Sezession
14. März 2018

Vor der Messe: „Die 21“

Götz Kubitschek / 19 Kommentare

Was man kaum für möglich hielt – jeden Tag läßt es sich beobachten:

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Die Schere öffnet sich immer weiter zwischen denen, die das normale Leben kennen und leben, und solchen, die unbeirrt als schreckliche Kinder der Neuzeit ihre verrückte Agenda durchziehen.

Wir erleben die Aufspreizung der »Gesellschaft« (hier ist dieses Unwort ausnahmsweise einmal am Platz) auf einen Abstand außerhalb der Rufweite. Die längst gestörte Verständigung ist abgebrochen, und es faseln die »Sprecher« der anderen, der noch regierenden, den "Diskurs" beherrschenden Seite irgend etwas zusammen, um dem eigenen Treiben noch einen Hauch von Sattelfestigkeit, eine Ahnung von begrifflicher Faßbarkeit zu verleihen.

In Kandel stehen 5000 Teilnehmer für die Rückgewinnung einer selbstverständlichen Bewegungs- und Alltagssicherheit gegen ein »breites Bündnis«, das nur noch einen Bruchteil der empörten Masse aufzubieten in der Lage ist. Regierungsvertreter und selbsternannte Sprecher der »Zivilgesellschaft« begreifen eines nicht mehr: daß immer mehr Deutsche ihr Dorf, ihren Stadtteil, ihr Leben, ihre homezone an den Fuß des Vesuvs versetzt wähnen, nicht wissend, wann das »Verhängnis« glutheiß wie Vulkanasche auf uns herabregnen wird.

Tag für Tag ins Geschirr sich stemmen für einen von Parteiapparaten erbeuteten Staat, der uns das nicht mehr gewährt, wofür wir ihm gerne gehorchten: Sicherheit und Würde? Und nun weitere vier Jahre unter einem Regierungsbündnis aus Niederlage und Untergang ausharren, vier Jahre, in denen das große Experiment unter Einberechnung von Schäden, Zerstörungen, Verwerfungen und Leid weitergeführt wird? Unter dem Zugeständnis selbst seiner Betreiber, daß ganz und gar nicht gewiß sei, ob am Ende ein feines Werkstück (eine neue Gesellschaft) oder ein anarchischer Zustand (eine Staatsruine) dabei herauskommen?

Selbst solche, die qua Amtes an Ruinen und Abbrüchen keinerlei Interesse haben können, beteiligen sich an der Zerstörung der Substanz. Es hält beispielsweise der Kölner Kardinal Woelki die Hand über seinen Kommunikationsdirektor, der in einem Anfall von pompadourschem Humor den Tschechen die Sachsen im Tausch gegen deren Atommüll anbot. Man möchte beide Herren ihrem eigenen Experiment zum Opfer fallen sehen, möchte der Szene beiwohnen, in der sie aus einem der großen deutschen Bauten geschleift werden: aus dem Kölner Dom die Treppen hinunter bis auf die berüchtigte Platte.

»Hilf Herr, wir verderben – da ist niemand, der uns schützt und dem wir trauen können, außer Dir allein«, heißt es abseits solcher (meiner) unversöhnlichen Bilder in einem »Gebet um Errettung des deutschen Volkes«, das in einem abgelegenen Kloster gesprochen wird. Von den Mönchen dort wäre viel zu erzählen. Es sind solche Orte, an denen der Schirm über der abendländischen Christenheit aufgespannt bleibt und ein Erbe verteidigt wird, das unverhandelbar ist.

Auch ein Buch kann ein Erbe verteidigen und als unverhandelbares Gut festhalten. Dem Schriftsteller Martin Mosebach ist mit seiner Arbeit über die an der libyischen Küste enthaupteten koptischen Christen eine Stiftung in diesem Sinne gelungen: Die 21 heißt sein Werk (jüngst erschienen bei Rowohlt), es ist eine Demütigung für den Westen im allgemeinen und für unseren widerständigen Geist im besonderen. Denn man kann es als Frage an der äußersten Grenze der Existenz lesen:

Während es für die 21 koptischen Männer (einfache Leute, unintellektuell tiefgläubig) keine Frage war, daß es nun für den Glauben und in der Nachfolge Christi das Martyrium zu durchleiden gelte, hätte wohl kaum ein Deutscher die (eher geringe) Chance ausgeschlagen, durch Konversion zum Islam (also: Glaubensverrat) das eigene Leben (das irdische Leben) zu verlängern (und das ewige damit wohl zu verspielen).

