Frank Trentmann: Herrschaft der Dinge. Die Geschichte des Konsums vom 15. Jahrhundert bis heute

Frank Trentmann: Herrschaft der Dinge. Die Geschichte des Konsums vom 15. Jahrhundert bis heute, aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt und Stephan Gebauer-Lippert, München: DVA 2017. 1104 S., 40 €

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Der His­to­ri­ker Frank Trent­mann, gebo­ren in Deutsch­land, Abitur in Alto­na, Stu­di­um in Ham­burg, lehrt nun in Lon­don. Er hat sein über 1100seitiges (160 Sei­ten sind Anmer­kun­gen und Regis­ter!) Werk zur Geschich­te des Kon­sums 2016 auf eng­lisch vor­ge­legt, nun ist die deut­sche Über­set­zung erschienen.

Teil I zeich­net die Dyna­mik und die Glo­ba­li­sie­rung des Kon­sums nach, wobei Trent­mann drei gro­ße Kon­sum­kul­tu­ren unter­schei­det: das Ita­li­en der Renais­sance, das Chi­na der spä­ten Ming-Zeit (1520–1644) und den Kauf­schwung, der im 17. und 18. Jahr­hun­dert von den Nie­der­lan­den und Groß­bri­tan­ni­en aus­geht. Er legt dar, wie sich Märk­te welt­weit ent­wi­ckel­ten, inwie­fern Poli­tik und Ideo­lo­gien dar­auf reagier­ten und vice ver­sa: wie Welt­an­schau­un­gen Kon­sum­ge­wohn­hei­ten beein­fluß­ten. In Teil II wer­den Dis­kur­se der Gegen­wart unter­sucht und durch his­to­ri­sche Exem­p­la gespie­gelt: Was ist aus geschicht­li­cher Sicht zu sagen über das Kre­dit­we­sen, Frei­zeit­kul­tur, Mar­ken­fe­ti­schis­mus, die soge­nann­te Wegwerfgesellschaft?

Man liest in die­sem spär­lich geord­ne­ten Kon­vo­lut aus Zah­len, Daten, Orten, Sta­tis­ti­ken, Brie­fen eine Unmen­ge inter­es­san­ter Details. Daß euro­päi­sche Haus­hal­te um 1600 noch über­wie­gend die glei­chen Gegen­stän­de besa­ßen wie zwei­hun­dert Jah­re zuvor; daß es in jener Zeit mehr um die Ver­fei­ne­rung der Din­ge ging. Daß das Auf­kom­men der Baum­wol­le nicht nur Aus­druck eines neu­en Kom­forts war, son­dern auch »demo­kra­ti­sie­rend« wirk­te, weil man nun bequem fär­ben konn­te. Über­haupt, das schril­le Gegen­ein­an­der von »Kat­tun­wahn« und Kat­tun­ver­bot im 17. und 18. Jahr­hun­dert! Daß zwi­schen dem 14. und dem 17. Jahr­hun­dert euro­pa­weit rund 1350 Luxus­ge­set­ze exis­tier­ten und noch 1708 eine Frau im Schwarz­wald ver­ur­teilt wur­de, weil sie ein für ihren Stand zu gro­ßes Hals­tuch trug. Wie der Zucker­ver­brauch in Eng­land zwi­schen 1700 und 1800 um das Zehn­fa­che gestie­gen ist! Oder, spä­ter: Daß der Umsatz an Spiel­wa­ren in den USA zwi­schen 1899 und 1929 von acht auf 103 Mil­lio­nen Dol­lar wuchs. Daß 1840 in Groß­bri­tan­ni­en ein Arbei­ter inner­halb eines vier­zig­jäh­ri­gen Erwerbs­le­bens auf 124000 Arbeits­stun­den kam und anno 1981 auf 69000 – plus zwan­zig Jah­re arbeits­freie Lebens­zeit zusätzlich.

