Sezession
12. März 2018

Österreich: Achtzig Jahre 1. Opfer

Martin Lichtmesz / 26 Kommentare

Unter Österreichern ist es heute allgemeiner Brauch, seine Zugehörigkeit zum deutschen Volk vehement abzustreiten.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

In der Tat ist die Abgrenzung vom großen bundesdeutschen Cousin eine Form der „Xenophobie“, die gesellschaftsfähig geblieben ist, wenn sie auch in Wahrheit nicht besonders tief reichen mag und eine Stichelei ist, die gleichsam „in der Familie“ bleibt.

Daß sich die Österreicher vor 1945 mit einiger Selbstverständlichkeit als Deutsche betrachtet haben, ist in der Alpenrepublik weitgehend in Vergessenheit geraten, wenn es nicht aktiv verdrängt wurde. Die österreichische Separatidentität hat sich jedenfalls derart tief ins Selbstverständnis der Österreicher eingefleischt, daß sich „großdeutsche“ politische Sehnsüchte wohl für immer erledigt haben.

Schuld daran ist ironischerweise jener Österreicher, der bereits auf der ersten Seite seines Buches Mein Kampf programmatisch verkündet hatte, daß „Deutschösterreich“ wieder zum „großen deutschen Mutterlande“ zurückkehren müsse.

Daß dieser Gedanke keineswegs genuin nationalsozialistisch war, ist heute ebenso vergessen, wie die Tatsache, daß sich die Habsburger bis hin zu Kaiser Franz Josef und Kaiser Karl als „deutsche Fürsten“ sahen. Bis zu seiner Niederlage im Krieg gegen Preußen 1866 war Österreich Mitglied im Deutschen Bund; sein Ausscheiden als potentielle Führungsmacht der Reichseinigung ließ die seit 1848 gestellte „großdeutsche“ Frage offen.

Sie wurde 1918 erneut aufgeworfen, als vom Vielvölkerstaat der Habsburger ein kleiner Rest übrigblieb, dessen Grenzen im wesentlichen entlang des deutschen Volkstums gezogen wurden. Artikel 2 des „Gesetzes über die Staats- und Regierungsform“ der am 12. November 1918  ausgerufenen „Republik Deutschösterreich“ unter dem sozialdemokratischen Staatskanzler Karl Renner lautete: „Deutschösterreich ist ein Bestandteil der deutschen Republik“.

Dieser Artikel wurde am 21. Oktober 1919 unter dem Druck der Sieger des Weltkrieges gestrichen, die das von Woodrow Wilson propagierte „Selbstbestimmungsrecht der Nationen“ schließlich zur Schwächung und nicht zur Stärkung ihrer besiegten Feinde einzusetzen gedachten. Im Programm der Sozialdemokratischen Partei blieb der Artikel allerdings weiterhin bestehen, und als der Mährer Karl Renner zwanzig Jahre später, am 3. April 1938, öffentlich seine Zustimmung zum „Anschluß“ an das nunmehr nationalsozialistisch regierte Deutsche Reich bekannt gab und seine „Genugtuung für die Demütigungen von 1918 und 1919, für St-Germain und Versailles“ äußerte, war er sich selbst durchaus treu geblieben.

Auch der Austromarxist Otto Bauer forderte seine Genossen auf, für den „Anschluß“ zu stimmen, da die nationale Einheit Voraussetzung für die gesamtdeutsche Revolution sei. Und obwohl es zwischen Katholiken und Nationalsozialisten erhebliche Spannungen gab, die sich in den nächsten Monaten heftig entluden, sprach sich auch der Wiener Erzbischof Kardinal Innitzer öffentlich für den „Anschluß“ aus.

Doch auch die Verlierer der Märztage des Jahres 1938, die Repräsentanten des „austrofaschistischen“ christlich-sozialen Ständestaats, der seit 1933 einen inneren Zweifrontenkrieg gegen Sozialisten und Nationalsozialisten führte und um die Unabhängigkeit Österreichs rang, verstanden sich durchaus als Deutsche. In seiner „Trabrennplatzrede“ vom 11. September 1933 hatte sich der später von nationalsozialistischen Putschisten ermordete Bundeskanzler Engelbert Dollfuß unmißverständlich zum Deutschtum bekannt:

Wir wollen den sozialen, christlichen, deutschen Staat Österreich. Wir sind so deutsch, so selbstverständlich deutsch, daß es uns überflüssig vorkommt, dies eigens zu betonen.

Noch am 24. Februar 1938 verkündete sein Nachfolger Kurt Schuschnigg: „Wir sind ein christlicher Staat, wir sind ein deutscher Staat, wir sind ein freier Staat“, in einer Rede, die er mit den Worten schloß: „Bis in den Tod! Rot-weiß-rot!

Zu diesem Zeitpunkt war das 1933 durch einen Staatsstreich an die Macht gekommene autoritäre Regime kaum mehr zu retten: Es war nicht imstande gewesen, die soziale wie die nationale Frage zu lösen und den latenten Bürgerkrieg zu befrieden, der 1934 im Februaraufstand der Sozialdemokraten und im Juliputsch der Nationalsozialisten eskalierte.

Mit den Verboten der NSDAP und der SDAP allein war die innere Lage nicht in den Griff zu bekommen. Um sie zu entspannen und den politischen Druck des Reiches auf Österreich zu mildern, hatte bereits das „Juliabkommen“ des Jahres 1936 zwischen Wien und Berlin die nationale Opposition erheblich gestärkt; im Februar 1938, als Hitler Schuschnigg nach Berchtesgarden bestellte, hatte Österreich auch außenpolitisch kaum mehr Rückendeckung, insbesondere seit sich Mussolini zunehmend Richtung Deutschland wandte.