Bevor sich nun jemand (ich eingeschlossen) glaubenseifrig in die Brust wirft: Lippenbekenntnisse sind wohlfeil, gewogen wird der Glaube in Lagen wie solchen am libyschen Strand. Aber dennoch: Auf welchen unerschütterbaren Säulen ruht denn unser Eigenes, Eigentliches? Auf dem säkularen Staat? Auf dem Mythos unseres Weges durch die Geschichte? Auf dem, was wir »daraus« gelernt haben?

Wie auch immer: Diese Säule des unverhandelbaren Glaubens (ein vertikales Gebilde!) ist das, was wir verteidigen müssen, wenn es uns tatsächlich um die »Errettung des deutschen Volkes« geht. Aber bevor wir sie verteidigen könnten, müßten wir sie wieder aufrichten, diese Vertikale.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Kommentare (19)

John Haase
14. März 2018 21:12

Chance Vesuv, mit der herabregnenden Asche jeden Tag die Regeln des Zusammenlebens neu aushandeln, wissen sie denn nicht, daß der pyroklastische Strom selbst vor dem Vulkan flieht und ja, herabfallende Gesteinsbrocken von der Größe eines Kleinwagens stellen auch Fragen an unsere Identität, aber machen uns auch stärker.

So, nachdem das weg ist zum Wichtigeren.

Vor ein paar Jahren, als die Christenverfolgung im Orient noch einmal zusätzliche Fahrt aufnahm, waren zwei Freunde und ich einmal bei einer Demo von Orientchristen. Offensichtlich hier aufgewachsene junge Menschen waren dabei (auffällig hübsche Frauen mit vielen Kindern übrigens) aber auch solche, die Deutsch mit Akzent oder gar nicht sprachen. Wir drei waren die einzigen Weißen. Vertreter der deutschen Kirchen kamen nicht. Der Ort? Die Platte vor dem Kölner Dom. Bezeichnend, nicht?

Scholasticulus Paracelsi
14. März 2018 21:50

Man kann Mosebachs "DIe 21" als eine neue Variation von Houellebecqs "Unterwerfung" lesen, schildert es doch ein Land, in welchem Christen, die koptischen Christen, seit hunderten von Jahren als Minderheit im eigenen Land, als Objekt der Verfolgung leben, so das den Christen das Martyrium als Konsequenz ihres Glaubens wie etwas selbstverständliches geworden ist. Das Besondere, nicht einfach übertragbare ist jedoch diese tiefe Gewißheit des Geborgenseins in Christus, gegen die unsere lateinisch-christlichen Vorstellungen von "Glauben" einfach nur ein matter Abglanz ist.
Für mich beinhaltet das, was Mosebach sensibel und fein bei seinem Besuch bei den Familien der koptischen Martyrer da herausgespürt hat auch eine Hoffnung, dass die GOttvergessenheit unserer Landstriche durch ein fröhliches Christentum, wie es das Koptische ist, eine Belebung erfahren kann.
Ganz genau; diese Vertikale ist in vieler Hinsicht verloren gegangen, und sie aufzurichten bedarf es vor allem der Hinwendung hin zum Himmlischen. "Der wahre Sinn unseres christlichen Lebens besteht im Erwerb von Gottes heiligem Geist." (Seraphim von Sarow)

Brettenbacher
15. März 2018 05:13

"....der in einem Anfall von pompadourschem Humor.."
Pompadourscher Humor - Sackzement, das ist ein Treffer !
Ob die Purpurrosine den Stich wohl spürt ?

Durendal
15. März 2018 06:04

Im Buch deutet einer der zu Wort kommenden Kopten an, dass es unter ihnen keine Liberalen gebe, weil die schon vor 1400 Jahren dem Druck nicht standgehalten hätten und zum Islam abgefallen wären.
Ein koptischer Metropolit wird im Buch so zitiert:
"Wir Kopten sind die eigentlichen und echten Ägypter. Das hier ist unser Land seit vielen tausend Jahren – lange vor den Pyramiden ist es schon unser Land gewesen. Wir haben ein sehr gutes und weit zurückreichendes Gedächtnis, ein mindestens ebenso gutes wie das der Juden, die dem Pharao bis heute nichts verzeihen und immer im Sinn behielten, daß Gott ihnen zu Moses‘ Zeiten das Land der Kanaaniter geschenkt hat. Nach zweitausend Jahren haben sie es sich wiedergeholt. Aber unsere Lage ist eine andere als die der Juden. Wir sind in unserem eigenen Land zur Minderheit geworden..."
Es wird aber auch sichtbar, dass es solchen Kopten offenbar nur in zweiter Linie darum geht, ihr Volk zu erhalten. Die im Buch beschriebenen Märtyrer hielten ihren Glauben zwar für unverhandelbar, aber zum Tod waren sie anscheinend vor allem deshalb bereit, weil sie davon ausgingen, dass dieses Opfer in der Nachfolge Christi den besten Weg zur Rettung ihrer Seele darstellte.
Bei Mosebach entsteht der Eindruck, dass der Fortbestand des koptischen Volkes eine von mehreren Nebenwirkungen der Entschiedenheit ist, mit der die Kopten am Christentum festhalten.

