Felix Hartlaub: Don Juan D’Austria und die Schlacht bei Lepanto

Felix Hartlaub: Don Juan D’Austria und die Schlacht bei Lepanto, hrsg. von Wolfram Pyta und Wolfgang M. Schwiedrzik, Neckargmünd u. Wien: Edition Mnemosyne 2017. 292 S., 24 €

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

Felix Hart­laub (1913–1945) hat als Kriegs­ta­ge­buch­schrei­ber des OKW 1942–1944 das Manu­skript Im Sperr­kreis, sei­ne pri­va­ten Auf­zeich­nun­gen aus der Wolfs­schan­ze, hin­aus­ge­schmug­gelt. Die­se Tex­te mach­ten ihn als Autor des »bes­ten NS-Romans, der nie geschrie­ben wur­de« (Welt), bekannt. Sei­ne Schwes­ter, Geno Hart­laub, publi­zier­te sein Werk in den 50er Jah­ren, das Werk eines zart­be­sai­te­ten Dich­ters, der am fal­schen Ort ein­ge­spannt wor­den war. Der Tenor der Hart­laub-Bio­gra­phie von Moni­ka Maro­se (2005) geht auf Durs Grün­beins pro­jek­ti­ve Annä­he­rung, jener habe wie Grün­bein selbst »unter der Tarn­kap­pe« Wider­stand geleis­tet, zurück. Das allein wäre ein erzäh­lens­wür­di­ger deut­scher Komplex.

Hart­laub war indes zual­ler­erst pro­mo­vier­ter Mili­tär­his­to­ri­ker, anders wäre er nicht ins OKW beru­fen wor­den. Sei­ne Dis­ser­ta­ti­on liegt nun neu vor (in der Aus­ga­be der Schwes­ter wur­de sie glatt unter­schla­gen, sie paß­te nicht recht ins Wider­stands­bild), her­aus­ge­ge­ben vom Hit­ler-Bio­gra­phen Wolf­gang Pyta und von Wolf­gang Schwiedrz­ik. Mit die­ser Schrift, Don Juan D’Aus­tria und die Schlacht bei Lepan­to, wur­de Felix Hart­laub 1940 von sei­nem Leh­rer, dem Geor­ge-Kreis-Anhän­ger Wal­ter Elze, promoviert.

Hart­laubs Schrift ist kei­ne Dis­ser­ta­ti­ons­schrift, wie sie in der heu­ti­gen und auch schon damals domi­nan­ten fak­ten­sam­meln­den ana­ly­ti­schen Geschichts­wis­sen­schaft üblich war. Sie schmiegt sich eher an die gro­ßen his­to­ris­ti­schen Deu­tun­gen des 19. Jahr­hun­derts, an Burck­hardt und Ran­ke an und schafft damit etwas, das uns heu­te schmerz­lich fehlt: Geschich­te als gedich­te­te, ver­dich­te­te und ergrei­fen­de Selbst­ver­si­che­rung des Eigenen.

»Don Juan woll­te sich, bevor der Pul­ver­qualm alles ver­hüll­te, sei­nen Sol­da­ten noch ein­mal zei­gen, sie für sich ent­flam­men und gleich­sam Abschied neh­men, um dem Gebet der Mön­che, dem kirch­li­chen Segen und der dadurch gekräf­tig­ten Tap­fer­keit sei­ner Sol­da­ten das Feld zu über­las­sen. ›Was mir auf­ge­ge­ben war, habe ich getan. Jetzt ist es an euch!‹ So wer­den sei­ne Wor­te über­ein­stim­mend berich­tet. Er erin­ner­te an die Gebe­te des Paps­tes, an die Erwar­tung der gesam­ten katho­li­schen Chris­ten­heit. Sie soll­ten tap­fer kämp­fen, damit der Feind, wenn er Sie­ger blie­be, sie nicht höh­nisch fra­ge: wo ist euer Gott?«

