Sezession
10. Januar 2018

Ryszard Legutko. Der Dämon der Demokratie. Totalitäre Strömungen in liberalen Gesellschaften

Martin Lichtmesz

Ryszard Legutko: Der Dämon der Demokratie. Totalitäre Strömungen in liberalen Gesellschaften, Wien: Karolinger 2017. 188 S., 23 €

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Wer sich schon mal gefragt hat, warum gerade die lautesten Trompeter von »Demokratie« und »Pluralismus« so geistig verödete, eindimensionale und prosekutorisch gesinnte Gestalten sind, der wird in diesem scharfsinnigen Buch des polnischen Philosophen und EU-Abgeordneten der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) Ryszard Legutko eine Menge schlagender Antworten finden. Seine These wirkt nur auf den ersten Blick widersprüchlich: Ausgerechnet die westliche liberale Demokratie, die sich als großen Gegenentwurf zu totalitären und autoritären Gesellschaften sieht, hat sich inzwischen selbst zu einer »soften« Variante des Totalitarismus gemausert.

Der Grund liegt in der »hochmütigen und dogmatischen« Mutation des liberalen Systems zur Utopie, die, wie Legutko systematisch nachweist, starke Wesensähnlichkeiten zur Ideologie und Praxis des Kommunismus hat. Aus dem pragmatischen »Reich des kleineren Übels« (Jean-Claude Michéa) wurde eine Art von »Erlösungsliberalismus«, der sich selbst als Höhepunkt und das Endziel der geschichtlichen Entwicklung »des Menschen« zu immer mehr »Freiheit« und »Emanzipation« sieht.

Dieses Ziel basiert wie der Kommunismus auf radikal egalitären Prämissen und wird heute mit einer ähnlich krypto-religiösen Inbrunst verfolgt. Der ursprüngliche liberale Gedanke wird in der utopischen Form der »liberalen Demokratie« ad absurdum geführt, da es in ihrem Machtbereich nichts mehr geben soll, was nicht »liberal« oder »demokratisch« oder »liberal-demokratisch« ist, wobei diese Begriffe genauso fix kodiert und fetischisiert sind wie etwa der Begriff des »Sozialismus« im Kommunismus. Es gleicht dem Witz von Monty Pythons Leben des Brian, wenn der vermeintliche »Messias« Brian seinen Anhängern bescheidet, daß sie keinen Erlöser brauchen, da sie doch alle »völlig verschiedene Individuen« seien, worauf die Masse im Chor antwortet »Ja, wir sind alle Individuen! Wir sind alle völlig verschieden!«

Der Liberalismus, der mit dem Anspruch der Entpolitisierung angetreten ist, wird auf diese Weise zum Agenten einer flächendeckenden Politisierung, mit dem Ziel, per social engineering einen neuen, »diskriminierungs«-freien Menschen zu erziehen: »Nicht nur der Staat und die Wirtschaft sollten liberal, demokratisch oder liberal-demokratisch werden, sondern die ganze Gesellschaft, Ethik, Sitten, Familie, Kirche, Schulen und Universitäten, Gemeinden, Organisationen, Kultur und auch die menschlichen Gefühle und Wünsche. Menschen, Strukturen und Ideen außerhalb des liberal-demokratischen Musters galten als überholt, rückwärtsgewandt und nutzlos, aber zugleich auch als extrem gefährlich als Überreste des alten autoritären Systems.«

Im einen System wird »soziale Gerechtigkeit« mit dem Kommunismus identifiziert, im anderen »Freiheit« mit der »liberalen Demokratie« in ihrer bestehenden Form. Alternative freiheitliche und republikanische Formen werden dabei ausgeblendet, während die Kritik an der Demokratie, deren Tradition bis zu Platon und Sokrates zurück reicht, zur Blasphemie erklärt wird. Wie im Kommunismus wird dadurch die Sprache verflacht, verstümmelt und beschnitten, was sich besonders deutlich in der »politischen Korrektheit« zeigt. Die »Sprache der Moral und der Politik« werden miteinander kombiniert, »so, daß kein anderer Diskurs mehr der Natur des Systems gerecht werden kann. Es gibt kein Thema, wie trivial es auch sein sollte, das der liberale Demokrat nicht mit Freiheit, Diskriminierung, Gleichheit, den Menschenrechten, der Emanzipation und ähnlichem verbinden würde«, was sich, ähnlich wie im Kommunismus, besonders korrumpierend auf Künstler und Intellektuelle auswirke.

Die Ideologie, die Legutko beschreibt, ist identisch mit dem, was andere zugespitzter als »Kulturmarxismus« bezeichnen: »Die treibende Idee der kommunistischen Ideologie war der Klassenkampf, die der liberalen Demokratie ist die Triade von Klasse, Rasse und Gender.« Da »kämpft der Eurozentrismus gegen den Multikulturalismus, die Heterosexualität gegen die Homosexualität, Weiß gegen Schwarz, Europa gegen Afrika, Alt gegen Jung, Dünne gegen Dicke.« Und da der Ökonomismus allein nicht genügt, die Bedürfnisse des Menschen zu stillen, versorgen ihn Kommunismus und liberale Demokratie mit ebenso großspurigen wie flachen Instantidealen, die auf einen notwendigerweise »mittelmäßigen« Menschentypus zugeschnitten sind.

Wie bereits der berühmteste Apologet des liberal-demokratischen »Endes der Geschichte«, Francis Fukuyama, schrieb: Die Verwirklichung der liberalen Utopie (der, wie er betont, ein quasi marxistisch-hegelianisches Geschichtsbild zugrunde liegt) sieht eine Nivellierung zum »letzten Menschen« Nietzsches vor. Über Legutkos Analyse hinaus wäre noch die Frage zu beantworten, warum sich die »kulturmarxistische« Ideologie so blendend mit den neoliberalen Kapitalismus verträgt und mit ihm zur untrennbaren Einheit verschmelzen konnte.

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Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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