 Prozent der Stimmen. Das Wählerpotential fehlte schlichtweg.

9. Ernst von Salomons letzte politische Erwägungen richteten sich auf die koloniale Frage. In Che Guevara und anderen linken »Befreiungsnationalisten« erblickte er geistige Verwandte. 1960 schrieb Salomon, daß jeder »echte« Nationalismus – fern jedes bürgerlichen Patriotismus, fern jedes nazistischen Chauvinismus – schlichtweg bedeute, daß ein Volk nach eigener Gesetzlichkeit handeln möchte. Nationalismus als Selbstbehauptungswillen gegenüber Fremdbestimmung sei daher per se »anti-imperialistisch«, und der Nationalismus sei in der Folge »der echte Feind des Imperialismus. So und nicht anders ist heute der Nationalismus der farbigen Völker Asiens und Afrikas zu verstehen«.

Man darf davon ausgehen, daß sich Dominique Venner einige Jahre später die Reise nach Norddeutschland gespart hätte, wenn dem Algerien-Militanten diese Zeilen vorgelegen wären.

10. Und doch, so ist Fröhlich zuzustimmen, unterlag Salomons Ideengenese keinem fundamentalen Wandel. Die Konstanten – Preußentum, Sozialismus, Nationalismus – blieben gewahrt, wenngleich sie sich, aufgrund der Zäsuren der deutschen Geschichte, stark unterschiedlich artikulierten. Ebendiese Zäsuren sind besser verständlich, wenn man die vorliegende Salomon-Biographie zu Rate zieht. Salomons Leben ist so verstrickt in den Strudel der Zeit, daß man bei der Lektüre unweigerlich hineingezogen wird in die Spannung des extremen 20. Jahrhunderts.

Abschließend ist Fröhlich – wiederum – beizupflichten, wenn er darauf hinweist, daß Salomons fehlende Präsenz heute durchaus erstaunlich ist. Denn seine Bücher sind nicht nur herausragende Dokumente der Zeitgeschichte und lesenswerte Romane; sie verkauften sich einst auch besser als andere Werke, die noch heute gehandelt werden (was natürlich auch mit der restriktiven Nachdruckpolitik der Salomon-Erben zu tun hat). Ernst Jüngers In Stahlgewittern, um ein Beispiel anzuführen, verkaufte sich in den ersten Jahren nach Erscheinen rund 29 000 mal – Salomons Die Geächteten 160 000 mal, vom Fragebogen ganz zu schweigen.

Ebenfalls zutreffend ist Fröhlichs Verweis darauf, daß selbst in der heutigen politischen Rechten Ernst von Salomon oftmals nur ein Geheimtipp kleinerer Kreise ist, der im Vergleich zu seinen Weggefährten Jünger, Moeller van den Bruck und Co. nur noch eine randständige Rolle einnimmt und allenfalls als soldatischer Schriftsteller, nicht jedoch als politischer Autor rezipiert wird.

Kritik ist abschließend doch noch (freilich mit einem Augenzwinkern) zu üben: Die Sezession ist nicht, wie Gregor Fröhlich meint, eine Monatsschrift. Sie erscheint einstweilen nur zweimonatlich.

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Gregor Fröhlich: Soldat ohne Befehl. Ernst von Salomon und der Soldatische Nationalismus, 426 S., 49,90 € – hier bestellen.

Von den Romanen Salomons sind leider nur wenige regulär zu beziehen. Seine Autobiographie Der Fragebogen ist bei Antaios verfügbar (hier entlang), Die Kadetten nur mit verlagsbedingter Lieferverzögerung von mindestens zwei Wochen. Alle anderen Titel müssen antiquarisch besorgt werden, was insbesondere bei der monumentalen Stadt eine diffizile Angelegenheit sein dürfte.


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.


Kommentare (14)

Der_Juergen
3. Februar 2018 11:13

Danke für diesen Artikel. Das Buch ist zwar reichlich teuer, aber offenbar so wichtig, dass sich der Erwerb trotzdem aufdrängt. Ich bestelle auch gleich noch den "Fragebogen".

