28. März 2018

Kapitaldelikte (4): Kreativwirtschaft

Lutz Meyer / 5 Kommentare

Mit dem Begriff Kreativwirtschaft verbindet man vor allem die Werbebranche. Doch Kreativität ist für alle Unternehmen wichtig.

Lutz Meyer

Lutz Meyer kommt aus der linksanarchistischen Szene, seine Themen findet er auf der Straße.

  • Sezession

Sie ist der wichtigste Rohstoff überhaupt. Kreativität? Ich kenne eine Menge Leute, die sich angewidert abwenden, wenn sie das Wort Kreativität hören.

In der Tat gehört dieser Begriff zu den meistmißbrauchten überhaupt. Da steht leidlich Selbstgetöpfertes, voller Hingabe Handgeschnitztes und mit Inbrunst Selbstgedichtetes von oft peinlicher Banalität neben künstlerischen Spitzenerzeugnissen; die Welt ordinärer Digitalfotographie und Photoshop-Trickserei neben fast schon genial zu nennenden Werbekampagnen. Und ist nicht auch die alleinerziehende Mutter, die ihren oft beschwerlichen Alltag meistert, kreativ? Oder der Underdog, der ständig neue Überlebensstrategien ersinnt?

Und waren es nicht auch die jungsteinzeitlichen Feuersteinschmiede schon, die dem hartem, spröden Flint Werkzeuge und Waffen von bewundernswerter Feinheit und Eleganz abtrotzten? Auch der unkonventionelle Mediziner, Jurist oder Techniker ist kreativ. Merke zweierlei: Ein inflationärer Missbrauch eines Begriffs sagt noch nichts über oder gar gegen diesen selbst etwas aus. Und: Kreativität ist in der Tat äußerst vielschichtig.

Der konservative Geist empfindet oft ein unbestimmtes, instinktives Unbehagen an der Kreativität. Kreativ sein bedeutet: offen sein für Neues und bereit, eine Eingebung zu empfangen; es bedeutet, gewohnte Denkwege einmal zu verlassen; es bedeutet auch: fähig zu sein, die Eingebung in etwas Greifbares und Konkretes umformen zu können.

Kreativität erfordert Mut. Mut, mit der Konvention zu brechen, Mut, ins Ungebahnte aufzubrechen. Deshalb verwundert es nicht, wenn unter denen, die das Bewahren mehr schätzen als das Aufbrechen, auch das kreative Talent zumindest in seiner musischen Ausformung seltener auftritt. Wo sind die genialen rechten Karikaturisten und Comiczeichner vom Schlage eines Gerhard Seyfried oder Robert Crumb? Wo die Maßstäbe setzenden Musiker, die Modeschöpfer, die Romanautoren?

Was gäbe man nicht für einen deutschen TC Boyle – zwar eher Punk als rechts, aber dennoch ein Autor, der gutmenschliche Selbstgewissheiten mit Hohn und Spott zersetzt.

Doch Kreativität ist nicht notwendig an die schönen Künste und ihre triviale Geschwister in der Welt der Unterhaltung und Werbung gebunden. Auch der Erfinder ist kreativ; der Militärstratege, der große politische Denker und der Philosoph können es sein. Schmitt, die Gebrüder Jünger, Heidegger – kreative Geister von Rang, die eher der politischen Rechten zuzuordnen wären, wollte man politische Maßstäbe anlegen.

Auch die Wirtschaft will etwas vom kreativen Kuchen abbekommen. Sie sogar ganz besonders, ist sie doch ihrem Wesen nach zwar erfinderisch im permanenten Entdecken neuer Formen der Ausbeutung, ansonsten aber von einer erschreckenden Unfruchtbarkeit, wo es um die Möglichkeiten eines höheren Daseins geht. Sie begreift Kreativität als etwas, was sich in Workshops erlernen und dann funktionell im Arbeitsalltag anwenden lässt mit dem Ziel der Produktivitätssteigerung und Gewinnmaximierung. Kreativität wird zum beliebig einsetzbaren Hilfsmittel degradiert.

Das Kreative wird bewirtschaftet, berechnet und ausgemünzt. Echte Kreativität findet sich deshalb in der Wirtschaft nicht mehr. Selbst in Werbeagenturen kommt Kreativität meist nur noch in ihrer kastrierten Form vor, sie gleicht darin dem entcoffeinierten Kaffee, dem alkoholfreien Bier oder dem fettbefreiten Käse – der Name und die Ähnlichkeit des Aussehens sind da, doch der volle Genuss fehlt.

