Sezession
26. Februar 2018

Kapitaldelikte (2): Wachstum ohne Ende

Lutz Meyer / 13 Kommentare

Wachstum ist die Droge, von der alle abhängig sind. Warum nicht über einen kalten Entzug nachdenken?

Lutz Meyer

Lutz Meyer kommt aus der linksanarchistischen Szene, seine Themen findet er auf der Straße.

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Wirtschaftswachstum, so die allgemeine Überzeugung, ist ein Muss. Stagnation bedeutet nach dieser Denkungsart schon Rückschritt. Nur das ständige Mehr garantiert den Wohlstand. Es fehlt zwar seit jeher nicht an Mahnern, die auf die Endlichkeit natürlicher Ressourcen und daraus resultierende Wachstumsgrenzen verweisen. Doch dem Wachstumswahn tut das keinen Abbruch – die Verkennung der Realität zeichnet ihn ja gerade als Wahn aus.

Hier geht es mir nicht nur um den Wachstumswahn der Unternehmen. Jedem hier sollte sehr bewusst sein, daß auch jeder Einzelne, sei er nun unternehmerisch tätig oder nicht, ständig mehr und ständig Besseres will: Wer ein Einzimmerapartment bewohnt, strebt in der Regel nach der Zwei- oder Dreizimmerwohnung. Wer die bewohnt, möchte wahrscheinlich bald eine Doppelhaushälfte beziehen. Und so weiter und so fort – übertragbar auf alle Lebensverhältnisse. Wo es nicht ums Wohnen geht, geht es um Urlaubsreisen, das Auto, den Vermögenszuwachs, das unterhaltungselektronische Equipment, den Freizeitsport (kaum allerdings um Bildung – hier ist der Drang nach Ausweitung seltsamerweise nur begrenzt spürbar).

Nun mag man an dieser Stelle einwenden, daß nun einmal alles Leben nach dem Mehr und der Ausweitung strebe – und hätte dieser Drang uns nicht seither beseelt, würden wir unser karges Getreide noch immer mit der Feuersteinsichel ernten und wären in langen Wintern zähneklappernd Hungersnöten ausgesetzt. Dem ließe sich entgegen, daß ein begrenztes Wachstum und auch ein gewisses Fortschreiten in Richtung Absicherung der Existenz durchaus in Ordnung ist – das komplett entgrenzte, globalisierte Wachstum unserer Tage aber entfesselt eine kaum noch beherrschbare Dynamik und ist deshalb nicht in Ordnung. Entgrenzt – weil diese Art von Wachstum keinen Halt und kein Ende kennt: der Luxus von gestern ist das Allgemeingut von heute, was heute gut genug für alle war, gilt morgen vielen schon als Zumutung. Entgrenzt – weil wir inzwischen soweit sind, daß Grenzen zwischen Ländern und Kulturen nur noch als wachstumsgefährdende Handelshemmnisse wahrgenommen und deshalb beseitigt werden. Entgrenzt – weil wir in unserem Streben nach dem Mehr gar nicht mehr auf die Folgen unseres Handelns achten, wir missachten jedes Maß. Entgrenzt auch, weil das Wachstumsstreben inzwischen zumindest der Theorie nach auch den Ausgriff auf ferne Welten umfasst und das bislang erdgebundene Menschenwesen sich außerhalb seiner bisherigen Hegung und Eingrenzung neu definiert und dabei alle Erdung verliert.

Botho Strauss hat 1993 den Begriff „Anspruchsunverschämtheit“ geprägt. Er bezieht ihn auf seine deformierten, vergnügungslärmenden Landsleute, die den Hals nicht voll kriegen können und dabei ihre Würde verlieren. Heute, ein Vierteljahrhundert später, müsste der Befund weitaus drastischer ausfallen. Der vergnügungslärmende Landsmann ist inzwischen im Endstadium seines wohlstandsverursachten Konsumdeliriums angelangt. Ist nicht allein der Begriff des Verbrauchers schon verräterisch? Der Verbraucher schafft nichts, er vermehrt nichts, er verbraucht nur. Stumpf, hirnlos, automatisch – wie ein Teil einer komplexen Konsummechanik, innerhalb deren er eine konkrete Funktion erfüllt: nämlich den Verzehr, um die Bahn freizumachen für Neues. Die dabei massenhaft produzierten Ausscheidungen taugen nicht einmal als Dünger, sondern sind Müll (teils immerhin recyclebar).

