Friedrich-Wilhelm von Herrmann / Francesco Alfieri: Martin Heidegger. Die Wahrheit über die Schwarzen Hefte (= Philosophische Schriften 94)

Friedrich-Wilhelm von Herrmann/Francesco Alfieri: Martin Heidegger. Die Wahrheit über die Schwarzen Hefte (= Philosophische Schriften 94), Berlin: Duncker & Humblot 2017. 336 S., 39.90 €

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Der Pul­ver­dampf, den die Aus­ein­an­der­set­zung um die Schwar­zen Hef­te von Mar­tin Heid­eg­ger erzeug­te, hat sich schon vor eini­ger Zeit ver­zo­gen. Wer aber mein­te, man kön­ne den Gegen­stand der Debat­te nun nüch­tern beur­tei­len, sah sich inso­fern getäuscht, als die eine Sei­te einen nahe­zu tota­len Sieg davon getra­gen hat­te. Zur Erin­ne­rung: Die Schwar­zen Hef­te, eine Art Denk­ta­ge­buch der Jah­re 1931 bis 1948, als Mar­tin Heid­eg­ger sei­ne Gedan­ken in schwarz ein­ge­bun­de­nen Notiz­bü­chern notier­te, mach­ten bei ihrem erst­ma­li­gen Erschei­nen Furo­re, weil sich dar­in eine Hand­voll Bemer­kun­gen über Juden befan­den. Damit schien, was man bis­lang nur aus Indi­zi­en kon­stru­iert hat­te, daß Hei­deg-gers Enga­ge­ment von 1933 kein Aus­rut­scher war, son­dern im Gegen­teil, sein gan­zes Werk anti­sem­tisch kon­ta­mi­niert war.

So sprach jeden­falls das deut­sche Feuil­le­ton nahe­zu ein­hel­lig und folg­te damit dem Her­aus­ge­ber der Hef­te, Peter Traw­ny (geb. 1964), der in einer gleich­zei­tig mit den Bän­den erschie­ne­nen Inter­pre­ta­ti­on einen »seyns­ge­schicht­li­chen Anti­se­mi­tis­mus« bei Heid­eg­ger aus­zu­ma­chen mein­te. Daß das Unsinn ist, muß­te eigent­lich jedem klar sein, der sich im Werk Heid­eg­gers und der Geis­tes­ge­schich­te des 20. Jahr­hun­derts etwas aus­kennt. Den­noch war der Auf­schlag Traw­nys erfolg­reich, weil er alle Res­sen­ti­ments bedien­te, die sich in der Bun­des­re­pu­blik gegen­über gro­ßen Geis­tern, deren Werk auch in die Jah­re 33 bis 45 fällt, eta­bliert haben.

Nun ist ein Buch erschie­nen, das sich nicht ganz unbe­schei­den zum Ziel gesetzt hat, die »Wahr­heit über die Schwar­zen Hef­te« ans Tages­licht zu brin­gen. Wer hier eine Sen­sa­ti­on ver­mu­tet, wird ent­täuscht wer­den. Der von dem letz­ten Assis­ten­ten Heid­eg­gers und spä­te­ren Phi­lo­so­phie­pro­fes­sor in Frei­burg, Fried­rich-Wil­helm von Herr­mann (geb. 1934), und dem ita­lie­ni­schen Phi­lo­so­phen Fran­ces­co Alfie­ri (geb. 1976), der an der Päpst­li­chen Late­ran­uni­ver­si­tät lehrt, her­aus­ge­ge­be­ne Band stützt sich fast aus­schließ­lich auf die bereits publi­zier­ten Tex­te. Das Wort »Wahr­heit« bezieht sich zwar auch auf die Rich­tig­keit der Aus­sa­gen (und damit auf die Unwahr­heit der Inter­pre­ta­ti­on von Traw­ny), meint aber eigent­lich die »Un-ver­bor­gen­heit« von Heid­eg­gers Werk.

Die The­se: Man muß Hei­deg-gers Tex­te nur rich­tig zu lesen wis­sen, dann erschließt sich die Wahr­heit dar­über von selbst. Damit ist nicht nur impli­ziert, daß Traw­ny nicht lesen kann, es wird an meh­re­ren Stel­len aus­drück­lich gesagt. Die­sem feh­le es an »Begriffs­schär­fe und phi­lo­so­phi­schem Urteils­ver­mö­gen«. Er sei mit sei­ner »nai­ven Inter­pre­ta­ti­on« im Irr­tum, weil ihm das »her­me­neu­ti­sche Ent­schlüs­se­lungs­sche­ma« feh­le, das in der »Rück­kehr zu den Schrif­ten Heid­eg­gers« lie­ge. Das gan­ze Buch arbei­tet sich daher impli­zit an Traw­ny ab. Es ent­hält knap­pe Erläu­te­run­gen von Herr­mann, eine aus­ge­dehn­te »his­to­risch-kri­ti­sche Ana­ly­se« der Hef­te von Alfie­ri (die aller­dings über­wie­gend eine Zita­ten­samm­lung ist), jeweils drei Brie­fe von Heid­eg­ger und Gada­mer an Herr­mann, eine kur­ze Abhand­lung über die »Juden­fra­ge« in den Schwar­zen Hef­ten (Leo­nar­do Mes­si­ne­se), eine Ana­ly­se der media­len Instru­men­ta­li­sie­rung der Hef­te in Ita­li­en und schließ­lich den bereits bekann­ten Ein­spruch des Soh­nes Her­mann Heid­eg­gers gegen die Ver­ur­tei­lung sei­nes Vaters als Antisemit.

Die Bemü­hun­gen der Her­aus­ge­ber gehen dahin zu zei­gen, daß es eine Gren­ze zwi­schen dem »rei­nen Den­ken Heid­eg­gers und sei­nen pri­va­ten per­sön­li­chen Äuße­run­gen« gibt, die mit­ten durch die Schwar­zen Hef­te ver­läuft und zu denen die skan­da­li­sier­ten Äuße­run­gen gehö­ren. Als Indiz dafür wird, neben der Neulek­tü­re der Hef­te, vor allem ange­führt, daß sich in Heid­eg­gers Wer­ken der 30er und 40er Jah­re kei­ne ähn­li­chen Äuße­run­gen fin­den las­sen. So löb­lich die Treue der bei­den Her­aus­ge­ber zum eigent­li­chen Heid­eg­ger ist, so pro­ble­ma­tisch bleibt das Unter­neh­men in eini­gen Belangen.

Die Aus­ein­an­der­set­zung mit Traw­ny ist größ­ten­teils rein pole­misch und bleibt daher uner­gie­big. Die Neulek­tü­re der Hef­te wird Hei­deg-gers Den­ken vor allem dann nicht gerecht, wenn poli­ti­sche Impli­ka­tio­nen her­un­ter­ge­spielt wer­den. Die­se fin­den sich aber in allen Schrif­ten der 30er und 40er Jah­re! Letzt­end­lich kön­nen sich die Her­aus­ge­ber von den ideo­lo­gi­schen Vor­ga­ben Traw­nys nicht frei­ma­chen, son­dern haben akzep­tiert, daß man sich von Heid­eg­ger auch heu­te noch in Tei­len »distan­zie­ren« muß. Daß Heid­eg­ger nicht in den Kate­go­rien der poli­ti­schen Kor­rekt­heit dach­te, haben offen­bar alle Betei­lig­ten übersehen.

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Fried­rich-Wil­helm von Herrmann/Francesco Alfie­ris Mar­tin Heid­eg­ger kann man hier bestel­len.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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