Sezession
26. April 2018

Amor Towles – „Ein Gentleman in Moskau“

Götz Kubitschek / 15 Kommentare

Graf Alexander Rostov wird am 21. Juni 1922 als Vertreter des vorrevolutionären Adels in Moskau vor Gericht gestellt.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Es retten ihn einige sozialkritische Verse aus dem Jahr 1913 vor der Erschießung. Seine Strafe wird abgemildert in einen lebenslangen Hausarrest, und das Haus, das Rostov nie wieder verlassen darf, ist das Moskauer Hotel »Metropol«, mithin »die Verlängerung der Stadt ins Gebäude«, wie Rostov es ausdrückt. Diese Ausgangssituation ist natürlich ein radikales Gleichnis für das bedingte, in einen sehr engen Rahmen gefaßte Leben an sich: Man kann in jeder Festlegung, jeder Grenzsetzung eine Verhinderung der Freiheit sehen, man kann aber auch akzeptieren, daß dies nun der Lebensrahmen sei, den man auszumalen habe, daß kein Jammern etwas daran ändern werde und man am besten gleich damit beginnen sollte, mit kräftigen Pinselstrichen eine Spur zu hinterlassen.

Vier Jahrzehnte verbringt Graf Rostov im »Metropol«, richtet sich ein, durchdringt das Gebäude, schafft sich seine Refugien und hilft zuletzt als Oberkellner seinen Freunden (dem Chefkoch und dem Empfangschef), das Hotel als Widerstandsort gegen die in allen Lebensaspekten (Umgangsformen, Küche, Wein, Musik, Gespräch, Kleidung, Bildung) einsetzende Einebnung zu verteidigen. Grandios ist die Szene, als der Graf bei einem neuen Kellner einen besonderen Wein bestellt, zur Auswahl aber nur noch »weiß« oder »rot« stehen. Ein Gang hinab in den weltberühmten Weinkeller des »Metropol« bringt Aufklärung: Die Bolschewisten haben von zehntausend Flaschen die Etiketten ablösen lassen, um der bourgeoisen Verfeinerung des Gaumens ein Ende zu bereiten – derlei ist für sich genommen vielleicht eine Verfallsschilderung von damals, beim Blick aber auf den Zustand der Geisteswissenschaften an deutschen Universitäten ein erschütterndes Gleichnis für heute.

Daß Graf Rostov sein Leben ganz anders würde geführt haben, wenn er nicht unter Hausarrest (und nicht an die Wand) gestellt worden wäre, durchzieht als Gewißheit den Roman, aber immer auch mit einem Schulterzucken: Es ist nicht zu ändern, und so treibt der Graf nun Dinge, die er andernfalls niemals getrieben hätte. Unter anderem erzieht er im Abstand von zwei Jahrzehnten zwei kleine Mädchen, die auf unterschiedliche Weise unter seine Fittiche geraten. Er versucht ihnen beizubringen, daß es immer einen hortus conclusus für diejenigen geben müsse, die in der Würdigung und in der Aneignung jahrhundertealten Erfahrungsschatzes sowie im vorsichtigen eigenen Beitrag dazu den Sinn ihres Daseins sähen. Genauso fein ist der Erziehungsstil. Wenn die kleine Nina fragt: »Braucht man bei einem Bankett wirklich einen Spargelheber?«, antwortet der Graf: »Braucht man in einem Orchester wirklich ein Fagott?« Man möchte die kulturpessimistischen Grundfragen hinterherschieben: Wem fällt es überhaupt noch auf, wenn hier das eine und dort das andere fehlt, und wer wäre noch dankbar dafür, daß beides einst erfunden wurde?

Den Hintergrund des Romans bildet die Konsolidierung der bolschewistischen Herrschaft, eine grauenhafte Zeit. Durch die schweren Brokatvorhänge des »Metropol« dringen die politischen Verwerfungen nur gedämpft ins Innere, denn »mochte der Sieg der Bolschewiken über die privilegierten Schichten zugunsten des Proletariats noch so klar gewesen sein, sie würden gewiß bald Bankette veranstalten.« Selbst der Zweite Weltkrieg, der dem Grafen die Freiheit hätte bringen können, bleibt im Schnee stecken, bevor er das Metropol erreicht, und Rostov wird einen der führenden Köpfe der Partei jahrelang in veredelten Umgangsformen, in französischer, englischer, amerikanischer Kultur unterrichten müssen – ein Umstand, der ihm wiederum den Kopf retten wird, als er aus einer Not heraus seinen Hausarrest bricht.

