Das war’s. Diesmal mit: einer Königin, Schach und der ganz großen Vorfreude

25. Februar -- All unsere Kinder sind fernsehfrei aufgewachsen.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


Ich will nicht behaup­ten, daß bei uns immer alles glatt­geht mit erzie­he­ri­schen Wunschblütenträumen.
Aber zumin­dest dies­be­züg­lich gab es nie Nach­fra­gen. Nur bei äußers­tem Leer­lauf (eh sel­ten) gibt es mal ein aus­ge­such­tes Video oder irgend­ei­ne Seri­en­fol­ge (Peter Lus­tig und so was). Hin und wie­der trak­tie­ren wir die Kin­der mit Lite­ra­tur­ver­fil­mun­gen, Schim­mel­rei­ter, Wie­der­se­hen mit Bri­des­head, Blech­trom­mel oder Zau­ber­berg: Für unse­re Jugend ist Glot­ze­rei seit je mit ein biß­chen Anstren­gung und Dis­kus­si­on verknüpft.

Ent­span­nen­de­ren Stoff wie The Aven­gers (Mit Schirm, Charme und Melo­ne), Edward mit den Sche­ren­hän­den, Dead Poet‘s Socie­ty oder Ghost­world gibt es nur im Ori­gi­nal (wenn wir gnä­dig sind, deutsch unter­ti­telt). Das alles ist Stoff für die etwas Grö­ße­ren. Gute Kin­der­fil­me sind echt rar.

Durch eini­ge viel­ver­spre­chen­de Kurz­be­spre­chun­gen bin ich nun auf Die Köni­gin von Nien­dorf (Regie, Pro­duk­ti­on, Dreh­buch, Schnitt: die jun­ge Joya Thome) gestoßen:

Die eher melan­cho­li­sche Lea ist befrem­det davon, wie sich die Mädels in ihrer Klas­se ent­wi­ckelt haben. Komi­sche Bli­cke, selt­sa­me BHs. Lea trägt immer noch den ollen Leder­ran­zen und kur­ze Latz­ho­sen. Sie hat gar kei­ne Lust, zum Som­mer­la­ger zu fah­ren wie jedes Jahr.

In ihrem bran­den­bur­gi­schen Dorf gibt es eine streng hier­ar­chisch orga­ni­sier­te Jungscli­que. Deren Trei­ben ist viel inter­es­san­ter als die neu­es­te Tanz­cho­reo­gra­phie der Weib­chen zum neus­ten Pophit. Lea lau­ert den Buben auf. Die haben wenig Bock auf Mäd­chen. Lea muß unge­heu­er­li­che Mut­pro­ben bestehen, um mit­tun zu dürfen…

Ich habe mir den Film vor vier Tagen mit drei Mädels zwi­schen 7 und 12 ange­guckt. Sie kom­men im Gespräch immer noch auf ein­zel­ne Sze­nen zurück, so sehr hat er sie beschäf­tigt. Ich habe kei­ne Vor­stel­lung, wie Die Köni­gin bei Kin­dern ankommt, die moder­ne Fil­me gewohnt sind. (Hier Zuhau­se dür­fen die Klei­nen manch­mal eine Fol­ge Neu­es aus Uhlen­busch gucken. Der hat etwa das­sel­be Tempo.)

Falls einer der Leser hier die­sen bezau­bern­den Film auch schaut, darf er mir gern schrei­ben, was die Kin­der denn so vor sich hin­plap­pern, als sie auf dem still­ge­leg­ten Groß­fahr­zeug her­um­tur­nen. Ich gehe näm­lich davon aus, daß ich mich ver­hört habe.

– – –

26. Febru­ar – Aber­mals Fami­li­en­zwist zum The­ma Spiel. Aus­ge­ru­fen wur­de, seit wir Kin­der haben, die irgend­was spie­len kön­nen, das Mot­to: „Gewin­nen wol­len. Ver­lie­ren kön­nen“. Ich bin im Haus defi­ni­tiv die Spie­le­rin, GK nicht so.

