Kapitaldelikte (4): Kreativwirtschaft

Mit dem Begriff Kreativwirtschaft verbindet man vor allem die Werbebranche. Doch Kreativität ist für alle Unternehmen wichtig.

Lutz Meyer

Lutz Meyer kommt aus der linksanarchistischen Szene, seine Themen findet er auf der Straße.

Sie ist der wich­tigs­te Roh­stoff über­haupt. Krea­ti­vi­tät? Ich ken­ne eine Men­ge Leu­te, die sich ange­wi­dert abwen­den, wenn sie das Wort Krea­ti­vi­tät hören.

In der Tat gehört die­ser Begriff zu den meist­miß­brauch­ten über­haupt. Da steht leid­lich Selbst­ge­töp­fer­tes, vol­ler Hin­ga­be Hand­ge­schnitz­tes und mit Inbrunst Selbst­ge­dich­te­tes von oft pein­li­cher Bana­li­tät neben künst­le­ri­schen Spit­zen­er­zeug­nis­sen; die Welt ordi­nä­rer Digi­tal­fo­to­gra­phie und Pho­to­shop-Trick­se­rei neben fast schon geni­al zu nen­nen­den Wer­be­kam­pa­gnen. Und ist nicht auch die allein­er­zie­hen­de Mut­ter, die ihren oft beschwer­li­chen All­tag meis­tert, krea­tiv? Oder der Under­dog, der stän­dig neue Über­le­bens­stra­te­gien ersinnt?

Und waren es nicht auch die jung­stein­zeit­li­chen Feu­er­stein­schmie­de schon, die dem har­tem, sprö­den Flint Werk­zeu­ge und Waf­fen von bewun­derns­wer­ter Fein­heit und Ele­ganz abtrotz­ten? Auch der unkon­ven­tio­nel­le Medi­zi­ner, Jurist oder Tech­ni­ker ist krea­tiv. Mer­ke zwei­er­lei: Ein infla­tio­nä­rer Miss­brauch eines Begriffs sagt noch nichts über oder gar gegen die­sen selbst etwas aus. Und: Krea­ti­vi­tät ist in der Tat äußerst vielschichtig.

Der kon­ser­va­ti­ve Geist emp­fin­det oft ein unbe­stimm­tes, instink­ti­ves Unbe­ha­gen an der Krea­ti­vi­tät. Krea­tiv sein bedeu­tet: offen sein für Neu­es und bereit, eine Ein­ge­bung zu emp­fan­gen; es bedeu­tet, gewohn­te Denk­we­ge ein­mal zu ver­las­sen; es bedeu­tet auch: fähig zu sein, die Ein­ge­bung in etwas Greif­ba­res und Kon­kre­tes umfor­men zu können.

Krea­ti­vi­tät erfor­dert Mut. Mut, mit der Kon­ven­ti­on zu bre­chen, Mut, ins Unge­bahn­te auf­zu­bre­chen. Des­halb ver­wun­dert es nicht, wenn unter denen, die das Bewah­ren mehr schät­zen als das Auf­bre­chen, auch das krea­ti­ve Talent zumin­dest in sei­ner musi­schen Aus­for­mung sel­te­ner auf­tritt. Wo sind die genia­len rech­ten Kari­ka­tu­ris­ten und Comic­zeich­ner vom Schla­ge eines Ger­hard Sey­fried oder Robert Crumb? Wo die Maß­stä­be set­zen­den Musi­ker, die Mode­schöp­fer, die Romanautoren?

Was gäbe man nicht für einen deut­schen TC Boyle – zwar eher Punk als rechts, aber den­noch ein Autor, der gut­mensch­li­che Selbst­ge­wiss­hei­ten mit Hohn und Spott zersetzt.

Doch Krea­ti­vi­tät ist nicht not­wen­dig an die schö­nen Küns­te und ihre tri­via­le Geschwis­ter in der Welt der Unter­hal­tung und Wer­bung gebun­den. Auch der Erfin­der ist krea­tiv; der Mili­tär­stra­te­ge, der gro­ße poli­ti­sche Den­ker und der Phi­lo­soph kön­nen es sein. Schmitt, die Gebrü­der Jün­ger, Hei­deg­ger – krea­ti­ve Geis­ter von Rang, die eher der poli­ti­schen Rech­ten zuzu­ord­nen wären, woll­te man poli­ti­sche Maß­stä­be anlegen.

