Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten

Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der SingularitätenBerlin: Suhrkamp 2017. 480 S., 28 €

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Wir hören pau­sen­los von Inklu­si­on, von Teil­ha­be, vom Riß, der durch die Gesell­schaft gehe: Die da unten, die da oben. Der Staats­funk prä­sen­tiert uns Nach­rich­ten »in leich­ter Spra­che«. Es wird kri­ti­siert, daß zeit­ge­nös­si­sche Thea­ter­stü­cke kaum ver­ständ­lich sei­en für eine/n, der nicht zehn Semes­ter Kom­pa­ra­tis­tik stu­diert habe. Es gäbe einen Eli­ten­dis­kurs, der die Mehr­heit außen vor las­se. Die Eli­te selbst ist es, die die­se Kri­tik for­mu­liert. Ein Teil die­ser Eli­te fin­det sich in der Jury, die ent­schei­det, wel­ches Sach­buch mit dem »Preis der Leip­zi­ger Buch­mes­se« hono­riert wird. Für ein Land der Dich­ter und Den­ker ist es ange­mes­sen, daß auf der Aus­wahl­lis­te kei­ne Bücher erschei­nen, die »Wel­cher Hub­raum für wel­chen Mann?« oder »Vor­gar­ten­pfle­gen leicht­ge­macht« titeln. Es lebe die intel­lek­tu­el­le Leis­tungs­ge­sell­schaft! Nur, was tun wir vor die­sem Hin­ter­grund mit dem Buch des Kul­tur­so­zio­lo­gen Andre­as Reck­witz (*1970)?

Nicht nur von der illus­tren Jury, auch vom Groß­feuil­le­ton wird Die Gesell­schaft der Sin­gu­la­ri­tä­ten hoch­ge­lobt. Das Buch selbst wid­met sich nicht zuletzt sol­chen Klas­sen­kon­flik­ten und gesell­schaft­li­chen Spal­tun­gen. Dabei ist sei­ne Les­bar­keits­schwel­le imma­nent: Ohne Mas­ter-Absol­venz in Geis­tes­wis­sen­schaf­ten geht hier nichts. Lies: »Indem sin­gu­lä­re Ein­hei­ten affi­zie­ren, stellt sich in der Aneig­nung eine psy­cho­phy­si­sche Errin­gungs­in­ten­si­tät ein, die nicht beha­viou­ris­tisch als Reiz-Reak­ti­on-Sequenz zu ver­ste­hen ist, son­dern als eine inter­pre­ta­to­ri­sche Pra­xis.« Wer nicht weiß, was ein »kurz­fris­ti­ger Mat­thä­us-Effekt« ist, was »Kee­ping up with the Jone­ses« meint und was die Chif­fren »doing gene­ra­li­ty«, »doing cul­tu­re« und »doing ratio­na­li­ty« genau bedeu­ten: Hier wird’s nicht erklärt. Schämt euch, ihr Bil­dungs­ver­sa­ger! Nun ist es so: Reck­witz’ Stil ist iri­sie­rend. Das kommt einer­seits daher, daß er vie­le, sehr vie­le Wor­te kur­si­viert, und zwar kei­nes­wegs nur zen­tra­le Ter­mi­ni. Dadurch ent­steht über Stre­cken eine Art magne­ti­scher, per­so­na­ler Vor­trags­stil. Die­se Auf­merk­sam­keits­mar­ker ver­mit­teln Rele­vanz und Führung. 