Hitler forderte nun von Schuschnigg ungehinderte politische Betätigung für die österreichische NSDAP, die Ernennung eines Nationalsozialisten zum Innen- und Polizeiminister, die Integration der österreichischen in die deutsche Wirtschaft und regelmäßige Besprechungen der Generalstäbe. Dadurch heizte sich die innenpolitische Atmosphäre noch mehr auf.

Am 9. März 1938 gab Schuschnigg bekannt, daß am 13. März eine Volksbefragung stattfinden solle, und forderte seine Landsleute auf, sich zur „Einigkeit“ und „Unabhängigkeit“ Österreichs zu bekennen. Das wurde nicht nur in Berlin als unerträgliche Provokation gewertet – in der Folge kam es in Wien und anderen Landeshauptstädten zu nationalsozialistischen Erhebungen, Straßenkämpfen, antisemitischen Ausschreitungen und lokalen „Machtübernahmen“.

Hitler ergriff die Gelegenheit beim Schopf, zwang die österreichische Regierung per Ultimatum zum Rücktritt und zur Einsetzung einer Regierung unter der Führung des Nationalsozialisten Seyß-Inquart. Schuschnigg trat am Abend des 11. März zurück, und am 12. März überschritt die Wehrmacht die deutsch-österreichische Grenze, ohne auf Gegenwehr zu stoßen. Die Truppen wurden von der enthusiasmierten Bevölkerung mit einem gewaltigen Jubel begrüßt, wie auch Hitler selbst am 13. März in seiner Heimatstadt Linz und am 15. März am Wiener Heldenplatz.

Die überraschende, weitgehend gewaltlose Annexion Österreichs wurde zu seinem bis dato größten außenpolitischen Triumph. Am 10. April fand eine kosmetische Volksabstimmung statt, die zu einem Ergebnis von 99,73 % Ja-Stimmen für den „Anschluß“ führte.

Dies war gewiß über weite Strecken eine totalitäre Farce, jedoch ist kaum zu bezweifeln, daß zu diesem Zeitpunkt tatsächlich die überwiegende Mehrheit der Österreicher den „Anschluß“ mindestens „als historischen Fortschritt“ (Lothar Höbelt) befürwortete. Inzwischen lief der Betrieb in den Schinderhütten an, und zum Ende des Jahres waren zehntausende Menschen aus politischen oder rassischen Gründen verhaftet worden. Viele waren aus dem Land geflüchtet oder hatten wie der Schriftsteller Egon Friedell Selbstmord begangen. Österreichs nationale Identität wurde durch die Umbenennung in „Ostmark“ und später „Donau- und Alpenreichsgaue“ aufgelöst, um die Verschmelzung mit dem Reich zu betonen.

Bereits während des Krieges entstand das später vielkritisierte Bild von Österreich als „erstem Opfer“ der nationalsozialistischen Aggression, etwa in der Moskauer Erklärung (1943) der alliierten Außenminister:

Die Regierungen des Vereinigten Königreiches, der Sowjetunion und der Vereinigten Staaten von Amerika sind darin einer Meinung, daß Österreich, das erste freie Land, das der typischen Angriffspolitik Hitlers zum Opfer fallen sollte, von deutscher Herrschaft befreit werden soll,

wobei zugleich daran erinnert wurde, daß Österreich

für die Teilnahme am Kriege an der Seite Hitler-Deutschlands eine Verantwortung trägt.

Mit einer solchen Vorlage fiel es Österreich weitaus leichter als Deutschland, die Niederlage von 1945 offiziell als „Befreiung“ auszugeben und die genannte „Verantwortung“ weitgehend von sich zu weisen, mit der Folge, daß die sogenannte „Vergangenheitsbewältigung“ relativ spät einsetzte, was den Österreichern in vieler Hinsicht durchaus zum Segen gedieh und sie weniger anfällig für nationalmasochistische Kompensationen und Erpressungen machte.

In der „Österreichischen Unabhängigkeitserklärung“ der Parteien SPÖ, ÖVP und KPÖ vom 27. April 1945 wurde der „Anschluß“ für null und nichtig erklärt; Mitunterzeichner war der provisorische Regierungsvorsitzende Karl Renner. Der Staatsvertrag von 1955, der das Land in die Neutralität entließ, verbot schließlich die wirtschaftliche und politische Vereinigung zwischen Österreich und Deutschland.

Heute gilt der „Anschluß“ vor allem als immerwährender Schandfleck in der Geschichte des Landes, wobei üblicherweise die jubelnden Massen auf dem Heldenplatz mit den gedemütigten Juden kontrastiert werden, die gezwungen wurden, pro-österreichische Ständestaatparolen von der Straße zu waschen.

Zum fünzigjährigen „Jubiläum“ des  „Anschlußes“ schrieb Thomas Bernhard 1988 das Skandalstück „Heldenplatz“, in dem durchaus gegenwartsbezogene Tiraden wie diese standen:

Österreich selbst ist nichts als eine Bühne auf der alles verlottert und vermodert und verkommen ist eine in sich selber verhaßte Statisterie von sechseinhalb Millionen Alleingelassenen sechseinhalb Millionen Debile und Tobsüchtige die ununterbrochen aus vollem Hals nach einem Regisseur schreien...