Auch die Wirt­schaft will etwas vom krea­ti­ven Kuchen abbe­kom­men. Sie sogar ganz beson­ders, ist sie doch ihrem Wesen nach zwar erfin­de­risch im per­ma­nen­ten Ent­de­cken neu­er For­men der Aus­beu­tung, ansons­ten aber von einer erschre­cken­den Unfrucht­bar­keit, wo es um die Mög­lich­kei­ten eines höhe­ren Daseins geht. Sie begreift Krea­ti­vi­tät als etwas, was sich in Work­shops erler­nen und dann funk­tio­nell im Arbeits­all­tag anwen­den lässt mit dem Ziel der Pro­duk­ti­vi­täts­stei­ge­rung und Gewinn­ma­xi­mie­rung. Krea­ti­vi­tät wird zum belie­big ein­setz­ba­ren Hilfs­mit­tel degradiert.

Das Krea­ti­ve wird bewirt­schaf­tet, berech­net und aus­ge­münzt. Ech­te Krea­ti­vi­tät fin­det sich des­halb in der Wirt­schaft nicht mehr. Selbst in Wer­be­agen­tu­ren kommt Krea­ti­vi­tät meist nur noch in ihrer kas­trier­ten Form vor, sie gleicht dar­in dem ent­cof­fe­inier­ten Kaf­fee, dem alko­hol­frei­en Bier oder dem fett­be­frei­ten Käse – der Name und die Ähn­lich­keit des Aus­se­hens sind da, doch der vol­le Genuss fehlt.

Krea­ti­vi­tät in der Wirt­schaft wie auch in der Wer­be­wirt­schaft ist zweck­ge­bun­den. Sie ist eben nicht offen für jede Ein­ge­bung, son­dern beach­tet mit akri­bi­scher Sorg­falt die Gren­zen. Sol­che Gren­zen erge­ben sich aus all­tags­prak­ti­schen Erfor­der­nis­sen, ziel­grup­pen­spe­zi­fi­schen Erwä­gun­gen wie auch aus den zahl­rei­chen von Poli­tik- und Medi­en­be­trieb for­mu­lier­ten und als ver­bind­lich behaup­te­ten Denk­ver­bo­ten. Sex sells etwa gilt in der Wer­bung von heu­te nicht mehr. Und wenn doch Sex, dann in absurd ent­stell­ten Formen.

Tabak? Alko­hol? Schlem­me­rei? Das Leben in vol­len Zügen genie­ßen? Vor jede Art von Genuss hat der neopu­ri­ta­ni­sche Zeit­geist einen Moral­vor­hang nie­der­sin­ken las­sen. Das eine ist unge­sund, das ande­re könn­te irgend­wen krän­ken. Bevor heu­te eine krea­ti­ve Wer­be­kam­pa­gne auf die Öffent­lich­keit los­ge­las­sen wird, wer­den sorg­fäl­tig alle mög­li­chen Stei­ne des Ansto­ßes iden­ti­fi­ziert, dis­ku­tiert und aus dem Weg gesprengt. Zurück blei­ben poli­tisch kor­rek­te Lust­lo­sig­keit und geis­ti­ge Ste­ri­li­tät. So hält eine unge­heu­re Lan­ge­wei­le Ein­zug selbst in die Schmud­del­ecken des Alltag.

Ech­te Krea­ti­vi­tät aber kennt kei­ne Denk­ver­bo­te. Des­halb ist auch die Wirt­schaft und sind selbst Wer­be­agen­tu­ren heu­te nur begrenzt zu Krea­ti­vi­tät fähig. Die anar­chi­sche Lin­ke hin­ge­gen war es ein­mal – dort zum Bei­spiel, wo die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­gue­ril­la lust­voll und bos­haft Mar­ken­kam­pa­gnen auf höchst krea­ti­ve Wei­se aus­he­bel­te und in ihr Gegen­teil verkehrte.