sokrates399
15. März 2018 09:24

Mosebach schreibt: „Jetzt gibt es ihn wieder, den bösen, um nicht zu sagen: den „altbösen Feind“, den Feind des Menschengeschlechts, „hostis generis humani“. Das ist Feindschaft weniger im Sinn der Politik als in dem der Theologie. Nach der „Botschaft an die Nation des Kreuzes, geschrieben mit Blut“ ist es nicht mehr leicht, vor der Wirklichkeit solcher Feindschaft noch die Augen zu verschließen.“

Wir stehen also davor, eine Entscheidung zu treffen; die Frage des Glaubens ernst zu nehmen; endlich festzustellen, daß da zwei Welten einander gegenüberstehen, die, ignorieren wir deren Gegensatz, nur mit unserer eigenen Vernichtung enden wird. Bei einer Lesung letzte Woche in Frankfurt über seine Reise und den Besuch der koptischen Heiligtümer ließ Mosebach einen neuen Urgrund des Glaubens spüren, gegen den z.B. die perversen Spielereien der Kirchentage der Emckes und Käßmanns wirklich wie die Emanationen der modernen Gottlosen aufscheinen. Und Gómez Dávila hat recht wie meist: „Christ ist nur, wer seine Annahme des Evangeliums Christi auf seinen Glauben an das Evangelium Christi stützt.“ Diese findet man in „die 21“.

muotis
15. März 2018 09:56

Herr Kubitschek,
ist Ihrer Meinung nach das Vertikale notwendig ans Christliche gebunden? Das scheint doch inzwischen ebenso wenig wiedererweckbar wie irgendein germanischer Ahnenglaube. Andersherum sehe ich einen Deutschen doch auch dann vor mir, wenn er mit der Kirche oder dem Jenseitigen nicht das Geringste am Hut hat. Deutschsein zeichnet sich doch zunächst durch Haltung und Herkunft aus, alles andere ist verhandelbar. Meinen Sie nicht?

Harald
15. März 2018 10:18

Die evangelischen und katholischen Kirchenfürsten haben den Glauben schon auf dem Altar von Humanitarismus und Mulikulturalismus geopfert . Diese falschen Hirten sichern sich nur noch ihre Pfründe,Wasser predigen und Wein ... .Sie dienern vor dem Mohammedanismus . Im Gottesdienst hat das alte, Deutsche Gesangbuch ausgedient. Martin Luther ist nur noch ein Geduldeter der Kirchengeschichte .

Dieter Rose
15. März 2018 13:46

@muotis

meine Mutter sel. hätte gesagt:
"Helf' was helfen mag!"
und das finde ich nicht ganz falsch!

Thomas Martini
15. März 2018 14:42

Zitat Kubitschek: "Regierungsvertreter und selbsternannte Sprecher der »Zivilgesellschaft« begreifen eines nicht mehr: daß immer mehr Deutsche ihr Dorf, ihren Stadtteil, ihr Leben, ihre homezone an den Fuß des Vesuvs versetzt wähnen, nicht wissend, wann das »Verhängnis« glutheiß wie Vulkanasche auf uns herabregnen wird."

Zitat Markus Krall: "Es stehen insgesamt 3000 Milliarden Euro an deutschem Volksvermögen auf dem Spiel. Und ich bin aus guten Gründen überzeugt: Der Crash wird so sicher kommen wie das Amen in der Kirche!

[...]

Wenn wir die Reißleine ziehen, sitzen wir mit einem Schlag auf riesigen Verlusten. Aber wenn wir sie nicht ziehen, wird die Lage noch schlimmer. Egal, was wir machen, es gibt keinen Weg, der uns um eine Bereinigung herumführt. Und spätestens in zwei Jahren fliegt uns das angestaute Ungleichgewicht um die Ohren ..."

https://www.focus.de/finanzen/boerse/interview-mit-autor-des-draghi-crashs-banken-insider-warnt-in-zwei-jahren-fliegt-uns-das-system-um-die-ohren_id_8570527.html

"Dr. Markus Krall ist Managing Director im Frankfurter Büro von goetzpartners. Er verantwortet den Bereich Risk Management und ist Head of Financial Institutions.