Das Relikt
3. Februar 2018 13:11

Die Geächteten, von Salomons Freikorps-Roman, wurde 2011 noch einmal von Unitall neu aufgelegt, mit einem herrlich trashig-triggerigen Titelblatt. Nicht so tief, wie der Fragebogen, aber dafür spannend und frei von Versuchen der Selbstentlastung

Thomas Martini
3. Februar 2018 23:11

"Nationalismus als Selbstbehauptungswillen gegenüber Fremdbestimmung sei daher per se »anti-imperialistisch«, und der Nationalismus sei in der Folge »der echte Feind des Imperialismus."

Eine der wichtigsten Erkenntnisse überhaupt, die man sich gut einprägen sollte. Noch einfacher formuliert, ist der Nationalismus logischerweise das einzige Gegenmittel gegen den Internationalismus.

Das ist der Ungeist, der seit Französischen Revolution über alle Völker kommt, zur Globalisierung führte, und schließlich in der Neuen Weltordnung und einer "One World" zu enden droht.

Letztlich lassen sich alle völkerverderbenden Entwicklungen seit 1789 auf den massendemokratischen Internationalismus unter angloamerikanischer Leitung zurückführen. Nicht nur die beiden Weltkriege, sondern später auch Anti-Rassismus, Anti-Faschismus, Feminismus, die Gender-Ideologie und der Neoliberalismus.

Auch die Sowjetunion gehört in diesem Kontext als totalitäres "Experiment" betrachtet. Eine These, die auch Peter Haisenko in seinem Buch über das 20. Jahrhundert aufstellt. Zu keinem Zeitpunkt war die Sowjetunion autark, und vor allem im Zweiten Weltkrieg war man auf die bedingungslose Unterstützung aus den USA angewiesen.

1945, als der Boden für die Neue Weltordnung bereitet war, hätten es die Amerikaner in der Hand gehabt, dem "kommunistischen" Spuk ein schnelles Ende zu bereiten.

Nur hätte das den langfristigen Zielen des Internationalismus geschadet, und genau deshalb stieß General Patton mit seinen Plänen damals bei seinen Vorgesetzten auf Granit, als er darauf drängte, das geschwächte Russland im Handstreich zu nehmen.

Wer mir hier widerspricht, soll mir bitte die Frage beantworten, wieso England und Amerika damals bewusst auf Geländegewinn verzichteten, obwohl man de facto die Weltherrschaft zu diesem Zeitpunkt offensichtlich inne hatte und weder in Europa noch in Asien eine ernsthafte militärische Konkurrenz verblieben war.

Kahlenberg
4. Februar 2018 00:08

Diese Rezension, faktenreich, systematisch, schlank, und doch mit Musik, hat echt Freude gemacht. Und Lust auf das Buch.

Ostelbischer Junker
4. Februar 2018 17:32

@ Thomas Martini:
Drei Gründe kommen in Frage
1. Wahlen. Va die Engländer waren Kriegsmüde, schickten den Kriegstreiber Churchill, der ja tatsächlich diese Idee hatte sofort auf die gegenüberliegende Bank des Parlaments.
2. Unmöglich, eine solche Wendung, auch mit geschicktester Propaganda, mehrheits- und begeisterungsfähig zu machen. Wie soll man denn vernünftig erklären, dass das Volk, dass eben noch Millionen Tote bei der Beseitigung der faschistischen Kralle ließ und treuer verbündeter war, von jetzt auf gleich der neue Feind sein soll? Das widerstrebt dem menschlichen Ehrgefühl.
3. Russlands militärische Kraft. Invasion der Wehrmacht, beste Armee aller Zeiten, zwar mit viel Hilfe aber erfolgreich zurückgeschlagen. Inzwischen eine riesenhafte Rüstungsindustrie aufgebaut. Durch den Sieg hoch motivierte Soldaten. Ein Volk, dass beinahe alles ertragen würde. Es hätte wahrscheinlich einer Atombombe auf jeder mittleren Stadt bedurft, um zu gewinnen. Da war der kalte Krieg, ohne direkte Konfrontation und Massenvernichtung doch die ethischere Alternative.

Franz Bettinger
4. Februar 2018 21:29

@Martini: Ich will sie hier paraphrasieren, weil es wichtig ist, was Sie sagten: Nationalismus ist nichts anderes als der Selbstbehauptungs-Wille der Völker gegenüber jeder Fremdbestimmung. Das ist anti-imperialistisch.

