Sezession
1. Oktober 2017

Johannes Saltzwedel (Hrsg.): Die Aufklärung. Das Drama der Vernunft vom 18. Jahrhundert bis heute

Caroline Sommerfeld

Johannes Saltzwedel (Hrsg.): Die Aufklärung. Das Drama der Vernunft vom 18. Jahrhundert bis heute, München: Deutsche Verlags-Anstalt 2017. 270 Seiten, 20 €

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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Johann Gottlieb Herder nannte die letzte von ihm herausgegebene Zeitschrift Adrastea, die Unausweichliche. »Es war ein Beiname der Göttin Nemesis, der richtenden, ja rächend-schlichtenden Macht des Historischen, in der Herder seit Langem das Sinnbild für Trauer und Trost zugleich erblickte.« Herausgeber Saltz-wedel leiht sich Herders Blick auf die Aufklärung: Die unausweichliche Aufklärung. Ende des 17. Jahrhunderts begann der »Toleranzpionier« Pierre Bayle, religiöse Dogmen und Vorurteile anzugreifen, in der Französischen Revolution gipfelte das Zeitalter der Aufklärung im Terreur. Vielleicht bringt es das Lexikonhafte eines Buches mit sich, dessen Beiträge zuerst als Spiegel-Wissen-Heft erschienen sind, daß es keine geschlossene kritische Theorie nach dem Muster der »Dialektik der Aufklärung« (Horkheimer/Adorno) vertritt, derzufolge alles so kommen mußte, wie es kam, und die Aufklärung aus innerer Notwendigkeit umschlägt in ihr Gegenteil, das wiederum … Vielleicht sind solche Theorien auch historisch überholt, und das Material spricht für sich.

Die Aufklärung ist ein Publikumsbuch, das sowohl Oberstufenschüler, die gerade dieses Zeitalter durchnehmen, als auch interessierte Laien anpeilt. Alle wesentlichen Denker der Aufklärung werden in lebendigen Bildern vorgestellt, ein kleines – viel zu kleines – Kapitelchen zu den großen Gegenaufklärern (Burke, Hamann, Saint-Martin, de Maistre, von Baader) fehlt auch nicht.

Johannes Saltzwedel hat für einen Herausgeber erstaunlich viele Kapitel selbst geschrieben, durch sie zieht sich das Thema der offiziösen Widerstände gegen die Aufklärung, denn, so schreibt er im Vorwort aphoristisch: »Aufklärung findet nicht statt, wenn alle schon wissen, wo es langgeht.«

Okkulte Logen, namentlich Freimaurerei, Rosenkreuzer und Illuminatentum, erwachsen aus dem inhärenten Widerspruch der Aufklärung: Licht in die Welt zu tragen, dies aber im Verborgenen zu schüren. Im Beitrag von Angela Gatterburg führt dieser Widerspruch zu der naiven Einschätzung, dem »menschenfreundlichen Männerbund« seien bis heute »immer wieder finstere Weltherrschaftsabsichten unterstellt worden« – Aufklärung sollte auch selber Methode sein, dann käme man weder darauf, Okkultismus sei »menschenfreundlich«, noch würde man »Verschwörungstheorien« für finsteren Unfug halten. Die Idee einer vollends emanzipierten und zugleich geheimer Leitung unterstellten Menschheit wäre, schrieb Lorenz Jäger in seinem Buch über Freimaurerei und Revolutionsbewegungen, »in äußerster Konsequenz eine Herrschaftsform, gegen die gehalten vielleicht selbst die historischen Totalitarismen verblassen würden.« (Lorenz Jäger: Hinter dem Großen Orient, Wien/Leipzig 2009).

Besonders die sogenannten »radikalen Aufklärer«, denen ein Interview des Herausgebers mit dem Historiker Martin Mulsow gewidmet ist, hatten übel mit Zensur, Repressionen und Hetzkampagnen zu kämpfen, traten sie doch für Positionen ein, die im 18. Jahrhundert außerhalb des »Sagbaren« lagen: Atheismus, Spinozismus, Mystizismus oder Materialismus. Ein radikaler Aufklärer namens Theodor Ludwig Lau aus Königsberg mußte folgendes erleben: »Auf der Frankfurter Buchmesse wird das Buch [ein deistisch-spinozistischer Traktat] sofort verboten, der Stadtrat verbannt ihn. Zwei Jahre später kommt er verkleidet wieder nach Frankfurt, fliegt aber auf und wandert ins Gefängnis. In der Haft versucht er sich umzubringen. Nach der Freilassung findet er keine Anstellung mehr. Wohin er kommt, selbst in Holland, zünden intolerante Nachbarn sein Haus an oder stehlen seine Habe. Er endet 1740 in tiefer Armut unter falschem Namen in Altona.« Der Historiker Eberhard Straub hat ein Kapitel über »Tugend und Terror« beigesteuert, das luzide den Umschlag der Aufklärung in den Tugendterror nachzeichnet. Aufklärung führt sich selbst ad absurdum, wenn sie so endet: »Was gut und böse ist, bestimmt somit der Gerechte. Er kann und darf als Rächer der verletzten Menschenrechte im Namen der Freiheit als todbringender Würgeengel auftreten, wie Danton 1791 stolz bekannte.« Honi soit, qui mal y pense.

Die Göttin Nemesis Adrastea, die Unausweichliche, vermittelt immer und immer wieder neu das notwendige Aufbegehren gegen »verkrustete Strukturen« mit dem Zerstörungswerk der Aufklärung.

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Johannes Saltzwedels Die Aufklärung kann man hier bestellen.


Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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