Kreativität in der Wirtschaft wie auch in der Werbewirtschaft ist zweckgebunden. Sie ist eben nicht offen für jede Eingebung, sondern beachtet mit akribischer Sorgfalt die Grenzen. Solche Grenzen ergeben sich aus alltagspraktischen Erfordernissen, zielgruppenspezifischen Erwägungen wie auch aus den zahlreichen von Politik- und Medienbetrieb formulierten und als verbindlich behaupteten Denkverboten. Sex sells etwa gilt in der Werbung von heute nicht mehr. Und wenn doch Sex, dann in absurd entstellten Formen.

Tabak? Alkohol? Schlemmerei? Das Leben in vollen Zügen genießen? Vor jede Art von Genuss hat der neopuritanische Zeitgeist einen Moralvorhang niedersinken lassen. Das eine ist ungesund, das andere könnte irgendwen kränken. Bevor heute eine kreative Werbekampagne auf die Öffentlichkeit losgelassen wird, werden sorgfältig alle möglichen Steine des Anstoßes identifiziert, diskutiert und aus dem Weg gesprengt. Zurück bleiben politisch korrekte Lustlosigkeit und geistige Sterilität. So hält eine ungeheure Langeweile Einzug selbst in die Schmuddelecken des Alltag.

Echte Kreativität aber kennt keine Denkverbote. Deshalb ist auch die Wirtschaft und sind selbst Werbeagenturen heute nur begrenzt zu Kreativität fähig. Die anarchische Linke hingegen war es einmal – dort zum Beispiel, wo die Kommunikationsguerilla lustvoll und boshaft Markenkampagnen auf höchst kreative Weise aushebelte und in ihr Gegenteil verkehrte.

Erinnert man sich noch an die Barbie Liberation Organisation? Das war intelligent, witzig, kreativ und subversiv. Doch das ist lange her. Heute ist die politische Linke längst nicht mehr kreativ. Wo sie hierzulande in letzten Zuckungen noch aktiv zu sein wähnt, sind ihre kreativen Aktionen von mitleiderregender Dürftigkeit und von zum Fremdschämen anregender Plumpheit. Unbekannt ist ihr das freie Denken, die Bereitschaft, sich für Neues zu öffnen. Aus gutem Grund. Denn vor diesem Neuen hat man Angst.

Diese Angst kennt man auf Seiten der politischen Rechten nicht – bzw. müsste und sollte sie eigentlich nicht kennen, hat man doch nichts zu verlieren, aber alles zu gewinnen. Beste Voraussetzungen also, mutig zu sein und im Geiste der fröhlichen Wissenschaft das freie Spiel der kreativen Kräfte sich entfalten zu lassen.

Gewiss, gute Ansätze sind hier und da vorhanden. Die IB etwa bedient sich der Mittel der Kommunikationsguerilla. Doch das ist noch ausbaufähig. Auffälliger ist das meist hasenfüßige Festhalten Konservativer an Konventionen, ist die ewige Sorge um die eigene Reputation, ist die Verklemmtheit und Verstocktheit. Nicht, dass ich meinen würde, es gäbe nichts Bewahrenswertes mehr in dieser Welt. Aber zwischen diesem und der bloßen Konvention sollte man schon zu unterscheiden wissen.

Rechte Kreativität kann sich auf jede nur denkbare Weise äußern und entfalten: In der graphischen Gestaltung und Photographie, im Schreiben, in der Lehre, in der Musik, in der Verwaltung, im Führen, im Produzieren von Dingen, im Umgang mit den natürlichen Ressourcen, im Erfinden, in der Entwicklung von Ideen für das soziale Miteinander – in wirklich allen Bereichen des Lebens. Kreativ sein heißt nicht, aus Prinzip alles anders machen zu wollen.

Kreativ sein heißt, sich Ideen für neue Wege wie auch neuen Zielen zu öffnen. Kreativ sein heißt, auch im eigenen Beritt liebgewonnene Denkbarrieren aufzubrechen. Rechts wäre diese Kreativität dann insofern, als sie tatsächlich noch Maße jenseits der totalen Beliebigkeit anerkennen und setzen würde und gute Eingebungen von bösen Einflüsterungen zu unterscheiden wüsste. Das könnte doch einen Versuch wert sein.


Lutz Meyer

Lutz Meyer kommt aus der linksanarchistischen Szene, seine Themen findet er auf der Straße.

