Simon Strauß: Sieben Nächte

Simon Strauß: Sieben Nächte, Berlin: Blumenbar 2017. 144 S.,16 €

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

In den gro­ßen Medi­en­for­ma­ten hat man sich bereits am Erschei­nungs­tag der Publi­ka­ti­on geäu­ßert: Alle haben ihren Senf zu den »250 Gramm Pom­mer­sches East­coast Ent­recôte an Pfif­fer­lin­gen« gege­ben. Simon Strauß, der pro­jekt­haft die sie­ben Tod­sün­den durch­lei­det und sich hier der »Völ­le­rei« anheim­gibt, ist bel­le­tris­ti­scher Debü­tant. Daß das FAZ-Feuil­le­ton durch Strau­ßens Fest­an­stel­lung erheb­lich an Glanz gewon­nen hat, dürf­te nicht aus­schlag­ge­bend sein für das über­gro­ße Inter­es­se an die­sem Büch­lein. Simon, Jahr­gang 1988, ist der Sohn von Botho Strauß. Der Vater ist nicht nur eta­blier­ter Roman­cier und Dra­ma­ti­ker; er wird auf­grund sei­ner Essays »Der letz­te Deut­sche« (2015) und vor allem »Anschwel­len­der Bocks­ge­sang« (1993) viel­leicht wider Wil­len, aber nicht zu Unrecht als Vor­den­ker einer intel­lek­tu­el­len Neu­en Rech­ten ver­ehrt. Nun also sei­ne leib­li­che Frucht – »Frucht­zwerg«, schrieb der bos­haf­tes­te Kommentator.

Simon Strauß – natür­lich ist es Rol­len­pro­sa, der Erzäh­ler fun­giert als »S.« – ist ver­dros­sen, ist über­drüs­sig jener Rea­li­tät, deren Essenz ihm auf einer Groß­stadt­par­ty ein »jun­ger Mann aus Syri­en« mit­tels eines Bon­mots vor­trägt: »Von der Wie­ge bis zur Bah­re, For­mu­la­re, For­mu­la­re.« S., aller­bes­tens aus­ge­stat­tet für eine Mus­ter­kar­rie­re (Super­schü­ler, Top­stu­dent auf hohem Refle­xi­ons­ni­veau: »Ein Sym­pa­thie­süch­ti­ger. Der von Geg­ner­schaft träumt, und im ent­schei­den­den Moment doch lie­ber nichts sagt.«), will kein Norm-und-Form-Mensch sein. Gut, wel­cher Deut­sche mit Hoch­schul­be­fä­hi­gung möch­te das schon? Rebel­li­on statt Sta­gna­ti­on, das Cre­do der Spät­pu­ber­tie­ren­den! Nur, man beden­ke unse­re Zeit, in der alle Gren­zen und Tabus gefal­len sind. S. weiß das, weiß, daß alle halb­ga­ren Ver­su­che, aus­zu­sche­ren, doch nur ein­ge­meind­ba­re »Knie­fäl­le vor der Kon­ven­ti­on« sind: »Kom­pro­mis­se schwä­chen den Hän­de­druck. Wer zu oft den Fahr­stuhl nimmt, fin­det nicht mehr den Weg zur Hin­ter­trep­pe. Der bleibt in der Bequem­lich­keit ste­cken, ver­liert den Drang.«