Ich bin von Kind­heit an kom­pe­ti­tiv ver­an­lagt. Spie­le ohne Ver­lie­rer und Sie­ger mögen wir aber bei­de nicht. Kubit­schek arg­wöhnt immer: „Ellen spielt nur des­halb so gern, weil sie das Gewin­ner-Gen hat.“ Na, viel­leicht. Bei Brett­spie­len, sogar bei Memo­ry, gewin­ne tat­säch­lich immer ich. Wir spie­len immer mit Ein­satz. Ver­liert ein Kind, muß es bei­spiels­wei­se sämt­li­che Trep­pen im Haus fegen. Meis­tens fegen die Kinder.

Sport­lich haben mich die Kin­der im Sprint ab etwa 10 Jah­ren stets über­flü­gelt, in punk­to Aus­dau­er bis­lang nie. Es fuchst mich, daß unser Sohn wei­ter wer­fen kann als ich (wel­chen Sinn hat das wohl, evo­lu­tio­när, daß Frau­en im Weit­wurf restrin­giert sind?) und daß mich – als Schwimm­sport­le­rin –  K. immer noch knapp überholt.

Unse­re Tisch­ten­nis­tur­nie­re sind im Dorf legen­där, weil ich extrem laut und zor­nig wer­den kann, wenn mir ein Ball dane­ben­geht. (In die­ser Dis­zi­plin kämp­fen wir Kopf an Kopf – wenn K. ver­liert, ist er min­des­tens eine Stun­de lang nicht ansprechbar.)

Im ver­gan­ge­nen Herbst ist nun bei uns das Schach­fie­ber aus­ge­bro­chen, es hält bis heu­te an. In jeder frei­en Minu­te wer­den die Fel­der auf­ge­baut, manch­mal drei neben­ein­an­der. Es hat nichts mit Kubit­scheks gene­rel­ler Spie­lun­lust zu tun, daß er dort sel­ten mit­tut. Es ist Zeitmangel.

Betritt er die zur Schach­schlacht umge­bau­te Küche, ist Ner­vo­si­tät ange­sagt. Er schaut fünf Sekun­den über die Bret­ter, erfaßt die Lage und flüs­tert Tips: „Dein Pferd bräuch­te Bewe­gung“, und so was. Wir alle has­sen das. Außer, wenn der Haus­herr sich auf unse­re Sei­te schlägt, klar.

Der Streit heu­te ging zum The­ma Gerech­tig­keit. Erwachsenen-„Tabu“ gegen Kin­der zu spie­len ist logisch unge­recht. Wett­ren­nen eines 13jährigen gegen eine 7jährige auch, klar.

Heu­te ging es drum, daß die Jüngs­te „natür­lich“ (und angeb­lich „unfair“) im Haupt­städ­te­quiz gewin­nen muß­te, weil die ja „in jeder frei­en Minu­te“ über der Welt­kar­te hocke und stu­die­re. Ich zur Mot­ze­rin: „Na komm. Es steht Dir frei, Dei­ne frei­en Minu­ten eben­falls über der Welt­kar­te hockend zu ver­brin­gen!“, ent­geg­ne­te ich dem Kind, das nun Trep­pen­fe­gen muß­te, „Du fau­lenzt halt lie­ber. So ist es eben!“ – „Ich fau­len­ze nie!!“ – „Aha. Son­dern?“ – „Ich den­ke nach. Bei­spiels­wei­se über Gerech­tig­keit.“ Okay, ich will ihr zwei Stu­fen erlassen.

– – –

27. Febru­ar – Mei­ne über­gro­ße Freu­de dar­über, zur Buch­mes­se ein Werk von Camil­le Paglia zu ver­öf­fent­li­chen, muß man mir nach­se­hen! Kei­ne ande­re Autorin hat mein Den­ken so sehr geprägt, seit ich vor etwa 22 Jah­ren (sehr zufäl­lig: am Grab­bel­tisch im Kar­stadt) auf Paglia gesto­ßen war. Man wird sich kaum vor­stel­len kön­nen, wie groß der Jubel war, als wir die Über­set­zungs­rech­te erwor­ben hatten!

