Konrad Paul Liessmann: Bildung als Provokation

Wiggo Mann rezensiert Konrad Paul Liessmann: Bildung als Provokation, Wien: Zsolnay 2017. 238 S., 22 €

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

Vor vie­len Jah­ren gab es mal einen Non-book-Best­sel­ler in jenem berüch­tig­ten »Kleinst­ver­lag«: Es han­del­te sich um ein Pla­kat, das unter der Über­schrift DIVISION ANTAIOS per Pop-Art-Gra­fik acht­und­drei­ßig Den­ker und Täter unge­fragt ein­ge­mein­de­te in eine so unkon­ven­tio­nel­le wie hete­ro­ge­ne (und, klar, fik­ti­ve) Kampf­trup­pe. Dar­un­ter fan­den sich nolens volens schnei­di­ge Typen wie Hein­rich I., Fried­rich Nietz­sche und Rudi Dutsch­ke, aber auch Zeit­ge­nos­sen: Gün­ther Masch­ke und Camil­le Paglia bei­spiels­wei­se. Auf der Frank­fur­ter Buch­mes­se 2017 nun hat­te der Ver­lag Antai­os mit einem Flug­blatt für Rumo­ren gesorgt: Es war ein »Weg­wei­ser« für »das kon­ser­va­ti­ve, rechts­in­tel­lek­tu­el­le Milieu«. Auf­ge­führt wur­den ein paar Dut­zend Mes­se­stän­de, deren Besuch lohn­te, weil hier »Non­kon­for­mes« aus­ge­stellt wür­de. Das war infor­ma­tiv, aber auch bis­sig gedacht: »Man­che Ver­la­ge tra­gen längst auf bei­den Schul­tern Was­ser«, hieß es im Flug­blatt. Gemeint waren damit Ver­la­ge wie DVA (Sar­ra­zin) oder Reclam (Kon­rad Ott), in denen ver­kaufs­träch­tig »rech­te« The­sen prä­sen­tiert wer­den, bei denen man doch gern wüß­te, wie die links­las­ti­ge Ver­le­ger­schaft dies jen­seits peku­niä­rer Inter­es­sen ver­tei­di­gen würde!

Kurz: Kon­rad Paul Liess­mann, der Wie­ner Phi­lo­so­phie­pro­fes­sor, der nicht nur eine ele­gan­te Feder führt, son­dern druck­reif spricht und jedes kri­ti­sche Inter­view besteht, wäre drin­gend zwangs­zu­ver­pflich­ten für die »Divi­si­on«! Sein aktu­el­les Buch Bil­dung als Pro­vo­ka­ti­on erscheint als Auf­satz­samm­lung, die in drei Kapi­tel unter­glie­dert ist. Im ers­ten geht es emi­nent »Zur Sache der Bil­dung«, das zwei­te wil­dert »Am Rand der Kul­tur«, das drit­te beinhal­tet Zwi­schen­ru­fe aus den »Nie­de­run­gen der Poli­tik«. Liess­mann, Jahr­gang 1953, ist ein begna­de­ter Essay­ist. Bil­dung, schreibt er, fun­gie­re heu­te als eine Art Joker­wort. »Bil­dung« als Unge­fäh­res gel­te als All­heil­mit­tel und Schlacht­ruf, wo Insti­tu­tio­nen und Prak­ti­ken ver­sagt haben; als bio­che­misch unbe­stimm­ter Impf­stoff gegen aller­lei Aus­wüch­se. Bil­dung, so stellt Liess­mann es dar, ist in Wahr­heit ein Dehn­ba­res und eine Schi­mä­re. Klar ist, was heu­te kei­nes­falls unter »Bil­dung« fal­le: schnö­des »Fak­ten­wis­sen«, »als soll­ten lie­ber Mei­nun­gen und Ideo­lo­gien ver­mit­telt wer­den«. Was heu­te gilt, ist die »Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung«. Kennt­nis­se, die nicht »situa­ti­ons­ad­äquat« sei­en, also nicht zur Lösung einer tages­ak­tu­el­len Fra­ge bei­trü­gen und somit unmit­tel­bar »nütz­lich« sind, gel­ten als ver­zicht­bar und unan­ge­mes­sen. Will­kom­men im post­fak­ti­schen Zeit­al­ter! Kul­tu­rel­le und ästhe­ti­sche Tra­di­tio­nen, klagt Liess­mann, spiel­ten im heu­ti­gen Lehr­be­trieb, der die Gleich­wer­tig­keit sämt­li­cher kul­tu­rel­len Erzeug­nis­se zum Gebot gemacht hat, kaum eine Rol­le. Liess­mann geht es, und das ist uner­hört, nicht um eine Umstül­pung der Lehr­plä­ne, son­dern gar um die­se (soll man sagen: demo­kra­ties­kep­ti­sche?) Erkennt­nis: Bil­dung sei nicht als sozia­les Mas­sen­pro­jekt, son­dern nur als indi­vi­du­el­ler Akt mög­lich. Wie nun das? Indi­vi­dua­li­sie­rung des Unter­richts (sprich: jeder nach sei­nen – begrenz­ten – Mög­lich­kei­ten) wird groß­ge­schrie­ben in der zeit­ge­nös­si­schen Päd­ago­gik, das eigent­li­che »Indi­vi­du­um und sei­nen Eigen­sinn« hin­ge­gen möch­te man gern eli­mi­nie­ren. Heu­te gehe es um Ope­ra­tio­na­li­sier­bar­keit, Quan­ti­fi­zier­bar­keit und letzt­lich um eine »Chan­cen­gleich­heit«, die aber in Wahr­heit auf »Erfolgs­gleich­heit« abzie­le. Ech­te Bil­dung, und Liess­mann argu­men­tiert hier pro­vo­kant gegen die Bil­dungs­lü­ge als »Reli­gi­ons­er­satz«, bedeu­te immer, daß »vie­les nur für Weni­ge bedeut­sam« sei. Ist das unde­mo­kra­tisch? Liess­mann kon­tert, daß heu­te unter dem Deck­man­tel der indi­vi­du­el­len Auto­no­mie »Bil­dung« zu einem Pro­gramm mutiert sei, das »kogni­ti­ve Res­sour­cen« skru­pel­los für glo­ba­le Märk­te auf­be­rei­te. Dies alles hät­ten bereits Diet­rich Schwa­nitz, Kon­rad Adam, Chris­toph Türcke, Juli­an Nida-Rüme­lin und Josef Kraus in mar­ki­ge Wor­te gefaßt? Sei’s drum. Liess­mann lohnt die Lek­tü­re, und wie.

– – –

Kon­rad Paul Liess­manns Bil­dung als Pro­vo­ka­ti­on kann man hier bestel­len.

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Verein für Staatspolitik e.V.
DE86 5185 0079 0027 1669 62
HELADEF1FRI

Kommentare (0)