Schaut man sich die explosionsartige Vermehrung des Versandhandels an, so wird man auch hierin unschwer ein Wachstumsphänomen erkennen. Folge sind verstopfte Verkehrswege, erhöhte Emissionen, sterbende Innenstädte, ausbeuterische Arbeitsverhältnisse bei den Logistikunternehmen und chronischer Bewegungsmangel bei den rund um die Uhr Belieferten. Es wächst immer auch die Kehrseite, der Schattenbereich. An diesem Beispiel kann man das schön studieren – während der Onlinehandel wächst und wächst, leiden Umwelt und soziales Gefüge, Volksgesundheit und Infrastruktur. Wer Wachstum um jeden Preis will, wird irgendwann insolvent sein.

Doch wenn man nun einmal gelten lässt, daß das Streben nach Wachstum einerseits eine anthropologische Grundkonstante und damit unvermeidbar ist, andererseits von dieser aber große Gefahren für das Menschenwesen selbst ausgehen, würde sich die Frage stellen, wie man sich denn vernünftigerweise zum Wachstum verhalten sollte. Hilft die gute alte konservative Tugend der Bescheidenheit? Das wäre ein Anfang, immerhin. Doch es sollte nicht das letzte Wort sein.

Man spricht gern vom gesunden Wachstum. Damit meint man für gewöhnlich aber leider nicht eine spezielle, eben gesunde Form des Wachstums, sondern will sagen: Wachstum als solches ist gesund, alles andere ist krank. Doch wachsen nicht auch Tumore? Wie also könnte denn eine gesunde und dann wohl spezielle Form des Wachstums aussehen? Wäre es ein bloß  begrenztes Wachstum? Wer würde die Grenzen festlegen dürfen? Und wäre es ansonsten qualitativ gleich, nur eben quantitativ beschränkt? Man müsste wohl in der Tat über die Qualität des Wachstums nachdenken. Nicht die Zahlen müssen wachsen, nicht die Umsätze, nicht der Ausstoß der Fabriken, nicht die Mengen und Margen. Wachstum ist als Metapher ursprünglich dem organischen Bereich entlehnt: Pflanzen wachsen. Ameisenhügel wachsen. Und genau hier müsste ein Begriff des gesunden Wirtschaftswachstums künftig verortet sein. Was aber ist organisches Wachstum?

Organisches Wachstum sehe ich überall dort, wo menschlichen Gemeinschaften sich ohne regulierende Eingriffe eines selbst nicht mehr orientierungsfähigen Staates neu fügen. Organisches Wachstum findet statt, wenn das Zusammenspiel der Komponenten des Miteinanders sich neu ordnet – und zwar nach eigenen Regeln, nicht nach von außen kommenden Vorgaben. Beispiel: Drei Nachbarn bauen in ihren Gärten unterschiedliche Sachen an – der eine ist auf Obst spezialisiert und hält Bienen, der andere auf Gemüse, der dritte hat Kartoffeln. Man beginnt zu tauschen, hilft sich gegenseitig bei der Ernte. Es bilden sich außerhalb der großen Wirtschaftskreisläufe und ihrer Anonymität feste, personengebundene Strukturen heraus, von denen alle profitieren. Vielleicht erweitert sich der Kreis noch um einen Teichwirt, einen Geflügelhalter und einen Waldbauern, der an alle Brennholz liefert und dafür mit allem versorgt wird, was die Gärten und Ställe der anderen hergeben. Das ist natürlich nur ein Modell, das in dieser Form auch nur im kleinen Maßstab oder nur behelfsweise funktioniert. Doch es ist gleichzeitig auch eine Art Kristallisationspunkt, um den herum Weiteres sich anlagern kann. Tauschgeschäfte aller Art umfassen auch Dienstleistungen wie Reparaturen, Fahrdienste, die Wartung von Kommunikationssystemen, Nachhilfe für die Kinder oder Haareschneiden. In dem Maß, in dem das Wachstum hier zunimmt, wird es in der großen Wirtschaft abnehmen. Das Wichtigste aber, was hier zum Wachsen gebracht wird, ist das Gefühl der Identität. Das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, in der jeder Einzelne eine wichtige tragende Rolle innehat und eben nicht das austauschbare Rädchen im Getriebe ist.