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Dieser Text von Martin Lichtmesz ist dem Staatspolitischen Handbuch, Bd. 5: Deutsche Daten entnommen.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Kommentare (26)

quarz
12. März 2018 20:02

Weitgehend aus dem Bewusstsein getilgt wurde durch das verstaatlichte österreichische Geschichtsnarrativ auch der Umstand, dass 1848 sowohl das erste Staatsoberhaupt eines demokratischen gesamtdeutschen Staates als auch dessen erster Innen- und Außenminister Österreicher waren: Erzherzog Johann und Anton von Schmerling.

RMH
12. März 2018 21:07

In diesem Zusammenhang sei auch daran erinnert, dass nach dem WK I die KuK-Deutschen/Österreicher, die sich dann urplötzlich außerhalb des neuen , kleinen"Österreichs" befanden, sich wie selbstverständlich als Deutsche bezeichneten und nicht als Österreicher, obwohl sie doch vorher Österreicher waren. Nach dem WK II wurden diese KuK-Deutschen dann auch zum großen Teil vom Restdeutschland nach Flucht, Vertreibung, Gängelung und Emigration aufgenommen (an die Besserwisser: Selbstredend fanden Vertriebene in respektabler Zahl auch ihre Heimat in der Rep. Österreich).

Natürlich leben in der Rep. Österreich nicht nur Deutsche, aber dass die ursprüngliche Mehrheit der Menschen in der kleinen Rep. Österreich Deutsche waren (und auch sind) ist genau so unbestreitbar, wie der Fakt, dass Bayern auch Deutsche sind, obwohl die Bayern (auf jeden Fall die Altbayern) den Österreichern in jeder Hinsicht näher stehen (wenn nicht z.T. sogar gleich), als irgendwelchen Piefkes aus Berlin.

An die lieben Österreicher: Seht es einfach ein - Ihr werdet das Deutsche nicht los, auch wenn Ihr es zur Staatsräson erklärt habt, es los werden zu wollen. Wir werden "Euren" Hitler ja auch nicht los. Deutsche Schicksalsbrüder sind wir sicherlich. Besinnen wir uns auf die großen, guten Teile der gemeinsamen Geschichte und versuchen wir uns nicht weiter, im gegenseitigen Exorzismus.

Andrenio
13. März 2018 06:26

Mich wundert es, dass die beiden Volksabstimmungen in Salzburg und Tirol im Jahr 1921 nicht erwähnt werden, die in der Frage des Anschlusses an Deutschland an die 99% Zustimmung ergaben (bei einer Wahlbeteiligung von über 80%.
Zum damaligen Zeitpunkt kann man ja schwerlich von einer NS-Manipulation sprechen wie dies gerne für 1938 getan wird.
Selbstbestimmungsrecht der Völker: Ein Propagandabegriff der frühen Globalisten, für die Woodrow Wilson auch nur eine Marionettenpuppe war.

quarz
13. März 2018 06:34

@RMH

"An die lieben Österreicher: Seht es einfach ein - Ihr werdet das Deutsche nicht los"

Angesichts der aktuellen demographischen Entwicklung sieht es im Gegenteil eher so aus, dass die Bundesrepublik dabei ist, das Deutsche loszuwerden, während es in Österreich die besseren Überlebenschancen hat - mögen es die Österreicher wahrhaben oder nicht.

Andreas Walter
13. März 2018 06:52

Ist vielleicht sogar ganz gut so. Wer weiß, wofür sich das noch als nützlich erweisen könnte. Vor allem auch die guten Beziehungen Österreichs in den Osten.

Denn alles trachten der EU, die Containment-Politik, zielt ja hauptsächlich gegen Deutschland. Ob daher Deutschland noch die Kurve bekommt, so wie jetzt auch bereits die VSA, das steht noch in den Sternen. Österreich hat dagegen die Wende auch schon eingeleitet, wie noch weitere Länder eher Osteuropas. Der Riss verläuft daher gerade an unserer östlichen und südliche Grenze, und selbst aus Dänemark hört man heuer schon neue Töne. Am Ende werden sich daher womöglich alle destruktiven Kräfte in Schweden, England, Frankreich und Deutschland bündeln.

https://www.nzz.ch/international/wie-daenemark-ein-land-ohne-parallelgesellschaft-werden-will-ld.1361635

Womit übrigens auch der Auftrag der Nivellierung Europas, Schleifung Deutschlands, erreicht würde, weil dann einfach die ehemals wirtschaftlich starken Länder Europas als Standort immer unattraktiver werden.

Das neue Werk von Mercedes für 1,5 (1,9?) Milliarden Euro soll darum bereits in China entstehen und Siemens hat doch neulich auch schon einen Teilabzug angekündigt.

https://www.automobil-produktion.de/hersteller/wirtschaft/das-groesste-mercedes-werk-steht-jetzt-in-china-104.html

http://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/milliarden-investition-daimler-baut-neue-fabrik-fuer-e-autos-in-china-/21002214.html

https://www.welt.de/wirtschaft/article171149848/Deutschland-geht-es-zu-gut-um-die-Probleme-zu-erkennen.html

Selbst wenn die Löhne dann irgendwann sogar ganz im Keller sind werden die meisten Unternehmen nicht zurückkehren. Weil es hier dann zu Islamabad keinen Unterschied mehr gibt, ausser das es dort wenigstens immer schön warm ist am Pool in der Gated Community. Oder in Saudi Arabien oder Indien.