  • Sezession

Kommentare (5)

t.gygax
28. März 2018 14:20

Robert Crumb als großer Comiczeichner ? Naja, mich stoßen diese total perversen Bilder eher ab, haben mich schon vor 41 Jahren schockiert, als ich noch jung war, Kerouac las und per Anhalter durch Europa trampte.......aber davon abgesehen: wirklich frech und kreativ im ursprünglichen Sinne sind die Videos von "les brigandes " ( www.lesbrigandes.com) , die sind voller Esprit, Charme und gleichzeitig einer herausfordernden Radikalität, die in Deutschland niemand mehr wagt - und es auch nicht kann: der interessante Musiker und Graphiker Uwe Nolte ( auch ein "kreativer " Typ, www.noltex.de) wollte am 13.4. in Arnstadt das erste Konzert mit " les brigandes " veranstalten, die fernen Französinnen wären das erste Mal über den Rhein gekommen...das Konzert ist abgesagt worden, weil es nicht mehr möglich ist, auf dem künstlerischen Gebiet einen Meinungskorridor- ich zitiere G.K.- jenseits des herrschenden Verbotssystems aufzumachen.
Ich habe mit einem der älteren Menschen , der in der DDR aufwuchs, gesprochen, hier das Originalzitat: "Niemals hätten wir uns 1990 träumen lassen, dass sich in der BRD solch eine Meinungsdiktatur entwickeln wird, wie sie jetzt besteht".

Immer noch S.J.
28. März 2018 18:58

Als könnten Sie hellsehen, sehr geehrter Herr Meyer, wurde doch heute in den Medien eine volle Breitseite gegen den Alkoholkonsum in Deutschland abgefeuert. Interessanterweise aber nur in den linken Mainstream-Medien, sprich: Tagesschau (ARD), Tagesspiegel, Spiegel. Man verbietet gern und viel, und der neue Mensch soll geformt werden, arm an Genüssen, nicht selbstbestimmt, lenkbar, fügsam. Es ist von lächerlicher Komik: Leute, die keine 5km in einem akzeptablen Tempo laufen können, halten ihren Gesundheitszeigefinger so hoch, dass sie damit den lieben Gott im Himmel durchbohren könnten. Was ist also Kreativität? In jedem Fall fängt es damit an, sich nicht Tradition und Eigenverantwortung nehmen zu lassen. Ganz gleich, wovon die Rede ist. In einem Land der Verbote kann Kreativität nicht gedeihen – oder doch erst recht.

Thorsten B
28. März 2018 20:09

Aus der wahren schönen rechten Sicht betrachtet kann man Kreativität freilich auch als die Totale Mobilmachung der geistigen Ressourcen sehen.
Ordnung, das Abwerfen von Ballast unter Wahrung der Kernsubstanz, die Konzentration auf das, "was hat Wert ohne dass es beschwert" schafft eben diese geistige Bereitschaft, diese aufgeräumte Fläche, auf der der Geist ungestört tätig werden kann.

Pit
30. März 2018 14:01

Hm... muß gestehen, daß ich immer der Meinung war, daß konservativ = anti-kreativ, und daß links = kreativ. Und daß darin die grundlegende Überlegenheit von links besteht (bekanntlich ist konservativ = die Positionen der Linken, nur 30 Jahre später). Das Problem mit "Veränderung", das ist das Kreativitätsproblem von konservativ-rechts. Sehr seltsam übrigens insofern als doch gelten kann: "rechts" = Lebenskampf und Auslese. Also der Markt. Also das Antreten von immer neuen Akteuren, und ihre Sortierung in einer Hierarchie. Warum also Veränderungs-, Innovationsphobie bei rechts? Es wird ja nur beibehalten, was sich bewährt. Nur in diesem Sinne natürlich ist Veränderung sinnvoll, und das Prinzip des Sich-Bewähren-Müssens von Veränderungen gilt es natürlich einzufordern. Aber grundsätzlich immer gegen Veränderung zu sein ist eben die Verliererstraße. Es erscheint zurecht als verkrampft: es ist das angstvolle Festhalten gegen den Fluß, der immer fließt. Das ist dumm und macht krank, im Sinne des asiatischen Ki-Ansatzes (Krankheit = Blockade). In diesem Sinne besetzt "links" leider ganz und gar das richtige Prinzip des Lebens.

Das heißt, bei dem Prozeß gibt es zwei Aspekte, das Verändern, und das Bewerten der Veränderung; das Schöpfen, und die Auslese. Daher gilt es nicht das Verändern zu kritisieren: sondern das Fehlen der Bewertung der Veränderung! Der Linke macht den Grundfehler des Unterlassens des Bewertens, der Rechte macht den Grundfehler des Unterlassens des Veränderns. Durch beides zusammen wird ein Schuh draus: verändern bejahen, bewerten bejahen. Das Bild ist: Fließgleichgewicht. Es findet durchaus ständig Veränderung statt, aber von allen Neuschöpfungen kann sehr wohl die Reproduktion von etwas bereits Dagewesenem der beste Entwurf sein: es wurde verändert (neu geschaffen) und bleibt doch gleich (man bemerke die Analogie zum lebendigen biologischen Körper). Es ist aber ein Irrtum, aus dem Fortbestehen von Strukturen zu schließen, es gäbe keinen verändernden Fluß. Fortbestehendes ist vielmehr die beständige erfolgreiche Reproduktion von bereits Bekanntem. Aber das Fließen findet doch beständig statt.
Diese Sichtweise kann den Konservatien mit der Idee des Flusses versöhnen.