In der Schlacht bei Lepan­to in der Meer­enge von Patras im Jah­re 1571 ist die als unbe­sieg­bar gel­ten­de Kriegs­flot­te des Osma­ni­schen Rei­ches unter Ali Pascha von der ver­ei­nig­ten Flot­te der Katho­li­schen Liga unter Füh­rung des jun­gen spa­ni­schen Thron­fol­gers Don Juan d’Austria ver­nich­tend geschla­gen wor­den. Don Juan war als der unehe­li­che Sohn von Karl V. am spa­ni­schen Hof erzo­gen wor­den, doch die Habs­bur­ger schlos­sen sich der Liga nicht an. Der His­to­ri­ker schreibt, es lie­ge »etwas Tra­gi­sches dar­in, daß, als der Kai­ser­sohn, das Kind der Donau, sei­nen gro­ßen Sieg gegen die Tür­ken erfocht, das deut­sche Kai­ser­reich fehl­te«. Die Zer­ris­sen­heit des dama­li­gen Euro­pa – der pro­tes­tan­ti­sche Nor­den hielt geschlos­sen lie­ber zu den Musel­ma­nen als zu sei­nen katho­li­schen Glau­bens­brü­dern – mach­te den Sieg über die Tür­ken zu einem his­to­ri­schen Wun­der, das Hart­laub des­halb nicht nach mate­ri­el­len Ver­lus­ten und über­dau­ern­den stra­te­gi­schen Ergeb­nis­sen bewer­ten will, son­dern es zu den Ereig­nis­sen zählt, »die auf einer höhe­ren Ebe­ne der Geschich­te liegen«.

Wer sich im Pha­lanx-Euro­pa-Laden ein Lei­berl mit dem Druck »Gulf of Patras, Lepan­to 1571, Europe’s Holy League« besorgt, der schifft sich mit auf die­se höhe­re Ebe­ne der Geschich­te ein.

Wolf­gang Schwiedrz­iks Vor­wort zu Hart­laubs Lepan­to-Schrift gelingt eini­ges: Hart­laub aus der Legen­de des »kom­mu­nis­ti­schen Wider­stands« her­aus­zu­lö­sen, soweit die­se Legen­de ihn ver­ein­nahm­te, und ihn als dop­pel­bö­di­gen Bericht­erstat­ter im Füh­rer­haupt­quar­tier zu wür­di­gen, ihn als fach­lich bewan­der­ten His­to­ri­ker zu beschrei­ben und nicht als im NS fehl­ge­lei­te­te Dich­ter­na­tur, ihn zwi­schen Geor­ge-Kreis-Fas­zi­na­ti­on und doku­men­tie­ren­der Wis­sen­schaft aus sei­nen Selbst­zeug­nis­sen her­aus zu ver­or­ten – und schließ­lich das, was die­ses Vor­wort bri­sant macht.

Denn wenn man liest, was Hart­laub 1939 über die Schlacht von 1571 schreibt, »kommt einem die Situa­ti­on irgend­wie bekannt vor«, kon­sta­tiert Schwiedrz­ik: »Eu-ropa ist heu­te in einer Wei­se von außen (und inzwi­schen auch von innen) bedroht, wie schon seit den Tür­ken­krie­gen 1526–1532 und der Bela­ge­rung Wiens im Jahr 1683 nicht mehr. […] Aber kein Schü­ler in Ber­lin oder Wien wüss­te heu­te auf die Fra­ge zu ant­wor­ten, wann und gegen wen die Schlacht bei Lepan­to geschla­gen wur­de und wel­cher Ober­be­fehls­ha­ber sich dort unsterb­li­che Ver­diens­te erwor­ben hat.«

Hart­laubs gro­ße his­to­ris­ti­sche Schil­de­rung sei zur Behe­bung sol­chen Man­gels nicht nur der iden­ti­tä­ren Jugend emp­foh­len, und Schwiedrz­iks abschlie­ßen­der Emp­feh­lung, Kar­di­nal Ratz­in­gers Rede zum Islam aus dem Jahr 2006 noch ein­mal zu lesen, soll­te auch rasch ent­spro­chen werden.

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Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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