Kapitaldelikte (1): Was in der Wirtschaft Werte schafft

Unternehmen legen wert auf Werte. Doch wie verhalten sich diese Werte zu unseren Werten?

Lutz Meyer

Lutz Meyer kommt aus der linksanarchistischen Szene, seine Themen findet er auf der Straße.

Ob Klein­un­ter­neh­men, Mit­tel­ständ­ler oder Groß­kon­zern – jedes Unter­neh­men hat sie und hält gro­ße Stü­cke auf sie: Wer­te. Man fin­det sie in Image­bro­schü­ren oder in Pro­spek­ten zur Inves­tor Rela­ti­ons­hip sowie auf Netz­sei­ten unter „Unse­re Wer­te“ oder „Unse­re Unternehmensphilosophie“.

Wer­te zu haben klingt gut – beson­ders für Unter­neh­men, denen man oft und gern nach­sagt, daß sie durch ihr kurz­sich­ti­ges Pro­fit­in­ter­es­se Wer­te gefähr­den und etwa einen erheb­li­chen Bei­trag zur Umwelt­zer­stö­rung und zur Ein­eb­nung kul­tu­rel­ler Unter­schie­de leis­ten und fer­ner als Akteu­re der Glo­ba­li­sie­rung die Auf­lö­sung natio­na­ler Iden­ti­tä­ten sowie durch hohe Fle­xi­bi­li­täts­an­for­de­run­gen auch die Auf­lö­sung klas­si­scher Fami­li­en­struk­tu­ren befördern.

Ein Wert hin­ge­gen ist etwas, was über den Tag hin­aus Bestand hat, allen Wan­del über­dau­ert und inner­halb des Wan­dels Halt und Ori­en­tie­rung gibt. „Wert“ klingt nach Gemein­sinn, nach Über­nah­me von Ver­ant­wor­tung, nach höhe­ren Inter­es­sen als der blo­ßen Gewinn­ma­xi­mie­rung. Schau­en wir uns die­se Wer­te von Unter­neh­men also ein­mal näher an.

Die Unter­neh­mens­be­ra­tung KMPG etwa setzt im Rah­men ihres Wer­te­ka­nons auf Diver­si­tät und macht sich stark für „Viel­falt und eine Kul­tur der gegen­sei­ti­gen Wert­schät­zung unab­hän­gig von Alter, Behin­de­rung, Geschlecht, geschlecht­li­chem Aus­druck und Iden­ti­tät, eth­ni­scher oder kul­tu­rel­ler Her­kunft und Religion“.

Auch in der Che­mie­bran­che ist Diver­si­tät gern gese­hen. BASF etwa schätzt als Wert die „Viel­falt – von Men­schen, Mei­nun­gen und Erfah­run­gen“, wäh­rend es bei Lan­xess dif­fe­ren­ziert heißt: „Wir inter­pre­tie­ren Diver­si­ty als eine opti­ma­le Mischung ver­schie­de­ner Natio­na­li­tä­ten, Kul­tu­ren und Lebens­er­fah­rung. Durch die­se Viel­falt ist es uns mög­lich, mit unter­schied­li­chen Blick­win­keln auf unse­re The­men zu schau­en und uns ste­tig wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Diver­si­ty macht uns somit inno­va­ti­ver und wett­be­werbs­fä­hi­ger.“ Die­se Lis­te lie­ße sich fortsetzen.

Ob gegen Diver­si­tät (immer­hin auch ein Fach­be­griff der Öko­lo­gie) etwas ein­zu­wen­den ist? Eigent­lich nicht – wenn man sich denn im glei­che Maße dazu beken­nen wür­de, auch und viel­leicht sogar vor­ran­gig das Eige­ne zu schüt­zen und zu för­dern. So aber lesen sich ein­schlä­gi­ge Wert­set­zun­gen wie ein devo­tes Bekennt­nis zur bekannt­lich alter­na­tiv­lo­sen Poli­tik der gren­zen­lo­sen Ver­mi­schung aller Kul­tu­ren (Lan­xess spricht ja expli­zit von der „opti­ma­len Mischung“).