Man gehe also bitte nicht in die Falle der falschen Fragen der Linken. Die falsche Frage ist: Veränderung ja oder nein. Die richtige Frage ist: Veränderung zu meinem Nutzen ja oder nein! WIR wählen aus und bewerten, in UNSEREM Interesse (wir "diskriminieren" = auswählen haa ha)! Das Leben betreibt Auslese, es bestätigt oder verwirft. Das ist auch Teil der Schöpfung!

Gustav Grambauer
31. März 2018 10:28

Es paßt wieder zu Ostern:

"Kreativität" liegt das Prometheus-Thema zugrunde, wer für sich auf Kreativität insistiert, macht Gott, der nicht umsonst "Schöpfer" genannt wird, das Privileg streitig (im Tantrismus / Shivasimus / Kaliismus übrigens 'G-O-D': 'Generator - Operator - Destroyer').

Die durchaus kreativen Katholiken und Orthodoxen, von denen es in der rechtsintellektuellen Szene ja wimmelt, werden sich fragen müssen, ob sie dadurch mit ihrem Gott eigentlich im Reinen sind.

Dieses Dilemma bestand früher nicht. Aber da der von der Antike her getragenen Kulturstrom, in dem stehend ein Bach seine Werke noch mit spiritueller Selbstverständlichkeit und geistiger Gesundheit komponiert hat oder in dem stehend die Kathedralen noch mit spiritueller Selbstverständlichkeit und geistiger Gesundheit gebaut werden konnten, heute versiegt ist, ist die Inspiration heute nahezu erschöpft (sic!) und wird sich in absehbarer Zeit vollständig erschöpfen. Die Allermeisten können diese Inspiration nicht mehr aus Sphären holen, die ihnen inzwischen längst verschlossen sind.

Und sie sollen es auch besser nicht. Wenn Goethe noch sagen konnte

"Wer Wissenschaft und Kunst besitzt,
hat auch Religion;
wer jene beiden nicht besitzt,
der habe Religion." - Xenien / IX

so muß man heute sogar vor dem Versuch der Wiederbelebung der Leiche warnen: nicht nur das Käßmann-Christentum stinkt zm Himmel, ebenso muß man bei großen Bereichen des heutigen christlich-reaktionären Demuts-Rummels / der grassierenden Kloster-Mode (in Wahrheit Sumpfblüten der 'gestreßten' Postmoderne, die über deren (!) Ausweglosigkeit hinwegtäuschen, hinwegkompensieren oder hinwegtrösten sollen) sehr aufpassen. Man höre als Beispiel für letztere die Verdorbenheit in der zu Musik geronnenen Demut Arvo Pärts, wie sie in dessen Los-Angeles-Sinfonie zum Ausdruck kommt, welche er Mikhail Chodorkowski (!) gewidmet hat und die er in einer 'Walt-Disney-Hall' hat uraufführen lassen.

https://www.youtube.com/watch?v=2DJUN2M3D-E

Wenn Meister NGD so trefflich ätzt: "Die Idee der 'freien Entfaltung der Persönlichkeit' scheint ausgezeichnet, so lange man nicht auf Individuen stößt, deren Persönlichkeit sich frei entfaltet hat", dann ist zu vermuten, daß er nur die ideologische Fremdbestimmtheit, Substanzlosigkeit und Instrumentalisiertheit der City-Of-Man-Pseudokreativität meint, für die ja auch Herr Meyer Beispiele bringt.

Wäre das so, dann wären diejenigen, die im wohlverstandenen Sinne frei entfaltet und damit kreativ sind, nicht gemeint. Aber in Bezug auf den Rest in seiner erdrückenden Zahl ist sowieso das neue Dilemma eröffnet:

Was macht man mit der Masse, der man (a) besser keinen Weg zurück zur alten spirituell-intendierten Grundform von Kreativität anbietet (da damit beide in die Verdorbenheit geraten würden, diese Grundform und diese Masse) und die dorthin auch gar nicht zurück wollen würde - die aber (b) auch aus sich selbst heraus keine eigene, wahrhaftige, echte Kreativität entwickeln kann?!

Dieses Dilemma wird, wenn überhaupt, nur eine neue Kultur nach dem Zusammenbruch der derzeitigen Pseudo-Kultur auflösen können ...

- G. G.