Das ist alles glänzend ineinander verwoben und füreinander vorbereitet, obwohl es nicht folgerichtig im Sinne einer Planbarkeit abläuft. Die kleine Nina wird später trotz Rostovs Erziehung als überzeugte Technokratin die Ertragssteigerung in der Ukraine mit ins Werk setzen wollen, deren Ergebnis vor allem in Millionen verhungerter Bauern besteht. Später wird Nina ihren deportierten Mann suchen und selbst verlorengehen. Die kleine Sofia hingegen, Ninas Tochter, bleibt im Hotel, bei Rostov, und sie ist mit ihrem dankbaren Gemüt und ihrem lauschenden Wesen empfänglicher für das, was der Graf zu lehren hat.

Was haben sie zu lehren, Rostov und dieser Roman? Auf die Frage, warum man darauf verzichten sollte, Dubai zu besuchen oder auf die Seychellen zu reisen, sollte man eine zugleich melancholische und stolze Antwort geben: Es gibt in unserem eigenen Land und überhaupt im »alten Europa« noch unendlich viel, was wir noch nicht besucht, aufgesogen, gekostet und gewürdigt haben. Wir haben dem, was uns umgibt und was durch die Jahrhunderte hin zu einer Hochkultur in allen Bereichen verfeinert wurde, unseren Dank noch nicht im gebührenden Maße abgestattet. Vielleicht müßte man uns zu unserem Besten unter Hausarrest stellen. Das Eigentliche – es käme zu uns.

-- -- --

Amor Towles Ein Gentleman in Moskau kann man hier bestellen.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Kommentare (15)

Andrenio
26. April 2018 12:26

Eigentlich gehört dies bei einem bescheidenen Adressat allenfalls in ein privates Schreiben, das nachfolgende Lob; zumal bei uns Schwaben gilts“Nix gsagt isch scho gnuog globt“

Du hast in dieser Rezension aber eine solche inhaltliche und stilistische Klasse erreicht, die einen in das unbekannte Buch hineinzukriechen erlaubt, die Umgebung fast zu einer neuen Haut werden lässt - zumindest für ein paar Minuten.

Dieses Hotel, wohl dem Lux nachempfunden, das führende deutsche Kommunisten beherbergte, teilweise in den Gulag oder vor die Erschiessungskommandos ausspuckte - oder in Richtung führende Positionen in der DDR und BRD, ist ein Mikrokosmos, in den die Außenwelt jederzeit ohne Vorwarnung eingreifen kann.

Ob nun Karma, Nemesis oder eine andere schicksalhafte Kraft bestimmend ist, wer will das schon wissen.

Dank Dir Götz für alles!

Der_Juergen
26. April 2018 14:22

Eine Rezension, die unbändige Lust auf die Lektüre dieses Buches erweckt. Werde es gleich bestellen, zusammen mit Douglas Murray.

Unke
26. April 2018 14:59

Wie wahr, wie wahr. Wenn aber an fremden Gestaden das Leben billiger, die hübschen&willigen Frauen zahlreicher und das Klima bekömmlicher ist...? Es sind häufig praktische Erwägungen, die -der zeitlichen Begrenztheit des Lebens eingedenk- zum Auswandern ermuntern.

Andreas Walter
26. April 2018 15:34

Ja, muss ich, möchte ich mich dem gerne anschliessen.

Sie haben das gerade so toll beschrieben, Herr Kubitschek, dass ich für einen Moment tatsächlich geglaubt habe, den Fall hätte es wirklich gegeben. War darum sogar extra kurz auf Wikipedia bis mir dann wieder einfiel, dass es ja nur ein Roman ist, eine phantastische Zeitreise, auf die auch Sie mich gerade bereits mitgenommen haben.

Das Eigentliche – das ist schon lange auch bei Ihnen.

