Sezession
1. Dezember 2017

Peter Priskil (Hrsg.): Kronstadt. Texte von Lenin, Trotzki u.a.

Benedikt Kaiser

Peter Priskil (Hrsg.): Kronstadt. Texte von Lenin, Trotzki u.a., Freiburg: Ahriman 2016. 224 S., 9.80 €

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

In diesem nun ausklingenden Jubiläumsjahr der Russischen Revolutionen von 1917 ist der Fokus vieler Forscher und Publizisten ganz auf die sowjetrussische Geschichte gerichtet gewesen, speziell bei Karl Schloegel (Das sowjetische Jahrhundert) oder Gerd Koenen (Die Farbe Rot, siehe S. 60). Eine besondere Zäsur für die frühe Sowjetunion verkörperte dabei der Matrosenaufstand in der Festung Kronstadt im Frühjahr 1921. Bis heute projizieren nichtleninistische Linke auf der ganzen Welt ihre Sehnsüchte in diese Erhebung vor den Toren Petrograds/St. Petersburgs, die rasch durch loyale Elemente der Roten Armee niedergeschlagen wurde. Haben hier nicht antiautoritäre oder wenigstens autoritätskritische Sozialisten, Sozialrevolutionäre, Anarchisten und Unabhängige versucht, die sich zementierende Diktatur der Bolschewiki zu stoppen, um einen anderen, einen nichttotalitären, demokratisch-sozialistischen Weg Rußlands zu ermöglichen? Nein, sagt Peter Priskil, der Herausgeber des vorliegenden Bandes, und nein, sagen auch die in dieser Anthologie versammelten, bolschewistischen Autoren von Lenin und Trotzki bis hin zum berüchtigten Geheimdienstmann Felix Dserschinski sowie dem US-amerikanischen Trotzki-Übersetzer John G. Wright, die Priskil mit Auszügen aus ihren Werken und Pressebeiträgen zu Wort kommen läßt.

Wer Kronstadt besaß, besaß Zugang zu Petrograd und, weil die dahinterliegende Fläche keine starken Verteidigungschancen bot, zu Moskau. Priskil, dessen Vor- und Nachwort so manche umgangssprachliche Attacke auf ideologisch Abweichende enthält, setzt in seiner Dokumentation genau hier an. Der Literaturwissenschaftler versucht mittels O-Tönen von einst darzulegen, weshalb das Projekt der Meuterei von Kronstadt von vornherein ein von raumfremden Mächten initiiertes Mittel war, um der noch nicht gefestigten Leninschen Diktatur nach vielen vergeblichen Anläufen endlich einen schweren Schlag zu versetzen. Neben diesem externen Faktor räumt der Band mit der Vorstellung auf, hier hätten »klassenbewußte« Linke gegen die entartete Diktatur der Partei gekämpft. Vielmehr sei es eine »kleinbürgerliche Konterrevolution« (Lenin) gewesen, die eben gerade kein weltanschauliches Fundament besessen habe, sondern speziell durch materielle Erwartungen der entideologisierten Etappe-Matrosen genährt wurde.

Man liest diese Dokumentation mit Spannung, denn sie wirft ein neues Licht auf den Kronstädter Aufstand. Sie legt Standpunkte dar, die in anderen, durchaus wissenschaftlicheren und umfassenderen Darstellungen, selten zur Geltung kommen. Ob man nach der Lektüre nun ernstlich die »Wahrheit über Kronstadt« (Wright) kennt und ob man Priskils Drang, mit Invektiven gegen die Zeitgeistlinke vorzugehen, goutiert: Fest steht, daß das mit einem hilfreichen Glossar versehene Bändchen seinen Beitrag zur historischen Einordnung des Mythos von Kronstadt und der sowjetischen Gründungsgeschichte leistet. Im Nachwort erfährt man zudem Erhellendes über die Problematik eines orthodoxen Marxisten, im zeitgenössischen oligarchischen Rußland einen potentiellen Katechon in bezug auf eine westlerisch-kapitalistisch geprägte One World und US-geführten »Monoimperialismus« zu identifizieren.

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Peter Prikils Kronstadt kann man hier bestellen.


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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