Sezession
12. März 2018

Der Kampf um die Kultur oder: Politik mit der »Echokammer«

Michael Wiesberg / 3 Kommentare

Die Kultur oder das, was dafür erklärt wird, ist eine Hauptkampflinie der weltanschaulichen Auseinandersetzung in Deutschland.

Michael Wiesberg

Michael Wiesberg ist Lektor und freier Publizist.

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Hier zeigt sich, wer die „Diskurshegemonie“ innehat und ausübt. Seit Jahrzehnten ist es das linksliberale Milieu, das mehr oder weniger uneingeschränkt darüber entschieden hat, wo aus seiner Sicht die Grenzen der Meinungsfreiheit zu verorten sind und wann es Zeit ist, einen unbotmäßigen Diskursteilnehmer im Sinne der „befreienden Toleranz“ Marcuses mit Intoleranz zu begegnen.

Seit einiger Zeit aber ist festzustellen, daß diese Diskurshegemonie brüchiger wird; ihre Ausgrenzungsmechanismen werden selbst Gegenstand der Kritik, siehe aktuell die auch im „Mainstream“ kritischen Reaktionen auf die Distanzierung des Suhrkamp Verlages von seinem Autor Uwe Tellkamp.

Der „Gesinnungskorridor“, von dem die Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen in einem Offenen Brief sprach, wird breiter für Positionen, die sich den bestens geölten linksliberalen Sprachspielen nicht oder nicht nicht mehr unterwerfen wollen. Seit geraumer Zeit ist es en vogue, diese Positionen als „Populismus“ zu denunzieren. Populisten, so weiß zum Beispiel Tobias J. Knoblich, Kulturdirektor der Stadt Erfurt und Vizepräsident der Kulturpolitischen Gesellschaft, wünschten sich angeblich „einfache Antworten auf komplexe Herausforderungen“, die sich auch „lautstark artikulieren möchten“.

Dieser „heterogene Kreis“ eher „konservativer Menschen“ habe sich der AfD zugewandt. Knoblich zeichnet die AfD in ein Narrativ ein, für das sich im Suhrkamp Verlag auch ein Buch findet; es trägt den beziehungsreichen Titel „Die große Regression“. Das Buch dokumentiert vor allem eines: linke Präpotenz und den Willen, das über lange Zeit hinweg eingeübte, in sich geschlossene System der Verständigung aufrechtzuerhalten.

Für Kulturfunktionäre wie Knoblich reicht die in diesem Buch von einer Internationale von Intellektuellen dargereichte Deutung, daß Parteien wie die AfD „Teil einer regredierenden Kulturbewegung“ seien, „die die Globalisierung zurückdrehen“ wollen und mit den „Konsequenzen unserer weltweiten Vernetzung … nicht umgehen“ könnten.

Interessant sei nach Knoblich – was auch sonst – der Vergleich mit dem Nationalsozialismus. Auch wenn man die Anhänger der AfD nicht „pauschal mit Nazis gleichsetzen“ dürfe, fielen deren „schlichte und auf Illusionierung angelegte Narrative auf“.

Knoblich führt als Sekundanten für seine Behauptungen den Soziologen Hartmut Rosa ins Feld, der die These aufstellte, daß die „Politik der Nazis“ „keine Antwortbeziehung zur Welt“ gestiftet habe, sondern „nur eine Echokammer für eine imaginierte Volksgemeinschaft“. Auf ähnliche Art und Weise inszeniere die AfD-Kulturpolitik nach Knoblich „Echokammern“, die einen reinen „Kollektivkörper [zu] imaginieren“ und die „Beziehung zur Welt“ zu kappen trachteten.

Weinerlich beklagt der Kulturfunktionär, daß sich „Kulturpolitiker/innen in den letzten Jahrzehnten intensiv bemüht“ hätten, „Multi-, Trans- und Interkultur zu definieren“ und „starre Identitätsbilder aufzubrechen“, und nun komme die AfD (oder auch andere „populistische Strömungen“) und beuge den von Bassam Tibi „europäisch gedachten“ „Topos Leitkultur“ zu einem „deutsch-nationalen Exklusionsmodus“. Was für Verwerfungen in Deutschland zu dem geführt haben, was hier als „Regression“ umschrieben wird, ist bei Knoblich bezeichnenderweise nicht Teil seiner Betrachtungen.

Tiefer in die möglichen Hintergründe der „populistischen Revolte“ dringt der Berliner Politikwissenschaftler Wolfgang Merkel ein, der einen tiefen Graben zwischen Kosmopoliten und denen, die er als „Kommunitaristen“ bezeichnet, sieht.