Erin­nert man sich noch an die Bar­bie Libe­ra­ti­on Orga­ni­sa­ti­on? Das war intel­li­gent, wit­zig, krea­tiv und sub­ver­siv. Doch das ist lan­ge her. Heu­te ist die poli­ti­sche Lin­ke längst nicht mehr krea­tiv. Wo sie hier­zu­lan­de in letz­ten Zuckun­gen noch aktiv zu sein wähnt, sind ihre krea­ti­ven Aktio­nen von mit­leid­erre­gen­der Dürf­tig­keit und von zum Fremd­schä­men anre­gen­der Plump­heit. Unbe­kannt ist ihr das freie Den­ken, die Bereit­schaft, sich für Neu­es zu öff­nen. Aus gutem Grund. Denn vor die­sem Neu­en hat man Angst.

Die­se Angst kennt man auf Sei­ten der poli­ti­schen Rech­ten nicht – bzw. müss­te und soll­te sie eigent­lich nicht ken­nen, hat man doch nichts zu ver­lie­ren, aber alles zu gewin­nen. Bes­te Vor­aus­set­zun­gen also, mutig zu sein und im Geis­te der fröh­li­chen Wis­sen­schaft das freie Spiel der krea­ti­ven Kräf­te sich ent­fal­ten zu lassen.

Gewiss, gute Ansät­ze sind hier und da vor­han­den. Die IB etwa bedient sich der Mit­tel der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­gue­ril­la. Doch das ist noch aus­bau­fä­hig. Auf­fäl­li­ger ist das meist hasen­fü­ßi­ge Fest­hal­ten Kon­ser­va­ti­ver an Kon­ven­tio­nen, ist die ewi­ge Sor­ge um die eige­ne Repu­ta­ti­on, ist die Ver­klemmt­heit und Ver­stockt­heit. Nicht, dass ich mei­nen wür­de, es gäbe nichts Bewah­rens­wer­tes mehr in die­ser Welt. Aber zwi­schen die­sem und der blo­ßen Kon­ven­ti­on soll­te man schon zu unter­schei­den wissen.

Rech­te Krea­ti­vi­tät kann sich auf jede nur denk­ba­re Wei­se äußern und ent­fal­ten: In der gra­phi­schen Gestal­tung und Pho­to­gra­phie, im Schrei­ben, in der Leh­re, in der Musik, in der Ver­wal­tung, im Füh­ren, im Pro­du­zie­ren von Din­gen, im Umgang mit den natür­li­chen Res­sour­cen, im Erfin­den, in der Ent­wick­lung von Ideen für das sozia­le Mit­ein­an­der – in wirk­lich allen Berei­chen des Lebens. Krea­tiv sein heißt nicht, aus Prin­zip alles anders machen zu wollen.

Krea­tiv sein heißt, sich Ideen für neue Wege wie auch neu­en Zie­len zu öff­nen. Krea­tiv sein heißt, auch im eige­nen Beritt lieb­ge­won­ne­ne Denk­bar­rie­ren auf­zu­bre­chen. Rechts wäre die­se Krea­ti­vi­tät dann inso­fern, als sie tat­säch­lich noch Maße jen­seits der tota­len Belie­big­keit aner­ken­nen und set­zen wür­de und gute Ein­ge­bun­gen von bösen Ein­flüs­te­run­gen zu unter­schei­den wüss­te. Das könn­te doch einen Ver­such wert sein.

Lutz Meyer

Lutz Meyer kommt aus der linksanarchistischen Szene, seine Themen findet er auf der Straße.

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Kommentare (5)

t.gygax

28. März 2018 14:20

Robert Crumb als großer Comiczeichner ? Naja, mich stoßen diese total perversen Bilder eher ab, haben mich schon vor 41 Jahren schockiert, als ich noch jung war, Kerouac las und per Anhalter durch Europa trampte.......aber davon abgesehen: wirklich frech und kreativ im ursprünglichen Sinne sind die Videos von "les brigandes " ( www.lesbrigandes.com) , die sind voller Esprit, Charme und gleichzeitig einer herausfordernden Radikalität, die in Deutschland niemand mehr wagt - und es auch nicht kann: der interessante Musiker und Graphiker Uwe Nolte ( auch ein "kreativer " Typ, www.noltex.de) wollte am 13.4. in Arnstadt das erste Konzert mit " les brigandes " veranstalten, die fernen Französinnen wären das erste Mal über den Rhein gekommen...das Konzert ist abgesagt worden, weil es nicht mehr möglich ist, auf dem künstlerischen Gebiet einen Meinungskorridor- ich zitiere G.K.- jenseits des herrschenden Verbotssystems aufzumachen.
Ich habe mit einem der älteren Menschen , der in der DDR aufwuchs, gesprochen, hier das Originalzitat: "Niemals hätten wir uns 1990 träumen lassen, dass sich in der BRD solch eine Meinungsdiktatur entwickeln wird, wie sie jetzt besteht".