Und, zum ande­ren, zur Haupt­sa­che: Reck­witz ist natür­lich ein hoch­be­gab­ter Den­ker. Das ist kein aka­de­mi­sches Drauf­los­ge­plau­de­re. Er ver­liert den Wald vor lau­ter Bäu­men auch nicht aus dem Auge, nur: Muß a)jedes Blätt­chen b)zweimal umge­wen­det wer­den? Im Kern geht es dar­um: Seit den 1970er Jah­ren, und heu­te ver­stärkt, hat das Sin­gu­lä­re die Vor­herr­schaft gewon­nen über das All­ge­mei­ne. Das Außer­all­täg­li­che, das Indi­vi­du­el­le, das Ori­gi­nel­le und Exklu­si­ve zäh­len, und zwar sowohl was Objek­te und mensch­li­che Sub­jek­te als auch »Zeit­lich­kei­ten« und »Räum­lich­kei­ten« sowie Kol­lek­ti­ve betrifft. Vor­läu­fer dar­in, das Ein­zig­ar­ti­ge (vor dem Hin­ter­grund des »Nor­ma­len«) zu prei­sen, war die Roman­tik. Die Indus­tria­li­sie­rung hin­ge­gen hat For­ma­li­sie­rung und Stan­dar­di­sie­rung vor­an­ge­trie­ben. Genau deren Moto­ren aber, die Öko­no­mi­sie­rung und Tech­no­lo­gi­sie­rung, haben zur Wert­erhö­hung des Sin­gu­lä­ren bei­getra­gen. Heu­te reüs­sie­ren der spe­zi­el­le Typ, das exzep­tio­nel­le Kunst­werk, die abgrenz­ba­re Grup­pe. Weil der Begriff der »Sin­gu­la­ri­ät« also viel­schich­tig ist, trägt das alt­be­kann­te Kon­zept des »Indi­vi­dua­lis­mus« nichts mehr aus. Reck­witz unter­füt­tert sei­ne Theo­rie bis­wei­len mit phä­no­me­na­len Gegen­warts­be­ob­ach­tun­gen: wie grund­haft pro­fa­ne Lebens­be­rei­che (das Woh­nen und Ein­rich­ten, das Rei­sen, der Umgang mit dem Kör­per, mit den Kin­dern) heu­te eine der­ar­ti­ge Auf­la­dung und Auf­wer­tung erfah­ren, daß sie gera­de­zu sakra­len Cha­rak­ter haben.

Reck­witz arbei­tet eine »neue Mit­tel­klas­se« her­aus, für die Fak­to­ren wie Work-Life-Balan­ce, urba­ner Lebens­stil, Juve­ni­li­sie­rung, Umwäl­zung der Geschlech­ter­rol­len (man greift auf ein »Port­fo­lio aus Gen­der-Acces­soires« zurück) und Kos­mo­po­li­tis­mus tra­gen­de Pfei­ler bil­den. Im Pro­zeß der Sin­gu­la­ri­sie­rung gehen Selbst­mo­del­lie­rung (ori­gi­nel­le Per­for­mance) und Fremd­steue­rung (wel­che ori­gi­nel­le Idee fügt sich als Wel­len­bre­cher in den Main­stream?) Hand in Hand. Wenn der­je­ni­ge erfolg­reich ist und »valo­ri­siert« wird, der als Entre­pre­neur sei­ner selbst (oder sei­ner Pro­duk­te) zu reüs­sie­ren ver­mag, wer bleibt dann auf der Stre­cke? Die­je­ni­gen, die von jenem Selbst­ent­fal­tungs­an­spruch über­for­dert sind.

Gene­rell die ohne »krea­ti­ve Ader«, das in Mil­lio­nen zäh­len­de Fuß­volk, das nie irgend etwas mit den Namen »Reck­witz« ver­bin­den wird. Einen wei­te­ren Pfer­de­fuß sieht der Autor dar­in, daß sich durch die Prä­mie­rung sin­gu­lä­rer Kol­lek­ti­ve (neh­men wir die »Iden­ti­tä­ren«) ein Auf­stieg des dicho­to­men Den­kens (Wir – und die ande­ren) ereig­nen könn­te. Laut Reck­witz for­dert der Rechts­po­pu­lis­mus »das Para­dig­ma des aper­tis­tisch-dif­fe­ren­zi­el­len Libe­ra­lis­mus in des­sen links- und wirt­schafts­li­be­ra­ler Spiel­art her­aus.« Die­ser »star­ke Clea­va­ge basiert auf dem Gegen­satz zwi­schen einer kom­mu­ni­ta­ris­ti­schen Poli­tik der sozio­kul­tu­rel­len Gemein­schaft des Vol­kes auf der einen und auf der kos­mo­po­li­ti­schen Öff­nung der Iden­ti­tä­ten auf der ande­ren Seite.«

So geht Singularitätsperformance!

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Andre­as Reck­witz’ Die Gesell­schaft der Sin­gu­la­ri­tä­ten kann man hier bestel­len.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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