Birgit Kelle: Muttertier. Eine Ansage

Birgit Kelle: Muttertier. Eine Ansage, Basel: Fontis 2017. 256 S., 20 €

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Wäre man bös, könn­te man sagen, Bir­git Kel­le rei­te seit Jah­ren ein The­ma (den »durch­ge­knall­ten«, »beklopp­ten« Femi­nis­mus), und nun läßt sie es (nach Dann mach doch die Blu­se zu, 2013, und Gen­der-Gaga, 2015) durch ihr drit­tes Buch galop­pie­ren. Kel­le ist – sie trat damals beherzt in die Fuß­stap­fen von Eva »Auto­bahn« Her­man – eine Art One-Woman-Show. Und das ist nun ein Kom­pli­ment. Denn: Fem­Prop bedröhnt uns seit Jahr­zehn­ten. Aus ein­schlä­gi­gen Krei­sen, aus Uni­ver­si­tä­ten, Gewerk­schaf­ten, Sach- und Fach­bü­chern, Par­tei­en, Feuil­le­tons die immer glei­chen Slo­gans und Paro­len. Medi­al wirk­sa­me Gegen­stim­men sind schwach, es gibt kei­nen voll­tö­nen­den Chor der Anti-Eman­zen, son­dern wesent­lich die­se eine Stim­me, die von Kel­le. Sie ist (ganz glaub­wür­dig) nicht rechts, sie ist bein­hart kon­ser­va­tiv, CDU-Mit­glied. Oft sitzt sie in Talk­shows, stets in der Kon­stel­la­ti­on eine gegen vier (in etwa), und man merkt beim ers­ten Satz: Die hat die sprich­wört­li­chen Haa­re auf den Zäh­nen. Kel­le ist zäh, mutig, gedan­ken­flink, argu­men­tiert elo­quent. Wenn sie von loben­den Zuschrif­ten erzählt, die ihr tau­send­fach zugin­gen – kein Grund, dar­an zu zwei­feln. Kel­les Modus ist kein intel­lek­tu­el­ler, er ist im bes­ten Sin­ne popu­lis­tisch: Sie schreibt für die (Mil­lio­nen?) Frau­en, die im öffent­li­chen Dis­kurs kei­nen Echo­raum fin­den. Frau­en, die nicht durch #reg­ret­ting­mo­ther­hood Trä­nen des Wie­der­erken­nens in die Augen beka­men, son­dern die seuf­zen, wenn sie ihr Kind mor­gens an der KiTa-Tür abge­ben. Denen der Puls hoch­schlägt, wenn sie sich fol­gen­den moder­nen Kon­ven­tio­nal­fra­gen aus­ge­setzt sehen: Du arbei­test immer noch nicht? Hast du nicht Angst, dein Kind über­zu­be­treu­en? Echt, du hast es (das Unge­bo­re­ne) nicht tes­ten las­sen? Steht man ein biß­chen außen, weiß man: Das ist ein Zicken­krieg. Die Lohn­frau­en bei­ßen gegen die Zuhau­se­müt­ter, und vice ver­sa. Es sind nicht nur offen aggres­si­ve Bis­se, son­dern vor allem sub­ku­ta­ne Sti­che­lei­en, ein über­aus weib­li­ches Ding. Seit Jahr­zehn­ten bereits schwim­men die Kar­rie­re­ver­wal­tungs­an­ge­stell­ten, die eman­zi­pier­ten Ver­käu­fe­rin­nen und Möch­te­gern­wer­d­enger­ma­nis­tin­nen mit Baby in der Cam­pu­skrip­pe argu­men­ta­tiv im Haupt­strom, sie haben Ober­was­ser. Nun klotzt Kel­le in zwölf Kapi­teln dage­gen. Sie tut es schlau und fin­dig, sie ist nicht mode­rat und auf ein Agree­ment aus. Sie will nicht mis­sio­nie­ren – sagt sie – und nur ihren eige­nen Weg stark­ma­chen. Schlüs­sel­satz: »Ich möch­te kei­ner Mut­ter ein schlech­tes Gewis­sen machen. Ich kann es ihr aber auch nicht neh­men.« Das ist natür­lich (bewußt) schlecht ver­bor­ge­ner Kampf­mo­dus! Kel­le lie­fert Bal­sam für die See­len jener Müt­ter, die unter unge­heu­rem Recht­fer­ti­gungs­druck ste­hen, weil sie ihr Kind, ihre Kin­der für eini­ge Zeit zum abso­lu­ten Mit­tel­punkt ihres Lebens gemacht haben.

Im Vor­feld mei­ner eige­nen Lek­tü­re hat­te ich einen Aus­schnitt des Buches gele­sen. Dort ging es um Äug­lein, die die Mama anschau­en, Ärm­chen, die nach ihr grei­fen, Her­zen, die im Takt schla­gen. Nichts dage­gen. Nur: ein Miß­ver­ständ­nis, zu glau­ben, das Super­sof­te sei hier der durch­gän­gi­ge Ton! Kel­le kennt die Agen­da der staat­li­chen, lite­ra­ri­schen und feuil­le­to­nis­ti­schen Femi­nis­tin­nen gut, dar­um setzt sie nicht (nur) Herz/Bauch gegen intel­lek­tu­el­le Ver­dre­hun­gen. Sie argu­men­tiert bein­hart, manch­mal extrem cool, oft mit Halloo?-Gestus (dem weib­li­chen Pen­dant zum Schen­kel­klop­fer), meist im Kern sehr sach­lich. Den Bogen spannt sie weit: Es geht kei­nes­wegs nur um Fremd­be­treu­ung, Kar­rie­re­t­ob­sucht, Geschlech­ter­rol­len­no­men­kla­tur und femi­nis­ti­sche Infil­tra­ti­on, son­dern auch um glä­ser­ne Schwan­ger­schaft, das Kalt­stel­len des Heb­am­men­be­rufs und um Abtrei­bungs­fra­gen. Allen »selbst­er­zie­hen­den« Müt­tern, die sich dau­ernd schee­len Bli­cken und hin­ter­sin­ni­gen Fra­gen (war­um sie eigent­lich stu­diert haben; wie sie das bloß aus­hal­ten »am Herd«; Kon­dom­ge­schen­ke zum vier­ten Kind) aus­ge­setzt füh­len, sei die­ses Buch als all­tags­taug­li­che Fibel und Arse­nal ans Herz gelegt! »An jeder Stra­ßen­ecke lau­ert neu­er­dings eine wei­te­re Frei­heit, der wir unbe­dingt in den nächs­ten Haus­ein­gang fol­gen sol­len.« Ver­ba­le Muni­ti­on und men­ta­le Erst­hil­fe gewünscht? Schlagt nach bei Kel­le! Sie gibt es all die­sen soge­nann­ten »Frei­hei­ten« gründ­lich. Aller­dings: Mein Bedarf an der hier viel­fach abge­wan­del­ten Ansa­ge »Ich kot­ze gleich / Ich kot­ze gleich ins Essen« ist für die nächs­ten Jah­re gedeckt.

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Bir­git Kel­les Mut­ter­tier kann man hier bestel­len.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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