Markus Krall verfügt über knapp 25 Jahre Erfahrung in der Bank- und Versicherungswirtschaft, sowohl als Berater als auch in Linien- und Managementverantwortung."

https://www.goetzpartners.com/de/person/info/markus-krall/

Markus-Evangelium: 8, 10 -21, "Und er seufzte auf in seinem Geist und spricht: Was begehrt dieses Geschlecht ein Zeichen?"

Zitat Kubitschek:

"Diese Säule des unverhandelbaren Glaubens (ein vertikales Gebilde!) ist das, was wir verteidigen müssen, wenn es uns tatsächlich um die »Errettung des deutschen Volkes« geht. Aber bevor wir sie verteidigen könnten, müßten wir sie wieder aufrichten, diese Vertikale."

Psalm 101, Die Verpflichtung des Königs:

1 Ein Psalm Davids. Von Gnade und Recht will ich singen und dir, HERR, Lob sagen...

https://www.bibleserver.com/text/LUT/Psalm101

Ich bete dafür, dass die Leipziger Buchmesse für Sezession und Antaios ein Erfolg wird, und dass alle teilnehmenden Mitarbeiter des Verlags wohlbehalten von dort wieder zurückkehren.

Monika
15. März 2018 15:57

die Säule des unverhandelbaren Glaubens müssen wir verteidigen,
die Vertikale aufrichten....das ist ja mal wieder die "ethische Frage" , die immer wieder auftaucht, auch dort sollte man den Riß vertiefen ( Mt 10,34), hier geht auch die Neue Rechte nicht auf den tiefsten Grund - auf die unerschütterbaren Säulen...
5000 zumeist brave Bürger gegen ein " Breites Bündnis" von geschätzt 500. Malu Dreyer reist nach Kandel, um das Breite Bündnis nachzurüsten, den Kampf gegen 5000 Rechte, Hetzer usw. zu führen ! welch eine Vermessenheit.
welch eine Arroganz der Möchtigen.
Die Kirchenvertreter schließen sich dem Breiten Bündnis an. Und haben Angst vor den Betern. Die Marienkapelle in Kandel ( Madonna mit Schwert in der Brust ) ist neuerdings verschlossen. In Polen wäre solch eine Madonna längst entdeckt und zum Wallfahrtsort geweiht worden. Vielleicht kommt von dorther der göttliche Beistand? Und ja, eine Ausrichtung nach oben zieht eine Parallelkultur nach. Ein großer Topos in der tschechischen dissidenten Kultur ( Havel u.a.) Parallelkultur ist etwas ganz anderes als die Neurechte Kontrakultur . Auch hier müßte mal nachgefasst werden.
hier sehe ich große Defizite auch rechts. Und ja, ohne christliche Rückbindung wird es nicht gehen ! Hier wird am Ende auch der Trennstrich zwischen Rechts/Konservativ verlaufen.
soweit , so unvollständig, alles Gute nach Leipzig...

Mauerbluemchen
15. März 2018 16:11

@moutis

Ihre Frage kann jedermann leicht beantworten: wofür sind Sie bereit ihr irdisches Leben zu lassen, wofür sind Sie bereit buchstäblich durchs Feuer zu gehen, Schimpf und Schande, Elend und Verbannung usw. zu ertragen?

Wenn es bei Ihnen ihre Idee von Deutschland ist, dann mag es bei Ihnen wirklich so sein, daß es ganz ohne Metaphysik funktioniert. Ein seltener Fall.

In der Regel ist es aber so (und seitdem ich die Deckung verlassen habe und mich bei Gelegenheit mit intellellen liberalskis, butzelbürgern und wertewestlern auf Diskussionen einlasse), daß solche Gedanken dem aufgeklärten Modernmenschen die Sprache verschlagen und auch das großartigste Getöse schlagartig verstummen läßt bzw. nach einer Schocksekunde das Thema gewechselt wird.

Und weil ich ein höficher Mensch bin, bestehe ich auf keiner sinnvollen Antwort. Denn es kann für einen Modernmenschen keine Antwort auf diese allesentscheidende Frage geben, da er sein einziger Horizont ist und außer ihm nichts ist - nichts was wertvoller, größer, herrlicher, besser als er und seine individuelle Existenz von ein paar Jahrzehnten sein könnte.