Nun war Paglia zum The­ma #metoo, eigent­lich Ihrem The­ma, erstaun­li­cher­wei­se ruhig geblie­ben. Dabei ist sie in den USA ein ech­te Num­mer. Eine Nach­fra­ge ergab das Nahe­lie­gen­de: Sie habe sich jahr­zehn­te­lang mit genau die­sen Que­re­len beschäf­tigt und  dazu längst alles geschrie­ben, was dazu zu sagen ist. Was stimmt!

Nun hat sie nach viel­fa­chen Anfra­gen den­noch Stel­lung bezo­gen. Ein län­ge­rer Text von Paglia dazu wird mor­gen in The Hol­ly­wood Repor­ter erschei­nen. Wir dür­fen jetzt schon spoi­lern und eine der Ant­wor­ten zitie­ren, die die­se Iko­ne unse­rem Inter­view­er Mar­tin Licht­mesz für die Sezes­si­on gege­ben hat:

Camil­le Paglia:

Mei­ne Hal­tung ist fol­gen­de: Ech­te sexu­el­le Beläs­ti­gung ist eine Ver­let­zung der Men­schen­wür­de. Sie muß wie jeder ande­re kör­per­li­che Über­griff ver­ur­teilt wer­den, und zwar unab­hän­gig vom Geschlecht. Es kommt aber defi­ni­tiv den betrof­fe­nen Frau­en selbst zu, unan­ge­mes­se­nes Ver­hal­ten zurück­zu­wei­sen und anzu­zei­gen, und zwar genau dann, wenn der Vor­fall gesche­hen ist – einer­lei, wie unan­ge­nehm und pein­lich die Sache erschei­nen mag. Sich viel spä­ter bei irgend­wel­chen Auto­ri­tä­ten zu bekla­gen (vor allem, wenn die Sache eine Ewig­keit her ist), zeugt gera­de nicht von weib­li­cher Stär­ke und Unabhängigkeit.

Nach mei­ner Les­art eines “stra­ßen­taug­li­chen” Ama­zo­nen-Femi­nis­mus obliegt jeder Frau die Pflicht, ihre eige­ne Wür­de zu ver­tei­di­gen und ihren eige­nen Kampf aus­zu­tra­gen. Wie kön­nen wir erwar­ten, daß Män­ner Frau­en ach­ten , wenn die­se Frau­en zu schüch­tern oder zu unschlüs­sig sind, sich selbst zu ermäch­ti­gen? Was für eine Demuts­ges­te, wenn Frau­en jetzt die Regie­rung oder Uni­ver­si­täts-Aus­schüs­se oder Arbeits­recht­ler beauf­tra­gen, die Rol­le des schüt­zen­den Vaters oder Ehe­manns zu über­neh­men! Das ist ein reak­tio­nä­rer Rück­zug, der uns in vor­mo­der­ne Zei­ten zurück­führt, wo der Schutz und das Über­le­ben von Frau­en von der Pro­tek­ti­on durch Väter oder Gat­ten abhän­gig war. Berufs­tä­ti­ge Frau­en der Mit­tel­schicht müs­sen ihr bür­ger­li­ches Ete­pe­te­te-Geteue ein­fach mal hin­ter sich las­sen und end­lich zu einer eige­nen star­ken Stim­me und ech­ter Selbst­be­haup­tung fin­den- egal, ob es um pri­va­te oder öffent­li­che Hän­del geht.

Das Inter­view mit Paglia erscheint in der 83. Sezes­si­on. Unser Paglia-Buch kann man bereits bestel­len. Frau­en blei­ben, Män­ner wer­den. Sex, Gen­der, Femi­nis­mus – hier vor­mer­ken. Paglia lesen! Hilft in allen Lebenslagen!

