Sezession
16. Mai 2018

Norbert Gstrein: Die kommenden Jahre

Ellen Kositza / 2 Kommentare

Norbert Gstrein: Die kommenden Jahre. Roman, München: Hanser 2018. 287 S. 22 €

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Diese Geschichte des vielfach preisgekrönten Romanciers Norbert Gstrein (*1961 in Tirol, wohnhaft in Hamburg, studierter Mathematiker – damit so ziemlich der Konstellation des Protagonisten Richard entsprechend) liest sich in einem Rutsch, es ist beinahe leichte Lektüre. Aber sie hat es in sich.

Alles, was hier geschieht, passiert auf der Fläche eines Spiegels, und zwar in vielfacher Hinsicht: vom romantischen Doppelgängermotiv bis zur semantischen und symbolischen Ebene.

Richard ist Experte für Tropengletscher. Er ist kein Intellektueller, er liebt die Kälte, das Abenteuer, aber auch die Vernunft. Seine schöne Frau Natascha reüssiert als Schriftstellerin und Publizistin. Jüngst hat das in Hamburg ansässige Paar (sie haben eine zehnjährige Tochter; die Ehe steht auf tönernen Füßen) einige mediale Aufmerksamkeit auf sich gezogen, weil sie in ihrem Wochenendhaus in Nordwestmecklenburg eine (vermutlich) syrische Flüchtlingsfamilie untergebracht haben. Richard hat sich dem Spektakel gefügt, die Initiative ging von Natascha aus, die dem Medienhunger ordentlich Futter gab und nun mit Herrn Fahri, diesem undurchsichtigen Typ mit dem Raubvogelblick, der vielleicht doch ein Palästinenser ist oder ein desertierter Offizier der Assad-Armee, ein eigenes Buch plant über dessen Fluchterfahrungen.

Natascha nennt Herrn Fahri längst vertraulich »Bassam«, und es ist nicht recht klar, ob seine Geschichten von ertrinkenden Mitflüchtenden aus erster, zweiter oder dritter Hand stammen. Seine beiden pubertierenden Söhne jedenfalls weiß er mit harter Hand zu züchtigen, und die alten, jungen, im Zweifel allemal sinistren Weggenossen aus dem Flüchtlingsheim (die stark, nämlich nach echtem Schweiß, riechen, sich anscheinend als Stricher verdingen und überhaupt für Geld leicht zu haben sind) hat er unter seiner Knute.

Natascha jedenfalls schwelgt in der Leidensgeschichte der Fahris. Tagtäglich bemuttert sie die Familie mit Einkäufen, Hausaufgabennachhilfe und Obsorgegesprächen. Das Tragen der Grillschürze, die Natascha Richard geschenkt hatte, hatte der Gatte verweigert. Nun grillt Herr Fahri beschürzt Fleisch nach Hausherrenart. Einmal wird es Richard zu bunt. Auf einem der von Natascha erzwungenen binationalen Familientreffen bietet er Herrn Fahri zynisch an, er möge gern den »deutschen Teil« seines Lebens übernehmen: seine, Richards, Steuererklärung abgeben, seine Vorlesungen halten, die dummen Gespräche mit den Nachbarn führen, eine blöde Rentenversicherung abschließen.

Seine ausländischen Kollegen lachen längst über das urkomisch-peinliche Deutschland: Wie er es noch aushalte in diesem Land? Nun teilt der Verlachte aus! Als Natascha erfährt, daß ihre Musterflüchtlinge »heimlich« zum Christentum konvertieren, ist dies nur eine kurze Bruchsequenz. Natascha haßt nicht das Religiöse an sich (bezüglich des Islams ist sie wohlinformiert und durchaus geneigt), sie verabscheut diese Prägung ihres Mannes. Der war streng katholisch sozialisiert, für sie ist er deshalb in doppelter Hinsicht der »Eismann«, der Gefühlsamputierte.

Nun befindet sich Richard aufgrund einer Einladung seines Freundes Tim in den USA, um dort über Gletscher zu referieren. Tim selbst hat es in akademischer Hinsicht nicht leicht. Er hält »die Mär von der Erderwärmung für eine Geschichte für Schwächlinge«; später wird sein Ruf vollends ruiniert, als er sich mit scharfem Spott über einen Vortrag über »feministische Glaziologie« geäußert hatte. Man dürfe sich den Gletschern nicht mit männlichen Methoden und »Bohr-Penetrationen« nähern, hatte es – in universitären Gefilden! – geheißen, sondern emotional.

Tim hatte gehöhnt, daß hier wohl statt eines Hirns ein Uterus am Werk sei: »Bevor ich mir die Gletscher gendern lasse, sprenge ich sie lieber. Wenn jetzt auch das Eis Gefühle haben soll, dann gibt es für mich keinen Ort mehr auf der Welt.« Tims Karriere dürfte damit beendet sein, in der Presse gilt er nun als »alter, weißer Mann«, ein Auslaufmodell, das am besten in einem Reservat zu verwahren wäre.

Auch Richard fühlt sich längst heimatlos. Fluchtpunkt wäre Kanada, möglichst nahe am Polarkreis. Doch, Moment: Wieviele berühmte US-Amerikaner hatten lauthals angekündigt, ebenfalls auszuwandern, meist auch nach Kanada, für den Fall, das Trump die Wahl gewönne? Wer hat es wahr gemacht? Wann flieht wer? Richard ist ein Zauderer, ein Ausweicher par excellence. Über Skype kommuniziert er mit der garstig-hysterisierten Natascha, dieser »pathetischen Figur«, die die Fahris »insgeheim belächelten oder vielleicht sogar auslachten.«

Am Asyl der Fahris, dieser Heiligen der letzten Tage, bahnt sich nämlich in Richards Abwesenheit Unheil an. Finstere Gestalten bedrohen das prominentgewordene Haus. Es sind nicht wirklich Neonazis, das könnte man nur mutmaßen, es sind … »Untote« (in Wahrheit ist es ein Pastor) und »Bedrohliche« (in Wahrheit Jugendliche aus dem dörflichen Umfeld, die sich einen Heidenspaß machen). Am Ende dieses nur an der Oberfläche leichtfüßig daherkommenden Romans wird einer blankziehen.

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Norbert Gstreins Die kommenden Jahre kann man hier bestellen.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (2)

quarz
16. Mai 2018 20:07

Das erinnert mich in manchem ein wenig an Evelyn Waughs "A Handful of Dust".

Leo Lobauer
21. Mai 2018 11:01

Das Buch erinnert in vielem an die Fugenbrüche Joachim Lottmanns in "Alles Lüge". Ein Sommerroman über eine Frau mit Mann und Kind, der sich wegen der Charaktere schnell und flüssig einfach so vor sich hinliest. Auch und vor allem natürlich wegen der spöttischen Selbstreflexe des Autors, der die Banalitäten des seit dem Sommer 2015 anhaltenden Asylfiebertraums aus der Ferne zu hinterfragen beginnt, ob er sich etwa im falschen Wohlstandsleben aufhält, wirklich "unter Deutschen" begraben sein will usw. Gleichwohl: ein unangenehmer Beigeschmack bleibt.
Die Versagerrolle des Richard ist so allgegenwärtig, dass man sich etwas von dem starken Arm des Johannes Lohmer herbeiwünscht, der nicht nur seine Harriet in "Alles Lüge", sondern darin dann auch den Leser doch gelegtenlich mit dem nötigen Schuss von Wiener Schmäh' nett in den selbigen zu nehmen wusste.

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