Lutz Meyer

Lutz Meyer kommt aus der linksanarchistischen Szene, seine Themen findet er auf der Straße.

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Kommentare (13)

quarz
26. Februar 2018 12:23

" ... daß Grenzen zwischen Ländern und Kulturen nur noch als wachstumsgefährdende Handelshemmnisse wahrgenommen und deshalb beseitigt werden."

Dabei haben Easterly und Levine bereits in ihrer klassischen Studie von 1997 (und andere nach ihnen) herausgearbeitet, dass die starke ethnische Fragmentierung vieler afrikanischer Staaten ein Hindernis für das Wirtschaftswachstum ist. Als schädlich hat sich also erwiesen, dass Grenzen gerade nicht zwischen Kulturen, sondern quer zu ihnen gezogen wurden.

Utz
26. Februar 2018 15:36

Ich hätte da eine ganze Menge Fragen.
1. Sie sagen, das mit den Bienen und den Kartoffeln ist nur ein Modell, aber Sie konkretisieren das nicht, so daß ich mir das nicht wirklich vorstellen kann und der Eindruck bleibt, daß Sie doch meinen, so müßte man zumindest anfangen. Was meinen Sie konkret?
2. Diese Ideen klingen so ähnlich wie das, was Niko Paech vorschwebt. Dem habe ich die folgende Frage bei einem Vortrag auch einmal gestellt, aber irgendwie hat mich seine Antwort auch nicht schlauer gemacht. Ich stelle sie hiermit Ihnen noch einmal: Könnte es sein, daß es von Menschen absichtlich begrenztes Wachstum so wenig gibt wie es "ein bißchen schwanger" gibt? Wenn man die eingespielten kapitalistischen Abläufe, die auf Wachstum geeicht sind, unterbricht, müßte doch eigentlich alles zusammenbrechen, wenn das Wachstum wegfällt, oder?
3. So ähnlich: Wenn ein Land alleine den "kalten Entzug" macht, werden es dann nicht die Rating Agenturen abwerten und zur Übernahme preisgeben?
4. Kann es sein, daß die Modelle von Nachbarschaftshilfe, Tauschringe, Lokalwährungen, Reperaturcafes, etc. nur deshalb ein Nischendasein führen können, weil sie so unbedeutend sind? Würden sie wenn sie wachsen würden, nicht von Großkapitalisten auf die eine oder andere Art, da sie dann Konkurrenz wären, platt gemacht?
5. Ihr Anmahnen der Bescheidenheit finde ich super. Aber wie sollte das funktionieren, wenn schon der Vorschlag eines vegetarischen Tages von den Grünen, dazu führt, daß sei bei Wahlen drastisch abgestraft werden? Gibt es vielleicht gar keine Bremse, bevor das ganze an die Wand fährt, und dann ein sehr schmerzhafter Neubeginn möglich ist?
6. Alle bisherigen Versuche Umwelt und Ressourcen zu schonen (nicht alle dieser Versuche waren meiner Meinung nach verkehrt) haben immer nur zu einem größeren Ressourcenverbrauch geführt. Meines Erachtens deshalb, weil diejenigen, die Macht haben, sich nicht einfach die Butter vom Brot nehmen lassen, und immer neue Wege finden, ihre Ziele beizubehalten, und die sind nicht an Nachhaltigkeit orientiert. Zudem haben sie die Hilfe der Politik. Wie kann das umgangen werden?

Seemann
26. Februar 2018 15:54

Herr Meyer, vielen Dank für diesen Text, den kann ich nur zustimmen. Dirk Müller argumentiert ähnlich wie ich das mitbekommen habe. Ich glaube aber, dass all die Warnungen auf taube Ohren stossen.

Martin Heinrich
26. Februar 2018 18:11

Fragen über Fragen:
Das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Wo endet das Gemeinschaftsgefühl? Ab welcher Gruppengröße? 100 Personen? 200 Personen? Sollen die Ballungsräume mit zig-Millionen Einwohnern (Großraum Tokio, Yokohama, Ruhrgebiet) zur Kibbuz-Wirtschaft zurück? Und apropos Wachstum: Ist jedes Bevölkerungswachstum auch organisch? Oder das von Schädlingen oder Unkräutern?