Ja, man fin­det eini­ges »Wis­sens­wer­te« in den 29,3 Lek­türe­stun­den, die man als Inten­siv­le­ser mit die­sem wuch­ti­gen Buch ver­brin­gen mag. Nur: Kennt man das? Die­sen Typ Pro­fes­sor, der »unglaub­lich viel weiß« und zu einem The­ma forscht, das einen in beson­de­rem Maße inter­es­siert? Und dann dies: Man sitzt in der Vor­le­sung und ist vor allem damit beschäf­tigt, Stra­te­gien zu ent­wi­ckeln, um wach zu blei­ben. Ähn­lich ver­hält es sich mit die­sem Buch. Es weist näm­lich vier Grund­ma­kel auf. Ers­tens: Trent­mann nennt es Her­aus­for­de­rung und Freu­de zugleich, zwi­schen Makro- und Mikro­per­spek­ti­ve zu wech­seln. Dem Leser bleibt die Last. Es wird nicht nur über Zei­ten und Kon­ti­nen­te gesprun­gen, son­dern auch zwi­schen dem »Kauf­mann aus Wol­fen­büt­tel«, der sei­ner­zeit dies und das besaß, und den aber­dut­zen­den Ver­ord­nun­gen und Trends, die zur glei­chen Zeit (aber logisch nie gleich­zei­tig) welt­weit Fuß faß­ten. Nur jede vier­te Fami­lie mit mitt­le­rem Ein­kom­men besaß in Spa­ni­en um 1750 eine Scha­le zum Ser­vie­ren von hei­ßer Scho­ko­la­de, ach komm! Ein Miß­ver­gnü­gen und ein wah­rer Irr­gar­ten, der­art kon­fus mit One world kon­fron­tiert zu sein! Zwei­tens Stil­blü­ten viel­fäl­ti­ger Art: »Letz­ten Endes ist Kon­sum eine leben­di­ge Erfah­rung«; auch Marx schlug »hin und wie­der über die Stren­ge«; »Die umfang­rei­che Lite­ra­tur zeigt, daß Ungleich­heit schlecht ist fürs Wohl­be­fin­den, für die geis­ti­ge Gesund­heit, das zivi­le Leben und die Tole­ranz.« Drit­tens die Unent­schie­den­heit des Autors in der Ein­ord­nung und Bewer­tung. Sei­ne Argu­men­ta­ti­ons­schlei­fen lau­ten meist so: Die einen sagen dies, die ande­ren das. Alexis de Toque­vil­les Befund, wonach der Wunsch nach Gleich­heit um so uner­sätt­li­cher sei, je grö­ßer die Gleich­heit ist, steht bei­spiels­wei­se uner­löst neben den Dik­tio­nen ande­rer Den­ker, die das Gegen­teil behaup­ten. Vier­tens: Am Fak­ti­zi­täts­grad der behaup­te­ten Aus­sa­gen ist oft zu zwei­feln. Durf­te wirk­lich nach 1999 (!) ein Farb­fern­se­her gepfän­det wer­den, wenn er durch ein Schwarz­weiß­ge­rät ersetzt wur­de? Soll­te in Deutsch­land 1964 wirk­lich ein »Grund­ta­schen­geld« die ein­fachs­ten Bedürf­nis­se befrie­di­gen, näm­lich bei­spiels­wei­se 80 Gramm (…) Nudeln pro Monat? Ist wirk­lich die Schweiz (mit 85 Pro­zent) das Land mit der »größ­ten Han­dy­dich­te«? (In Deutsch­land gibt es anno 2017 131 Mil­lio­nen Mobil­funk­an­schlüs­se.) Erhält die Kul­tur­sze­ne in Deutsch­land nun »mas­sivs­te Unter­stüt­zung« (S. 729) oder »rela­tiv wenig« (S. 731)? Kann es wahr sein, daß Haus­hal­te in den USA anno 1900 22 Stun­den pro Woche auf »Haus- und Care-Arbeit« ver­wen­de­ten und im Jah­re 2000 exakt die glei­che Zeit? Man weiß aus all die­sen Grün­den nicht recht, wohin mit die­sem Buch. Als 1300-Gramm-Ding mag es als Schlag­waf­fe die­nen. Nur, gegen wen?

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Frank Trent­manns Herr­schaft der Din­ge kann man hier bestel­len.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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