Der Kosmopolitismus sei seiner Meinung nach durch drei Prinzipien gekennzeichnet, nämlich durch „Individualismus, Universalismus und Offenheit“. Entsprechend präferierten Kosmopoliten „individuelle Rechte, erleichterte Einbürgerung, kulturellen Pluralismus“ etc. Die Kommunitaristen hingegen stünden für „überschaubare Gemeinschaften“, „kontrollierte Grenzen“, Beschränkung der Zuwanderung, „kulturelle Identität“ und den „Wert des sozialen Zusammenhalts“.

Den gegenwärtigen Rechtspopulismus charakterisiert Merkel als „negativ-chauvinistische Form“ des Kommunitarismus. Kosmopoliten fänden sich in den Ober- und in den gebildeten Mittelschichten, vor allem aber auch in den Spitzenpositionen von Wirtschaft, Staat, Parteien und Medien.

Aufgrund ihres Bildungshintergrundes seien Kosmopoliten in der Lage, mit kulturellen Unterschieden umzugehen (zu ergänzen wäre hier, daß diese Klientel in der Regel genug Geld verdient, um diesen Unterschieden gegebenenfalls aus dem Weg zu gehen …).  Überträgt man dieses Deutungsmuster auf die deutsche Parteienlandschaft, dann verträten die Grünen „am stärksten kosmopolitische“ und die AfD am „deutlichsten kommunitaristisch-chauvinistische Positionen“.

Im gleichen Maße, wie der kosmopolitische zum herrschenden Diskurs geworden sei, wurde die Kritik an ihm „moralisch delegitimiert“, was den Rechtspopulisten zum Bedauern Merkels den Kampfbegriff „politische Korrektheit“ in die Hände gespielt habe. Durchaus selbstkritisch kommt der Berliner Politologe zu der Einsicht, daß „öffentliche Diskurse“, wenn sie demokratisch sein wollten, nicht aus-, sondern einschließen müssen.

Täten sie das nicht, formten sie „eine kulturelle Hegemonie“, die, wie Antonio Gramsci gezeigt hat, die „Gedanken der Herrschenden zu den herrschenden Gedanken“ mache. Die Kosmopoliten seien „selbstgefällig, behäbig und taub“ gegen die „da unten“ geworden. Arbeiterschaft und „untere Schichten“ wanderten deshalb in Heerscharen zu den Rechtspopulisten ab.


Michael Wiesberg

Michael Wiesberg ist Lektor und freier Publizist.

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Kommentare (3)

quarz
12. März 2018 12:36

Zwei Anmerkungen:

1) "nur eine Echokammer für eine imaginierte Volksgemeinschaft ... daß sich „Kulturpolitiker/innen in den letzten Jahrzehnten intensiv bemüht“ hätten, „Multi-, Trans- und Interkultur zu definieren“

Was real und was nur imaginiert (bzw. definiert) ist, zeigt sich an den Wirkungszusammenhängen. Der Begriff der (graduellen) ethnischen Homo- bzw. Heterogenität wurde sozialwissenschaftlich in verschiedenen Varianten definiert mit anderen Begriffen in Zusammenhang gebracht. Und dabei hat sich eine (gerade für die Sozialwissenschaften) erstaunliche Hartnäckigkeit der empirischen Realität gezeigt: Ethnische Heterogenität korreliert mit vielen Merkmalen, die für eine Gesellschaft schädlich sind. Kurz: die gesellschaftliche Schädlichkeit von Multikulti ist auch für diejenigen wissenschaftlich erwiesen, die behaupten, sie in ihrer Alltagserfahrung nicht zu entdecken.

2) Die durch "Diversität" geprägte Kultur ist eine parasitäre kulturelle Lebensform, die sich aus monokulturellen Quellen speist, die ihr die Komponenten ihres Daseins liefern. Indem nun die Diversity-Jünger typischerweise die von ihnen präferierte Gesellschaftsform gegenüber den monokulturellen Formen als höherwertig betrachten, werten sie genau diejenigen ab, die zu achten sie in besonderem Maße vorgeben.

Gustav Grambauer
12. März 2018 14:01

Die Kosmopoliten sind in verschwindender Minderzahl. Warum wird der Kosmopolitismus dennoch so breit abgedeckt?

Spielen wir mal Käpt`n Spock (hihihi ...) und schauen uns die Eroberung eines Planeten als unbefangene Betrachter an. Was werden die Eroberer den Bewohnern sagen? Bingo: "Vergeßt all eure (kulturellen) Wurzeln, werdet alle Kosmopoliten!".

(Wie reibungslos sich der Deutsche mit seinem Eroberer identifiziert ließ sich 1945 und 1989 sehr gut studieren.)