 

 

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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Kommentare (11)

Caroline Sommerfeld

27. Februar 2018 21:05

Heute auch einem Gerechtigkeitsfanatiker zugehört und dabei an Paglia denken müssen. Der Mittlere quält sich damit, daß es eine offensichtliche Diskrepanz zwischen der Art und Weise gibt, wie Buben ihre Streitigkeiten regeln, und der, die Mädchen pflegen und Lehrer wünschen. "Konfliktlösungsgespräche" vs. "Der sekkiert mich dermaßen, da hilft nur ein Tritt in die Eier, und dann sind wir quitt und spielen am nächsten Tag wieder zusammen". Wie wehrt man sich gegen Mädchen, außer petzengehen und damit seine Ehre verraten? "Schwächere Gegner sind echt ein unlösbares Problem". Sprach das Kind, und mir fiel auch keine Lösung ein, ich schlug vor, wir müßten einfach ein paar Männer fragen. Meint das Kind: "Schwule." Ich stand auf der Leitung, wieso Schwule? "Ja, die waren erst Männer, und dann sind sie Mädchen geworden. Die kennen beide Perspektiven." Gerechtigkeit war schon immer eine perspektivische Angelegenheit.

Fabian

28. Februar 2018 20:20

Überraschend, hier bei Ihnen einen Verweis auf Ghost World zu sehen, den kennt sonst ja kaum jemand. Schöner Außenseiterfilm..

Zum Zitat von Fr. Paglia: Ich kann diese Haltung schon nachvollziehen. Ich frage mich nur, ob eine Sache allein deshalb weniger Unrecht bzw. ahndungswürdig, weil sie schon länger in der Vergangenheit liegt. Viele Frauen haben ja offenbar den Rückenwind der #metoo Debatte gebraucht, um sich zu äußern, bzw. um überhaupt das Unrecht zu erkennen. Und inwieweit ist es verwerflich, dass der Staat oder sonstwelche Institutionen hier zu ihren Gunsten eingreifen? Ist der Staat nicht gerade auch dazu da, die Schwächeren der Gesellschaft zu schützen und ihre Anliegen zu vertreten oder soll er nur den Stärkeren Straßen bauen? Inwieweit ist es per se reaktionär, sich als Frau des Staates Hilfe zu bedienen in Fällen, in denen staatliches Recht übertreten wurde? Und haben schwache Frauen ihr Recht auf Gerechtigkeit verwirkt, weil sie schwach sind?

Kositza: Schön, daß auch Sie Ghostworld kennen! Ist vielleicht unterm Strich kein ganz großer Film, aber mit das Beste im Genre "Coming of Age"! Wir Weiber hier im Haus kennen ganze Passagen auswendig, es gibt da ja ganz herrliche Szenen. Bin Ihnen dankbar für die Fragen zu Paglia u. #metoo, ich werde das mal ausführlicher ausarbeiten, und Ihnen obliegt die Leseverpflichtung des neuen Buchs! Grundfrage (auf zahlreiche andere Fälle übertragbar) scheint mir zu sein, ob es legitim ist, einen diskursiven "Rückenwind" zu nutzen, um sich endlich (und auch zur Erhöhung des eigenen, kleinen Selbst)auf die Seite des Anklägers zu stellen. Das ist nicht zuletzt eine Charakterfrage. In der Frage, ob der Staat sich einschalten sollte, ist Paglia übrigens ganz klar: Wenn es um Taten ging, die einwandfrei gg. Gesetze verstießen: logisch.Echte Übergriffe gehören vor den Kadi. Ihr Punkt ist, daß es in sexuellen Gemengelagen oft keine Eindeutigkeit gibt und daß dies auch in der Natur der Sache (der Verführung, dem sich Verführenlassen etc.) liegt. Stichwort "Frauen brauchten die metoo-Debatte, um überhaupt Unrecht zu erkennen"- naja, hier liegt wohl der Hase im Pfeffer! Womöglich hat es mancher Lady damals geschmeichelt, von einem "großen Mann" für attraktiv befunden zu werden. Vielleicht gab es hernach eine Kränkung, daß diese Anziehung nicht von Dauer war, ein typisch weibliches Dilemma, wie mir scheint. Damals verließ man (frau!) den Schauplatz als schamvolle Loserin, die sich ambitioniert "hergegeben" hatte, heute sehen sie Möglichkeiten, diese Scham zu verbrämen. In der akt. Emma fragen sie übrigens zurecht: Warum kriegt Weinstein es jetzt fett ab? Was ist mit Polanski, was mit Woody Allen?