Monika
26. April 2018 18:44

Das ist ein ganz wunderbare Buchbesprechung. Und ein Buch, auf das ich mich freue. Nach all den Untergangs- und Endzeitbüchern scheint mir hier ein Lichtblick, ein Ausweg.
Man muß gar nicht auf Dubai oder die Seychellen verzichten ! Wieso Verzicht ?
Man versäumt dort nichts ! Das Eigentliche liegt vor unseren Füßen. Man muß es nur sehen, hören, riechen, schmecken...
Refugee und Refugium - dieser Zusammenhang ist evident.
Unter Haus- und Gartenarrest stellen - das bringt uns zum Eigentlichen ! Ich kenne einige alte Damen, die unfreiwillig unter Hausarrest stehen - selten so viel inneren Reichtum gesehen...
ein paar Identitäre könnte man auch mal unter Arrest stellen - damit sie zur Identität finden :)

Hartwig aus LG8
26. April 2018 19:16

""Es gibt in unserem eigenen Land und überhaupt im »alten Europa« noch unendlich viel, was wir noch nicht besucht, aufgesogen, gekostet und gewürdigt haben. Wir haben dem, was uns umgibt und was durch die Jahrhunderte hin zu einer Hochkultur in allen Bereichen verfeinert wurde, unseren Dank noch nicht im gebührenden Maße abgestattet. ""

Wie wahr!
Und wie oft dachte ich so, als ich mal wieder ein Klassenfahrtsziel meiner Kinder zu lesen bekam. Über Europa führten diese zwar noch nicht hinaus, aber warum müssen Kinder im schulischen Rahmen überhaupt weiter als 100 km vom Heimatort weggeführt werden?
Auch erstaunlich, mit welcher Ehrfurcht so mancher Tourist vor ein paar kniehohen Mauerresten in Italien verweilt, während er keine Kenntnis von tausendjährigen Ruinen innerhalb seines Landkreises hat, die noch immer haushoch in den Himmel ragen. Nun, der 10. Mai, Himmelfahrt, wird wieder einer dieser Tage sein, an welchen ein paar Kleinode der nächsten Umgebung entdeckt werden, nebst des einen oder anderen urigen Gasthauses.

Wahrheitssucher
26. April 2018 19:18

Werter Herr Kubitschek,
es bedarf keiner Roman-Lektüre, um zu dieser auch von mir vollends geteilten Einschätzung zu kommen.
"Warum in die Ferne schweifen..." sagt schon ein altes deutsches Sprichwort.
Sie haben es mehr als treffend untermalt.
Ein Hoch unserem Land, dem "Alten Europa" und damit auch der "Alten" Welt...

Caroline Sommerfeld
26. April 2018 19:33

@ Monika:
Lichtmesz suchte seinerzeit, als wir das Buchcover planten, im Internet nach "Refugees-welcome"-Plakaten und fand eines, das unter dem Schriftzug "Welcome to our refuge - come in and rest for a while" auffliegende Enten über einem idyllischen Teich zeigt. Er hat's bestellt, der Witz war für die Umschlagabbildung eher nicht auf den ersten Blick erschließbar, und seitdem ziert das Bild unsere Wohnungstüre.

Lotta Vorbeck
26. April 2018 20:04

Im Neuen Hafen des zusehends verslumenden Bremerhaven eröffnete im Jahre 2005 das "Deutsche Auswandererhaus Bremerhaven".

Der Besucher kann, bevor er seinen interaktiven Rundgang beginnt, einen von 33 angeblich authentischen deutschen Auswanderern auswählen und diesen auf seiner Reise in die "Neue Welt" fiktiv begleiten. Einer der 33 führt als Auswanderungsgrund an: "Ich habe keine Heimat mehr."

Den am Schluß des Rundganges im Museumskino präsentierten, im Guido-Knopp-Stil daherkommenden Film kann man komplett vergessen.

Die vorhergehende Exposition ist - so man die mal mehr, mal weniger gelungen kaschierte Buntlandpropaganda herauszufiltern versteht - in mehrererlei Hinsicht durchaus sowohl sehens- als auch nachdenkenswert.

__________________________

Deutsches Auswandererhaus Bremerhaven
dah-bremerhaven.de/

http://dah-bremerhaven.de/museum/#165

Solution
26. April 2018 20:27

OT - bevor es untergeht:
https://www.counter-currents.com/2018/04/camille-paglia-censors-her-own-work/

KlausD.
27. April 2018 10:54

"Überschlage ich meine eigene Reiserei, so komme ich zu dem Resultat, daß ich von Spritzfahrten in die Nähe viel, viel mehr Anregung, Vergnügen und Gesundheit gehabt habe als von den großen Reisen ..." sagt Theodor Fontane.
Er sagt aber auch "Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen."
Er hebt die Funktion des Reisens für eine sachgemäße, objektive Weltbetrachtung hervor und schreibt über die "Fremde": "Sie lehrt uns nicht bloß sehen, sie lehrt uns auch richtig sehen. Sie gibt uns auch das Maß für die Dinge ... Sie leiht uns die Fähigkeit, groß und klein zu unterscheiden, und bewahrt uns vor jenem ebenso ridikülen wie anstößigen Lokalpatriotismus, der den Sieg der Müggelberge über das Finsteraarhorn proklamiert."

