Gerd Koenen: Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus

Gerd Koenen: Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus, München: C.H. Beck 2017. 1133 S., 38 €

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Es gibt nur weni­ge Autoren, denen man den sprich­wört­li­chen »Gro­ßen Wurf« zutraut, wenn es um eine Welt­ge­schich­te des Kom­mu­nis­mus geht. Gerd Koe­nen (u.a. Das rote Jahr­zehnt) ist einer von ihnen, und er hat das ambi­tio­nier­te Pro­jekt nicht nur gewagt, son­dern auch noch mit Bra­vour gemeis­tert. Dabei hat Koe­nen weder neue Quel­len ent­deckt noch fun­da­men­ta­le Umwäl­zun­gen in der Geschichts­schrei­bung im Sinn. Was Koe­nen leis­tet, ist gleich­wohl etwas Kolos­sa­les: Er schreibt die (bis­he­ri­ge) Lebens­ge­schich­te des kom­mu­nis­ti­schen Traums, der in der Mensch­heits­his­to­rie so oft und so mas­siv in einen mani­fes­ten Alp­traum umschlug.

Koe­nen betreibt sein Pro­jekt ent­lang der Far­ben­leh­re. Rot – das ist die Urfar­be, anre­gend, auf­re­gend, emo­tio­nal sti­mu­lie­rend; die Asso­zia­tio­nen rei­chen von Krieg und Kampf über Lei­den­schaft und Zorn bis hin zu Blut und Opfer­geist. Rot – das war (und ist) die poli­ti­sche Signal­far­be jenes Teils der poli­ti­schen Sphä­re, der von unter­schied­li­chen Spiel­ar­ten des Sozia­lis­mus bis zu eben­so unter­schied­li­chen Vor­stel­lungs­ho­ri­zon­ten des Kom­mu­nis­mus reicht.

Der Autor schreibt die Geschich­te des letz­te­ren, nicht ledig­lich des Mar­xis­mus, und daher ist es fol­ge­rich­tig, daß Koe­nen mit den Ursprün­gen beginnt. Ety­mo­lo­gisch betrach­tet, stammt der Kom­mu­nis­mus vom latei­ni­schen »com­mu­nis« (»cum munis«) ab; »cum munis« meint: Man ist dem Gemein­we­sen etwas schul­dig – im Gegen­satz zu denen, die »immu­nis« waren, also von Abga­ben befreit. Kom­mu­nis­mus ist zunächst die Ideo­lo­gie der Gemein­schaft­lich­keit, der Pri­mär­ver­pflich­tung gegen­über dem Gan­zen, moder­ner gefaßt: des Kol­lek­ti­vis­mus. Kom­mu­nis­mus als Idee (und als sol­che wird sie von heu­ti­gen Neo­kom­mu­nis­ten wie Alain Badiou und Sla­voj Žižek wie­der stär­ker akzen­tu­iert) ist aber mehr, und als sol­che ist die­se Idee, salopp gesagt, so alt wie die Mensch­heit selbst. Koe­nen wagt sich mit Engels zurück bis zur neo­li­thi­schen Revo­lu­ti­on, wid­met sich den Gro­ßen Erzäh­lun­gen mensch­li­cher Früh­ge­schich­te, befragt Pla­ton und Aris­to­te­les, beschreibt anhand zahl­rei­cher Phi­lo­so­phen die »Dia­lek­tik der Moder­ne«, unter­sucht Den­ker des Früh­so­zia­lis­mus, bevor er in den 1840er Jah­ren bei Marx und Engels ange­langt ist. Von jenen kri­ti­schen Den­kern, die Koe­nen als Ex-Kom­mu­nist her­vor­ra­gend kennt und por­trä­tiert, führt die Rou­te über Umwe­ge zu Lenin, Trotz­ki und Sta­lin, her­nach zu Pol Pots Kil­ling fiel­ds, vor allem auch zu Mao und dem zeit­ge­nös­si­schen Chi­na im Span­nungs­feld zwi­schen der Allein­macht der kom­mu­nis­ti­schen Nomen­kla­tu­ra und einer sich ste­tig wei­ter­ent­wi­ckeln­den kapi­ta­lis­ti­schen Wirtschaftsordnung.