Mit solchen Figuren verliert man jeden Kampf und jeden Krieg. Und sowohl dieses unglückliche Land als auch das gesamte Restabendland sind voll von diesen Letztmenschen.

H. M. Richter
16. März 2018 07:07

Es tut sich was im Land:

"Mit wachsendem Befremden beobachten wir, wie Deutschland durch die illegale Masseneinwanderung beschädigt wird. Wir solidarisieren uns mit denjenigen, die friedlich dafür demonstrieren, dass die rechtsstaatliche Ordnung an den Grenzen unseres Landes wiederhergestellt wird."

Tellkamp, Sarrazin, Lengsfeld u. a. gehören zu den Erstunterzeichnern.

Siehe:
https://www.erklaerung2018.de/

hagustaldaz
16. März 2018 19:05

@ Mauerblümchen

Könnte es sein, daß Sie keine Antwort bekamen, weil die von Ihnen als "butzelbürger" angesehenen Personen Sie keineswegs als "höfichen" (sic) Menschen wahrnahmen? Ich bin mir sicher, daß die Frage "Für welches Ideal wärst du bereit, dein Leben zu opfern?", mit echtem Interesse am Gegenüber und ohne Häme vorgetragen, zu einer interessanten Diskussion führen kann. Selbstverständlich kommt die Antwort auf eine so elementare Frage erst einmal zögerlich. Nicht jeder plaudert darüber so selbstgewiß wie Sie, und auch Sie haben bisher Ihr Leben offenbar für nichts gegeben.

Im übrigen stellt das Selbstopfer eines Menschen, der an keine Metaphysik glaubt, für den also nach dem Tod nichts mehr kommt, eine größere und bewundernswertere Überwindung dar als das eines Christen oder Muslimen, der sich in der Sicherheit wähnt, ins Paradies zu kommen und demnach vielleicht gar nicht so selbstlos ist.

Heinrich Loewe
16. März 2018 21:55

Vielleicht wäre das ein modus vivendi für den Riß, die Schere, die anscheinend unvereinbare Aufspreizung der Gesellschaft: Jeder bekommt sein eigenes Territorium. Die Multikultis, und die Deutschen, die -wie die Osteuropäer- lieber unter sich bleiben wollen.
Es führt nicht weiter, wenn jede Seite beansprucht, fürs Ganze zu sprechen, den Anderen zu überzeugen oder, wenn das nicht geht, zu bekämpfen. Es ist alles zigfach gesagt.
Laßt uns in Ruhe, wir lassen Euch in Ruhe.
Vorbild wäre hier Amerika: Es gibt den Staat der Mormonen, die liberalen Küsten, das Fly-Over-America, und noch viel mehr Differenzierungen.
Die Vertikale ist sicher wichtig, nur: Sie wieder aufzurichten nach zweihundert Jahren "Gott ist tot" sicherlich die schwerste Aufgabe. Kann man den Mythus neu schöpfen? Ohne Gnade ganz sicher nicht. Dazu würden mich die Gedanken des hochgeschätzten M. Lichtmesz sehr interessieren, sein ganzes opus magnum dreht sich ja um die "Vertikale".

Kierkegaard
17. März 2018 11:33

"Im übrigen stellt das Selbstopfer eines Menschen, der an keine Metaphysik glaubt, für den also nach dem Tod nichts mehr kommt, eine größere und bewundernswertere Überwindung dar als das eines Christen oder Muslimen, der sich in der Sicherheit wähnt, ins Paradies zu kommen und demnach vielleicht gar nicht so selbstlos ist."

Da der Atheismus zum Nihilismus führt, ist der Tod hier ja sowieso das einzige, das man sucht. So ist dann auch der Opfertod des Atheisten wenig selbstlos, denn mit Gott fällt und steht Sinn wie Moral. Ohne Gott ist beides nicht denkbar. Sinn und Moral _müßen_ objektiv sein, sie müßen "entdeckt" werden, wie man Mathematik entdeckt. (Vox Day hat das auf seinem Blog gut ausgeführt). Der Atheist lebt also, ist er tief, immer in der Sinnlosigkeit.

