Johannes Saltzwedel (Hrsg.): Die Aufklärung. Das Drama der Vernunft vom 18. Jahrhundert bis heute

Johannes Saltzwedel (Hrsg.): Die Aufklärung. Das Drama der Vernunft vom 18. Jahrhundert bis heute, München: Deutsche Verlags-Anstalt 2017. 270 Seiten, 20 €

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

Johann Gott­lieb Her­der nann­te die letz­te von ihm her­aus­ge­ge­be­ne Zeit­schrift Adras­tea, die Unaus­weich­li­che. »Es war ein Bei­na­me der Göt­tin Neme­sis, der rich­ten­den, ja rächend-schlich­ten­den Macht des His­to­ri­schen, in der Her­der seit Lan­gem das Sinn­bild für Trau­er und Trost zugleich erblick­te.« Her­aus­ge­ber Saltz-wedel leiht sich Her­ders Blick auf die Auf­klä­rung: Die unaus­weich­li­che Auf­klä­rung. Ende des 17. Jahr­hun­derts begann der »Tole­ranz­pio­nier« Pierre Bayle, reli­giö­se Dog­men und Vor­ur­tei­le anzu­grei­fen, in der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on gip­fel­te das Zeit­al­ter der Auf­klä­rung im Ter­reur. Viel­leicht bringt es das Lexi­kon­haf­te eines Buches mit sich, des­sen Bei­trä­ge zuerst als Spie­gel-Wis­sen-Heft erschie­nen sind, daß es kei­ne geschlos­se­ne kri­ti­sche Theo­rie nach dem Mus­ter der »Dia­lek­tik der Auf­klä­rung« (Horkheimer/Adorno) ver­tritt, der­zu­fol­ge alles so kom­men muß­te, wie es kam, und die Auf­klä­rung aus inne­rer Not­wen­dig­keit umschlägt in ihr Gegen­teil, das wie­der­um … Viel­leicht sind sol­che Theo­rien auch his­to­risch über­holt, und das Mate­ri­al spricht für sich.

Die Auf­klä­rung ist ein Publi­kums­buch, das sowohl Ober­stu­fen­schü­ler, die gera­de die­ses Zeit­al­ter durch­neh­men, als auch inter­es­sier­te Lai­en anpeilt. Alle wesent­li­chen Den­ker der Auf­klä­rung wer­den in leben­di­gen Bil­dern vor­ge­stellt, ein klei­nes – viel zu klei­nes – Kapi­tel­chen zu den gro­ßen Gegen­auf­klä­rern (Bur­ke, Hamann, Saint-Mar­tin, de Maist­re, von Baa­der) fehlt auch nicht.

Johan­nes Saltz­we­del hat für einen Her­aus­ge­ber erstaun­lich vie­le Kapi­tel selbst geschrie­ben, durch sie zieht sich das The­ma der offi­ziö­sen Wider­stän­de gegen die Auf­klä­rung, denn, so schreibt er im Vor­wort apho­ris­tisch: »Auf­klä­rung fin­det nicht statt, wenn alle schon wis­sen, wo es langgeht.«

Okkul­te Logen, nament­lich Frei­mau­re­rei, Rosen­kreu­zer und Illu­mi­na­ten­tum, erwach­sen aus dem inhä­ren­ten Wider­spruch der Auf­klä­rung: Licht in die Welt zu tra­gen, dies aber im Ver­bor­ge­nen zu schü­ren. Im Bei­trag von Ange­la Gat­ter­burg führt die­ser Wider­spruch zu der nai­ven Ein­schät­zung, dem »men­schen­freund­li­chen Män­ner­bund« sei­en bis heu­te »immer wie­der fins­te­re Welt­herr­schafts­ab­sich­ten unter­stellt wor­den« – Auf­klä­rung soll­te auch sel­ber Metho­de sein, dann käme man weder dar­auf, Okkul­tis­mus sei »men­schen­freund­lich«, noch wür­de man »Ver­schwö­rungs­theo­rien« für fins­te­ren Unfug hal­ten. Die Idee einer voll­ends eman­zi­pier­ten und zugleich gehei­mer Lei­tung unter­stell­ten Mensch­heit wäre, schrieb Lorenz Jäger in sei­nem Buch über Frei­mau­re­rei und Revo­lu­ti­ons­be­we­gun­gen, »in äußers­ter Kon­se­quenz eine Herr­schafts­form, gegen die gehal­ten viel­leicht selbst die his­to­ri­schen Tota­li­ta­ris­men ver­blas­sen wür­den.« (Lorenz Jäger: Hin­ter dem Gro­ßen Ori­ent, Wien/Leipzig 2009).

Beson­ders die soge­nann­ten »radi­ka­len Auf­klä­rer«, denen ein Inter­view des Her­aus­ge­bers mit dem His­to­ri­ker Mar­tin Mul­sow gewid­met ist, hat­ten übel mit Zen­sur, Repres­sio­nen und Hetz­kam­pa­gnen zu kämp­fen, tra­ten sie doch für Posi­tio­nen ein, die im 18. Jahr­hun­dert außer­halb des »Sag­ba­ren« lagen: Athe­is­mus, Spi­no­zis­mus, Mys­ti­zis­mus oder Mate­ria­lis­mus. Ein radi­ka­ler Auf­klä­rer namens Theo­dor Lud­wig Lau aus Königs­berg muß­te fol­gen­des erle­ben: »Auf der Frank­fur­ter Buch­mes­se wird das Buch [ein deis­tisch-spi­no­zis­ti­scher Trak­tat] sofort ver­bo­ten, der Stadt­rat ver­bannt ihn. Zwei Jah­re spä­ter kommt er ver­klei­det wie­der nach Frank­furt, fliegt aber auf und wan­dert ins Gefäng­nis. In der Haft ver­sucht er sich umzu­brin­gen. Nach der Frei­las­sung fin­det er kei­ne Anstel­lung mehr. Wohin er kommt, selbst in Hol­land, zün­den into­le­ran­te Nach­barn sein Haus an oder steh­len sei­ne Habe. Er endet 1740 in tie­fer Armut unter fal­schem Namen in Alto­na.« Der His­to­ri­ker Eber­hard Straub hat ein Kapi­tel über »Tugend und Ter­ror« bei­gesteu­ert, das luzi­de den Umschlag der Auf­klä­rung in den Tugend­ter­ror nach­zeich­net. Auf­klä­rung führt sich selbst ad absur­dum, wenn sie so endet: »Was gut und böse ist, bestimmt somit der Gerech­te. Er kann und darf als Rächer der ver­letz­ten Men­schen­rech­te im Namen der Frei­heit als tod­brin­gen­der Wür­ge­en­gel auf­tre­ten, wie Dan­ton 1791 stolz bekann­te.« Honi soit, qui mal y pense.

Die Göt­tin Neme­sis Adras­tea, die Unaus­weich­li­che, ver­mit­telt immer und immer wie­der neu das not­wen­di­ge Auf­be­geh­ren gegen »ver­krus­te­te Struk­tu­ren« mit dem Zer­stö­rungs­werk der Aufklärung.

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Johan­nes Saltz­we­dels Die Auf­klä­rung kann man hier bestel­len.

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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