Alveradis

1. März 2018 08:53

"Warum kriegt Weinstein es jetzt fett ab? Was ist mit Polanski, was mit Woody Allen? "

Warum Weinstein es jetzt abkriegt ist, denke ich, nicht zu beantworten aber weshalb nicht schon früher schon. Das hat er den Frauen selbst gesagt, als er ihnen drohte, er könne sein gesamtes Netzwerk auf sie hetzen. Als er dann auch noch Black Cube anheuerte, wurde noch deutlicher, welcher Gefahr sich Frauen aussetzen, die sich mit einen derart vernetzten Mann anlegen. Weinstein sagte mal, man müsse Antisemiten mit Mafiamethoden jagen. Mafiamethoden? Das sagt schon ein bisschen was über seinen Charakter aus. Wie schnell konnten da auch Frauen, die über ihn auspacken wollten, als Antisemitinnen durchs Dorf gejagt werden so lange Weinstein noch kein Ausgestoßener war?

Ich denke, dass es in Hollywood ein Klima der Angst gibt und eine feste Struktur aus Mitwissern. Maryl Streep und Oprah Winfrey wurden in diesem Zusammenhang z.B. auch als Mitwisserinnen und Täterinnen (?) genannt.

Problematisch für die Solidarität mit den Frauen und auch den jungen Männern, die an die Öffentlichkeit gehen, ist natürlich deren Ausgangswunsch in Hollywood groß raus zu kommen und dafür häufig ihr Aussehen und ihre Körper mehr oder minder freiwillig einzusetzen. Meines Erachtens ändert das aber nichts an der Situation, dass in diesem Fall die tatsächliche Macht auf einer Seite liegt. Wer die Macht dazu hat, Menschen in Prostituierte zu verwandeln, darf genau das nicht tun. Wir müssten sonst jeden Zuhälter frei sprechen, auch die "Rotherham" Täter. Es schmeichelte ihr, sie stieg in das schicke Auto, sie nahm Geschenke an … Die Weinsteins und Rotherham Täter waren sich ihrer Macht bewusst, nutzten sie bewusst und das ist entscheidend. An beiden Beispielen wird klar, dass im Hintergrund schützende Netzwerke existieren, deren Macht größer ist, als die der einzelnen Täter. Das Gerede "jeder Mann ist ein potenzieller Vergewaltiger" lenkt da nur gezielt ab und ist Täterschutz.

Nachdem "Milo" darüber sprach an Sex-Parties teilgenommen zu haben auf denen auch "very, very young boys" rumgereicht wurden, hätte man eigentlich erwarten müssen, dass er von der Polizei zum Verhör vorgeladen wird um die Beteiligten, deren Namen er ja ausdrücklich nicht nennen wollte, preis zu geben. Dass das nicht geschah, also nicht mal kleine Jungen geschützt werden genügt dazu sich, wenn auch schwammig, dieses Netzwerk vorzustellen. Es gibt ganz offenbar einen riesigen Kreis an Mitwissern, die vielleicht aus Angst, vielleicht zum eigenen Vorteil, den Mund halten. Und es gibt sogar diese auf politischen Motiven beruhende Akzeptanz in Teilen der US Rechten. Macht mich fassungslos!

Was nun #metoo angeht, so habe ich Verständnis dafür, dass Frauen sehr spät über schlimme Erfahrungen sprechen. Ich denke, dass das sogar viele von uns kennen oder im Umfeld erlebt haben.

