1. Oktober 2017

Günter Scholdt: Literarische Musterung. Warum wir Kohlhaas, Don Quijote und andere Klassiker neu lesen müssen

Gastbeitrag

Stefan Flach rezensiert Günter Scholdt: Literarische Musterung. Warum wir Kohlhaas, Don Quijote und andere Klassiker neu lesen müssen, Schnellroda: Antaios 2017. 368 S., 22 €

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Ist nicht alles gesagt über Götzen der literarischen Moderne wie Kafka, Sartre, Brecht? Oder entrückte Urgestalten wie Platon, Äsop, Sophokles? Und sind nicht auch »unsere« Hausheiligen Jünger, Dávila oder Fernau fertig erschlossen? Und wie sollten ihre Werke von anno dazumal »bewaffnete Worte« (Maschke) sein für den rechts-intellektuellen Widerstand von 2017? Nein, das Terrain ist keineswegs abgegrast, wie uns der emeritierte Literaturprofessor Günter Scholdt in seiner Neuinterpretation von dreißig Klassikern der Weltliteratur vor Augen führt.

Die Musterung im Titel verweist auf ein Moment der Eignung, und das im Sinn der Wehrhaftigkeit. Dinge sollen also auf Herz und Nieren geprüft werden, um sie einsatzfähig zu machen. Genau das unternimmt Scholdt: Er »rekrutiert« literarische Werke aus verschiedensten Weltteilen und Epochen, indem er sie auf die deutsche Gegenwart (nach 1945, besonders aber auch seit »9/15«) hin erschließt. Erschließt, aber nicht umdeutet: Die Binnenperspektive der Werke auf die Konflikte der eigenen Zeit bleibt unangetastet. Vielmehr wird ihr kritisches Potential über die eigenen natürlichen Grenzen hinaus ausgedeutet. Scholdt gleicht darin einem Grabräuber für die gute Sache: Wie Antigone – auf die antike Tragödie geht er ebenfalls ein – den Leichnam ihres Bruders stiehlt, um ihn rechtmäßig zu bestatten, ergreift Scholdt die kanonisierten Werke und entführt sie aus dem Konsens der gängigen, links-sedierten Lesart.

Anstatt diesen Konsens aber auszublenden, die Werke puristisch zu isolieren, macht Scholdt sich die Hände schmutzig und wühlt sich durch ihn hindurch. Das ist deshalb instruktiv, weil die »Rekrutierung«, die Nutzbarmachung der Klassiker im Heute erfordert, daß ihre meinungspolitische Annektierung erkannt und reflektiert wird. Nicht auf eine akademische, erbsenzählerische Weise (das Buch selbst mag keine Fußnoten), sondern um dem Leser einen ersten, grundlegenden Kampf vorzuführen: den der Werke gegen die Hohepriester ihrer eigenen Vereinnahmung. Die dabei eingesetzten Mittel muß Scholdt nicht erst durch Polemik oder Schmähung an die Klassiker herantragen, vielmehr entstammen sie ihrem eigenen Geist und Sprachschatz. Seine Ausdeutung versieht sie mit neuer Munition.

Es entsteht ein Spiel über mehrere Banden: Der Eintrag zum Nibelungenlied etwa geht aus von der politischen Rezeption des Begriffs Nibelungentreue, kommt über Fernaus Nacherzählung des Urtextes zum heutigen Unverständnis von dessen Wertewelt (»Seine Konflikte und Normen sind uns in geradezu spektakulärer Weise fremd geworden«); von der todesmutigen Solidarität Hagens mit seiner Sippe zum Mord an Dominik Brunner, der in der Münchner U-Bahn Jugendliche vor Angriffen bewahrt hat und sich dabei opferte, aber auch zu dem feigen Kapitän eines gekenterten Kreuzfahrtschiffes, der sich während der Rettungsaktion aus dem Staub machte; von der Loyalitätsfalle, die sich im unbefragten Füreinander ebenfalls verbergen mag (die Partizipation der Gefolgschaft an Hagens Fehlern, die als sture Hitler-Treue verleumdete Zwangslage unserer Großelterngeneration 1933–45), gelangt Scholdt schließlich zu einer Betrachtung dessen, woran das Nationalepos gemahnt und was die Reeducation uns seelisch bis heute zu nehmen versucht: das Recht auf Tragik. Dieser letzte Tusch, der das Eigentliche, einen tiefsten Punkt unserer Verbindung zu dem alten Werk berührt, wirkt jedoch nur, weil Scholdt seine Kugel nicht direkt, sondern über die Flanken der pervertierten Rezeption des Textes und die Korrespondenz seiner Figuren mit heutigen Deutschen spielt. Der Leser, der dem Parcours folgt, bekommt keine fixen Aussagen überreicht (»Mere arguments convince nobody«, sagte Jorge Luis Borges), sondern erhält Anschluß an die Gedankenfolgen eines Literaturwissenschaftlers, der nicht nur als Meister seiner Profession schreibt, sondern auch als Betroffener der aktuellen Verwerfungen in unserem Land. Die Tragik, die er dabei wahrnimmt, wirkt zurück auf seine Erkenntnis der Tragik in der Literatur. Das überzeugt – und drängt hinein ins eigene Weltempfinden. Künftig werden wir weniger harmlos lesen. Der Appell, den Scholdt in Hinblick auf die Klassiker ausgibt, soll für sein eigenes Buch jedenfalls wiederholt werden: Lesen, lesen, lesen!

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Günter Scholdts Literarische Musterung kann man hier bestellen.


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