Tat­säch­lich will man die diver­sen Kul­tu­ren als sol­che auch gar nicht erhal­ten – ein­heit­li­che Märk­te mit genorm­ten Ziel­grup­pen ver­ur­sa­chen deut­lich weni­ger Kos­ten und las­sen sich erheb­lich ein­fa­cher bedie­nen. Der Begriff Diver­si­tät meint in der Unter­neh­mens­spra­che eigent­lich das Gegen­teil von dem, was er hier aus­zu­sa­gen vor­gibt: die Ver­schie­den­heit soll nicht gepflegt, son­dern kurz­fris­tig aus­ge­nutzt und als­bald auf­ge­ge­ben wer­den – alles Diver­se sich zu einem Uni­ver­sen wan­deln, zu einer pfle­ge­leich­ten Mischung wer­den, in der gewach­se­ne Iden­ti­tä­ten eben gera­de kei­ne Rol­le mehr spie­len. Die stö­ren nur – fort mit ihnen.

Nun darf man natür­lich kei­ne all­zu hohen intel­lek­tu­el­len Erwar­tun­gen an unter­neh­me­ri­sche Pro­sa rich­ten, die – obwohl oft und gern auch mit dem Titel „Unter­neh­mens­phi­lo­so­phie“ ver­se­hen – doch noch ein gutes Stück ent­fernt ist von Kants „Kri­tik der rei­nen Ver­nunft“, Hegels „Phä­no­me­no­lo­gie des Geis­tes“ oder Hus­serls „Logi­schen Unter­su­chun­gen“. Reden Unter­neh­mer von Phi­lo­so­phie, dann mei­nen sie damit sel­ten mehr als ein gele­gent­li­ches gemüt­vol­les Nach­den­ken über Gott und Welt und die Stel­lung ihres eige­nen Geschäfts inner­halb dieser.

Den­noch soll­te man es nicht leicht­fer­tig als bun­ten Wer­be­schaum abtun, wenn Unter­neh­men von Wer­ten reden. Wer­te spie­len als funk­tio­na­le Grö­ßen tat­säch­lich eine gro­ße Rol­le in jeder Unter­neh­mens­kul­tur (noch so ein lus­ti­ges und ein wenig anma­ßend klin­gen­des Wort). Wer­te geben Mei­nun­gen vor, sind Bekennt­nis­se und for­dern von Mit­ar­bei­tern und Lie­fe­ran­ten ein bestimm­tes Ver­hal­ten ein. Das ist wich­tig nicht nur in der Image­pfle­ge nach außen, son­dern mehr noch nach innen in der Per­so­nal­po­li­tik. Wer­te von Unter­neh­men sind im Unter­neh­men ver­pflich­tend – wer gegen sie ver­stößt, weil er bei­spiels­wei­se das – mit­tel­fris­tig gegen die eige­ne Iden­ti­tät gerich­te­te – Kon­zept der Diver­si­tät kri­tisch kom­men­tiert, begeht einen Ver­stoß gegen die Unter­neh­mens­kul­tur. Das kann zu Dis­zi­pli­nar­maß­nah­men bis hin zur Kün­di­gung führen.

Ich bestrei­te nicht, daß es auch für Unter­neh­men sinn­voll und sogar not­wen­dig sein kann, sich zu Wer­ten zu beken­nen und eine eige­ne Wer­te­kul­tur zu ent­wi­ckeln. Nur soll­ten die­se Wer­te sich nicht in Phra­sen­dre­scherei­en erschöp­fen, wie man sie jedem Leit­me­di­um und fast jeder Poli­ti­ker­re­de ent­neh­men kann.

Wert­set­zung ist ein ernst­haf­tes Geschäft, das man nicht den Schön­red­nern und Schmal­spur­den­kern über­las­sen darf. Gera­de Unter­neh­men mit kon­ser­va­ti­vem Anspruch soll­ten sich hier ange­spro­chen und auf­ge­ru­fen füh­len, es sich jetzt ihrer­seits nicht all­zu ein­fach zu machen. Mar­ki­ge Bekennt­nis­se zu Gott, Volk und Vater­land etwa wer­den in einer doch recht kom­plex gewor­de­nen Welt nicht mehr aus­rei­chen, um einen ver­bind­li­chen und leb­ba­ren Ori­en­tie­rungs­rah­men vor­zu­ge­ben, son­dern allen­falls und dann zu Recht für belus­tig­te Kom­men­ta­re sor­gen. Es ist nicht mit einem Griff in die Mot­ten­kis­te getan.

Wer sich heu­te als kon­ser­va­ti­ver Unter­neh­mer an die Auf­ga­be einer Wert­set­zung für sein Unter­neh­men macht, muß dies auf der Höhe sei­ner Zeit tun. Igno­ranz wäre da ein schlech­ter Rat­ge­ber. Auf­ga­be wäre es, über die Rol­le der Iden­ti­tät in Unter­neh­men nach­zu­den­ken, die sich in einer hoch­dy­na­mi­schen Welt bewe­gen müs­sen – was kann man inner­halb der Dyna­mik tun, um gewach­se­ne Iden­ti­tät zu wah­ren, zu schüt­zen und zu för­dern (z. B. mal wie­der „Hin­ab in den Mael­ström“ von E.A.Poe lesen und eine Wei­le dar­über nachdenken)?