Deutschland hätte letztes Jahr sofort die Bahamas-Koalition machen können. CDU/CSU, AfD und FDP. Die Mehrheit dazu war sogar da. Statt dessen kommt jetzt sogar 70% linker Marxistenscheiss. Deutschland hätte Herbst 2015 sofort damit anfangen können, die Grenzen dicht zu machen. Ist aber auch nicht passiert. Wer nicht hören will muss eben fühlen. Mal sehen, wo wir darum in 3,5 Jahren stehen. Auch wirtschaftlich. Besser bestimmt nicht. Den Patrioten mache ich trotzdem keinen Vorwurf. Die haben alle gegeben was sie konnten, mussten teilweise sogar privat einen hohen persönlichen Preis dafür bezahlen. Der Schweine wegen.

"Aufstand der Tiere - Animal Farm - George Orwell - John Halas 1954", auf YouTube

Waldgaenger aus Schwaben
13. März 2018 07:03

Ich kenne die Relativierung der Zugehörigkeit zum deutschen Volk aus meiner Jugend. Wir sind Schwaben und katholisch. Die Nazis das waren die anderen, die Preussen, die "Lutherischen". Für arrogant auftretende Norddeutsche gab es bei den autochonten Schwaben die Bezeichnung "Herrenmensch", durchaus in bewusster Anspielung auf den materialistischen Rassedünkel der Nazis.

Nur bin ich mir nicht so sicher, ob das wirklich nur eine Abkehr von der deutschen Identität nach der Niederlage von 1945 war, oder ob da nicht ältere Überlieferungen nachwirkten. Die als auch süddeutsche Niederlage empfundene Reichseinigung 1866 bis 1871, der Kulturkampf, die Dominanz des Schriftdeutschen über den Dialekt,...

Wie dem auch sei. Es ist alles vergangen, heute spielt diese Ablehnung der "Preussen" im Bewusstsein bei uns keine Rolle mehr. Und das ist gut so, die Zukunft fordert ein Zusammenstehen des christlichen Abendlandes und keinen kleinen Lokalpatriotismus.

richard4
13. März 2018 07:09

ich sehe in meinem wiener umkreis keinen einzigen, der sich als Deutscher fühlt. im gegenteil, es herrscht eine relativ häufig vorkommende anti-Deutsche einstellung. man sieht sich nur mehr als Österreicher. - der traum vom geeinten deutschen volk, das friedlich mit seinen nachbarn kooperiert, der ist vorbei. und ein blick in die wiener schulen zeigt, dass gegenwärtig eine massive ethnisch/kulturelle umwälzung stattfindet.

Valjean72
13. März 2018 07:43

@Andrenio:
„Mich wundert es, dass die beiden Volksabstimmungen in Salzburg und Tirol im Jahr 1921 nicht erwähnt werden, die in der Frage des Anschlusses an Deutschland an die 99% Zustimmung ergaben (bei einer Wahlbeteiligung von über 80%.
Zum damaligen Zeitpunkt kann man ja schwerlich von einer NS-Manipulation sprechen wie dies gerne für 1938 getan wird …“
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Ein trefflicher Kommentar! Die offizielle Geschichtsschreibung in der real existierenden BRD (ebenso in der Rep. Österreich) hat uns über Jahrzehnte hinweg eingebläut, dass die Abstimmung zur Vereinigung Österreichs mit Deutschland im Jahr 1938 eine „totalitäre Farce“ war. Allerdings, dass eine Mehrheit der Österreicher für diese Vereinigung stimmte, können selbst Guido Knopp & Co. nicht leugnen.

Tja und die genannten Abstimmungen aus dem Jahr 1919 sind ja wohl über alle Zweifel erhaben von einem „totalitärem Regime“ manipuliert werden zu sein und dennoch waren die Zustimmungswerte identisch wie 1938 bei beinahe 100%. Das passt nicht so recht ins offizielle Narrativ, oder?

Österreicher sind Deutsche, daran gibt es nicht den Hauch eines Zweifels, es lag und liegt im Interesse der Feinde Deutschlands (und damit auch Österreichs) diesen Keil hineingetrieben zu haben und diese Spaltung weiterhin zu befeuern.

Unter den gegebenen Umständen ist es natürlich vorzuziehen, dass Österreich weiterhin als eigenständiger deutscher Staat (sofern man in Zeiten der zunehmenden EU-Machtkonzentration hiervon überhaupt noch sprechen kann) seinen Weg geht und nicht mit der durchaus schlimmer gestellten, real existierenden BRD zusammengeht.

P.S.: Es wundert mich schon, dass viele kritische Geister, die sich hier versammelt haben, die offizielle Geschichtsschreibung in Bezug auf die Jahre von 1914 – 1945 1:1 verinnerlicht haben und gar nicht erst auf die Idee kommen diese zu hinterfragen!

Hesperiolus
13. März 2018 09:10

Königgrätz war zwischen 1806 und 1918 eine der tragischen Wenden der deutschen Geschichte und "der Piefke" hat ja auch den Totenmarsch des Reichsvolks komponiert und ist damit verdient zur vossianischen Antonomasie des kleindeutschen Habitus geworden. Schlimmer noch als die österreichische "Separatidentität" hat sich die Piefkisierung des großen Restes ausgewirkt. Wie sehr Österreich im Seelenhaushalt des nördlichen "Cousins" fehlt, wird leider allzu schwach empfunden.

