Dieter Borchmeyer: Was ist deutsch? Die Suche einer Nation nach sich selbst

Felix Dirsch rezensiert Dieter Borchmeyer: Was ist deutsch? Die Suche einer Nation nach sich selbst, Berlin: Rowohlt 2017. 1055 S., 39.95 €

 Gastbeitrag

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Die Fra­ge »Was ist deutsch?« ist in den letz­ten Jah­ren wie­der aktu­ell gewor­den. Mit die­sem The­ma kann man zum Erfolgs­au­tor avan­cie­ren. Der rumä­ni­en­deut­sche Schrift­stel­ler Richard Wag­ner und Koau­torin Thea Dorn haben es mit ihrem Buch Die deut­sche See­le vor­ge­macht. Auch ande­re Ken­ner der Pro­ble­ma­tik (leicht in kri­ti­sche Gefil­de zu gelan­gen) wie der Anglist Hans-Die­ter Gel­fert, der Kul­tur­wis­sen­schaft­ler Her­mann Bausin­ger, der Kunst­his­to­ri­ker Neill Mac Gre­gor und der His­to­ri­ker Alex­an­der Deman­dt leg­ten in den letz­ten Jah­ren erstaun­lich unauf­ge­reg­te Stu­di­en vor.

Im Ver­gleich zu die­sen Abhand­lun­gen bedeu­tet das monu­men­ta­le Werk des Lite­ra­tur- und Thea­ter­wis­sen­schaft­lers Die­ter Borch­mey­er wenigs­tens par­ti­ell einen Rück­fall in volks­päd­ago­gi­sche Urteils­mus­ter. Im Rah­men von Inter­views zu die­ser Publi­ka­ti­on hat er sein erkennt­nis­lei­ten­des Inter­es­se stets unter­stri­chen: Wider­stand zu leis­ten gegen natio­na­lis­ti­sche Ten­den­zen. Da liegt der Kurz­schluß nahe, die eige­nen Geschichts­be­trach­tun­gen als Anti­dot gegen eher ephe­me­re Ereig­nis­se der Gegen­wart ins Feld zu füh­ren, die zu die­sem Zweck alar­mis­tisch über­in­ter­pre­tiert wer­den. So wird die tra­di­tio­nel­le Juden­feind­schaft in Deutsch­land »cum gra­no salis« mit den Mord­kom­plot­ten des soge­nann­ten NSU ver­gli­chen. Hin­ter­grün­de sei­en bei­de Male dif­fu­se Existenzängste.

Jedoch ist es metho­disch wenig hilf­reich, aus die­ser Per­spek­ti­ve jene gro­ßen Geis­ter zu lesen, die der ehe­ma­li­ge Prä­si­dent der Baye­ri­schen Aka­de­mie der Schö­nen Küns­te im Zen­trum sei­ner Arbeit anführt. Zwar wer­den vie­le hoch­ran­gi­ge Per­sön­lich­kei­ten in der über tau­send­sei­ti­gen Abhand­lung her­an­ge­zo­gen, aber auf wei­ten Stre­cken stellt Borch­mey­er doch Den­ker her­aus, mit denen er sich schon Jahr­zehn­te beschäf­tigt und über die er zum Teil viel­dis­ku­tier­te Arbei­ten ver­öf­fent­licht hat: Schil­ler, Goe­the, Hei­ne, Nietz­sche und Tho­mas Mann. Es han­delt sich hier­bei um Ver­tre­ter deut­scher Dich­tung und Phi­lo­so­phie, die mit ihrem Volk, sei­nen Eigen­hei­ten, Gepflo­gen­hei­ten, Ste­reo­ty­pen, sei­ner Ent­wick­lung und so fort bis­wei­len hef­tig ins Gericht gegan­gen sind. Bis­wei­len schwank­ten sie erheb­lich in ihrem Urteil zur ange­stamm­ten Nati­on, ver­fie­len nicht sel­ten in Extre­me. Tho­mas Mann ist das bes­te Bei­spiel: In den 1918 erschie­ne­nen Betrach­tun­gen eines Unpo­li­ti­schen wird der west­li­che Zivi­li­sa­ti­ons­li­te­rat, den sein Bru­der Hein­rich per­so­ni­fi­ziert, vehe­ment aufs Korn genom­men. In sei­nem Spät­werk Dok­tor Faus­tus stellt er hin­ge­gen den deut­schen Wer­de­gang so ein­sei­tig und holz­schnitt­ar­tig wie nur mög­lich dar – ganz so, als genü­ge es, die roman­tisch-irra­tio­na­len Pha­sen der eige­nen His­to­rie als des­sen quint­essen­ti­el­le Bestand­tei­le zu sehen und nicht nur als eine von diver­sen frü­he­ren Epo­chen mit Ein­flüs­sen auf spä­te­re! Ver­gleich­bar ist das Ver­hält­nis (des von Mann mit Haß­lie­be beäug­ten) Richard Wag­ners zu Deutsch­land, bei dem vie­le eher das Gegen­teil, näm­lich ein­sei­ti­gen Natio­na­lis­mus, anneh­men; erst recht gel­ten der­ar­ti­ge Ambi­va­len­zen für sei­nen tem­po­rä­ren Ver­eh­rer Nietzsche.