Auch die­se Fra­ge ist wich­tig: Wie steht es um die Iden­ti­tät der­je­ni­gen, bei denen man sich etwa mit Roh­stof­fen ver­sorgt? Darf sie einem gleich­gül­tig sein, solan­ge nur im eige­nen Beritt das Eige­ne gewahrt bleibt? Ist die Pfle­ge der Iden­ti­tät nur für die eige­nen Leu­te da oder müss­te gera­de sie nicht als ein Anspruch gedacht wer­den, der auch von Lie­fe­ran­ten aus Afri­ka oder Asi­en erho­ben wer­den kann? Wie aber könn­te man das leisten?

Hier müss­te das Nach­den­ken über „Unse­re Wer­te“ in einer kon­ser­va­tiv gepräg­ten Unter­neh­mens­kul­tur anset­zen. Kon­se­quent zu Ende gedacht, wür­de sich eine ech­te Unter­neh­mens­kul­tur ent­wi­ckeln, die der zer­stö­re­ri­schen Glo­ba­li­sie­rung ein Ende set­zen könn­te. Oder doch wenigs­tens den Anfang von deren Ende.

Lutz Meyer

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Kommentare (4)

Bernard Udau

19. Februar 2018 10:39

Das Unternehmensphilosophie-Gewäsch orientiert sich an dem, was die Kunden hören wollen. Der Kundenstamm der meisten großen Unternehmen ist (oder denkt) heute international.
Wenn man möchte, daß sich Unternehmen mit der eigenen Region oder Nation identifizieren, bleibt m.E. nicht anderes übrig, als ihre Kundschaft zu ändern - was 1) deren Weltanschauung und 2) deren Zusammensetzung betrifft.
Hier nur kurz etwas zu 2): International agieren können bzw. müssen große Unternehmen heutzutage insbesondere deswegen, weil sie über allerhand Privilegien verfügen. Dazu gehört

- die Möglichkeit, über Ketten von sich wechselseitig besitzenden Unternehmen und entsprechender Verteilung der Firmensitze die Steuerlast zu minimieren (Stichwort Konzernverrechnungspreise).

- die ganz ähnlich gestrickte Möglichkeit, Haftung durch geschickte Verteilung im Konzern auf ein Minimum zu reduzieren

- die Kombination aus kapitalmarktorientierter Zeitwertbilanzierung, die kurzfristige Sichtweisen begünstigt, und sogenannten Bail-Out Verfahren, die gestrauchelte Banken und Unternehmen im Zweifelsfall retten.

Im Patentwesen und bei Markenschutz liegen noch weitere Quellen, die der Internationalisierung Vorschub leisten.

Kurz: Die Rahmenbedingungen sind so, daß Unternehmen automatisch weltweit denken - und denken müssen - wenn sie nicht von der Konkurrenz plattgemacht werden wollen. Ohne Änderung an dieser Stelle wird sich kaum ein (größeres) Unternehmen dazu bereitfinden, sich an unsere gemeinsamen Werte zu erinnern.

Caroline Sommerfeld

19. Februar 2018 12:09

Hinab in den Orkus mit den "Werten"! Sie haben wirklich keinen Wert mehr.

Systemtheoretisch gesehen schaut's so aus: jeder Code verteilt ganz wertfrei gesehen Werte, nämlich einen +-Wert und einen --Wert im jeweiligen sozialen System (z.B. +schön/-häßlich, +reich/-arm, +Freund/-Feind usw.).

Das Perfide am moralischen Code +gut/-böse, ist, überall "parasitär" (Niklas Luhmann) auf andere Systeme zuzugreifen, und deren Werte moralisch überzucodieren und dadurch zu untergraben.

Ökonomische Werte (vulgo: "Geld haben"), von denen Meyers Artikel ja den Ausgang nimmt, werden zu quasimoralischen Wirtschaftsleistung-Tugend-Amalgamen, die man nicht mehr unterscheiden können soll, um das jeweilige Unternehmen als solches mit "gut" zu bewerten.
Und "unsere Werte" sind ein ähnliches Amalgam aus den Positivwerten aus dem politischem Code (+Freund), dem religiösen Code (+Immanenz), dem psychischen Code (+ich ) und dem pädagogischen Code (+erzogen).
Das Fiese an der Moral ist, sich überall die Positivwerte herauszupicken und zusammenzukleben, auf daß man die einzelnen funktionalen Notwendigkeiten der Negativpole nimmer mehr erkenne und sich auf "Werte" berufe.

