Lothar Fritze: Kritik des moralischen Universalismus. Über das Recht auf Selbstbehauptung in der Flüchtlingskrise / Achim Lohmar: Falsches moralisches Bewusstsein. Eine Kritik der Idee der Menschenwürde

Lothar Fritze: Kritik des moralischen Universalismus. Über das Recht auf Selbstbehauptung in der Flüchtlingskrise, Paderborn: Schöningh 2017. 277 S., 36.90 €

Achim Lohmar: Falsches moralisches Bewusstsein. Eine Kritik der Idee der Menschenwürde, Hamburg: Meiner 2017. 437 S., 28.90 €

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

»Ein geleb­ter mora­li­scher Uni­ver­sa­lis­mus kapp­te den Pri­mat der Selbst­er­hal­tung und Selbst­ent­fal­tung.« Der Chem­nit­zer Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Lothar Frit­ze hält sich im Con-iunc­ti­vus irrea­lis auf: Noch ist der mora­li­sche Uni­ver­sa­lis­mus nicht welt­um­span­nend durch­ge­setzt, aber wäre er es, stün­de es schlecht um Selbst­er­hal­tung und Selbst­ent­fal­tung der euro­päi­schen Völker.

Unter »mora­li­schem Uni­ver­sa­lis­mus« ver­steht er »die Über­zeu­gung, die Inter­es­sen eines jeden nicht anders zu behan­deln wie die eige­nen (sic!)«. Sei­ne phi­lo­so­phi­sche Her­an­ge­hens­wei­se ist die: Wie schau­te eine Welt aus, in der die­ser Satz kon­se­quent umge­setzt würde?

»Die Inter­es­sen belie­bi­ger Men­schen oder gar belie­bi­ger lei­dens­fä­hi­ger Indi­vi­du­en so zu berück­sich­ti­gen, als wären es die eige­nen, ist ver­letz­ba­ren und sterb­li­chen Wesen, die in einer Welt end­li­cher Lebens­räu­me und knap­per Res­sour­cen um ihre Selbst­er­hal­tung kämp­fen, ent­we­der nicht mög­lich oder nicht zuzu­mu­ten.« Die­ses Argu­ment aus der uti­li­ta­ris­ti­schen Tra­di­ti­on setzt star­ke anthro­po­lo­gi­sche Prä­mis­sen: Grund­la­ge aller Ethik ist das »Män­gel­we­sen« im laten­ten Kampf aller gegen alle. Ethik ist dann die Kom­pen­sa­ti­on die­ses Man­gels. Frit­zes The­se könn­te man auf die For­mel brin­gen: Ought implies can (»Sol­len setzt Kön­nen vor­aus«). In der Migra­ti­ons­kri­se klafft eine rie­si­ge Lücke zwi­schen dem mora­li­schen Anspruch des men­schen­wür­de­ba­sier­ten Uni­ver­sa­lis­mus und der rea­len Mög­lich­keit sei­ner Umset­zung. Her­aus­ge­ar­bei­tet wird in die­sem Buch – zu knapp für sei­ne Bedeut­sam­keit – der Unter­schied zwi­schen Abwehr­rech­ten und Anspruchs­rech­ten. Die­se Dif­fe­renz kann in der Beur­tei­lung der Migra­ti­on und eines uni­ver­sa­lis­ti­schen Gebots der Nächs­ten­lie­be aus­ge­spro­chen hilf­reich sein. Men­schen­rech­te sind zunächst als Abwehr­rech­te gegen Not und den Staat inten­diert, so das Recht auf kör­per­li­che Unver­sehrt­heit oder auf Mei­nungs­äu­ße­rung. Die­se Rech­te jeder­mann zuzu­bil­li­gen, ist mit Frit­zes End­lich­keits­prä­mis­se ver­ein­bar. Anspruchs­rech­te hin­ge­gen erzeu­gen einen halt­lo­sen infi­ni­ten Regreß: Der Anspruchs­be­rech­tig­te bleibt solan­ge anspruchs­be­rech­tigt, bis er irgend­wann alle sei­ne Inter­es­sen befrie­digt hat oder das glo­ba­le Niveau der Befrie­di­gung aus­ge­gli­chen ist. Die­ser Zustand liegt irgend­wo im Nirvana.