John Haase
13. März 2018 10:54

Ich glaube nicht, daß die Österreicher sich zu einer eigenständigen Nation entwickelt haben. Es mag sein, daß sie sich derzeit so empfinden, aber mal ehrlich: warum sollte sich irgendjemand angesichts des Zustandes der BRD, die nun einmal Deutschland ist (oder es simuliert), freiwillig als Deutscher bezeichnen wollen? Da ist eine vor hundert Jahren zu Ende gegangene gute alte Zeit einfach der bessere Anknüpfungspunkt für die eigene Identität.

Letztlich ist Österreich in mehr oder weniger demselben Zustand wie die BRD. Gäbe es in der BRD einen echten Bewußtseinswandel mit einem neuen politischen und kulturellen Gesamtbild könnte die Lage sich ruckzuck ändern. Gute Universitäten, eine stabile Ordnung, echter Wille zur Macht, Entideologisierung, kulturelle Renaissance in Deutschland und man würde sich auch in Österreich fragen, ob man weiter in einem von den „dreckigen kleinen Staaten“ Joseph Roths leben will und nicht lieber in einem starken Reich. Solange die BRD selbst so ein dreckiger kleiner Staat ist, stellt sich die Frage natürlich nicht.

Auch für uns nicht, übrigens. Ich glaube keiner der Kommentatoren hier kann Österreich so sehr hassen, daß er ihm den Anschluß ans Merkelregime wünscht.

silberzunge
13. März 2018 12:07

Die Österreicher sind mehrheitlich Bayern, zu wesentlich kleineren Teilen Alemannen, ergo Deutsche. Das sieht die Mehrheit bei uns in Österreich definitiv nicht so, da man "Österreicher" sei. Genauer denkt man nicht darüber nach, vor allem nicht historisch. Und wenn historisch, dann steht und fällt alles mit Hitler und all die geistreichen Punkte, die von ML bzw. den anderen Kommentatoren angeführt wurden, spielen keine Rolle.
Es ist eben die systematische Umerziehung und Selbstverleugnung.

Eines aber glaube ich durchaus: Bevor sich die BRD-Deutschen wieder als Deutsche bezeichnen, werden es jene in Österreich tun.

quarz
13. März 2018 12:16

@Richard4

"der traum vom geeinten deutschen volk, das friedlich mit seinen nachbarn kooperiert, der ist vorbei."

Solche scheinbar zementierten Einstellungen können sich allerdings schneller ändern als man denkt. Nach der euphorischen Erfahrung von 1989, als viele DDR-Bürger über die ungarische Grenze nach Österreich kamen, wurde im Zuge der Debatte um die Wiedervereinigung im (österr. Bundesland) Burgenland in einer Umfrage gefragt, ob sich bei der Gelegenheit auch Österreich gleich mitwiedervereinigen sollte. Und ohne dass dies zuvor ein öffentliches Thema gewesen wäre und ohne dass diese Option gar beworben worden wäre, bejahten rund ein Drittel der Burgenländer das spontan.

Köstlich waren die aufgeregten Reaktionen der Mainstreamjournalisten auf dieses Resultat, die wortreich versicherten, dass dies selbstverständlich nicht in Frage komme und die Burgenländer wahrscheinlich die Frage falsch verstanden hätten.

KlausD.
13. März 2018 14:05

Die Abkehr der Österreicher von den Deutschen nach dem 2. WK erfolgte blitzartig. Mein Onkel erzählte mehrfach folgende Anekdote aus russischer Kriegsgefangenschaft. Weil nichtdeutsche Soldaten früher als deutsche entlassen wurden, riefen die Österreicher lauthals: "Mia sein koane Deitschen, mia sein Österreicher!"

Andreas Walter
13. März 2018 14:48

Als Kind, das in den 70ern in Mexiko aufgewachsen ist, hatte ich noch nie etwas vom Holocaust gehört. Das Thema wurde ja auch erst in der Zeit überhaupt populär, und so hatte ich bis dahin nur etwas von den Nazis und Adolf Hitler gehört, die halb Europa erobert hatten, bevor sie nur noch mit vereinten Kräften der ganzen Welt zurückgeschlagen werden konnten. In meiner Wahrnehmung war darum Hitler damals für mich so etwas ähnliches wie Napoleon oder Alexander der Große. Ein grosser Eroberer, den alle ehrfürchtig bewundert haben.

Die meisten jungen Menschen heute können sich das gar nicht vorstellen. Dass es auch mal eine Zeit gab, in der darüber noch nicht ständig gesprochen und berichtet wurde. In der Deutschland noch ein ganz normales Land war, das auch einfach nur schon Kriege geführt hat wie alle anderen auch.

Der Schuldkomplex der Deutschen wurde daher tatsächlich bewusst erst im Nachhinein aufgebaut, über die Medien. Was natürlich die Frage aufwirft, wer dahinter steckt, denn niemand belastet sich selbst freiwillig mit Schuldgefühlen.

Könnte mir daher vorstellen, dass die Distanzierung Österreichs auch erst in der Zeit stattgefunden hat.

