Sezession
1. August 2017

Lea Singer: Die Poesie der Hörigkeit. Roman

Ellen Kositza

Lea Singer: Die Poesie der Hörigkeit. Roman, Hamburg: Hoffmann und Campe 2017. 224 S., 20 €

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Es ist nicht ganz klar, warum die Münchner Kulturhistorikerin und enorm produktive Autorin Eva Gesine Baur für das Schreiben ihrer fiktionalen Texte auf den Nom de plume »Lea Singer« zurückgreift. Ob das einen unangenehm berühren darf? Nun hat sich die recherchierfleißige Vielschreiberin jedenfalls (nach den Verdis, den Werfels, den Mozarts, nach dem Pianisten Paul Wittgenstein und zeitlich parallel zu ihrem Marlene-Dietrich-Buch) also auf Gottfried Benn (1886–1956) eingelassen. Oder genauer: auf Benns Freundschaft mit der hochbegabten Kunstsammlerin und – eher erfolglosen – Schriftstellerin Thea Sternheim und, dies vor allem, auf Theas Tochter Mopsa (eigentlich Dorothea). Mopsa, drogensüchtig und früh an Krebs verstorben (1905–1954), zählte zu den kurzen Liebesaffären des Dichters. Sie war ihm zeitlebens verfallen. »Singer« hat für ihren Roman sowohl auf die Tagebücher von Thea (gest. 1971) als auch auf den – auch Aufzeichnungen und Briefe von Mopsa beinhaltenden – Briefwechsel zwischen Benn und Thea Sternheim zurückgegriffen. Was hochinteressant beginnt, endet in Konfusion. Das gilt für Mopsas Leben, Lieben und Leiden genauso wie für das Buch. Im übrigen ist dies beinahe zu verallgemeinern und ins Heute zu verlängern: Frauen, die Benn lieben – ein Mißverständnis und geradezu ein Beleg für die Geschlechterdualität! Mädchen und junge Frauen, die Benn deklamieren – Himmel hilf!

Zunächst scheint es, als durchdringe Singer diese Mésalliance einigermaßen. Wie Mopsa ist die Autorin eine zweifelsohne nicht nur ambitionierte und begabte, sondern kluge Frau. Wie Benn in Mopsas Kinderleben tritt, das ist enorm gekonnt beschrieben. Wir haben Thea, die dauertraurige Mutter, die sich entlang von katholischem Glauben, Kunstsinn und Intellekt am Überleben hält. Wir haben Carl Sternheim, den geilen wie schwachen Stückeschreiber, der sich Geliebte hält und zudem der Tochter und ihren Freundinnen nachstellt. Dann tritt dieser sagenhafte Benn auf als Gast des Hauses Sternheim, mit Schnürstiefeln zum Anzug, mit seinen schweren Lidern, mit seinem Ton aus »Kraft und Trauer«. Er erscheint Mopsa so »stark und stur und uneinnehmbar«, eine »Festung«. Wie er »schweigend den Kuchen in exakt gleichgroße Stücke zerlegt«, Bier fordert, wo doch exzellenter Wein kredenzt wird! In der ersten Hälfte des Romans gelingt Singer zudem ein bestechendes Zeitkolorit: Daß damals über die Extravaganzen von Klaus Mann dessen Vater schier ins Hintertreffen der öffentlichen Aufmerksamkeit geriet! Wie Frank Wedekind seine Töchter vor geladenen Gästen Handstand laufen ließ, und zwar nackend, damit man Münzen in die Spalte geben konnte! Wie Benn, stark verärgert über eine kleine Verspätung Mopsas (»Unpünktlichkeit bringe Ordnungen, ja Systeme zum Einstürzen«), die junge Frau per Fingerzeig auf den eigenen »glattrasierten, fettgepolsterten Unterkiefer« auf ein Wegzuwischendes am Kinn hinweist. Mopsa wischt – auf der falschen, Benn gegenüberliegenden Seite. »Rechts, sagte Benn. Mitdenken, nicht nachäffen.«

Benn, der Fremdwörter und Neologismen liebte, sie aber kaum richtig schreiben konnte, bevorzugte Perfektionistinnen. »Elegantes Kleid oder wadenlanger Rock mit Seidenbluse, dezente Farben, Pumps, gern Perlenkette. Bloß nichts Originelles, nichts Aufreizendes.« Wie gern würde Mopsa alldem entsprechen. Sie will ja, sie kann nicht. Später, längst hat der krude Hauslehrer den Sternheimkindern Absinth eingeflößt und damit das Wissen um Rausch als Erleichterung gebahnt, wird es etwas wirr um die arme, dauernd (und wirklich bizarr) unterleibskranke Mopsa. Einen Lesevorteil hat der, der gewisse germanistische Vorkenntnisse hat, beispielsweise die Pfemferts oder Hermann Kesten kennt. Ohne dies ist schwer durchzusteigen durch die Zeitläufte. Sowohl das Mutter-Tochter-Verhältnis als auch die Bindung Benn-Mopsa dürften in der Tat einigermaßen haarsträubend gewesen sein, aber Singer verwandelt sich den Benn-Stil in einer Weise an, die auf eine sekundäre Art hysterisch ist oder sein möchte. Sekundenstil, Wortakrobatik (»jubellustig«, »zornzitternd«, »armerarmer Benn«), atemlose Kürzestsätze, Insinuationen rasen durch die Zeilen: »Bilder, Sätze, Zeiten zerannen in ihrem Hirn. Könntest du …, sagte Mopsa. Benn wandte sich ab und öffnete das Fenster.« Schön illustrativ in dieser Szene immerhin, wie Benn »seine kurzen Arme« verschränkt: »Ich finde dieses Du zwischen uns unangebracht. Er räusperte sich. Eine derartige Beziehung berechtigt noch nicht zu Intimitäten. Er stand auf.« Nein, dies ist kein schlechter Roman. Vielleicht illustriert er einiges mustergültig. Benn: »er raucht, sie dreht ihre Ringe, / überhaupt nachdenkenswert / Verhältnis von Ehe und Mannesschaffen / Lähmung oder Hochtrieb.« Ja, man weiß es nicht. Hier dreht sie, Lea, im Namen von Mopsa ihre Ringe und Kreise. Lesen, ekeln, weiterlesen.

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Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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