Insgesamt atmet der Artikel den Geruch von Armut, Verzicht, von Plan-, Mangel- und Kommandowirtschaft, die durch den warmen Mief des Kollektivs erträglich gemacht werden soll.

Aber damit es nicht so unversöhnlich klingt: Dieses Gemeinschaftsgefühl, das hier ersehnt wird, das gab es nicht einmal in meiner norddeutschen Kleinstadt in der ich aufwuchs. Hier, wo noch bis Anfang der 1980er Jahre die scheinbar intakte Adenauer-Bürgerlichkeit herrschte, gab es diese Gemeinschaft nicht.
Vielleicht finden Sie die im Schützengraben, im Kloster oder in Wehrdörfern, überall da, wo Gefahr, Zwang oder Not herrschen. Alle schwärmten von der Kameradschaft im Schützengraben. Und alle waren froh, wenn sie ihn hinter sich lassen konnten ...

Franz Bettinger
26. Februar 2018 22:13

Nichts kann ewig wachsen. Der Krebs versucht es. Er zerstört dabei den Körper, in dem er wuchert und wuchert, und geht am Ende mit diesem zugrunde. Bäume, Wälder, aber auch Tier-Populationen vermehren sich nicht grenzenlos. Sie wachsen, kommen an ein Limit und sterben bzw. schwanken in der Populatons-Dichte. Das sind Naturgesetze. Der Mensch und die menschliche Zivilisation machen davon keine Ausnahme. Es läge daher im Interesse der 'Menschheit' oder wenigstens eines jeden Volkes, über einen gesunden Rahmen für das Wohin und das Wie-Viel nachzudenken. Wie viele Menschen verträgt Deutschland? Wie viel Wirtschaft braucht das Land? Ist weniger nicht manchmal besser? Wollen wir in Ameisenburgen wie Hongkong und in Moloch-Städten wie Bangkok leben? Ist es ein Fortschritt, zwei Verdiener in der Familie zu haben? Oder war die alte Familien-Struktur bekömmlicher, in der einer (typischer Weise die Frau) für Haushalt und Kinder zuständig war? Die Antwort liegt eigentlich auf der Hand. - Warum träumen Leute von Bhutan?

Kuonirat
26. Februar 2018 22:18

Haben Sie vielen Dank für diesen schönen Aufsatz, Herr Meyer! Ich kann Ihnen da nur voll und ganz zustimmen. Und gern möchte ich Ihnen noch mitteilen, wie froh ich über Ihre sozioökologische Stimme in diesem Blog bin. So fühle ich mich immer bestens vertreten.

quarz
26. Februar 2018 23:22

@Bettinger

"Wie viele Menschen verträgt Deutschland?"

Es gehört ja zu den großen Seltsamkeiten unserer Zeit, dass ausgerechnet jene politische Bewegung keinerlei Sensoren für die Frage der (quantitativen wie qualitativen) Verträglichkeit im soziokulturellen Zusammenleben von Menschen zu haben scheint, die einst angetreten ist, um den Zeitgenossen die Bedeutung ökologischer Gleichgewichte ins Bewusstsein zu rufen.

Das Relikt
27. Februar 2018 11:01

Unbegrenztes Wachstum und die daraus folgende Katastrophe sind natürlich. Gleichgewicht ist nicht natürlich. Ökosysteme sind nicht im Gleichgewicht. Sie stürzen von einem Extremzustand in den Nächsten. Tiere vermehren sich ungebremst, bis das Limit erreicht ist, dann kommt das Massensterben. Das Gleichgewicht der Natur ist eine Fiktion der Menschen, die sich aus der Statistik ergibt. Die Extremzustände ergeben das Gleichgewicht, als Durchschnittswert.

Leben ist tragisch - kommt drüber hinweg.

Utz
27. Februar 2018 16:05

@ Das Relikt
Sie schreiben:
"Gleichgewicht ist nicht natürlich. Ökosysteme sind nicht im Gleichgewicht. Sie stürzen von einem Extremzustand in den Nächsten. Tiere vermehren sich ungebremst, bis das Limit erreicht ist, dann kommt das Massensterben. Das Gleichgewicht der Natur ist eine Fiktion der Menschen, die sich aus der Statistik ergibt. Die Extremzustände ergeben das Gleichgewicht, als Durchschnittswert.

Leben ist tragisch - kommt drüber hinweg."

