Horst G. Herrmann: Im Moralapostolat. Die Geburt der westlichen Moral aus dem Geist der Reformation

Horst G. Herrmann: Im Moralapostolat. Die Geburt der westlichen Moral aus dem Geist der Reformation, Lüdinghausen/Berlin: Edition Sonderwege 2017. 381 S., 22.80 €

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Mit­ten­rein in die viel­fach umsäu­sel­te »Luther­de­ka­de« kracht die­ses Buch! Daß Luther ein der­ber Juden­has­ser war und sich im Bau­ern­krieg auf die Sei­ten der Obrig­keit stell­te: geschenkt. Autor Her­mann, Phi­lo­soph des Jahr­gangs 1961, hält sich mit sol­chen Gemein­plät­zen nicht auf. Er geht in die Vol­len, und wie! Daß gewal­ti­ge Explo­sio­nen nach die­sem uner­hör­tem Wurf bis­lang aus­blie­ben, hat einen ein­fa­chen oder gera­de kom­pli­zier­ten Grund: Über wei­te Stre­cken ist Im Moral­apos­to­lat der­art vor­aus­set­zungs­reich geschrie­ben, daß ein geis­tes­wis­sen­schaft­li­ches Stu­di­um (nach heu­ti­gen Maß­ga­ben, »Bache­lor«, ver­steht sich) als Grund­be­din­gung nicht aus­rei­chen dürf­te. Hier wird nicht gepol­tert und kein Säbel geschwun­gen, hier wird hoch­kon­zen­triert an Maschen und Mäschel­chen geklöppelt.

Aber wie! Das heißt: Eine hoch­kon­zen­trier­te Lek­tü­re (592 Fuß­no­ten!) ist erfor­der­lich. Theo­dor Fon­ta­ne (von Her­mann uner­wähnt) hat­te die Quint­essenz in Schach von Wuthe­now dem noto­ri­schen Pro­vo­ka­teur von Bülow knapp in den Mund gelegt: »Es geht eine Sage, daß mit dem Man­ne von Wit­ten­berg die Frei­heit in die Welt gekom­men sei, und beschränk­te His­to­ri­ker haben es dem Vol­ke so lan­ge ver­si­chert, bis man’s geglaubt hat. Aber was hat er denn in Wahr­heit in die Welt gebracht? Unduld­sam­keit und Hexen­pro­zes­se, Nüch­tern­heit und Langeweile.

Das ist kein Kitt für Jahr­tau­sen­de.« Herr­mann nun schlüs­selt von Bülows Kri­tik auf und schreibt sie fort, und zwar in Form von drei­und­drei­ßig »Mar­gi­na­li­en«, die bei­spiels­wei­se so titeln: »Die Lie­be in Zei­ten der Rein­heit« oder »Neu­for­ma­tier­tes Fege­feu­er, unein­ge­stan­de­ne Ein­ge­wei­de­schau: Das pro­tes­tan­ti­sche Gewis­sen«. Das ist wirk­lich har­ter Tobak. Der Autor folgt dem Schmitt­schen Dik­tum, wonach »alle prä­gnan­ten Begrif­fe der moder­nen Staats­leh­re« de fac­to »säku­la­ri­sier­te theo­lo­gi­sche Begrif­fe« sei­en: Unse­re hyper­mo­ra­li­sche Gesin­nungs­di­ka­ta­tur, die pro­kla­mier­te »Alter­na­tiv­lo­sig­keit« sowie die Erin­ne­rungs- und Will­kom­mens­kul­tur unse­rer Tage sei­en her­ab­ge­sun­ke­ne Sedi­men­te eines hygie­ni­schen Glau­bens, »der mit Luther die Welt­büh­ne betrat und sich vor allem durch eines aus­zeich­ne­te: Unduldsamkeit.«

Herr­mann kennt den his­to­ri­schen Luther eben­so­gut wie sei­ne zeit­ge­nös­si­schen Voll­stre­cker, jene Typen und Typ­in­nen, die »mit einer Mischung aus bran­ding und Sen­ti­men­ta­li­tät« und zusätz­lich der Zugriffs­mög­lich­keit auf media­le und mone­tä­re tools sich an den eige­nen Haa­ren aus dem Sumpf der Bedeu­tungs­lo­sig­keit zu zie­hen ver­mö­gen. Was haben wir davon? Die tota­le und per­ver­se Glo­ri­fi­zie­rung sämt­li­cher Sün­den­fäl­le der Mensch­heit: durch das »Patri­ar­chat«, durch die Skla­ve­rei, die Kreuz­zü­ge, die Inqui­si­ti­on, den Kolo­nia­lis­mus, Ras­sis­mus, Waldsterben.

Luther habe mit sei­ner Ambi­va­lenz­feind­schaft die Sün­de­rei erst groß­ge­macht; Her­mann: »Im Kern der deut­schen Erin­ne­rungs­kul­tur voll­zieht sich ein refor­ma­to­ri­sches Recht­fer­ti­gungs­ge­sche­hen ohne Gott: die Mög­lich­keit einer luzi­den Selbst­recht­fer­ti­gung durch hyper­mo­ra­li­sche Buß­fer­tig­keit, durch ›Sün­den­stolz‹ bis hin zum Selbst­haß.« Luthers ste­ri­le, exklu­die­ren­de und angst­schü­ren­de Agen­da ent­beh­re jedes inte­gra­ti­ven, damit men­schen­ge­mä­ßen Poten­ti­als und wäre damit das, was Fon­ta­nes von Bülow schon früh erkann­te: Ein wirk­mäch­ti­ges »Nar­ra­tiv«, aber eben auch, viel­leicht, eine Epi­so­de. Weil hier von den Wur­zeln hin zu den Ver­äs­te­lun­gen gear­bei­tet und beschnit­ten wird, in eben­die­ser Rei­hen­fol­ge, wird der moral turn des Wes­tens (der Sieg von Haber­mas im His­to­ri­ker­streit) erst zur Mit­te die­ses Feu­er­werks zum Glü­hen gebracht.

Daß hier – von einem Katho­li­ken – der Ost­kir­che Avan­cen gemacht wer­den, ist kaum ver­wun­der­lich. Autor Horst G. Herr­mann ist mir übri­gens auf der Frank­fur­ter Buch­mes­se über den Weg gelau­fen. Da kann­te ich weder ihn noch das (damals noch unge­druck­te) Buch. Der Herr trug eine Trai­nings­ja­cke und Adi­das­schu­he, mit­hin ziem­lich das letz­te, was man von einem Ver­fas­ser theo­lo­gisch fun­dier­ter und kate­che­se­taug­li­cher Schrif­ten erwar­tet. Ein Hoch auf die Ambivalenz!

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Horst G. Herr­manns Im Moral­apos­to­lat kann man hier bestel­len.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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