Victor Sebestyen: Lenin. Ein Leben / Hugo Fischer: Lenin. Der Machiavell des Ostens

Victor Sebestyen: Lenin. Ein Leben, Rowohlt: Berlin 2017. 704 S., 29.95 € / Hugo Fischer: Lenin. Der Machiavell des Ostens, Matthes & Seitz Berlin: Berlin 2018. 328 S., 30 €

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Es gibt zahl­rei­che Bio­gra­phien über Wla­di­mir Iljitsch Ulja­now (1870–1924), genannt Lenin. Her­vor­zu­he­ben sind dabei die For­schungs­ar­bei­ten von Wolf­gang Ruge und Robert Ser­vice, für Teil­aspek­te sind Isaac Deut­scher, Wla­dis­law Hede­ler und Orlan­do Figes heranzuziehen.

Was zunächst wie »leni­no­lo­gi­sches« Name drop­ping wir­ken mag, zeigt: Die Not­wen­dig­keit einer wei­te­ren Arbeit ist objek­tiv nicht gege­ben – es sei denn, ein Autor kann auf bis dato unbe­kann­tes Mate­ri­al zurück­grei­fen oder ori­gi­nel­le Neu­deu­tun­gen bie­ten. Lei­der trifft nichts davon auf Vic­tor Sebe­s­ty­ens weit­läu­fig rezen­sier­te Lenin-Bio­gra­phie zu. Gewiß: Der Schreib­stil des anglo-unga­ri­schen Publi­zis­ten ist ange­nehm, sei­ne Kennt­nis der Epo­che unbe­streit­bar, der Umfang ange­mes­sen, das Bild­ma­te­ri­al ansehnlich.

Und doch kann Sebe­s­ty­en kei­ne uner­schlos­se­nen Quel­len bie­ten, und eine ori­gi­nel­le Neu­deu­tung ist sei­ne Sache nicht. Stö­rend ist zudem ein wei­te­rer Aspekt: Bis­wei­len schlägt ein anti­rus­si­scher Affekt durch, wenn Sebe­s­ty­en Ver­glei­che zu »einer neu­en Spe­zi­es von Auto­kra­ten«, die heu­te Ruß­land regier­ten, zieht, oder davor warnt, daß welt­weit »popu­lis­ti­sche Wort­füh­rer des lin­ken wie rech­ten Spek­trums« Lenins Fra­ge­stel­lun­gen, die akut blie­ben, auf­grei­fen könnten.

Ganz anders ein Werk des Phi­lo­so­phen Hugo Fischer (1897–1975), der Ende der 1920er und Anfang der 1930er Jah­re im Umfeld des Wider­stands­krei­ses um Ernst Nie­kisch und Ernst Jün­ger aktiv war. Fischers Schrift Lenin. Der Machia­vell des Ostens konn­te 1933 nicht erschei­nen; einen bereits gesetz­ten Buch­block des Manu­skripts sand­te er im Früh­jahr des­sel­ben Jah­res an Carl Schmitt. Die­ser gab es fünf­zehn Jah­re spä­ter an Armin Moh­ler, bevor es aus des­sen Nach­laß an Gün­ter Masch­ke über­ging. Von Masch­ke erhiel­ten es die jet­zi­gen Her­aus­ge­ber Man­fred Lau­er­mann und Stef­fen Dietzsch.

Fischer inter­es­sier­te sich für Lenins Poli­tik im Sin­ne einer Phi­lo­so­phie der Pra­xis: Der Schöp­fer der Sowjet­uni­on habe einen neu­en poli­ti­schen Rea­lis­mus – Sebas­ti­an Haff­ner nann­te dies einen »har­ten machia­vel­lis­ti­schen Rea­lis­mus« – ent­lang der drei Bau­stei­ne Revo­lu­ti­on, Reich und Räte kre­iert, wobei spür­bar wird, daß Fischer, wie sein Umfeld um Nie­kisch und Jün­ger, in Lenins Umsturz ein genu­in rus­si­sches Auf­bäu­men sah (»eine letz­te Mög­lich­keit« für Ruß­land), das aber pla­ne­ta­ri­sche Züge hin­sicht­lich eines neu­en Arbei­ter-Typus annahm: »Aus dem in Bran­chen, Klas­sen, Stän­de, Schich­ten gespal­te­nen Volk wird ein ein­zi­ges Arbeits­volk […]. Das ist der moder­ne Mythos des Sozia­lis­mus

Ver­wirk­licht wor­den sei die­ser Mythos durch Lenin, den Fischer als »Stern ers­ter Grö­ße am Him­mel der Poli­tik« preist. Kri­ti­scher bewer­tet er hin­ge­gen Mus­so­li­ni – er habe in Ita­li­en die Maschi­ne­rie umge­baut, schuf aber nichts fun­da­men­tal Neu­es. Auch Lenins Nach­fol­ger Sta­lin erscheint sub­al­tern. Schuf der doch (und hier weiß sich Fischer pos­tum mit Han­nah Arendt einig) eine ande­re Sowjet­uni­on, in der ein »Glau­be« an das Regime zwangs­ver­ord­net wur­de, was der Lenin­schen Fle­xi­bi­li­tät – sei­nem Machia­vel­lis­mus – wesens­ge­mäß zuwiderlief.

Fischers Werk macht nicht nur dies deut­lich; es ist viel­schich­tig, eigen­tüm­lich, aus­ge­spro­chen ori­gi­nell. Daß es nun erst­mals in sei­ner inte­gra­len Fas­sung vor­liegt, ist ein gro­ßer Wurf der Her­aus­ge­ber, die über­dies ein exzel­len­tes Nach­wort bei­steu­er­ten. Auch 2018 ist vor­lie­gen­de Schrift span­nend zu lesen – sie kann es 85 Jah­re nach ihrer Nie­der­schrift mit jeder Arbeit über Lenin aufnehmen.

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Vic­tor Sebe­s­ty­ens Lenin kann man hier bestel­len, Hugo Fischers Lenin gibt es hier.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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Kommentare (1)

Der Gehenkte

15. Februar 2018 15:27

Auf den Hugo Fischer kann man nur gespannt sein!

Zu Sebestyen: prinzipiell Zustimmung. Allerdings kann man doch etwas mehr herausholen, scheint mir, zur "inneren Logik der Macht" und auch zur charakterlichen Disposition, die bei Lenin geschichtsmächtig war. U.a. das wird hier entwickelt:

https://seidwalkwordpresscom.wordpress.com/2017/11/08/lenin-again/