Frit­ze traut sich am Schluß zwar kei­ne poli­ti­sche Selbst­ver­or­tung, macht jedoch indi­rekt deut­lich, daß das Pen­del, das der­zeit zuguns­ten des Uni­ver­sa­lis­mus aus­schlägt, dazu füh­re, jede Kri­tik am Uni­ver­sa­lis­mus als »rechts« zu dis­kre­di­tie­ren. Sei­ne eige­ne uti­li­ta­ris­ti­sche Kri­tik steht in der Linie der kon­ser­va­ti­ven Anthro­po­lo­gie (Geh­len, Lüb­be, Eibl-Eibes­feldt) und warnt vor allem vor mora­li­scher Über­for­de­rung. Das gelingt ihm ganz sach­lich und undog­ma­tisch. Mehr kann man mit einer im Kern anthro­po­lo­gi­schen Ethik­kri­tik nicht schaffen.

Tie­fer bohrt da Achim Loh­mars Kri­tik der Idee der Men­schen­wür­de. Das Buch Fal­sches mora­li­sches Bewußt­sein ist daher für Nicht­phi­lo­so­phen unles­bar. Es ent­hält aller­dings wie in einer Zeit­kap­sel auf­be­wahrt alles Werk­zeug, das man bräuch­te, gerie­te man die Ver­le­gen­heit, begrün­den zu müs­sen, inwie­fern die ubi­qui­tä­re Rede von der »Men­schen­wür­de« unser mora­li­sches Den­ken kor­rum­piert hat.

Es han­delt sich »um die phi­lo­so­phi­sche Bestä­ti­gung des meis­ten­teils unar­ti­ku­lier­ten Gefühls, dass der Men­schen­wür­de-Dis­kurs ein blo­ßes Sprach­spiel, wenn auch ein Sprach­spiel ist, das sich die Aura eines fort­schritt­li­chen ethi­schen Bewusst­seins zu geben weiß, das alte ine­ga­li­tä­re Irr­tü­mer ein für alle Mal über­wun­den hat.«

Loh­mar ist sprach­ana­ly­ti­scher Phi­lo­soph und kann daher den Glau­ben an »Men­schen­wür­de« ohne poli­ti­sche Inter­es­sen sezie­ren. Was folgt nun dar­aus, die Leser über Men­schen­wür­de als gewohn­heits­mä­ßi­ge »Ein­übung in das Men­schen­wür­de-Idi­om« auf­zu­klä­ren? Men­schen­feind­lich­keit? Die Ebe­nen sind sorg­sam zu unter­schei­den: Her­aus­zu­fin­den, daß der Men­schen­wür­de­glau­be eine Form des fal­schen Bewußt­seins ist, heißt nicht, für men­schen­un­wür­di­ge Pra­xis zu sein.

Dem Ein­wand, der Glau­be an die Men­schen­wür­de wäre selbst, wenn uns klar wür­de, daß es ein blo­ßer Glau­be ist, doch für die mora­li­sche Inte­gra­ti­on der Gesell­schaft not­wen­dig, begeg­net Loh­mar eben­falls. Auf­klä­rung ist Auf­klä­rung über fal­sches mora­li­sches Bewußt­sein, und die­se kann immer nur fort­schrei­ten, nicht rück­schrei­ten. Es kann daher nicht sein, daß wir einen fal­schen Glau­ben aus mora­li­schen Grün­den wei­ter­hin brauchen.

»Reicht es nicht aus, dass wir das Wort ›Men­schen­wür­de‹ regel­mä­ßig im Mund füh­ren, damit Men­schen­wür­de exis­tiert?« fragt Loh­mar an einer ein­zi­gen sanft pole­mi­schen Stel­le. Von Frit­ze aus wei­ter­den­kend, könn­te man sagen: Der Uni­ver­sa­lis­mus über­for­dert die Men­schen, der Men­schen­wür­de­glau­be unter­for­dert sie.

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Lothar Frit­zes Kri­tik des mora­li­schen Uni­ver­sa­lis­mus kann man hier bestel­len.

Achim Loh­mars Fal­sches mora­li­sches Bewusst­sein kann man hier bestel­len.

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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