Wie Strauß schreibt über die­se Sehn­sucht, sich Ker­ben zu schla­gen, wesent­lich zu wer­den, die­se ers­ten zwölf Sei­ten des schma­len Romans also – das ist deut­lich mehr als ein ver­wech­sel­ba­res Com­ing-of-age-Zeug­nis eines schreib­be­gab­ten Spätzwan­zi­gers. Es ist ein vital-poe­ti­sches Mani­fest, selbst wenn hier nichts mani­fes­tiert wird, son­dern mit Wucht eine Lücke kennt­lich wird: »Die ein­zi­ge Sehn­sucht, die trägt, ist die nach dem schla­gen­den Her­zen. Zu viel Gelän­de ist ver­lo­ren­ge­gan­gen an den Zynis­mus, der sei­ne kal­ten Fin­ger um alles legt. Der noch die letz­te Ker­ze aus­bläst, die letz­te Flucht­tür ver­rie­gelt, den letz­ten Vor­hang her­un­ter­reißt.« S. nun will das Feu­er neu ent­fa­chen, Türen auf­stem­men, Schat­ten suchen – indem er sich an sie­ben Aben­den den sie­ben Tod­sün­den aus­lie­fert, in deren Nähe, so will es die Legen­de hier, ihn Abend für Abend die per SMS über­mit­tel­ten Weg­wei­sun­gen eines Freun­des führen.

Die hier auf­ge­schrie­be­nen Erfah­run­gen wir­ken dadurch authen­tisch und nicht am Schreib­tisch kon­stru­iert. Zum Vor­teil, lite­ra­risch gese­hen, gerät sol­che Ver­suchs­an­ord­nung aller­dings nicht immer. Groß­ar­tig ist Super­bia, der Hoch­mut. S. soll sich vom Hoch­haus stür­zen, an einem Gum­mi­seil. Allein der Weg dort­hin! »Wie mich die­se Welt braucht. Wie sehr sie mich nötig hat. Jetzt. Heu­te. Hier. […] Ich tre­te den Bett­lern ihre Becher weg, haue den Musik­schü­lern ihre Woll­müt­zen vom Kopf. […] Den dum­men Kin­dern rei­ße ich die Luft­bal­lons aus den Hän­den, sol­len sie doch heu­len. Mein Gang wird nur noch brei­ter, mei­ne Brust geschwell­ter. […] Wenn ich ein­mal an der Macht bin […], wer­de ich Plät­ze bau­en, die nicht ver­ein­nahmt wer­den von irgend­wem, son­dern offen blei­ben, beweg­lich, in Angriffs­po­si­ti­on.« Sol­che jubeln­de Hoch­mü­tig­keits­pro­sa sucht ihres­glei­chen, das ist Kunst! Aber ande­re Tod­sün­den­pro­jekt­ta­ge gera­ten flau. Was soll ein beken­nen­der Ehr­geiz­ling auch zu Ace­dia schrei­ben, zur Träg­heit, zu der er selbst gar nicht neigt? Man­che Autoren haben »Ace­dia« mit »Feig­heit« über­setzt. Die­se Untu­gend jedoch wird nicht expli­zit abge­han­delt, sub­ku­tan aller­dings bil­det sie den Bas­so con­ti­nuo. Sprich, das hübsch aus­ge­dach­te Tod­sün­den­ras­ter trägt nicht durch. Es taugt nicht, um die eige­ne, sehr per­sön­li­che Begrenzt­heit zu erkennen.

Rat­schlag: Die Lek­tü­re auf Sei­te 129 abbre­chen. Auf den letz­ten Sei­ten kommt Freund »T.« zu Wort, der S. mit war­men Wor­ten dazu gra­tu­liert, »die Rei­fe­prü­fung« bestan­den zu haben. Das ist uner­quick­li­cher Firm­bi­schofs­ton. Für S. stellt »das drei­ßigs­te Jahr« eine Pfor­te dar. Man kennt das, nicht zuletzt von Inge­borg Bach­manns gleich­na­mi­gem Erzähl­band, wo eben­falls die Fra­ge nach der Anpas­sungs­fä­hig­keit und dem »Mit­krei­sen in geord­ne­ten Bah­nen« zur Dis­po­si­ti­on stand. Man darf gespannt sein (man ahnt’s), wohin es Simon Strauß dann ver­schla­gen haben wird.

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Simon Strauß’ Sie­ben Näch­te kann man hier bestel­len.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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