Caroline Sommerfeld
13. März 2018 16:00

@Richard4:
Dann hab ich ja wohl etwas Seltenes hier in Wien erlebt, als ich neulich in einem Kreis eine Einladung ablehnte mit den Worten, ich sei nächste Woche "in Deutschland". Und mehrstimmig die Antwort kam:""Wir sind in Deutschland!" Woraufhin ich fieberhaft zu überlegen begann, wie wohl das heißen möchte, wo ich hinfahre, nämlich Leipzig und Umgebung ... "Mitteldeutschland!" fiel mir ein. Allgemein zufriedenes Gebrumm.
Die Deutsche Frage schwelt offensichtlich noch immer.

richard4
13. März 2018 17:09

@quarz
Mögen sie haben recht haben, dass sich die Verhältnisse schneller ändern, als man denkt. Es ist vielleicht gar nicht so unwahrscheinlich, dass sich Teile der BRD, vor allem der Süden, von Berlin abspalten und neue Partner suchen. - Dass das gut wäre, will ich damit nicht sagen.

@Caroline Sommerfeld
Ich komme ursprünglich aus der grünen Ecke und habe noch viele Bekannte dort. Ich kenne daher vermutlich nicht so viele Gleichgesinnte, wie sie.

Cacatum non est pictum
14. März 2018 00:35

@Caroline Sommerfeld

"Die Deutsche Frage schwelt offensichtlich noch immer."

Und wir sollten sie am Schwelen halten, denn sie ist immer noch nicht zufriedenstellend beantwortet. Momentan geht es allerdings darum, den völligen Kollaps zu verhindern, der dafür sorgen könnte, daß diese Frage auf alle Zeit im Orkus der Geschichte verschwindet. Solange wir das nicht bewerkstelligt haben, verbietet sich jedes weitere Nachdenken über sie.

Wenn sich die aktuelle Entwicklung fortsetzt, spricht vieles für Sezessionen, also für eine Rückkehr zu Gebietszuschnitten wie in Zeiten vor der Reichseinigung. Ab einer bestimmten Schmerzgrenze wird das vielleicht unvermeidlich sein, obwohl ich es für eine Tragödie hielte. Jedenfalls ist nicht daran zu denken, das deutsche Staatsgebiet zu vergrößern (durch freiwilliges Hinzukommen deutschsprachiger Gebiete, versteht sich), solange die BRD in dem politisch verrotteten Zustand verharrt, in dem sie sich jetzt befindet.

Gustav Grambauer
14. März 2018 08:18

John Haase

"... und man würde sich auch in Österreich fragen, ob man weiter in einem von den 'dreckigen kleinen Staaten' Joseph Roths leben will und nicht lieber in einem starken Reich."

An alle Reichsfetischisten:

Das sogenannte Deutsche Kaiserreich war, beim südöstlichen Nachbarn wird es im Prinzip nicht anders gewesen sein, - als Staatenbund oder drastischer ausgedrückt: als lediglich Auftragnehmer - nur durch seine Staaten stark. Kurzes Googeln zum Aufspüren der Lüge - es wird darüber gelogen, daß sich die Balken biegen:

http://stadtgeschichtchen.de/artikel/stadtgeschichte/was-ist-das-deutsche-kaiserreichs/

In Wahrheit waren es diese Staaten, die stark waren. Wurde das Reich gegenüber diesen Staaten (kriegsbedingt, Kriegführung war Reichskompetenz) zu mächtig, zog es sie in den (zentralistischen, eben: sozialistischen) Abgrund (das ist eine deutsche Spezialität, andere Reiche werden mit dem Erstarken der Zentralgewalt erst richtig stark). Mit diesem Blick kann man Liebknecht und die KPD als konsequenteste Reichsverweser sehen.

Sie meinen vielleicht, es hätte von 1871 bis 1918 einen Deutschen Kaiser gegeben? Vergessen Sie`s. Es gab keinen. Es gab lediglich in französisch-freimaurerischer Tradition einen Präsidenten, der "Kaiser" genannt wurde. Art. 11 der Reichsverfassung lautete: "Das Präsidium des Bundes steht dem Könige von Preußen zu, welcher den Namen* Deutscher Kaiser führt."

Staaten bzw. Auftraggeber waren die vier deutschen Königreiche (deren Flaggen auf den ihn zugeordneten vier Türmen des Reichstags wehten; auf den Türmen, in die sich heute das Parteienwesen reingefläzt hat), daneben all die Großherzog-, Herzog- und Fürstentümer, die Thüringischen Staaten, die Freien Städte bzw. Hansestädte usw. (Hamburg und Bremen waren für das Reich zollrechtlich Ausland!) Der Präsident "Kaiser" hatte nur verliehene Macht, Macht i. S. einer Lizenz, und auch lediglich in der Außen- und Militärpolitik, daneben war er Grüßaugust des Reiches (Art. 11 RVerf: "Der Kaiser hat das Reich völkerrechtlich zu vertreten, im Namen des Reichs Krieg zu erklären und Frieden zu schließen, Bündnisse und andere Verträge mit fremden Staaten einzugehen, Gesandte zu beglaubigen und zu empfangen.") - sonst nichts. Das Kaiserliche Heer wurde nur Kaiserliches Heer genannt, weil es vom Präsidenten "Kaiser" komandiert wurde. In Wahrheit bestand es aus den Heeren der Staaten. Z. B. kennt jeder Ossi aus der Schule die Memoiren von Ludwig Renn, in denen dieser über seine Zeit als Offizier in der Königlich-Sächsischen (!) Armee berichtet.

