David Motadel: Für Prophet und Führer

Olaf Haselhorst rezensierte für uns David Motadel: Für Prophet und Führer. Die islamische Welt und das Dritte Reich, Stuttgart: Klett-Cotta 2017. 568 S., 30 €

 Gastbeitrag

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Jahr­zehn­te­lang hat sich die eta­blier­te For­schung in Deutsch­land kaum mit der Mili­tär­ge­schich­te des Drit­ten Rei­ches beschäf­tigt. Im Aus­land war das anders. Der in Lon­don leh­ren­de His­to­ri­ker David Mota­del befaßt sich in dem vor­lie­gen­den Werk mit Mus­li­men als poten­ti­el­len deut­schen Ver­bün­de­ten. Es ist in drei Abschnit­te geglie­dert, über­schrie­ben mit »Mus­li­me in der Kriegs­po­li­tik«, »Mus­li­me in den Kriegs­ge­bie­ten«, d.h. in Nord­afri­ka, auf dem Bal­kan, auf der Krim und im Kau­ka­sus­ge­biet sowie »Mus­li­me in der Armee«, d.h. in Heer und Waf­fen-SS. Ein Epi­log gibt einen kur­zen Aus­blick auf die Ent­wick­lung im Kal­ten Krieg. Nach einem kur­zen Exkurs in die Zeit des Kai­ser­rei­ches wid­met Mota­del sich der NS-Poli­tik. Der Autor macht es sich dabei zu ein­fach, wenn er eine strin­gen­te deut­sche Poli­tik hin zu einer Mas­sen­mo­bi­li­sie­rung von Mus­li­men kon­sta­tiert. Er über­sieht die poly­kra­ti­sche Struk­tur des Drit­ten Rei­ches. Unter dem Dik­ta­tor kon­kur­rier­ten ver­schie­de­ne Insti­tu­tio­nen um Macht und Ein­fluß. Hit­ler hat­te kate­go­risch eine Bewaff­nung Fremd­völ­ki­scher ver­bo­ten, vor allem aus der besetz­ten Sowjet­uni­on. Wenn das Ost­heer zur eige­nen Ent­las­tung aus Gefan­ge­nen und Über­läu­fern Hilfs­trup­pen auf­stell­te, geschah das bis 1943 in Eigen­in­itia­ti­ve. Ledig­lich die Bil­dung von »Legio­nen« aus Ange­hö­ri­gen sowje­ti­scher Völ­ker zur Siche­rung rück­wär­ti­ger Gebie­te war erlaubt. Nach Sta­lin­grad geneh­mig­te Hit­ler dann offi­zi­ell die Bil­dung von nicht­deut­schen Ver­bän­den für den Front­ein­satz. Himm­ler hat­te hin­ge­gen seit 1940 im engen Rah­men der NS-Ras­sen­ideo­lo­gie einen grö­ße­ren Spiel­raum. Ange­hö­ri­ge »ger­ma­ni­scher Völ­ker« – vor allem aus Skan­di­na­vi­en, Hol­land, Bel­gi­en und der Schweiz – durf­ten für die Waf­fen-SS ange­wor­ben wer­den. Ab 1943 spiel­ten ras­sen­ideo­lo­gi­sche Kri­te­ri­en dann bei der Auf­nah­me in die Waf­fen-SS kei­ne Rol­le mehr. Aber selbst bei ver­rin­ger­ten Rekru­tie­rungs­stan­dards muß­ten vie­le Bewer­ber abge­wie­sen wer­den. Mota­del kennt die mili­tär­his­to­ri­sche Fach­li­te­ra­tur nicht, sonst wüß­te er, daß die Kampf­kraft der mus­li­mi­schen Ver­bän­de weit unter den deut­schen Erwar­tun­gen blieb. So war zwar die Auf­stel­lung der SS-Divi­si­on »Hand­schar« aus bos­ni­schen Mus­li­men unter Mit­wir­kung des Groß­muf­tis von Jeru­sa­lem Moham­med Amin al-Hus­s­ei­ni ein Pro­pa­g­an­da­coup, mili­tä­risch kam ihr Ein­satz einem Desas­ter gleich. Zur Aus­bil­dung nach Frank­reich ver­legt, meu­ter­ten Tei­le der Sol­da­ten. Im Anti­par­ti­sa­nen­ein­satz in Kroa­ti­en fiel die Trup­pe durch Gewalt­ex­zes­se auf, zahl­rei­che Sol­da­ten deser­tier­ten zu den Tito-Kämp­fern. Im Okto­ber 1944 war sie nicht mehr ver­wend­bar, im Dezem­ber wur­de die Divi­si­on auf­ge­löst. Noch schlim­mer ver­hielt es sich mit der aus alba­ni­schen Mus­li­men bestehen­den SS-Divi­si­on »Skan­der­beg«. Ihr deut­scher Kom­man­deur Schmid­hu­ber cha­rak­te­ri­sier­te sie »ledig­lich nach ihrer äuße­ren Uni­for­mie­rung« als ein mili­tär­ähn­li­ches Gebil­de. Dis­zi­plin­lo­sig­keit wer­de lie­be­voll gepflegt. Der Hel­den­mut des Alba­ners gehö­re in das Reich der Sage, und er sei nur am Plün­dern und Steh­len interessiert.

Mota­del schil­dert den enor­men ver­wal­tungs- und wer­be­tech­ni­schen Auf­wand um die weni­gen mus­li­mi­schen Ver­bän­de, der in kei­nem Ver­hält­nis zu ihrem mili­tä­ri­schen Nut­zen steht. Auch die pro­pa­gan­dis­ti­sche Wir­kung war ver­gleichs­wei­se gering. Hier fragt sich der Leser, ob die knap­pen Res­sour­cen von deut­scher Sei­te nicht sinn­vol­ler hät­ten ver­wen­det wer­den können.

Der Ver­fas­ser sieht – anknüp­fend an Edward Saids »Orientalismus«-Theorie – in den Mus­li­men ledig­lich Objek­te okzi­den­ta­ler Herr­schafts­ge­lüs­te. Der Islam wer­de für poli­ti­sche Zwe­cke »instru­men­ta­li­siert«, schreibt er mehr­fach. Daß sich Mus­li­me ganz gezielt den Deut­schen ange­dient haben könn­ten, weil sie – ähn­lich wie Bal­ten oder Ukrai­ner – etwa die staat­li­che Auto­no­mie anstreb­ten, kommt ihm nicht in den Sinn. Es fehlt ein Ver­zeich­nis der ver­wen­de­ten Lite­ra­tur. Die­se muß man müh­sam im Anmer­kungs­ap­pa­rat suchen, der fast ein Drit­tel des Gesamt­um­fangs des Buches einnimmt.

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David Mota­dels Für Pro­phet und Füh­rer kann man hier bestel­len.

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