Günter Scholdt: Literarische Musterung. Warum wir Kohlhaas, Don Quijote und andere Klassiker neu lesen müssen

Stefan Flach rezensiert Günter Scholdt: Literarische Musterung. Warum wir Kohlhaas, Don Quijote und andere Klassiker neu lesen müssen, Schnellroda: Antaios 2017. 368 S., 22 €

 Gastbeitrag

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Ist nicht alles gesagt über Göt­zen der lite­ra­ri­schen Moder­ne wie Kaf­ka, Sart­re, Brecht? Oder ent­rück­te Urge­stal­ten wie Pla­ton, Äsop, Sopho­kles? Und sind nicht auch »unse­re« Haus­hei­li­gen Jün­ger, Dávi­la oder Fernau fer­tig erschlos­sen? Und wie soll­ten ihre Wer­ke von anno dazu­mal »bewaff­ne­te Wor­te« (Masch­ke) sein für den rechts-intel­lek­tu­el­len Wider­stand von 2017? Nein, das Ter­rain ist kei­nes­wegs abge­grast, wie uns der eme­ri­tier­te Lite­ra­tur­pro­fes­sor Gün­ter Scholdt in sei­ner Neu­in­ter­pre­ta­ti­on von drei­ßig Klas­si­kern der Welt­li­te­ra­tur vor Augen führt.

Die Mus­te­rung im Titel ver­weist auf ein Moment der Eig­nung, und das im Sinn der Wehr­haf­tig­keit. Din­ge sol­len also auf Herz und Nie­ren geprüft wer­den, um sie ein­satz­fä­hig zu machen. Genau das unter­nimmt Scholdt: Er »rekru­tiert« lite­ra­ri­sche Wer­ke aus ver­schie­dens­ten Welt­tei­len und Epo­chen, indem er sie auf die deut­sche Gegen­wart (nach 1945, beson­ders aber auch seit »9/15«) hin erschließt. Erschließt, aber nicht umdeu­tet: Die Bin­nen­per­spek­ti­ve der Wer­ke auf die Kon­flik­te der eige­nen Zeit bleibt unan­ge­tas­tet. Viel­mehr wird ihr kri­ti­sches Poten­ti­al über die eige­nen natür­li­chen Gren­zen hin­aus aus­ge­deu­tet. Scholdt gleicht dar­in einem Grab­räu­ber für die gute Sache: Wie Anti­go­ne – auf die anti­ke Tra­gö­die geht er eben­falls ein – den Leich­nam ihres Bru­ders stiehlt, um ihn recht­mä­ßig zu bestat­ten, ergreift Scholdt die kano­ni­sier­ten Wer­ke und ent­führt sie aus dem Kon­sens der gän­gi­gen, links-sedier­ten Lesart.

Anstatt die­sen Kon­sens aber aus­zu­blen­den, die Wer­ke puris­tisch zu iso­lie­ren, macht Scholdt sich die Hän­de schmut­zig und wühlt sich durch ihn hin­durch. Das ist des­halb instruk­tiv, weil die »Rekru­tie­rung«, die Nutz­bar­ma­chung der Klas­si­ker im Heu­te erfor­dert, daß ihre mei­nungs­po­li­ti­sche Annek­tie­rung erkannt und reflek­tiert wird. Nicht auf eine aka­de­mi­sche, erb­sen­zäh­le­ri­sche Wei­se (das Buch selbst mag kei­ne Fuß­no­ten), son­dern um dem Leser einen ers­ten, grund­le­gen­den Kampf vor­zu­füh­ren: den der Wer­ke gegen die Hohe­pries­ter ihrer eige­nen Ver­ein­nah­mung. Die dabei ein­ge­setz­ten Mit­tel muß Scholdt nicht erst durch Pole­mik oder Schmä­hung an die Klas­si­ker her­an­tra­gen, viel­mehr ent­stam­men sie ihrem eige­nen Geist und Sprach­schatz. Sei­ne Aus­deu­tung ver­sieht sie mit neu­er Munition.

Es ent­steht ein Spiel über meh­re­re Ban­den: Der Ein­trag zum Nibe­lun­gen­lied etwa geht aus von der poli­ti­schen Rezep­ti­on des Begriffs Nibe­lun­gen­treue, kommt über Fern­aus Nach­er­zäh­lung des Urtex­tes zum heu­ti­gen Unver­ständ­nis von des­sen Wer­te­welt (»Sei­ne Kon­flik­te und Nor­men sind uns in gera­de­zu spek­ta­ku­lä­rer Wei­se fremd gewor­den«); von der todes­mu­ti­gen Soli­da­ri­tät Hagens mit sei­ner Sip­pe zum Mord an Domi­nik Brun­ner, der in der Münch­ner U‑Bahn Jugend­li­che vor Angrif­fen bewahrt hat und sich dabei opfer­te, aber auch zu dem fei­gen Kapi­tän eines geken­ter­ten Kreuz­fahrt­schif­fes, der sich wäh­rend der Ret­tungs­ak­ti­on aus dem Staub mach­te; von der Loya­li­täts­fal­le, die sich im unbe­frag­ten Für­ein­an­der eben­falls ver­ber­gen mag (die Par­ti­zi­pa­ti­on der Gefolg­schaft an Hagens Feh­lern, die als stu­re Hit­ler-Treue ver­leum­de­te Zwangs­la­ge unse­rer Groß­el­tern­ge­nera­ti­on 1933–45), gelangt Scholdt schließ­lich zu einer Betrach­tung des­sen, wor­an das Natio­nal­epos gemahnt und was die Ree­du­ca­ti­on uns see­lisch bis heu­te zu neh­men ver­sucht: das Recht auf Tra­gik. Die­ser letz­te Tusch, der das Eigent­li­che, einen tiefs­ten Punkt unse­rer Ver­bin­dung zu dem alten Werk berührt, wirkt jedoch nur, weil Scholdt sei­ne Kugel nicht direkt, son­dern über die Flan­ken der per­ver­tier­ten Rezep­ti­on des Tex­tes und die Kor­re­spon­denz sei­ner Figu­ren mit heu­ti­gen Deut­schen spielt. Der Leser, der dem Par­cours folgt, bekommt kei­ne fixen Aus­sa­gen über­reicht (»Mere argu­ments con­vin­ce nobo­dy«, sag­te Jor­ge Luis Bor­ges), son­dern erhält Anschluß an die Gedan­ken­fol­gen eines Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lers, der nicht nur als Meis­ter sei­ner Pro­fes­si­on schreibt, son­dern auch als Betrof­fe­ner der aktu­el­len Ver­wer­fun­gen in unse­rem Land. Die Tra­gik, die er dabei wahr­nimmt, wirkt zurück auf sei­ne Erkennt­nis der Tra­gik in der Lite­ra­tur. Das über­zeugt – und drängt hin­ein ins eige­ne Welt­emp­fin­den. Künf­tig wer­den wir weni­ger harm­los lesen. Der Appell, den Scholdt in Hin­blick auf die Klas­si­ker aus­gibt, soll für sein eige­nes Buch jeden­falls wie­der­holt wer­den: Lesen, lesen, lesen!

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Gün­ter Scholdts Lite­ra­ri­sche Mus­te­rung kann man hier bestel­len.

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