Thor v. Waldstein: Macht und Öffentlichkeit

Thor v. Waldstein: Macht und Öffentlichkeit, Schnellroda: Verlag Antaios 2018. 88 S.,8,50 €

Johannes Konstantin Poensgen

Johannes Konstantin Poensgen studiert Politikwissenschaft und Geschichte.

Die Behaup­tung, der bes­te Teil eines Buches sei­en die Lite­ra­tur­an­ga­ben ist, sofern es sich nicht um die Gat­tung der Biblio­gra­phie han­delt, ein voll­stän­di­ger Ver­riß. Für Thor v. Wald­steins neu erschie­ne­nen Kapla­ken­band Macht und Öffent­lich­keit muß eine Aus­nah­me gemacht wer­den. Die einem 67 klein­for­ma­ti­ge Sei­ten umfas­sen­den Text zuge­ord­ne­ten 143 End­no­ten stel­len dabei kei­ne Biblio­gra­phie des The­mas dar. Sie bil­den kei­nen For­schungs­stand ab, son­dern ver­wei­sen gezielt auf jene Wer­ke, die einer bür­ger­li­chen Auf­klä­rung über die­sen weit­schwei­fi­gen Stoff dien­lich sind. Dies erst ermög­licht eine glaub­wür­di­ge wie auch ver­dau­li­che Ein­füh­rung in das brei­te The­ma »Macht und Öffent­lich­keit«, die den Leser im Rah­men der je eige­nen zeit­li­chen und geis­ti­gen Mög­lich­kei­ten zum Selbst­stu­di­um ein­lädt. Damit schließt v. Wald­stein kei­ne wis­sen­schaft­li­che, doch eine klaf­fen­de publi­zis­ti­sche Lücke. Denn auf­grund des außer­ge­wöhn­li­chen Umfangs und des the­ma­ti­schen und dis­zi­pli­nä­ren Facet­ten­reich­tums der bei­den Fra­gen, wie Öffent­lich­keit eigent­lich zustan­de kommt und was sie bewirkt, wer­den die­se fast stets auf eine von zwei Arten ange­gan­gen: Ent­we­der ver­faßt ein Medi­en­wis­sen­schaft­ler oder Sozio­lo­gie­pro­fes­sor eines jener fünf­hun­dert­sei­ti­gen Lehr­bü­cher, die von Erst­se­mes­tern ohne­hin nicht gele­sen wer­den. Oder ein Jour­na­list ver­sucht sich an einer wahl­wei­se essay­is­ti­schen, wahl­wei­se inves­ti­ga­ti­ven Abrech­nung mit der Lügen‑, ‑Lücken- und Lum­pen­pres­se, die bei aller Erhei­te­rung doch nichts als spo­ra­di­sche Ein­sich­ten enthält.

Thor v. Wald­stein hin­ge­gen gelingt es in 21 kur­zen, sprach­lich far­ben­froh gestal­te­ten Kapi­teln, die ver­schie­de­nen Teil­ge­bie­te sei­ner The­ma­tik nicht ein­fach nur anzu­rei­ßen, son­dern in sie hin­ein­zu­grei­fen und den Kern der jewei­li­gen Pro­ble­ma­ti­ken her­aus­zu­rei­ßen. Dabei geht es um die Her­kunft der heu­ti­gen Öffent­lich­keit aus dem Wider­spruch des auf­stre­ben­den und zuneh­mend auf­klä­re­ri­scher emp­fin­den­den Bür­ger­tums gegen die Arkan­po­li­tik fürst­li­cher Kabi­net­te, in der sich die öffent­li­che Mei­nung als Gegen­macht zur Staats­ge­walt her­aus­kris­tal­li­sier­te; um den anthropologisch/soziologischen Mecha­nis­mus, der sich jeder unver­fälsch­ten Öffent­lich­keits­bil­dung ent­ge­gen­stellt, oder um die Unbe­re­chen­bar­keit des Medi­ums Inter­net, die dar­in begrün­det ist, daß weder die wei­te­re tech­ni­sche Ent­wick­lung vor­her­seh­bar ist, noch die sozia­le Wir­kungs­wei­se des rela­tiv neu­en Medi­ums wirk­lich erforscht ist, und zahl­rei­che bekann­te Effek­te (wie etwa die »Echo­kam­mer«) von ihrer Eigen­lo­gik her zu ein­an­der dia­me­tral ent­ge­gen­ge­setz­ten Ergeb­nis­sen füh­ren könnten.

Macht und Öffent­lich­keit ver­leug­net dabei nicht, daß es einer spe­zi­fi­schen Lage ent­sprun­gen ist, die der Autor mit den Wor­ten beschreibt, »die Neue Rech­te sprä­che am häu­figs­ten von dem, was ihr fehlt«. Das rech­te Dau­er­t­rau­ma der Macht­lo­sig­keit auf­grund man­geln­der oder feind­lich gesteu­er­ter Öffent­lich­keit bleibt bestim­mend, auch wenn Stra­te­gien zur Über­win­dung die­ses uner­sprieß­li­chen Zustan­des grob skiz­ziert werden.

Der Kon­zen­tra­ti­on auf die kon­kre­te Lage ist wohl auch die erstaun­lichs­te Lücke die­ses Buches geschul­det. Thor v. Wald­stein stellt früh fest, »daß es ech­te Öffent­lich­keit nicht gibt und nie gege­ben hat«. Das ist ein Schluß, zu dem er aus­ge­rech­net durch das Anle­gen des haber­mas­schen Maß­sta­bes gelangt, wonach Öffent­lich­keit nur dort besteht, wo kei­ne angeb­ba­re Grup­pe von ihr aus­ge­schlos­sen ist. Die Aus­sa­ge, daß ech­te Öffent­lich­keit nach allem Ermes­sen unmög­lich ist, hat frei­lich außer­or­dent­li­che demo­kra­tie­theo­re­ti­sche Kon­se­quen­zen, die v. Wald­stein kaum streift.

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Thor v. Wald­steins Macht und Öffent­lich­keit kann man hier bestel­len.

Johannes Konstantin Poensgen

Johannes Konstantin Poensgen studiert Politikwissenschaft und Geschichte.

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