Aloys Prinz Liechtenstein: Das Kalifat. Historisch-soziale Studie

Konrad Gill rezensiert: Aloys Prinz Liechtenstein: Das Kalifat. Historisch-soziale Studie, Wien: Karolinger 2017. 96 S., 18 €

 Gastbeitrag

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Als isla­mi­sche Gue­ril­le­ros 2014 ein »Kali­fat« im Irak aus­rie­fen, erweck­ten sie einen zen­tra­len Begriff der moham­me­da­ni­schen poli­ti­schen Theo­lo­gie wie­der zum Leben und schu­fen sich damit ein Mobi­li­sie­rungs- und Pro­pa­gan­da­mit­tel ers­ter Güte. Denn der Traum vom unge­teil­ten, poli­ti­sche und reli­giö­se Macht ver­ei­nen­den Glau­bens­staat ist so alt wie die isla­mi­sche Reli­gi­on selbst, die sich fast sofort nach dem Tod ihres Grün­ders über Nach­fol­ge­fra­gen zer­stritt und in ver­fein­de­te Kon­fes­sio­nen spal­te­te. Nur im Erobe­rungs­drang nach außen hiel­ten die Mos­lems zusam­men und erober­ten in kaum mehr als hun­dert Jah­ren nach dem Tod ihres (angeb­li­chen) Pro­phe­ten eines der größ­ten Rei­che der Weltgeschichte.

Die­ser erstaun­li­chen Erfolgs­ge­schich­te geht die 1909 erst­mals erschie­ne­ne Stu­die Das Cali­fat des habs­bur­gi­schen Diplo­ma­ten und Poli­ti­kers Prinz Aloys von und zu Liech­ten­stein nach. Aus­ge­hend von sei­ner kon­ser­va­ti­ven, den Fort­schritt als uni­ver­sel­le Idee für Unsinn erklä­ren­den Welt­sicht schil­dert er zunächst die ori­en­ta­lisch-semi­ti­sche Men­ta­li­tät, die wech­sel­sei­ti­gen Unver­träg­lich­kei­ten zwi­schen Juden und Mos­lems, und gibt eini­ges Mate­ri­al zur Geschich­te des spät­an­ti­ken ara­bi­schen Rau­mes in sei­ner Kon­ti­nui­tät zum Alten Ori­ent bis hin­ab in die meso­po­ta­mi­schen Blütezeiten.

Die­se weit­schwei­fi­gen Prä­lu­di­en lesen sich inhalt­lich teils anti­quiert, sti­lis­tisch aber frisch und ele­gant, sind jeden­falls ech­tes his­to­ri­sches Den­ken und dürf­ten damit für Ewig­heu­ti­ge schwer erträg­lich sein. Sodann ana­ly­siert Prinz Aloys den schnel­len Auf­stieg, kur­zen Höhe­punkt und schnel­len Ver­fall des Kali­fats­sys­tems zwi­schen 632 (angeb­li­cher Tod Moham­meds) und 745 n.Chr., als nach und nach Tei­le des Rei­ches began­nen, vom Kali­fen abzu­fal­len und statt des Isla­mi­schen Staa­tes isla­mi­sche Staa­ten entstanden.

Schlank und ohne Fuß­no­ten­ap­pa­rat macht die­ser von wis­sen­schaft­li­cher Neu­gier­de getrie­be­ne, den­noch nicht ohne Pole­mik aus­kom­men­de ‑Essay deut­lich, wie geschickt das maß­los ehr­gei­zi­ge Pro­jekt, mit einem beu­te­gie­ri­gen Ver­band bet­tel­ar­mer Wüs­ten­no­ma­den die hal­be Welt zu erobern, anfangs sei­ne Zie­le erreich­te – und wor­an es letzt­lich schei­ter­te. Vom Vor­rang der Sip­pe vor der Nati­on über eine merk­wür­dig kauf­män­ni­sche Inter­pre­ta­ti­on von Min­der­hei­ten­rech­ten (ins­be­son­de­re der Glau­bens­frei­heit) bis hin zu einer for­ma­lis­ti­schen, ego­is­tisch inter­pre­tier­ba­ren reli­giö­sen Dog­ma­tik wird der Leser hier man­ches Ele­ment fin­den, das in der Aus­ein­an­der­set­zung mit der ara­bi­schen Kul­tur und mit dem Islam noch heu­te, bald 1400 Jah­re nach des letz­te­ren Ent­ste­hen, eine Rol­le spielt.

Inso­fern ist das Buch auch ein klei­ner Bei­trag zum Ver­ständ­nis der heu­ti­gen Stra­te­gie von Expan­si­on durch Ein­wan­de­rung. Der ira­kisch-syri­sche »Isla­mi­sche Staat«, der im 21. Jahr­hun­dert etwa drei Jah­re lang Bestand hat­te, ver­schwand sehr schnell, nach­dem sei­ne Geg­ner ihre inne­ren Kon­tro­ver­sen zur Sei­te gescho­ben hat­ten, und offen­bar­te dadurch sei­ne rela­ti­ve Schwä­che. »Kali­fat« und »Isla­mi­scher Staat« – es sind fast Syn­ony­me; Begrif­fe für eine Pries­ter­herr­schaft, die nur so lan­ge ihre Macht erhal­ten kann, wie es ihr gelingt, die Flieh­kräf­te unter den eige­nen Leu­ten gegen zer­strit­te­ne Geg­ner zu lenken.

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Aloys Prinz Liech­ten­steins Das Kali­fat kann man hier bestel­len.

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