Subsidiarität ist Deutschtum: Ständestaat, Landschaft, Kanton - höchstes Kulturgut und, so sie denn geltend gemacht wird, bestes Bollwerk in jeder Krise. Die Deutschen können einen Staatenbund "Reich" bilden, aber sie sollten strikt auf Subsidiarität achten. Heikel ist dabei vor allem das Institut der Reichsexekution, die schnell zum Vehikel des Zentralismus / Dirigismus = Sozialismus werden kann. Ein Zentralreich mit Reichsgauen usw. nach französischem bzw. Nazi-Modell wäre - wieder - das Ende. Die Bezeichnung "Reich" ist wegen des mit ihr gegebenen psychologischen Reizes im Hinblick auf zu erwartende Schwärmereien oder sogar Fanatismen m. E. sogar ungeeignet.

Auch wenn in der Schweiz vieles im Argen ist, beginnend damit, daß auch hier die Subsidiarität viel zu ausgehöhlt ist, es gilt immer noch: "In der Geschichte wird die Schweiz das Schlusswort haben. Oder: Die Schweiz melkt ihre Kuh und lebt in Frieden." - Victor Hugo, zitiert nach Swassjan: "Geträumt oder Gewollt", VfA, 2014

Ich sag` Ihnen noch etwas: die Feinde Deutschlands haben keine Angst vor zentralistisch-sozialistischen Strukturen, sogar wenn die Deutschen wieder "Ein Volk - Ein Reich - Ein Führer" grölen sollten. Die haben vielmehr Angst vor dem Stolz der Selbstverwaltung im Organon! Die wäre sogar so stark, daß es schnurz wäre, ob sie auf monarchistischer oder republikanischer Basis bestünde. Schauen Sie sich mal die Streifen von Conrebbi an, z. B. den hier

https://www.youtube.com/watch?v=SLeI7Ys_LHs

aber auch manche andere von ihm ...

- G. G.

*... und 'Name' ist lt. § 17 HGB die Firma des Kaufmanns: der sogenannte "Kaiser" - ein Koofmich!

Valjean72
14. März 2018 08:37

@Hesperolus:
Wie sehr Österreich im Seelenhaushalt des nördlichen "Cousins" fehlt, wird leider allzu schwach empfunden
---
Cousins ist mE der falsche Begriff (Lichtmesz schrieb eingangs ja ebenfalls vom „bundesdeutschen Cousin“) welcher vielleicht auf die Niederländer anzuwenden ist aber selbst hier scheint mir „Cousin“ zu trennend zu sein.

Österreicher sind Brüder und aus einer „bairischen“ Perspektive betrachtet, sowieso.

Nachfolgend ein Link zu eine Karte, die den bairischen - Österreich und Bayern verbindenden - Sprachraum abbildet (nordbairisch, mittelbairisch, südbairisch)
http://www.bairische-sprache.at/Index/Buidl/Sprachkarten/Bairische%20Sprache%20Karte%20Nord-Mittel-Sued%2014.7.2011.jpg

Antipreußische Ressentiments sind nach meinem Dafürhalten hingegen heutzutage unangebracht, nachdem Preußen vor über 70 von den Feinden zerschlagen und von der Landkarte getilgt wurde.

quarz
14. März 2018 11:58

"Brüder", "Cousins" ...

Wenn man seine kulturelle Identität nicht primär in der Staatlichkeit verortet, dann ist man schon von vornherein in einem Kategorienfehler befangen, wenn man "die Österreicher" den "Bundesdeutschen" oder auch den "Bayern" gegenüberstellt und nach der geeigneten Beschreibung zwischen diesen Kategorien sucht.

Kulturelle Verwandtschaft besteht nicht primär zwischen politischen Gebilden, sondern zwischen örtlichen kulturellen Manifestationen. Einen Oberösterreicher oder gar Vorarlberger verbindet kulturell mit dem angrenzenden bundesdeutschen bzw. Ostschweizer Ausland mehr als mit dem fernen Inland. Die sprachlichen und überhaupt kulturellen Hauptumbruchlinien im Spektrum des deutschen Kulturraumes verlaufen ganz anders als die Staatsgrenzen. Letzere pflegen sich im Wechselspiel der historischen Ereignisse alle paar Jahrzehnte zu ändern, während sich die kulturellen Gegebenheiten über Jahrhunderte hinweg eingschliffen haben.

Diese objektiven kulturellen Verwandtschaftsgegebenheiten sollte man nicht mit dem durch die propagandistsche Situation leicht und schnell form- und manipulierbaren Identitätsbewusstsein verwechseln.

John Haase
14. März 2018 15:35

@Gustav Grambauer
Ich bin voll und ganz ihrer Meinung. Keinesfalls führt ein Weg zurück nach Preußen oder in die Doppelmonarchie. Und vom Föhrer wollen wir um Gotteswillen gar nicht erst anfangen.

Nein, ein neues Reich hätte auch eine neue Reichsidee - welche, das wäre zu erörtern. Wenn ich von einem Reich schreibe, dann geht es mir nicht um eine Restauration, sondern um die Hoffnung, daß es dereinst wieder genug Deutsche geben möge, die mehr von einem Staat erwarten als daß er ihnen ermögliche, sich möglichst effizient die Bäuche vollzuschlagen. Diese Deutschen möchten dann ja vielleicht ein neues Reich gründen und dazu könnten dann (strikt nach dem Subsidiaritätsprinzip) die Österreicher genauso gehören wie die Niedersachsen oder die Brandenburger, wenn sie es denn wollen.

Sehrohrtiefe
14. März 2018 17:08

Das Aufgreifen dieses Themas ist lobenswert. Ich bin - als Preuße im eigentlichen Wortsinn - regelmäßig zu Gesprächen mit hochrangigen Wirtschaftsvertretern und Politikern in Österreich. Ich lasse keine Gelegenheit aus, um ungefragt und manchmal auch unerwünscht die These von der Einheit des (groß)deutschen Kultur-und Wirtschaftsraums zu vertreten. Sehr selten ernte ich Widerspruch, viel häufiger Zustimmung.