Nun soll der - weitgehend eroberte - Planet aber auch regiert bzw. die Herrschaft gehalten werden. Dazu ist es notwendig, ihn unter einer Ideologie zu einen. Dazu hatte der Rote Stern schon die fünf Kontinente symbolisiert, später haben die Kulturmarxisten die grüne Ideologie als Welt-Einheits-Kitt zu nutzen versucht. Aber geradezu klassisch bietet sich auch hier wieder der Kosmopolitismus an, da er noch viel breiter wirken kann und frei von - zunehmend als gefährlich eingeschätzter - Hegelscher Dialektik, Emanzipationstriefigkeit, Möglichkeiten des "Mißverständnisses" mit "nationalen Befreiungsbewegungen" usw. oder Rückkoppelungen wie z. B. noch bei Bahro mit "kommunitärer Subsistenzwirtschaft", mit einem Wort: smarter ist.

Es ist sogar gelungen, daß ganze Massen die Ängste des Eroberers (vor Kontrollverlust) auf sich selbst übertragen. Dies kommt - ausgespropchen oder unausgesprochen - in fast jedem Gespräch mit bunten und sogar weniger bunten Mäxchen und Lieschen über die Situation zum Ausdruck: sie beschwören - indirekt oder direkt, unreflektiert oder reflektiert - ihre (dessen!) Angst vor der sogenannten "Spaltung der Gesellschaft", als wenn ihnen das Gerippe von Johannes Rau aus dem Grab heraus unentwegt "Versöhnen statt spalten" ins Ohr flüstern würde. (Wie gesagt: dieses "Versöhnen" ist - immer - rein herrschaftstechnisch intendiert.)

Dazu haben sie sogar die Pille des Kosmopolitismus geschluckt und halten an ihm fest, auch wenn er sogar ganz vordergründig ihren eigenen Interessen zuwiderläuft und ihnen innerlich womöglich sogar zuwider ist. Dieses Festhalten erklärt sich, um es noch einmal in aller Klarheit zu sagen, großteils nur aus dem Bann der auf sie übertragenen und von ihnen internalisierten Angst des Eroberers um dessen Ideologie-Kitt für das eroberte Gebiet.

Diese Angst führt bei Mäxchen und Lieschen nicht nur zu einem langweiligen, fremdbestimmten (irrationalen, ja: irrsinnigen) Dahinvegetieren als Heuchler sondern sie ist vor allem, in deren wohlverstandenem Interesse gesagt, selbstzerstörerisch. Man sollte den Leuten sagen, daß die sogenannte "Gesellschaft" sowieso eine Schimäre bzw. ein Konstrukt ist und daß sie sich besser auf das unvermeidliche Offenbar-Werden dessen und damit auf die Zerschmetterung der mit ihr gegebenen Illusionen einstellen sollten. Den etwas Mutigeren sollte man auch sagen, daß "Versöhnen ..." stinklangweilig ist und mit dem Aufbrechen dieses Popanz für sie selbst spannende und lehrreiche Zeiten kommen werden. Den Christen unter ihnen sollte man sagen, daß Christus gespalten (polarisiert) hat wo und soviel er nur konnte!

- G. G.

Cacatum non est pictum
12. März 2018 22:32

"Ihre Träger lebten im urbanen Bereich, Kultur verstünden sie im Sinne eines Gewährenlassens, in der die Burka als 'Identitätsmarker' neben den Tattoos der 'Hipster' steht."

Jaja, unsere Merkurianer. Füttern ihre feuchten kulturvernichtenden Phantasien mit der letzten Substanz, die unserem Gemeinwesen noch Halt verleiht. Das Schöne ist ja: Wenn der Turm zusammenkracht, weil das Fundament ausgehöhlt ist, wird dieser Menschenschlag einfach weggespült werden. In der Gesellschaft, die einem solchen Kollaps folgt, sind andere Charaktere gefragt als jene, die noch die lebensfeindlichste Perversität als Signum des Fortschritts durchgehen lassen.

Ansonsten bleibt zu sagen: Die Epigonen der 68er haben den geordneten Rückzug angetreten. Sie räumen Stellung um Stellung und lassen zwischendurch noch sperrfeuerartige Salven kommen, um von ihrer Ohnmacht abzulenken. Das wird mit jedem anbrechenden Tag deutlicher. Ob es dann, wenn sich diese Leute endgültig ins Reservat verpieselt haben oder massenhaft desertiert sind, besser wird als vorher, bleibt abzuwarten. Jedenfalls wird es anders. Sie haben die Schraube überdreht, und nach fest kommt ab.

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