Ich habe daher auch die meiste Zeit meines Atheistenlebens gegen Atheisten argumentiert, denn mit den Christen beschäftigte ich mich kaum, da damals in meinen Augen sowieso verblendet. Es gibt nichts, das sich philosophisch so schlecht rechtfertigen läßt, wie der Atheismus der "Neuen Atheisten" (Dawkins, Schmidt-Salomon, Harris, usf.). Sie halten nach wie vor an (jedenfalls Teilstücken) der christlichen Moral fest und lehnen vor allem ab, daß man einen objektiven Sinn erkennen könne, behaupten jedoch gleichzeitig, daß dies nicht zum Nihilismus führe. Das ist intellektuell auf alle Fälle unredlich, in meinen Augen grenzte und grenzt diese Position jedoch an Debilität.

Daher Vox Days Erwiderung auf diese ja auch "The Irrational Atheist" heißt. (Gómez Dávila drückt es nüchtern und treffend aus: "Glaubt man nicht an Gott, ist das einzig Anständige der vulgäre Utilitarismus. Alles andere ist Rhetorik.")

So lebte ich mehr als ein Jahrzehnt im düstersten Nihilismus und überlebte einen Erhängungsversuch nur aufgrund meiner handwerklichen Ungeschicktheit. Joris-Karl Huysmans und Reinhold Schneider hatten ein ähnliches Schicksal: vom nihilistischen, pessimistischen Atheismus zum christlichen Glauben, Schneider überlebte ebenfalls einen Suizidversuch. Man lese z. B. das Nachwort, das Huysmans 1904 À rebours angefügt hat. Ähnlich sehe ich meinen früheren Meister, Schopenhauer, auch: er hilft einem nicht in der Not, er führt ins Nichts.

Was mich lange Zeit abhielt, war meine verzerrte Sicht des Christentums, die "sunday school theology". Daß die heilige Schrift keineswegs lehrt, daß diese die beste aller Welten sei, daß der Fürst dieser Welt Satan ist, daß ein böser Geist diese Welt regiert; daß die ganze Welt im Argen liegt, es ein Jammertal ist usw. usf. Das habe ich einfach nicht zur Kenntnis genommen. Hätte ich doch einfach einmal Ecclesiastes gelesen! Aber wahrscheinlich war die Zeit noch nicht reif, mußte erst zum äußersten Punkt des Lebensüberdrusses gebracht werden.

Nietzsche schrieb 1882:
"Ich will das Leben nicht _wieder_. Wie habe ich's ertragen? Schaffend. Was macht mich den Anblick aushalten? der Blick auf den Übermenschen, der das Leben _bejaht_. Ich habe versucht, es selber zu bejahen – Ach!"

So ging es mir auch, und nur die Gnade Gottes erretete mich vorm erneuten Selbstmord -- das war erst vor knapp einem halben Jahr, war bereits rechts usw. Ich sah keine Hoffnung mehr, das Land gespalten und zerrüttet, überfremdet, dieses Universum nichts als sinnlos. Mir blieb nur der Weg, den Philipp Mainländer auch ging, der wohl der klarste und ehrlichste bekannte Atheist war, der je gelebt hat.

Ich ziehe jedenfalls, wie Vox Day es schön ausdrückte, die "fairy tale" dem schrecklichen Druck vor, die ganze Welt auf den Schultern tragen zu müßen. Erkenne allerdings auch an, daß wohl die meisten Menschen solche inneren Kämpfe und Seelenleiden gar nicht kennen. Daher ist mir Kierkegaard so nahe, den ich nun als Christ neu entdecke.

Davon abgesehen kann ein Christ, so wie ich die heilige Schrift verstehe, nicht hundertpozentig aufs Himmelreich hoffen, da ja jeder, Christ wie Nicht-Christ, gerichtet wird. Schon eher kann man sagen, daß wer den Glauben und damit den Heiligen Geist empfangen hat, eine gewisse Hoffnung und auch Freude in sich trägt (Glaube, Liebe, Hoffnung). Das ist aber auch alles. Daß die Pforte eng ist, ist bekannt.

Der Märtyrertod ändert das aber vielleicht tatsächlich, denn wer hier besteht, wird doch wohl selig werden? In meinen Augen aber auch ein eher einfacher wenn auch beachtlicher Weg, den ich selbst in Erwägung gezogen habe. Ich dachte daran, in Nahost zu missionieren, wußte allerdings auch, daß dies mein sicherer Tod wäre. Und da Gott jede unserer Regungen und Gedanken kennt, wäre dies nur zu billig zu haben gewesen. Ich hätte so gesehen eine wohl eher unerlaubte Abkürzung genommen.