Fredy

19. Februar 2018 14:46

Lutz Meyer ist wieder da und sorgt für das nötige Gleichgewicht auf dieser Seite. Sehr schön.

Ich hatte in meiner beruflichen Laufbahn noch mit keinem Unternehmen Kontakt, das die vorgegebenen Werte auch gelebt hat. Dabei könnte es so einfach sein: "Gute, werthaltige und wertbeständige Produkte erzeugen / Mitarbeiter gerecht entlohnen / Versprechen einlösen gegenüber Kunden, Lieferanten und Geschäftspartnern / mit gutem Ertrag vorausschauend die Zukunft sichern". Passt aber nicht in die heutige Zeit.

@Bernard Udau

Ich denke nicht, dass das Gewäsch vorrangig dazu dient Kundenwünsche zu befriedigen, sondern Feigenblattfunktion hat gegenüber Politik, Medien und möglichen Geschäftpartnern. Deshalb sollte man das grundsätzlich auch nicht zu ernst nehmen.

Gustav Grambauer

19. Februar 2018 19:34

Gute Diagnose, Therapievorschlag des Scharlatans:

"Die Bourgeoisie reißt durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente, durch die unendlich erleichterte Kommunikation alle, auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation. Die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind sind die schwere Artillerie, mit der sie alle chinesischen Mauern (in China von innen her, - G. G.) in den Grund schießt, mit der sie den hartnäckigsten Fremdenhaß der Barbaren zur Kapitulation zwingt. Sie zwingt alle Nationen, die Produktionsweise der Bourgeoisie sich anzueignen, wenn sie nicht zugrunde gehen wollen; sie zwingt sie, die sogenannte Zivilisation bei sich selbst einzuführen, d. h. Bourgeois zu werden. Mit einem Wort, sie schafft sich eine Welt nach ihrem eigenen Bilde." - Kommunistisches Manifest

War gerade in Salzburg ("Die Sonntage immer den Künsten"), die Rückfahrt durch die Straßen mit Shisha-Bars, Falafel-Oasen und Tatoo-Studios sowie durch die "Gewerbegebiete" mit ihren "Logistic Terminals" hat mir mein am Organon schlagendes kulturlandschaftliches und architektonisches Herz zerrisssen. Das begann aber schon in der verstuckten Belle-Époque-Epoche-Neustadt, die heute jeder Tourist als "Salzburg at it`s best" eifrig abfotografiert ohne meist die mit ihrer schieren Existenz bereits zu ihrer Zeit gegebenene bourgeoise Barbarei und Anmaßung als Gegenpol zu Altstadt und Festung zu bemerken. Oben auf den die Stadt umgebenden Hügeln hausen heute die Industriellen, der bekannteste davon ist Piech. Man kann sehen und man weiß, wie die bestrebt sind, denjenigen Teil des Adels nachzuäffen, der einst noch Inhaber eines Universums

https://www.stiftungfriedenstein.de

war. Bei Ludwig und Neuschwanstein ist bei aller Groteske die Tragik des diesbezüglichen Anspruchs noch bemerkenswert, aber diese Typen ziehen nur noch eine hohle Disney-Show für sich selbst, eine Molièreske, ab. Bezeichnender ist, daß die, wie Marx und Engels sagen, in ihren Fabriken "eine Welt nach ihrem eigenen (- wahren -, - G. G.) Bilde" erschaffen haben, d. h. ihre Mitarbeiter am Taylorband arbeiten und, ich bin mir sicher, z. B. in ihren Großraumbüros per Team-Viewer jeden Mausklick eines jeden Angestellten stasimäßig totalüberwachen lassen.

So tief ist das Abendland gesunken: dabei repräsentieren die Piechs und Wiedekings sogar noch die bessere Tradition des Industriellentums, weshalb sie auch von dem noch viel übleren Bilderberger-Pöbel gehaßt und niemals zu dessen "Treffen" eingeladen werden würden (der ja tatsächlich vom Hochadel bzw. dem - schon immer dekandenten - Kern des Adels koodiniert wird). Aber ich ertappe mich oft bei dem Gedanken, es wäre passender, angemessener, ehrlicher, wenn Volkswagen pars pro toto gesagt von westlichen Konzernen oder von den Chinesen übernommen würde, zumal es sich um "asiatische Produktionsweise" (Bahro) handelt.

- G. G.

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