#metoo hat allerdings die vielen Facetten tatsächlicher sexueller Gewalt, psychologische Mechanismen, die Opfer schweigen lassen und tatsächlich strukturell erzwungenes Schweigen (WK 2, Migrantengewalt, Hollywood usw.) mit irgendwie unangenehmen Situation und auch Geltungssucht absichtsvoll vermischt, alles vollständig vernebelt und durch den Mechanismus der unbewiesenen öffentlichen Anklage, die von den Medien lautstark als Urteil akzeptiert wird, die Lage für uns Frauen und speziell weiße Männer insgesamt nur verschlechtert.

Ich sehe #metoo als gut koordinierte psychologische Operation an, die verwirren und spalten soll. Dennoch, oder genau deshalb ist es gut, dass #120db die Kampagne aufgegriffen und die strukturelle Gewalt, die im Falle der Migrantengewalt uns Frauen und Männer (die ja mit uns mit leiden) zu schweigenden Opfern machen will, sichtbarer gemacht hat.

#metoo ist angetreten, echte Machtverhältnisse zu vernebeln. Das ist meine Hauptkritik. Die Gründe, weshalb Frauen dabei mit machten kann ich nicht im Einzelnen beurteilen. Dass wir uns aber genau darüber heftig zanken und Lager bilden sollten, das steht für mich fest.

Zu Weinstein: newyorker.com, Harvey Weinstein's Army Of Spies

Kleine Anmerkung noch - wenn dieser Kriminologe Pfeiffer über die Presse verbreiten lässt, wir würden Ausländer schneller anzeigen als deutsche Männer, dann ist das ein psychologisches Werkzeug, das uns Frauen davon abhalten soll, Übergriffe durch Migranten anzuzeigen. Aus eigenen, früheren Erfahrungen innerhalb der Linken weiß ich, dass dieser Mechanismus wirkt. Es gibt so ein auf Abstraktion und fehlerhafter Analyse beruhendes und doch ehrlich empfundenes Gerechtigkeitsgefühl, dass Pfeiffer da triggert. Das sind echte innere Konflikte, auch wenn sie von außen, oder später, absurd wirken und faktisch Täterschutz sind.

Heraklit

1. März 2018 11:40

Zu metoo: da hat Peterson kürzlich im Vice-Interview mal die Frage aufgeworfen, ob Lippenstift und hohe Absätze am Arbeitsplatz zu verbieten sind. Also als Frage nicht als Forderung.
I'm not saying it should be banned but I'm saying that you're absolutely naive if you don't think that that has anything to do with sexuality.
und
We know nothing about the rules that should govern the interactions between men and women in the workspace.
Hier anzuschauen:
https://www.youtube.com/watch?v=T5ahmzySUB8&

(Das gesagt, zwingt mich mein weißes Altright-Gen, hinzuweisen auf Millenial Woes, der den Professor für obiges Interview ziemlich abgewatscht hat. Aber das hat nichts mehr mit metoo zu tun, sondern mit dem angelsächsischen Trauma Individualismus vs Kollektivismus.)

Alveradis

1. März 2018 13:25

Heraklit,

Ich glaube, dass wir von vielen der Absurditäten des angloamerikanischen Raumes noch einigermaßen verschont sind und der Blick nach drüben uns auch zeigen kann, wie man oder Mann und Frau es gerade nicht machen sollten. Besonders die permanente Skandalisierung, diese gehypten Konfrontationen - daran beteiligen sich auch Rechte und dieser Druck, der durch Twitter entsteht immer sofort und ohne großes Nachdenken "knackige" Satzfetzen rauszuhauen, die Sache zu eskalieren um mehr Aufmerksamkeit, mehr "Follower" zu erzeugen, finde ich schädlich.

