Ulrich Keller: Schuldfragen. Belgischer Untergrundkrieg und deutsche Vergeltung im August 1914

Olaf Haselhorst über Ulrich Keller: Schuldfragen. Belgischer Untergrundkrieg und deutsche Vergeltung im August 1914, Paderborn: Schöningh 2017. 435 S., 44.90 €

 Gastbeitrag

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Das Geschichts­bild über den Ers­ten Welt­krieg ist einer rasan­ten Revi­si­on unter­wor­fen. Bezeich­nend ist, daß sich bei der Wie­der­ent­de­ckung der Wahr­heit fach­li­che Außen­sei­ter und aus­län­di­sche His­to­ri­ker her­vor­tun. Gun­ter Spraul (Der Frank­tireur­krieg 1914, Ber­lin 2016) ist Gym­na­si­al­leh­rer gewe­sen. Ulrich Kel­ler arbei­tet als Kunst­his­to­ri­ker an der Uni­ver­si­tät San­ta Barbara/Kalifornien. Er weist der 2001 erschie­nen­den Stu­die von John Hor­ne und Alan Kra­mer über die Ger­man Atro­ci­ties in Bel­gi­en 1914 die Fehl­ur­tei­le nach, bel­gi­sche Frei­schär­ler hät­te es nicht gege­ben und die deut­schen Ver­lus­te beim Ein­marsch hät­ten nur auf friend­ly fire und Mas­sen­sug­ges­tio­nen beruht.

Kel­lers Urteil: Die­se Arbeit kenn­zeich­ne das Igno­rie­ren des For­schungs­stan­des, fuße auf Behaup­tun­gen ohne Bele­ge und ent­hal­te zuwei­len gro­be Tat­sa­chen­ent­stel­lung. Kel­ler stieß im Bun­des­ar­chiv auf über 2000 beei­de­te Aus­sa­gen deut­scher Sol­da­ten über Frank­tireur­feu­er in 380 bel­gi­schen Orten. Die­sen sys­te­ma­tisch geäch­te­ten deut­schen Quel­len ste­hen pro-bel­gi­sche Zeug­nis­se gegen­über, die ohne nen­nens­wer­te Kri­tik nahe­zu aus­nahms­los als rei­ne Wahr­heit aner­kannt, deut­sche Gegen­dar­stel­lun­gen dage­gen eben­so regel­mä­ßig und kri­tik­los als unglaub­wür­dig erklärt oder völ­lig ver­fäl­schend wie­der­ge­ge­ben wor­den seien.

In einem Vor­wort bekennt der His­to­ri­ker Gerd Kru­meich, daß »deut­sche Bel­gi­en­greu­el« ein Kon­sens der »seriö­sen For­schung« sei. Gegen­ar­gu­men­te sei­en nicht von Fach‑, son­dern von Hob­by-His­to­ri­kern gekom­men und in »recht absei­ti­gen Publi­ka­ti­ons­or­ga­nen« erschie­nen. Kel­lers Ergeb­nis­se wider­spre­chen allem, was man sich gewöhnt hat­te, für gut und rich­tig zu hal­ten. Zwei­fel am For­schungs­kon­sens hat Kru­meich selbst nicht zu äußern gewagt, aus Angst, sich in der sci­en­ti­fic com­mu­ni­ty zu isolieren.

Kel­lers Buch ist in neun Abschnit­te unter­teilt. Er the­ma­ti­siert die Quel­len- und Rechts­la­ge, die Kämp­fe in Löwen, Lüt­tich, Anden­ne sowie Dinant und arbei­tet her­aus, daß es sehr wohl zu bel­gi­schen Par­ti­sa­nen­an­grif­fen gekom­men ist. Er unter­sucht die Orga­ni­sa­ti­on des bel­gi­schen Zivil­wi­der­stan­des. Dem­nach rekru­tier­ten sich die Frank­tireurs aus den 140000 Miliz-ange­hö­ri­gen sowie Tau­sen­den in Zivil gesteck­ten Sol­da­ten. Heim­tü­cki­sche Feu­er­über­fäl­le durch Nicht-Kom­bat­tan­ten waren 1914 in Bel­gi­en an der Tagesordnung.

Gemäß Haa­ger Land­kriegs­ord­nung ist Ein­woh­ner­wi­der­stand in besetz­ten Gebie­ten immer ille­gal, in noch nicht besetz­ten Gebie­ten aber an Vor­be­din­gun­gen geknüpft: offe­nes Waf­fen­tra­gen, ein­heit­li­che Kenn­zeich­nung, gemein­sa­me Füh­rung und Beach­tung des Kriegs­völ­ker­rechts. Kein von den Deut­schen je gesich­te­ter, ver­haf­te­ter oder erschos­se­ner bel­gi­scher Frank­tireur hat ein visu­el­les Abzei­chen getra­gen. Kel­ler hält die Zahl der bel­gi­schen Ver­lus­te – rund 5000– für weit über­trie­ben, ver­steckt sei­ne Kri­tik aber in einer Anmer­kung auf Sei­te 359.

In der Wei­ma­rer Repu­blik war der kor­rek­te Sach­ver­halt – bel­gi­sche Par­ti­sa­nen­über­fäl­le und deut­sche Reak­tio­nen – Kon­sens in der Publi­zis­tik. Ein 1923 dem Reichs­tag vor­ge­leg­ter Unter­su­chungs­be­richt kam zu dem Ergeb­nis, daß das Ver­hal­ten der deut­schen Trup­pen unter dem Druck der bel­gi­schen Frei­schär­ler-Atta­cken im wesent­li­chen den gel­ten­den Gebräu­chen und Geset­zen des Krie­ges ent­spro­chen habe. Nach 1945 hät­ten sich deut­sche His­to­ri­ker der Staats­rä­son West­bin­dung gebeugt und »retu­schier­ten« die his­to­ri­sche Wahr­heit zur poli­tisch gewünsch­ten Sicht­wei­se. Ein »breit ange­leg­tes Umer­zie­hungs­pro­gramm in den Schu­len« tat ein übriges.

Kel­ler beur­teilt die Aus­sa­gen deut­scher Sol­da­ten als erheb­lich glaub­wür­di­ger als die bel­gi­scher Zivi­lis­ten. In der »poli­tisch kor­rek­ten For­schung« haben gezwun­ge­ne, rein spe­ku­la­ti­ve und heil­los wider­sprüch­li­che Unter­stel­lun­gen ohne Zeu­gen­fun­da­ment, rein durch unkri­ti­sche Wie­der­ho­lung den Stel­len­wert von Fak­ten ange­nom­men. Statt zu zei­gen, wie es wirk­lich gewe­sen ist, sei die Tra­die­rung mora­li­scher Ent­rüs­tung über »Gewalt­ex­zes­se der wil­hel­mi­ni­schen Armee« der »Haupt­zweck moder­ner his­to­ri­scher For­schung“ gewesen.

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Ulrich Kel­lers Schuld­fra­gen kann man hier bestel­len.

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