Merke: Man stärke die Nation! Die Nationalstaaten sind die echten Feinde des Imperialismus, Egalitarismus, Globalismus und Internationalismus. Man verhindere alle, der eine Welt-Regierung anstreben, selbst wenn diese "Welt-Herrschaften" es unter den schmucken 12 Mänteln ihrer Menschlichkeit, Toleranz, Gleichheit, Gerechtigkeit, Frieden und Blabla tun. Es sind Verkleidungen. Darunter nichts als der Wille zur Macht, zur Allmacht.

Franz Bettinger
5. Februar 2018 08:10

@Ostelbischer Junker:

Die Engländer haben nicht "Millionen ihrer Landsleute" in WW2 verloren. Hier die Opferzahlen (circa): Deutschland 8 Mio. (davon die Hälfte Zivilisten), England: 320.000, USA: 260.000 (inklusive Pazifik), UDSSR: 20 Mio., China 12 Mio, Polen 4 Mio, Frankreich: <50.000 (?). (Quelle: dtv-Atlas Geschichte, Band 2, Seite 496). Ich halte diese Zahlen für wichtig. Sie scheinen mir ganz unabhängig von Recht oder Unrecht das unterschiedliche Maß von Vernichtungswille der kämpfenden Nationen aufzuzeigen.

Ostelbischer Junker
5. Februar 2018 08:27

@ Franz Bettinger
,,Millionen Tote“ bezog sich klar auf die Russen

Franz Bettinger
5. Februar 2018 08:35

@ Junker: Sie haben recht. Ich hatte es falsch verstanden.

Blue Angel
5. Februar 2018 11:13

Danke für die interessante Rezension, die Interesse an Buch und Person erweckt.

@Thomas Martini:
Die Vorstellung einer anglo-amerikanischen Weltregierung ist für mich eine Dystopie: Die nach dem II. WK dazu unternommenen Versuche haben genug Unheil gebracht, das sich noch heute auswirkt.

Hätten die Betreiber ihre Neue Weltordnung in den Vierziger Jahren durchsetzen können wären Daseinsformen wie in "1984" geschildert, wahrscheinlich pünktlich Realität geworden.

Kritik am Stalinismus ist aus nicht-russischer Sicht verständlich (in Russland selbst gibt es noch viele, die immer noch positive Aspekte für IHR Land sehen). Deshalb einem anglo-amerikanischem Weltreich Imperialismus abzusprechen und es als (zumindest zur damaligen Zeit) erstrebenswertes Gegenmodell zu betrachten, ist aus meiner Sicht nicht nachvollziehbar.

Die Sowjetunion hat ihre Soldaten aus der DDR abgezogen und die Wiedervereinigung ermöglicht. US-Basen, -Soldaten, -Lobbyisten, -Abhöreinrichtungen und -Atombomben haben wir immer noch im Land.

Stil-Bluete
5. Februar 2018 11:42

Bestellung von Salomons 'Fragebogen' abgegangen.
Gefällt mir, dass wir uns hier immer wieder auf kauf- und lesenswerte Bücher, die nicht ausschließlich das Aktuelle, Gegenwärtige reflektieren, vorwiegend aus dem anglo-amerikanischen Sprachraum, aufmerksam machen.

Hartwig aus LG8
5. Februar 2018 13:49

Danke Herr Kaiser. Ihr Beitrag war Anlass für mich, den "Fragebogen" aus dem Regal zu nehmen, wo er, einmal dort abgestellt, dem Schicksal des "Vergessenwerdens" entgegen ging. Die Rowohlt-Taschenbuchausgabe schreit allerdings nach einer stärkeren Lesebrille.

Fredy
5. Februar 2018 23:50

Schön geschrieben. Toller Schriftsteller, hoch interessante Persönlichkeit. Gerade solchen Menschen sollte man beim Lebensfazit zuhören, und nicht beleidigt sein, weil man sich in ein Bild der Person einer vorherigen Entwicklungsstufe "verliebt" hat. Die Geächteten als Hörbuch wäre zudem zu empfehlen. Sehr gut gemacht, atmosphärisch dicht.

Ansonsten ist der Fragebogen ein wichtiges Dokument deutscher Zeitgeschichte. Sprachlich wunderbar. Geschichtlich hochinteressant. Politisch erweckend. Wenn ich 5 Lieblingsbücher wählen müßte. Es wäre dabei.

Marc_Aurel
6. Februar 2018 08:34

Sehr interessante Figur, mit der sich eine nähere Beschäftigung lohnt - insofern, danke für den Artikel!

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