Immer noch S.J.

28. März 2018 18:58

Als könnten Sie hellsehen, sehr geehrter Herr Meyer, wurde doch heute in den Medien eine volle Breitseite gegen den Alkoholkonsum in Deutschland abgefeuert. Interessanterweise aber nur in den linken Mainstream-Medien, sprich: Tagesschau (ARD), Tagesspiegel, Spiegel. Man verbietet gern und viel, und der neue Mensch soll geformt werden, arm an Genüssen, nicht selbstbestimmt, lenkbar, fügsam. Es ist von lächerlicher Komik: Leute, die keine 5km in einem akzeptablen Tempo laufen können, halten ihren Gesundheitszeigefinger so hoch, dass sie damit den lieben Gott im Himmel durchbohren könnten. Was ist also Kreativität? In jedem Fall fängt es damit an, sich nicht Tradition und Eigenverantwortung nehmen zu lassen. Ganz gleich, wovon die Rede ist. In einem Land der Verbote kann Kreativität nicht gedeihen – oder doch erst recht.

Thorsten B

28. März 2018 20:09

Aus der wahren schönen rechten Sicht betrachtet kann man Kreativität freilich auch als die Totale Mobilmachung der geistigen Ressourcen sehen.
Ordnung, das Abwerfen von Ballast unter Wahrung der Kernsubstanz, die Konzentration auf das, "was hat Wert ohne dass es beschwert" schafft eben diese geistige Bereitschaft, diese aufgeräumte Fläche, auf der der Geist ungestört tätig werden kann.

Pit

30. März 2018 14:01

Hm... muß gestehen, daß ich immer der Meinung war, daß konservativ = anti-kreativ, und daß links = kreativ. Und daß darin die grundlegende Überlegenheit von links besteht (bekanntlich ist konservativ = die Positionen der Linken, nur 30 Jahre später). Das Problem mit "Veränderung", das ist das Kreativitätsproblem von konservativ-rechts. Sehr seltsam übrigens insofern als doch gelten kann: "rechts" = Lebenskampf und Auslese. Also der Markt. Also das Antreten von immer neuen Akteuren, und ihre Sortierung in einer Hierarchie. Warum also Veränderungs-, Innovationsphobie bei rechts? Es wird ja nur beibehalten, was sich bewährt. Nur in diesem Sinne natürlich ist Veränderung sinnvoll, und das Prinzip des Sich-Bewähren-Müssens von Veränderungen gilt es natürlich einzufordern. Aber grundsätzlich immer gegen Veränderung zu sein ist eben die Verliererstraße. Es erscheint zurecht als verkrampft: es ist das angstvolle Festhalten gegen den Fluß, der immer fließt. Das ist dumm und macht krank, im Sinne des asiatischen Ki-Ansatzes (Krankheit = Blockade). In diesem Sinne besetzt "links" leider ganz und gar das richtige Prinzip des Lebens.

Das heißt, bei dem Prozeß gibt es zwei Aspekte, das Verändern, und das Bewerten der Veränderung; das Schöpfen, und die Auslese. Daher gilt es nicht das Verändern zu kritisieren: sondern das Fehlen der Bewertung der Veränderung! Der Linke macht den Grundfehler des Unterlassens des Bewertens, der Rechte macht den Grundfehler des Unterlassens des Veränderns. Durch beides zusammen wird ein Schuh draus: verändern bejahen, bewerten bejahen. Das Bild ist: Fließgleichgewicht. Es findet durchaus ständig Veränderung statt, aber von allen Neuschöpfungen kann sehr wohl die Reproduktion von etwas bereits Dagewesenem der beste Entwurf sein: es wurde verändert (neu geschaffen) und bleibt doch gleich (man bemerke die Analogie zum lebendigen biologischen Körper). Es ist aber ein Irrtum, aus dem Fortbestehen von Strukturen zu schließen, es gäbe keinen verändernden Fluß. Fortbestehendes ist vielmehr die beständige erfolgreiche Reproduktion von bereits Bekanntem. Aber das Fließen findet doch beständig statt.
Diese Sichtweise kann den Konservatien mit der Idee des Flusses versöhnen.