ALD
27. April 2018 13:30

Hut ab! Und danke für diese Empfehlung.

Urwinkel
27. April 2018 14:47

@ ALD,

Brachte die junge Druckausgabe der Sezession bereits. Eine anregende Rezension übrigens. Weshalb ich Ihnen überhaupt hierrüber antworte, ist die triggerende Bemerkung: "Hut ab!". Solch' flapsige Bemerkung fährt in der selben Schneise, die sich "Respekt" nennt. Der Hut bleibt auf, und die Würmer dürfen weiterfressen.

ALD
27. April 2018 16:20

@Urwinkel
Darf ich mich jetzt wieder setzen? Noch einmal 'flapsig' nur für Sie: mit "triggern" hab ich sicher nix am Hut ;) Nun denn.

Und wo Sie mich schon zu diesem unnötigen Kommentar nötigen, mache ich doch glatt noch mal ganz unverschämt für Osmans-Rückschau Video Nr. 3 Werbung: https://youtu.be/Jy5OsWSiylk

Thomas Martini
27. April 2018 18:13

"Auf die Frage, warum man darauf verzichten sollte, Dubai zu besuchen oder auf die Seychellen zu reisen, sollte man eine zugleich melancholische und stolze Antwort geben: Es gibt in unserem eigenen Land und überhaupt im »alten Europa« noch unendlich viel, was wir noch nicht besucht, aufgesogen, gekostet und gewürdigt haben. Wir haben dem, was uns umgibt und was durch die Jahrhunderte hin zu einer Hochkultur in allen Bereichen verfeinert wurde, unseren Dank noch nicht im gebührenden Maße abgestattet. Vielleicht müßte man uns zu unserem Besten unter Hausarrest stellen. Das Eigentliche – es käme zu uns."

Das ist die wichtigste und zugleich schönste Botschaft, die ich bislang bei SiN zu lesen bekam. Bravissimo, Herr Kubitschek! Und was ist diese Konklusion, wenn nicht die Aufforderung, sich geistig und seelisch zu befreien?

Zitat von Brutus:

"Durch Vergangenheitsbezug und ein solides kulturelles Fundament wird man nicht etwa eingeengt, sondern befreit. Man läßt sich nicht mehr so leicht von Tagesaktualität, Systemlügen und jedem beliebigen amerikanischen Unsinn am Nasenring herumführen, weil man weiß, wo die guten und nicht von der Lüge durchseuchten Sachen zu finden sind."

@Hartwig aus LG8

"Auch erstaunlich, mit welcher Ehrfurcht so mancher Tourist vor ein paar kniehohen Mauerresten in Italien verweilt, während er keine Kenntnis von tausendjährigen Ruinen innerhalb seines Landkreises hat, die noch immer haushoch in den Himmel ragen."

https://www.youtube.com/watch?v=9ZCxO9lPMUs

Eine Interpretation der Chopin Walzer des bekennenden Nationalisten Alfred Cortot. Ihm gelang es scheinbar mühelos, Paris und Wien, Frankreich und Österreich miteinander zu verbinden. Sein Spiel pendelt hin und her, manchmal innerhalb weniger Takte des jeweiligen Stücks, nicht nur so, daß der eine Klavierwalzer französisch, ein anderer wienerisch wäre.

Cortot gelingt trotz der bei ihm üblichen Schnitzer, woran die meisten Deutschen heutzutage scheitern. Unabhängig davon, ob es sich bei ihnen um National- oder Internationalisten handelt. Gerade die kennen häufig nichts anderes, als das Systemgift aus der angloamerikanischen Jauchegrube.

Deutschland aber war nie größer und schöner, als es italienische und französische Einflüsse aufgenommen hat, ohne sich selbst aufzugeben. So lange man sich Dinge aneignet, die nichts mit Angloamerika zu tun haben, können überragende Ergebnisse herauskommen, wofür Wolfgang Amadeus Mozart das vielleicht eindrucksvollste Beispiel ist.

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.