Das ist zwar von Niels Wegner in einem anderen Zusammenhang geschrieben aber ich finde es gilt allgemein:
"Der einzige Weg daran vorbei scheint zumindest teilweise in die Analogie zurückzuführen; hin zu einem entschleunigten und viel bedachteren Umgang mit der Wirklichkeit im greifbar-allernächsten Umfeld. "

Diese lärmigen amerikanischen Internetfeldzüge kommen mir oft so vor wie lauter in Raserei versetzte Büffel. Irgendwer gibt ein Signal und alle rennen los und möglichst zwei Büffelherden aufeinander zu. Am Schluss liegen überall verletzte Büffel aber das hindert die andren nicht daran beim nächsten Signal wieder loszurennen. Hauptsache " Bewegung" . Hauptsache viele. Vielleicht bricht sich hier und da ein Büffel nur ein Bein und kann dann im Gipsverband darüber nachdenken, weshalb er überhaupt los- und wem er oder auch sie hinterher gerannt ist.

Ganz absurd waren ja diese kostümierten Aufmärsche bei denen sich pro und kontra Trump Figuren auf die Köpfe hauten. Spätestens wenn man heute zurückschaut kratzt man sich am Kopf. Zu der Zeit aber eine riesige Aufregung. Es ging um Alles!

#metoo ist so kreiert worden, dass es den wildesten Unsinn, die größtmögliche Verwirrung und Wut auf allen Seiten auslösen sollte. Weiße Frauen stehen längst auch schon im Fadenkreuz, weil sie sich nicht oder zu spät oder zu wenig um die Interessen der POC gekümmert haben. Ihnen wird gesagt, sie sollten gefälligst den Mund halten und ausschließlich die wirklich Unterdrückten reden lassen. Ein riesen Schlachtfest.

Man kann es sich ansehen aber sollte sich nicht hinein ziehen lassen. Ich bin sehr froh, dass wir Deutschen so "schlafmützig" sind und eher überlegen bevor wir herumkrakeelen. Diese gute Eigenschaft ist natürlich, wie jede andere unserer guten Eigenschaften stark bedroht. Ja klar, Frauen sollten sich nicht schminken? Und Männer sollten sich nicht waschen. Pff, nur eine einzige Sekunde darüber nachzudenken ist vernichtete Lebenszeit.

Ich versteh durchaus, dass die Leute in den USA durch die Allgegenwärtigkeit plärrender Fernsehgeräte nach und nach in diesen Modus versetzt wurden, den nun Twitter und was nicht noch alles obendrein verschärft. Die Brüllerei als Diskussionsersatz ist auch ein Geschenk aus den USA. Allein diese geteilten Bildschrime mit zwei, vier, sechs Köpfen darin, die brüllen und schreien … und zu jedem Thema diese hochgeschraubte Aufregung. Für diese Kultur ist #metoo gemacht und diese Kultur wird durch #metoo gefördert und verbreitet.

Monika

1. März 2018 14:03

@Alveradis
Ihre Beiträge sind sehr inspirierend ! Danke.
Mir stellt sich die Frage: Gibt es eine linke und jetzt auch eine rechte Frauenbewegung ? Oder gibt es nicht doch eine beide Kategorien überschreitende Frauenbewegung ? Und wie könnte die aussehen ? Die linke Frauenbewegung ( Feminismus ) trat ja bisher immer so auf, als würde sie alle Frauen vertreten. Das stimmt ja nun nicht und erkennbar immer weniger. Bestimmte strukturelle und kulturelle Parameter werden ausgeklammert (Vorwurf des Rassismus ) . Und das den Frauen widerfahrene Leid wird bagatellisiert. Mit Linda Sarsour haben die linken Feministinnen aber keine Probleme. Hauptsache, ihre Ideologie wird nicht angekratzt. Hier füllt 12O Dezibel zunächst eine Lücke.
Benennt Fakten. Sofern eine Dichotomie besteht, kann man fragen, wie diese überwunden werden kann. Ich nenne hier nur kurz eine in Vergessenheit geratene katholische Vertreterin einer " christlichen Frauenbewegung" , Gertrud von le Fort ( 1876 - 1971 ).
Sie sprach von der " Ewigen Frau" als einer ontologischen Kategorie. So würde man heute nicht mehr sprechen.
Man kann aber die Frage stellen : Gibt es etwas, was konkreten Frauen gemeinsam ist ? Über die Kultur und die Hautfarbe hinaus?
Und warum kommt es zu den massiven Ausblendungen der Feministen angesichts von Migrantengewalt ? Das scheint mir tiefer zu reichen als es eine linke Sozialisierung erklären kann.

