1. Dezember 2017

Léon Bloy: Marie Antoinette – Ritterin des Todes

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Konrad Gill über Léon Bloy: Marie Antoinette – Ritterin des Todes, Wien: Karolinger 2017. 109 S., 18 €

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Als der junge Bloy dieses erste essayistische Werk verfaßte, war noch nicht zu ahnen, daß er einmal als katholischer Wüterich in die Literaturgeschichte eingehen werde. Sein rebellischer Geist und sein glühender Katholizismus ließ ihn hier die kurze, doch ausgesprochen dramatische Hagiographie einer Frau schreiben, deren Nachruhm doch Bloy zufolge gerade darin gründe, daß sie keine Heilige war, sondern eine in ihrem Leiden als gewöhnlicher Mensch erkennbare Mutter, Ehefrau und – wenn auch zu spät – Politikerin in eigener Sache. Sie verteidigte ihren Status, ihr Ansehen und schließlich ihr Lebensrecht erst, als der revolutionäre Haß schon durch hunderttausende Hirne geschossen war: »Das Volk erwacht, die Königin erwacht« überschrieb Stefan Zweig ein Kapitel in seinem »Bildnis eines mittleren Charakters«.

Bloy erzählt von Leiden und Sterben dieser erst in der Gefahr aufblühenden und ihre Stärke neben einem schwachen Ehemann und König entfaltenden Frau mit mehr als nur der Sympathie christlicher Nächstenliebe. Die in den Zwängen und Gefahren der Versailler Schlangengrube überforderte Habsburgerprinzessin, diese »Durchschnittsfrau« (Zweig), besingt er in einem heute ungebräuchlichen hohen Ton, der schwülstig erscheinen mag, aber dem Sujet schon deshalb angemessen ist, weil Revolutionäre aller Couleur ihn bis heute entweder verabscheuen oder allein der Werbung für ihre säkularisierten Heilslehren zubilligen. Kaum eine Adelige war den Revolutionären von 1789ff. dermaßen verhaßt wie Marie Antoinette. Noch heute hat sie einen schlechten Ruf, der zum Teil auf Unterstellungen und 230 Jahre alter Propaganda beruht. Wie Bloy – total unkritisch und herrlich einseitig – Partei nimmt für diese Frau und damit für die (auch zum Zeitpunkt der Niederschrift) längst verlorene Sache der Legitimisten, ist ein (angesichts des grausigen Schicksals der Königin: bitteres) Vergnügen und paßt hervorragend in die Bibliothek der Reaction.

Seinen vollen Wert erhält der Band aber erst durch den zusätzlichen Abdruck zweier weiterer, noch kürzerer Texte, die Bloy bereits der Erstveröffentlichung beigegeben hatte: Der Misthaufen aus Lilien erzählt vom französischen Thronprätendenten Karl XI., einem Zeitgenossen Bloys, der nach heutigem Wissen vermutlich ein Hochstapler war, nach Meinung des Literaten aber »mit so großer Wahrscheinlichkeit der Enkel von Ludwig XVI. (…), daß es an vollständige Gewißheit grenzt«, und in dessen Auftreten in zweifelhaften Kreisen unterer Pariser Schichten Bloy den endgültigen Schlußpunkt des Niederganges der über fast tausend Jahre hinweg regierenden Kapetinger/Bourbonen erkennt. Der Schwarze Prinz ist eine Erinnerung an Napoléon Eugène Louis Bonaparte, den Sohn des letzten französischen Kaisers und proklamierten Thronfolger »Napoleon IV.«, einen heute wohl selbst -Monarchisten kaum mehr bekannten und von den Zeitläuften Versprengten. Der aussichtslose Prätendent fiel als britischer Soldat in einem unbedeutenden Gefecht mit Zulu-Kriegern.

Durch die Aneinanderreihung dieser Texte ist eine Meditation über den langsamen Untergang des Königtums in Frankreich entstanden. Die fast unglaubhaft erstaunlichen Schicksale dieser so ungleichen Unglücklichen, über hundert Jahre hinweg verstrickt in das historische Geschick Frankreichs, dem deutschen Leser bekannt gemacht zu haben, ist das Verdienst des Herausgebers und Übersetzers Alexander Pschera. Seine hilfreiche Deutung und Einordnung über Bloy und die Königsfrage schließt den Band sinnvoll ab.

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Léon Bloys Marie Antoinette kann man hier bestellen.


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