Man gehe also bitte nicht in die Falle der falschen Fragen der Linken. Die falsche Frage ist: Veränderung ja oder nein. Die richtige Frage ist: Veränderung zu meinem Nutzen ja oder nein! WIR wählen aus und bewerten, in UNSEREM Interesse (wir "diskriminieren" = auswählen haa ha)! Das Leben betreibt Auslese, es bestätigt oder verwirft. Das ist auch Teil der Schöpfung!

Gustav Grambauer

31. März 2018 10:28

Es paßt wieder zu Ostern:

"Kreativität" liegt das Prometheus-Thema zugrunde, wer für sich auf Kreativität insistiert, macht Gott, der nicht umsonst "Schöpfer" genannt wird, das Privileg streitig (im Tantrismus / Shivasimus / Kaliismus übrigens 'G-O-D': 'Generator - Operator - Destroyer').

Die durchaus kreativen Katholiken und Orthodoxen, von denen es in der rechtsintellektuellen Szene ja wimmelt, werden sich fragen müssen, ob sie dadurch mit ihrem Gott eigentlich im Reinen sind.

Dieses Dilemma bestand früher nicht. Aber da der von der Antike her getragenen Kulturstrom, in dem stehend ein Bach seine Werke noch mit spiritueller Selbstverständlichkeit und geistiger Gesundheit komponiert hat oder in dem stehend die Kathedralen noch mit spiritueller Selbstverständlichkeit und geistiger Gesundheit gebaut werden konnten, heute versiegt ist, ist die Inspiration heute nahezu erschöpft (sic!) und wird sich in absehbarer Zeit vollständig erschöpfen. Die Allermeisten können diese Inspiration nicht mehr aus Sphären holen, die ihnen inzwischen längst verschlossen sind.

Und sie sollen es auch besser nicht. Wenn Goethe noch sagen konnte

"Wer Wissenschaft und Kunst besitzt,
hat auch Religion;
wer jene beiden nicht besitzt,
der habe Religion." - Xenien / IX

so muß man heute sogar vor dem Versuch der Wiederbelebung der Leiche warnen: nicht nur das Käßmann-Christentum stinkt zm Himmel, ebenso muß man bei großen Bereichen des heutigen christlich-reaktionären Demuts-Rummels / der grassierenden Kloster-Mode (in Wahrheit Sumpfblüten der 'gestreßten' Postmoderne, die über deren (!) Ausweglosigkeit hinwegtäuschen, hinwegkompensieren oder hinwegtrösten sollen) sehr aufpassen. Man höre als Beispiel für letztere die Verdorbenheit in der zu Musik geronnenen Demut Arvo Pärts, wie sie in dessen Los-Angeles-Sinfonie zum Ausdruck kommt, welche er Mikhail Chodorkowski (!) gewidmet hat und die er in einer 'Walt-Disney-Hall' hat uraufführen lassen.

https://www.youtube.com/watch?v=2DJUN2M3D-E

Wenn Meister NGD so trefflich ätzt: "Die Idee der 'freien Entfaltung der Persönlichkeit' scheint ausgezeichnet, so lange man nicht auf Individuen stößt, deren Persönlichkeit sich frei entfaltet hat", dann ist zu vermuten, daß er nur die ideologische Fremdbestimmtheit, Substanzlosigkeit und Instrumentalisiertheit der City-Of-Man-Pseudokreativität meint, für die ja auch Herr Meyer Beispiele bringt.

Wäre das so, dann wären diejenigen, die im wohlverstandenen Sinne frei entfaltet und damit kreativ sind, nicht gemeint. Aber in Bezug auf den Rest in seiner erdrückenden Zahl ist sowieso das neue Dilemma eröffnet:

Was macht man mit der Masse, der man (a) besser keinen Weg zurück zur alten spirituell-intendierten Grundform von Kreativität anbietet (da damit beide in die Verdorbenheit geraten würden, diese Grundform und diese Masse) und die dorthin auch gar nicht zurück wollen würde - die aber (b) auch aus sich selbst heraus keine eigene, wahrhaftige, echte Kreativität entwickeln kann?!

Dieses Dilemma wird, wenn überhaupt, nur eine neue Kultur nach dem Zusammenbruch der derzeitigen Pseudo-Kultur auflösen können ...

- G. G.