Hartwig aus LG8

1. März 2018 19:04

Nun, ich will niemanden zu nahe treten, aber als Mann sollte man keinen einzigen Gedanken an #metoo verschwenden. Diese ganze Kampagne richtet sich an und gegen den weißen Mann. Ignorieren und Totschweigen, oder, wenn es nicht anders geht, 110prozentiger Widerspruch gegen diesen Feldzug. Keine heimliche Häme und kein Laben, wenn ganz unzweifelhafte Drecksäcke jetzt Prügel beziehen.
So, ich werde heute auch einen Film schauen. "Der Mann, der die Frauen liebte". Da wird verführt, belästigt, gefickt ... geraucht! ... Frauen nach ihren Beinen klassifiziert ... alles aus reiner Hingabe zu ihnen. Frankreich 1977.

Monika

1. März 2018 21:04

@Hartwig
Der Mann, der die Frauen liebte ? Rennt der am Schluß nicht vor ein Auto mit Infusionsflasche im Arm ? Als er nach Beinen schaut...
kannte so einen Mann...zum Lachen, der Film, sehr gut...
Wer sich gegen den weißen Mann richtet, richtet sich auch gegen die weiße Frau....

Caroline Sommerfeld

1. März 2018 22:21

Sie sprach von der " Ewigen Frau" als einer ontologischen Kategorie. So würde man heute nicht mehr sprechen.

Hihi, Martin Sellner hat heute gerade ein Interview mit mir geführt, und was sag ich da? Auf seine Frage, ob ich denn glaube, daß es "den Mann" gibt: ja, es gibt eine ontologische Mann/Frau-Polarität, ein Substanzbegriff, eine "Natur" nicht im bloß biologischen Sinne, sondern als Seinsnatur.

Ein gebuertiger Hesse

2. März 2018 08:48

@ Hartwig aus LG8

Sehr schön, daß sie Truffauts Meisterwerk "Der Mann, der die Frauen liebte" anführen. Ich kenne wenig Filme, in denen das männliche Begehren von Frauen (und keineswegs nur einer) eine derartige harmonische Selbstverständlichkeit ist. Auch erkenne ich mich bei jedem Sehen in Bertrand Morane/Charles Denner wieder. Selbst wenn er etwas manisch drauf ist, da er praktisch jeden Abend ein neues Abenteuer sucht, steht er für eine Qualität im Mann, die wahrlich "immer gilt". Wunderbar. Dazu die großartige melancholische Heiterkeit des Ganzen ... ach, ich muß ihn auch bald wiedersehen.

Monika

2. März 2018 10:40

@caroline Sommerfeld

Interessant !
1936 schrieb Franz Zimmermann in einem Aufsatz " Die beiden Geschlechter in der Absicht Gottes":
" Der männliche und der weibliche Typus stehen zur Natur des Menschen nicht wie die weiße, schwarze oder gelbe Rasse. Die Ausrichtung der geschlechtlichen Eigenschaften ist nicht die Anpassung an äußere Lebensumstände, sondern geht auf Zwecke, die in der Selbstbehauptung des Einzelwesens und in der biologischen Variations- und Anpassungsfähigkeit nicht ihren zureichenden Grund finden. Die Geschlechtlichkeit ist eine in der menschlichen Natur veranlagte Einrichtung".
Über die Rolle der Frau bei Gertrud von le Fort:
https://www.gertrud-von-le-fort-gesellschaft.de/Nicht_mitzuhassen-_mitzulieben_bin_ich_da.pdf