Übrigens sterben Moslems nicht für ihren Glauben wie dies die Christen tun. Sie sprengen sich in die Luft oder schießen herum, während der Christ sich Christus hingibt und für ihn in den Tod geht. Kein Moslem erduldet für seinen Moloch, den er anbetet, den Märtyrertod -- er bringt erst andere um und richtet sich dann einfach selbst. Kann der Christ das? Ich sehe nicht, wie ein solches Verhalten möglich ist. Allerdings darf der Christ sein Land verteidigen, was ja auch Luther schon nicht ablehnte. Hierauf geht unter anderem Peter Bickenbachs "Judas EKD" ein, der sich auch auf den leider weniger bekannten Jungkonservativen Wilhelm Stapel (Der christliche Staatsmann) bezieht, die ein wichtiges Gegengift gegen den gegenwärtigen schwabbeligen und laschen katholischen (hier vor allem das II. Konzil) wie evangelischen (dem ich sogar eher anhänge, trotz meiner Achtung vor Gómez Dávila) Glauben darstellen.

Aber man lese doch nur einmal, was z. B. Christen im kommunistischen Osten erleiden mußten und dabei dennoch fröhlich waren, sangen und sogar tanzten! Für wen soll der Ungläubige denn tanzen? Für wen soll er denn solche Qualen erleiden? Für wen soll er singen? Rational in einer solchen Situation ist nur der Selbstmord. (Richard Wurmbrand berichtete von diesen Folterungen, zitiert auch in Manfred Adler: Vom Sinn und Ziel unseres Lebens.)

So laßt uns also zum christlichen Glauben zurückkehren, der uns mehr als tausend Jahre gestärkt hat. Der Atheismus, wenn er rational ist, führt nur in den Tod, in das Nichts. Ist er irrational, führt er dort ebenfalls hin, nur über den Umweg des Fressens und Saufens und Kopulierens, wie man heute ja leider sehen kann. Und dieses Universum ist ohnehin dem Tode geweiht -- das weiß nicht nur der Christ, das weiß auch der Atheist. Nur hat der Christ Hoffnung, ist er doch "in" der Welt, aber nicht "von" dieser.

Mein Schlüssel zum Glauben war für mich, zu verstehen, wie das Christentum das Problem des Bösen löst. Danach fand die "Explosion" statt, wie Huysmans sein Erlebnis vom Empfang des Heiligen Geistes nannte (die Gnadenminute).

Das ist nun viel Text, aber doch ist es wohl so, daß nur der Glaube uns noch retten kann. So hat alles Schlechte doch am Ende noch etwas Gutes: durch die schreckliche Politik in dieser scheußlichen Welt (Stapel) habe ich schließlich zum Glauben gefunden und meine Seele gerettet. Ich hoffe und bete, daß der Glaube an Christus zunimmt und erstarkt, vor allem auch auf der Rechten. Denn was die meisten abhält, da hat Vox Day (wie sooft) recht, ist der Stolz, nicht das Wissen.

Scholasticulus Paracelsi
17. März 2018 13:39

"Diese Säule des unverhandelbaren Glaubens (ein vertikales Gebilde!) ist das, was wir verteidigen müssen, wenn es uns tatsächlich um die »Errettung des deutschen Volkes« geht. Aber bevor wir sie verteidigen könnten, müßten wir sie wieder aufrichten, diese Vertikale."

Was ist dieses Aufrichten der Vertikale? Ein Annäherungsversuch, der mit einer Frage beginnt:
Was suchen die Menschen der Welt, wenn sie nach Deutschland kommen? Warum gerade Deutschland? (Einmal bewußt ausklammernd, was da an zielvollen Plänen von mancher Seite gewollt wird.) Vielfach wird gesagt, sie suchen unser Sozialsystem, die Versorgung, also die materielle Sicherheit.
Was, wenn sie uns damit (nur) den Spiegel vorhalten? Deutsche, was ist aus Euch geworden? Seid Ihr diejenigen, denen es nur noch um materielle Absicherung, irdisches Wohlergehen geht!? Habt Ihr den Himmel, Eure Verbindung zum Geistigen, Göttlichen vergessen?
Was hat Deutschland, das deutsche Volk, die in Jahrhunderten einmal gewachsene mitteleuropäische Kultur zu geben? Ist die Illusion, durch Einwanderung in ein fremdes Land, eine fremde Kultur etwas Wertvolles für sich zu finden, nur das Spiegelbild UNSERER Illusionen, weil auch wir unserer Herkunftskultur, unserer Fähigkeit der geistigen Erkenntnis untreu geworden sind?
Sollte die Sorge um unseren materiellen Wohlstand uns weder dazu verführen, ihn mit Krallen und Klauen zu verteidigen, noch in gönnerischer Geste das Gut unserer Nachbarn den Zugewanderten zu schenken (wie es von linker Seite gern geschieht), sondern uns in die Vertikale aufrichten und auf das bauen, was wirklich trägt?
Eine lohnende und spannende Aufgabe: können wir geistige Substanz erringen, die uns nährt und die auch die Zugereisten satt macht? Was soll das ganze Schauspiel der Wanderung sonst, als darauf eine Antwort zu finden?