Stu­pen­de Gelehr­sam­keit wird Borch­mey­er nie­mand abstrei­ten; jedoch täuscht die­ser Bil­dungs­hin­ter­grund über metho­di­sche Pro­ble­me bei sei­ner Vor­ge­hens­wei­se hin­weg. Der Ger­ma­nist über­sieht die Not­wen­dig­keit einer wei­ter­ge­hen­den his­to­ri­schen Grun­die­rung. Bedeu­ten­de Geschichts­schrei­ber, aus jün­ge­rer Zeit etwa Hell­mut Diwald, haben sich nicht von unge­fähr inten­siv mit Hein­rich dem Vog­ler aus­ein­an­der­ge­setzt. Es ging ihnen bei der Beschäf­ti­gung mit dem mythen­um­wo­be­nen »Grün­der des deut­schen Rei­ches« pri­mär dar­um, die Anfän­ge des­sen zu erhel­len, was viel spä­ter deut­sche Iden­ti­tät genannt wird. Der Medi­ävist Johan­nes Fried wan­del­te in sei­nem Stan­dard­werk Die Anfän­ge der Deut­schen ein Stück weit auf den Spu­ren sei­ner Vor­gän­ger, wenn er schon am Beginn der Unter­su­chung die Fra­ge stellt: »Was heißt deutsch?« Wei­ter­hin ist auch der For­schungs­be­reich »Natio­na­lis­mus vor dem Natio­na­lis­mus« für die Iden­ti­täts­the­ma­tik wich­tig, zu der bedeu­ten­de Gestal­ten der früh­neu­zeit­li­chen Geschich­te wie Ulrich von Hut­ten zäh­len. Bei Borch­mey­er weit­hin Fehlanzeige!

Der zeit­geist­kon­for­mis­ti­sche Duk­tus wird beson­ders deut­lich, wenn Borch­mey­er jüdi­sche Autoren wie den Reli­gi­ons- und Geis­tes­his­to­ri­ker Hans-Joa­chim Schoeps oder den lang­jäh­ri­gen Prä­si­den­ten des Jüdi­schen Welt­kon­gres­ses Nahum Gold­mann kri­ti­siert. Ers­te­rer schrieb in Stun­den gro­ßer Not, daß »… aus­ge­sto­ße­ne Juden die kon­ser­va­tivs­ten Deut­schen die­ser Zeit …« sei­en. Ist die­ser ver­zwei­fel­te Ver­such, die bis dato robus­te deutsch-jüdi­sche Syn­the­se zu ret­ten, tat­säch­lich als Anwand­lun­gen »wahn­wit­zi­ger Ver­blen­dung« ein­zu­stu­fen? Gold­mann sieht in sei­ner Auto­bio­gra­phie auch nach 1945 noch posi­ti­ve Momen­te im deutsch-jüdi­schen Ver­hält­nis. Muß man das Urteil eines Holo­caust-Über­le­ben­den in der Manier eines Nase­wei­ses wirk­lich der­art in Fra­ge stellen?

Das angeb­li­che Opus Mag-num stammt aus Infor­ma­tio­nen, die dem eige­nen Zet­tel­kas­ten ent­nom­men sind. Mot­to: Es muß alles rein, was irgend­wie zum Titel paßt!

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Die­ter Borch­mey­ers Was ist deutsch? kann man hier bestel­len.

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