Das Werk ist eine Tour de for­ce, die den Leser for­dert, ihm aber weit­ge­hend Erkennt­nis­ge­winn ver­schafft und an vie­len Stel­len anspornt, selb­stän­dig wei­ter­zu­for­schen und die Ori­gi­nal­tex­te zu lesen. Was Koe­nen betreibt, ist über­wie­gend klas­si­sche Ideen­ge­schich­te. Aber gera­de weil er das Fach­ge­biet der Ideen­ge­schich­te wähl­te, läßt sich just auf die­sem Ter­rain die Kri­tik anbrin­gen, daß sich der Autor pha­sen­wei­se zu sehr auf den Kom­mu­nis­mus in sei­ner dok­tri­nä­ren Par­tei­hül­le fokus­siert. Was Koe­nen vor­legt, ist die Geschich­te des kom­mu­nis­ti­schen »Mut­ter­schiffs«. Doch da die Erkennt­nis meist an Rän­dern wächst und die­ses Dik­tum auch für die facet­ten­rei­che Ideo­lo­gien­welt des Kom­mu­nis­mus sei­ne Gül­tig­keit besitzt, wäre es lesens­wert gewe­sen, noch die »Bei­schif­fe« ken­nen­zu­ler­nen, die vom Mut­ter­schiff zwangs­wei­se sepa­riert wur­den (mit allen eli­mi­na­to­ri­schen Fol­gen) oder sich selbst sepa­riert haben, sprich: Man ver­mißt die intel­lek­tu­el­le Dis­si­denz, die Kri­tik am dok­tri­nä­ren Regime-Kom­mu­nis­mus durch Kommunisten.

Zwei Erkennt­nis­se lie­fert Koe­nen der­weil noch en pas­sant mit:

Zum einen hebt er die kon­ser­va­ti­ve Dimen­si­on (ur)kommunistischer Über­zeu­gungs­wel­ten her­vor. Der star­ke Gemein­schafts­ge­dan­ken, die Suche nach einer sta­bi­len har­mo­ni­schen Ord­nung, die »Revo­lu­ti­on« als »Rück­kehr« (lat. von »revol­ve­re«) zu einem (mit­un­ter ima­gi­nier­ten) frü­he­ren Zustand – das hat schlech­ter­dings wenig mit dem zu tun, was heu­ti­ge »Kom­mu­nis­ten« ver­tre­ten. Und es läßt zumin­dest punk­tu­ell ide­al­ty­pi­sche Kom­mu­nis­ten und Kon­ser­va­ti­ve näher an sich her­an­rü­cken als an gegen­wär­tig reüs­sie­ren­de Neoliberale.

Zum ande­ren räumt Koe­nen mit der Vor­stel­lung auf, die 1923er Liai­son zwi­schen Kom­mu­nis­ten und Natio­na­lis­ten in Deutsch­land sei ledig­lich eine tem­po­rä­re Raf­fi­nes­se des Kom­in­tern-Funk­tio­närs Karl Radek gewe­sen. Viel­mehr habe Lenin selbst bereits 1920 anläß­lich des sowjet­rus­si­schen Krie­ges gegen Polen davon gespro­chen, auf die natio­nal­re­vo­lu­tio­nä­re Mobil­ma­chung Deutsch­lands gegen Ver­sailles gebaut zu haben. Von die­ser Hoff­nung führt über den Fall Schla­ge­ter und Cla­ra Zet­kins Wür­di­gung der deut­schen Frei­korps als die »ener­gischs­ten, ent­wick­lungs­fä­higs­ten Ele­men­te« abstei­gen­der Mit­tel­schich­ten eine Linie zur KPD-»Programmerklärung zur natio­na­len und sozia­len Befrei­ung des deut­schen Vol­kes« vom August 1930. Das Feld des Kom­mu­nis­mus war immens; Koe­nen zeich­net es her­aus­ra­gend nach.

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Gerd Koe­n­ens Die Far­be Rot kann man hier bestel­len.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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Kommentare (2)

Brandolf

2. April 2021 20:10

Der sogenannte sowjetrussische Krieg gegen Polen war ein Verteidigungskrieg des bolschewistischen Russlands gegen ein regional-hegemoniale Ambitionen verfolgendes Polen unter Führung des revisionistischen Imperialisten Marschall Pilsudski - dem Vorbild des jetzigen pseudo-nationalistischen Diktators oder eher USA-abhängigen Möchtegern-Diktators Polens Jaroslav Kaczynski. Marschall Pilsudski hatte sich damals angeschickt das Polnisch-Litauische Reich in Gestalt eines von ihm erdachten Staatenbundes zwischen Ostsee und Schwarzmeer wiederherzustellen.

Polen war in der sogenannten Zwischenkriegsperiode eine äußerst aggressive - aber im Gegensatz zum heutigen Polen wenigstens souveräne - Nation.

 

Brandolf

2. April 2021 20:14

Der Sozialismus steht laut dem auf dieser Website vorrangig als Feminismuskritiker bekannten Evolutionsbiologen Ulrich Kutschera Widerspruch zur evolvierten Natur des Menschen. Diese Feststellung Kutschera sollte uns immerzu daran erinnern, weshalb der Kommunismus als Ideologie gescheitert ist.

Übrigens wird Herr Zizek von außerhalb der Universitäten tätigen (Neo-)Marxisten nicht ernst genommen.