Cacatum non est pictum
17. März 2018 21:39

@Heinrich Loewe

"Vielleicht wäre das ein modus vivendi für den Riß, die Schere, die anscheinend unvereinbare Aufspreizung der Gesellschaft: Jeder bekommt sein eigenes Territorium. Die Multikultis, und die Deutschen, die -wie die Osteuropäer- lieber unter sich bleiben wollen.
Es führt nicht weiter, wenn jede Seite beansprucht, fürs Ganze zu sprechen, den Anderen zu überzeugen oder, wenn das nicht geht, zu bekämpfen. Es ist alles zigfach gesagt.
Laßt uns in Ruhe, wir lassen Euch in Ruhe."

Ich habe den Eindruck, daß diese Sezessionsforderungen in letzter Zeit zunehmen. Erst heute habe ich im Diskussionsforum von welt.de einen ähnlich klingenden Beitrag von einer Nutzerin gelesen. Und ebenfalls heute notiert Klonovsky in seinem Netztagebuch:

"Wir erleben derzeit ein modifiziertes 1989. Da die Wirtschaftskraft dieses Landes immer noch beachtlich ist und das Establishment vor allem im, marxistisch gesprochen, Überbau scharenweise Nutznießer und Profiteure produziert hat, wird die Sache freilich nicht wie damals bei Erich dem Einzigen auf einen Zusammenbruch hinauslaufen, sondern auf eine immer stärkere Spaltung der Gesellschaft, die womöglich eines fernen Freudentages zu Sezessionen führt – man wird ja noch träumen dürfen..."

Ich weiß nicht, ob ich an einem solchen Tag Freude werde empfinden können. Der Gedanke, meine Heimatregion - in der ich leben, lieben, kämpfen und trauern gelernt habe und in deren Humus viele mir nahe stehende Menschen begraben liegen - könnte eines Tages abgespaltet werden vom Rest des Vaterlandes, löst Unbehagen in mir aus. Ich will mir nicht ausmalen, wie es wäre, wenn ich plötzlich ein Visum beantragen müßte, um an die Stätten meiner Kindheit reisen zu dürfen. Und bevor es jemals soweit kommt, wäre ich wahrscheinlich bereit, zu töten und zu sterben, um dieses Szenario abzuwenden.

Warum sollte ich den linksliberalen Multikulturalisten freiwillig meine Heimat überlassen? So stark sind sie nicht. Im Gegenteil - ihr Stern sinkt gerade, und zwar in rapider Geschwindigkeit. Anstatt ihnen Refugien zuzusprechen, die ihnen nicht gehören (und auch nie gehören werden), warten wir lieber noch ein wenig ab - bis zur nächsten größeren Wirtschaftskrise beispielsweise. Mal sehen, auf wieviel Resonanz ihre Forderungen nach Masseneinwanderung dann noch stoßen werden - und wie zahlreich sie dann noch sind.

Das Problem wird sich von allein erledigen. Den Gefallen, sie in Ruhe zu lassen, tun wir diesen Leuten nicht. Wir werden unseren Weg zu Ende gehen.

hagustaldaz
18. März 2018 12:38

@ Kierkegaard

Ich danke Ihnen für Ihre schonungslose Offenheit. Ihr Kommentar zeigt mustergültig, wie die Wahrheitssuche durch persönliche Sehnsüchte und psychologische Bedürfnisse abgleiten kann. Die von der Rechten so oft geforderte Illusionslosigkeit ist das eben nicht.

Heinrich Loewe
2. April 2018 12:06

Was für ein großartiges Buch! Von den nun drei christlich-essayistischen von Martin Mosebach für mich das Beste. Aus einem Guß, Sprach-schön, so facettenreich. Hier und da gleichsam donnernden Glockenschlägen Bezüge zur gegenwärtigen Lage in unserm Land. Meisterhaft auch hier wieder die Reflexion über die Liturgie. Der Schlußsatz: "Vermeiden Sie unbedingt, einer Minorität anzugehören."
Vielen Dank für den Buchtip!

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