Interessante Sicht! Schlußfolgerung? Laßt uns Party machen, solange das noch geht? Könnte man so sehen/machen ... solange man keine Kinder hat. Natürlich ist nicht nur, daß sich Dinge bis zur Katastrophe zuspitzen, natürlich ist auch, daß Eltern für ihre Kinder kämpfen und spätestens da ist Schluß mit "drüber wegkommen".

Ich könnte mich auch für einen "kalten Entzug" erwärmen, sozusagen einen verspäteten Morgenthau-Plan, eine geplante Katastrophe, bei der nur die Menschen auf dem Land überleben. Sympathisch: Schnellroda würde überleben. Sehr sympathisch: die Pullfaktoren für "Flüchtlinge" wären auf einen Schlag weg. Warum ich das aber niemals aktiv befördern würde, und was mir das Projekt unsympathisch machen würde: meine Kinder hat's in Großstädte verschlagen, weshalb ich doch sehr hoffe, daß uns noch bessere Lösungen einfallen.

Das Relikt
27. Februar 2018 19:47

@Utz

"Laßt uns Party machen, solange das noch geht? "

Ist das Ihre Schlussfolgerung? In diesem Fall ist es eine vulgäre Schlussfolgerung, die hoffentlich nicht zuviel über Sie aussagt.

Ich ziehe aus obiger Erkenntnis eher die Gewissheit, dass wir Menschen nicht die Allmacht haben alles nach unserem Willen zu perfektionieren, dass wir aber auch fairerweise nicht der Verpflichtung dazu unterliegen - daher steht uns Demut gut an, die uns aber auch die Hoffnung auf inneren Frieden ermöglicht.

quarz
27. Februar 2018 21:05

@quarz

Im Universum nimmt die Entropie unentrinnbar zu. Es ist aber albern, angesichts dessen ordnungsskeptischen Fatalismus zu predigen. Gerade das Leben, das sie dem homöostatisch gesinnten Menschen als Übermacht präsentieren, der er sich zu beugen habe, hat ja selber, gegen den Strom der Entropie ankämpfend, seine bewundernswerte Komplexität etabliert. Und ich als Wesen mit Präferenzen und Zielen werde genauso mit gewisser Aussicht auf Erfolg Strukturen schaffen, die der anorganischen und organischen Umwelt ihren Stempel aufdrücken. Und gerade das ist die Kunst des Wellenreiters: nicht gegen die Macht der Welle anzukämpfen und an ihr zu zerbrechen, sondern ihre Gewalt zu nutzen, um die eigene Intention umso wirkungsvoller umzusetzen.

Utz
28. Februar 2018 05:20

@ Das Relikt
Danke für Ihre Antwort. Jetzt verstehe ich besser, wie Sie das gemeint haben.

Zur Erklärung: Party meinte in dem Fall natürlich Ressourcenverbrauch.

Mit der Demut kann ich mich gut anfreunden. Und wenn der innere Frieden nicht gleich dazu führt, daß wir unsere Kampfgefährten im Stich lassen, bin ich auch damit einverstanden.

Immer noch S.J.
28. Februar 2018 09:26

Ein sehr anregender Text von Lutz Meyer, dessen Beiträge mir gefehlt haben. Wie berechtigt die Kennzeichnung des wirtschaftlichen Wachstums als Droge ist, kann spontan mit dem aktuellen Diesel-Urteil gezeigt werden. Während eine große Anzahl von Leuten das Urteil als Siegeszug der ökologischen bzw. gesundheitspolitischen Vernunft bejubelt, scheint sich kaum die Frage zu stellen, ob es wirklich zu bevorzugen ist, wenn Millionen von Dieselbesitzern ihre alten, aber funktionstüchtigen (und oft bemerkenswert sparsamen) Autos abstoßen und im Gegenzug mit dem Erwerb anderer Autos die zweifellos ressourcenverschlingende Produktion von Neuwagen in Schwingung versetzen. In jedem Fall wird das heilige Wachstum befeuert. In Anbetracht einer Vielzahl von Interessen von gigantischen finanziellen Ausmaßen allein in diesem Zusammenhang gestatte ich mir die pessimistische Schlussfolgerung, dass organisches Wirtschaftswachstum in großen Volkswirtschaften vollkommen unmöglich und selbst in kleinen, überschaubaren Kommunen eine Illusion ist, eine Selbsttäuschung.

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