Lächerliche 73 Jahre der Umerziehung vermögen es nicht, mehr als ein Jahrtausend der Vernetzung und Zusammengehörigkeit (mit aller regionalen Vielfalt) zu überdecken. Österreich ist und bleibt deutsch. Die historischen Fakten sprechen für sich. Die Form der politischen (Staats-)Struktur ist dabei zweitrangig, wie sie das auch bereits im 19. Jahrhundert war. Warum auch sollte es anders sein? Aktuell gehen vielleicht mehr nützliche Impulse von Österreich in Richtung Kleindeutschland/BRD. Zu einem anderen Zeitpunkt wird das wieder anders sein. Die Hauptsache ist, daß die großdeutsche Nation weiterhin zusammensteht, nicht nur in den genannten beiden Ländern.

Regenmeister
14. März 2018 23:01

@Caroline Sommerfeld @Hesperiolus @Cacatum non est pictum @Gustav Grambauer
Sie finden gute Worte. Ihre Standpunkte ließen sich alle zusammenführen.

"Es gibt ein großes Räubernest, das heißt Berlin. Und es gibt eine Kaiserstadt, die heißt für immer Wien."
Mit dieser Feststellung soll mein Urgroßvater auf Niederdeutsch (!) politische Diskussionen geschlossen haben, ein großgewachsener Maurer aus dem Teufelsmoor bei Bremen.

Uns BRD-Deutschen fehlen nicht nur die Österreicher in unserem Seelenhaushalt, auch der Gleichmut und die Innigkeit des Ostens würden uns guttun.

Aus dem Berlin/Bonn-Gesetz ließe sich beizeiten sicher ein Berlin/Wien-Gesetz machen. Die Idee muss durch die Zeit getragen werden. Aktuelle Hausaufgaben sind in anderen Bereichen zu erledigen.

Hesperiolus
15. März 2018 08:43

1932 klagt Theodor Haecker in seinen Gedanken zum Reich: "Uns ist Preußen ein verdächtiger Teil des echten Deutschland und wie eine Strafe und Schuld, die uns auferlegt ist und die wir mitsühnen müssen. Diese gefräßige Kolonie verzehrt uns, frißt uns das Mark aus den Knochen. Arger Sünden müssen sich die schwäbischen, bayerischen, westfälischen Ritter schuldig gemacht haben, die diese Kolonie nicht dauernd einbeziehen konnten in den römischen Limes und noch weniger in die römische Kirche und einen Herd abscheulicher Häresie und gewaltiger Barbarei hinterlassen haben. Preußen, als preußischer Geist, ist von Anfang an Minderer des `Reiches`der Deutschen. Das sogenannte `zweite`brachte ein gewaltiges Minus, ausgeschlossen waren die ältesten Provinzen des unbefleckten Glaubens und der alten Mittelmeerkultur. Welche Provinzen wird den Deutschen das dritte Reich kosten?". Wie auch immer es sich verhält, eine dem Schönen und Guten verpflichtete Identitätsbesinnung sollte ihren Schwerpunkt nicht in den, wie Serlo ihn nennt, "bildlosen" Teil, sondern in den "cislimitischen" Kulturgrund der Deutschen setzen.

KlausD.
15. März 2018 12:47

@Hesperiolus
Ja, liest sich prophetisch aus heutiger Sicht, verkennt jedoch die wahren Urheber der verheerenden Entwicklungen im 20. Jahrhundert.

Cacatum non est pictum
15. März 2018 23:10

"Ein Passagier, der neben mir stand,
Bemerkte, ich hätte
Jetzt vor mir den preußischen Zollverein,
Die große Douanenkette.

'Der Zollverein' – bemerkte er –
'Wird unser Volkstum begründen,
Er wird das zersplitterte Vaterland
Zu einem Ganzen verbinden.'"

(Heinrich Heine, Deutschland. Ein Wintermärchen [1844], Caput II]

Dieses zu einem Ganzen verbundene Vaterland war den sichtbaren und unsichtbaren Potentaten im Ausland denn doch ein gehöriger Dorn im Auge. Seine Monarchie - auch wenn es keine echte gewesen sein mag, wie Gustav Grambauer anführt - war das größte zu beseitigende Hindernis auf dem Weg zum Weltstaat. Dafür hat man zwei Weltkriege ins Werk gesetzt. Ich bezweifle, daß man der wilden Ansammlung deutscher Fürstentümer, wie sie vor 1871 bestand, auch nur annähernd soviel Ehrfurcht entgegengebracht hätte. Im Gegenteil: Das ungeeinte Deutschland war doch ein Festmahl für expansive Fremdmächte (Dreißigjähriger Krieg, Feldzüge Napoleons). Und so wird es stets allen Kleinstaaten ergehen, wenn es zum Konflikt kommt.

Ein großes, einiges Deutschland wird auch für die Zukunft erstrebenswert sein. Aber vorher muß der Riesenberg an Hausaufgaben abgetragen werden, der sich in den letzten 70 Jahren aufgetürmt hat. Subsidiarität in einem gewissen Umfang soll es dann wohl geben. Unterm Strich muß allerdings eine starke politische Einheit stehen, die das Staats- oder Reichsgebilde zu tragen vermag.

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