Sezession
1. Dezember 2017

Dieter Borchmeyer: Was ist deutsch? Die Suche einer Nation nach sich selbst

Gastbeitrag

Felix Dirsch rezensiert Dieter Borchmeyer: Was ist deutsch? Die Suche einer Nation nach sich selbst, Berlin: Rowohlt 2017. 1055 S., 39.95 €

Die Frage »Was ist deutsch?« ist in den letzten Jahren wieder aktuell geworden. Mit diesem Thema kann man zum Erfolgsautor avancieren. Der rumäniendeutsche Schriftsteller Richard Wagner und Koautorin Thea Dorn haben es mit ihrem Buch Die deutsche Seele vorgemacht. Auch andere Kenner der Problematik (leicht in kritische Gefilde zu gelangen) wie der Anglist Hans-Dieter Gelfert, der Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger, der Kunsthistoriker Neill Mac Gregor und der Historiker Alexander Demandt legten in den letzten Jahren erstaunlich unaufgeregte Studien vor.

Im Vergleich zu diesen Abhandlungen bedeutet das monumentale Werk des Literatur- und Theaterwissenschaftlers Dieter Borchmeyer wenigstens partiell einen Rückfall in volkspädagogische Urteilsmuster. Im Rahmen von Interviews zu dieser Publikation hat er sein erkenntnisleitendes Interesse stets unterstrichen: Widerstand zu leisten gegen nationalistische Tendenzen. Da liegt der Kurzschluß nahe, die eigenen Geschichtsbetrachtungen als Antidot gegen eher ephemere Ereignisse der Gegenwart ins Feld zu führen, die zu diesem Zweck alarmistisch überinterpretiert werden. So wird die traditionelle Judenfeindschaft in Deutschland »cum grano salis« mit den Mordkomplotten des sogenannten NSU verglichen. Hintergründe seien beide Male diffuse Existenzängste.

Jedoch ist es methodisch wenig hilfreich, aus dieser Perspektive jene großen Geister zu lesen, die der ehemalige Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste im Zentrum seiner Arbeit anführt. Zwar werden viele hochrangige Persönlichkeiten in der über tausendseitigen Abhandlung herangezogen, aber auf weiten Strecken stellt Borchmeyer doch Denker heraus, mit denen er sich schon Jahrzehnte beschäftigt und über die er zum Teil vieldiskutierte Arbeiten veröffentlicht hat: Schiller, Goethe, Heine, Nietzsche und Thomas Mann. Es handelt sich hierbei um Vertreter deutscher Dichtung und Philosophie, die mit ihrem Volk, seinen Eigenheiten, Gepflogenheiten, Stereotypen, seiner Entwicklung und so fort bisweilen heftig ins Gericht gegangen sind. Bisweilen schwankten sie erheblich in ihrem Urteil zur angestammten Nation, verfielen nicht selten in Extreme. Thomas Mann ist das beste Beispiel: In den 1918 erschienenen Betrachtungen eines Unpolitischen wird der westliche Zivilisationsliterat, den sein Bruder Heinrich personifiziert, vehement aufs Korn genommen. In seinem Spätwerk Doktor Faustus stellt er hingegen den deutschen Werdegang so einseitig und holzschnittartig wie nur möglich dar – ganz so, als genüge es, die romantisch-irrationalen Phasen der eigenen Historie als dessen quintessentielle Bestandteile zu sehen und nicht nur als eine von diversen früheren Epochen mit Einflüssen auf spätere! Vergleichbar ist das Verhältnis (des von Mann mit Haßliebe beäugten) Richard Wagners zu Deutschland, bei dem viele eher das Gegenteil, nämlich einseitigen Nationalismus, annehmen; erst recht gelten derartige Ambivalenzen für seinen temporären Verehrer Nietzsche.

Stupende Gelehrsamkeit wird Borchmeyer niemand abstreiten; jedoch täuscht dieser Bildungshintergrund über methodische Probleme bei seiner Vorgehensweise hinweg. Der Germanist übersieht die Notwendigkeit einer weitergehenden historischen Grundierung. Bedeutende Geschichtsschreiber, aus jüngerer Zeit etwa Hellmut Diwald, haben sich nicht von ungefähr intensiv mit Heinrich dem Vogler auseinandergesetzt. Es ging ihnen bei der Beschäftigung mit dem mythenumwobenen »Gründer des deutschen Reiches« primär darum, die Anfänge dessen zu erhellen, was viel später deutsche Identität genannt wird. Der Mediävist Johannes Fried wandelte in seinem Standardwerk Die Anfänge der Deutschen ein Stück weit auf den Spuren seiner Vorgänger, wenn er schon am Beginn der Untersuchung die Frage stellt: »Was heißt deutsch?« Weiterhin ist auch der Forschungsbereich »Nationalismus vor dem Nationalismus« für die Identitätsthematik wichtig, zu der bedeutende Gestalten der frühneuzeitlichen Geschichte wie Ulrich von Hutten zählen. Bei Borchmeyer weithin Fehlanzeige!

Der zeitgeistkonformistische Duktus wird besonders deutlich, wenn Borchmeyer jüdische Autoren wie den Religions- und Geisteshistoriker Hans-Joachim Schoeps oder den langjährigen Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses Nahum Goldmann kritisiert. Ersterer schrieb in Stunden großer Not, daß »… ausgestoßene Juden die konservativsten Deutschen dieser Zeit …« seien. Ist dieser verzweifelte Versuch, die bis dato robuste deutsch-jüdische Synthese zu retten, tatsächlich als Anwandlungen »wahnwitziger Verblendung« einzustufen? Goldmann sieht in seiner Autobiographie auch nach 1945 noch positive Momente im deutsch-jüdischen Verhältnis. Muß man das Urteil eines Holocaust-Überlebenden in der Manier eines Naseweises wirklich derart in Frage stellen?

Das angebliche Opus Mag-num stammt aus Informationen, die dem eigenen Zettelkasten entnommen sind. Motto: Es muß alles rein, was irgendwie zum Titel paßt!

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Dieter Borchmeyers Was ist deutsch? kann man hier bestellen.


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