Antithesen zum Islam. Erwiderung auf v. Waldstein I

Siegfried Gerlich kritisiert Thor v. Waldsteins Islam-Thesen aus dessen Werk Die entfesselte Freiheit – in drei Teilen.

 Gastbeitrag

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1. (Ad Wald­stein-The­sen 1–3 und 7)

1.1. An der Schwel­le zur Neu­zeit hat der Islam dem »alten Euro­pa« man­cher­lei kul­tu­rel­le Reich­tü­mer beschert, ohne daß er selbst als eine »wesent­li­che Kul­tur­quel­le« betrach­tet wer­den dürf­te. Denn die isla­mi­sche Reli­gi­on und die ara­bi­sche Spra­che gaben ledig­lich die Rah­men­be­din­gun­gen für die eigent­lich schöp­fe­ri­schen Leis­tun­gen jener his­to­ri­schen Peri­ode vor, die im wesent­li­chen von Ange­hö­ri­gen der erober­ten Reli­gio­nen und Völ­ker voll­bracht wur­den: Die Kul­tur­blü­te des klas­si­schen Islam war vor­nehm­lich Juden und Chris­ten, Grie­chen und Per­sern geschul­det. Dar­um konn­ten sich Ori­en­ta­lis­ten auch nie dar­über einig wer­den, ob hier bes­ser von einer »ara­bi­schen« oder einer »isla­mi­schen Kul­tur« gespro­chen wer­den soll­te, denn bei­des will nicht recht zutreffen.

Hin­sicht­lich der Kul­tur der Anti­ke hat sich das ara­bisch-isla­mi­sche »Mor­gen­land« zwei­fel­los um deren Rezep­ti­on ver­dient gemacht; eine ech­te Renais­sance zustan­de zu brin­gen, war jedoch dem christ­lich-euro­päi­schen »Abend­land« vor­be­hal­ten. Daß die Euro­pä­er das anti­ke Erbe nicht nur zu bewah­ren, son­dern aus eige­ner Kraft wei­ter­zu­ent­wi­ckeln und umzu­ge­stal­ten wuß­ten, war ein Grund für den Auf­stieg des Okzi­dents und den Abstieg des Ori­ents in der Neuzeit.

Der neu­zeit­li­che Nie­der­gang der ori­en­ta­li­schen Welt wur­de durch deren jahr­hun­der­te­lan­ge Igno­ranz gegen­über der west­li­chen Kul­tur­ent­wick­lung noch wei­ter beför­dert. Anders als die anti­ke ist die abend­län­di­sche Lite­ra­tur in den isla­mi­schen Groß­rei­chen kaum auch nur rezi­piert wor­den: Bis zum 18. Jahr­hun­dert gab es kei­ner­lei ara­bi­sche, per­si­sche oder tür­ki­sche Über­set­zun­gen euro­päi­scher Schriften.

Die kul­tu­rel­le Mise­re des Islam hält bis in unse­re Gegen­wart an, weil des­sen zeit­ge­nös­si­sche fun­da­men­ta­lis­ti­sche Aus­prä­gun­gen nicht bloß durch­weg die west­li­che Kul­tur ver­ach­ten, son­dern noch in dem, was der Wes­ten selbst als kul­tu­rel­les Treu­hän­der­tum des klas­si­schen Islam zu schät­zen weiß, nur einen Abfall von sei­nem wah­ren Wesen sehen kann.

1.2. Gewiß hät­te Euro­pa die Ern­te der anti­ken Kul­tur nicht ein­fah­ren kön­nen, wären deren Saat­kör­ner nicht im ara­bisch-isla­mi­schen Kul­tur­kreis auf­be­wahrt wor­den. Doch konn­ten jene eben erst auf euro­päi­schem Boden frucht­bar wer­den, zu dem bereits die ger­ma­nisch-christ­li­chen Bau­ern­völ­ker ein schöp­fe­ri­sches Ver­hält­nis hat­ten, wohin­ge­gen die seit der ers­ten Jahr­tau­send­wen­de in den Vor­de­ren Ori­ent vor­drin­gen­den Noma­den­völ­ker ledig­lich ein ver­nut­zen­des Ver­hält­nis zur Erde kannten.

Inso­fern lag der welt­ge­schicht­li­che Gegen­satz von Okzi­dent und Ori­ent bereits im Wider­streit von seß­haft-pro­duk­ti­ven und noma­disch-extrak­ti­ven Lebens- und Wirt­schafts­for­men beschlos­sen. Allen­falls in einem wört­li­chen, bio­lo­gis­ti­schen Sin­ne lie­ße sich eine »sym­bio­ti­sche Ein­heit« von Okzi­dent und Ori­ent behaup­ten: Der »Wirt« wären dann die hegen­den und pfle­gen­den Bau­ern­kul­tu­ren und der »Para­sit« die abwei­den­den und ver­wüs­ten­den Noma­den­völ­ker gewe­sen. So sah es noch Fried­rich Rat­zel: »Der Noma­dis­mus kann Kul­tur­völ­ker poli­tisch zusam­men­fas­sen, kann Kul­tur­ele­men­te auf­neh­men und wei­ter­ge­ben, er kann aber die Kul­tur selbst weder anpflan­zen noch fort­pflan­zen. Noch weni­ger kann er Kul­tur hervorbringen.«

1.3. Der im 9. Jahr­hun­dert v. Chr. auf­ge­kom­me­ne Aus­druck »Ara­ber« bezog sich ursprüng­lich nicht auf eine semi­tisch­spra­chi­ge Eth­nie, son­dern auf den sozi­al­an­thro­po­lo­gi­schen Typus des »Noma­den«. Im alten ara­bi­schen Sprach­ge­brauch wur­den daher aus­schließ­lich Bedui­nen und Räu­ber als Ara­ber bezeich­net, ara­bisch spre­chen­de Seß­haf­te hin­ge­gen nicht.

Erst mit den isla­mi­schen Erobe­run­gen des 7./8. Jahr­hun­derts grenz­ten sich die sieg­rei­chen Ara­ber als »ara­bi­sches Volk« von den unter­wor­fe­nen Völ­kern ab. Und als das ara­bi­sche König­reich zu einem isla­mi­schen Welt­reich auf­ge­stie­gen war, wur­de schließ­lich des­sen gesam­te kos­mo­po­li­ti­sche Kul­tur als »ara­bi­sche Kul­tur« gefei­ert. Doch infol­ge der eth­ni­schen Ver­schmi­schung der ara­bi­schen Erobe­rer mit ihren ara­bi­sier­ten Unter­ta­nen und voll­ends nach ihrer gemein­sa­men Unter­wer­fung unter die tür­ki­sche Fremd­herr­schaft kam die ursprüng­li­che Bedeu­tung von Ara­ber als Noma­de wie­der zu Ehren.

Auch der Pro­phet Moham­med (570–632) sah im Bedui­nen­tum die reins­te Form des frei­en Ara­ber­tums, und der Phi­lo­soph Ibn Khal­dun (1332–1406) such­te über­dies nach­zu­wei­sen, »daß die Noma­den näher am Guten sind als die Seß­haf­ten«, obgleich sie zu den »wil­des­ten Men­schen« gehö­ren. In sei­nen »Betrach­tun­gen zur Welt­ge­schich­te« stell­te die­ser bedeu­tends­te isla­mi­sche Gelehr­te ins­be­son­de­re die »ara­bi­schen Bedui­nen« auf die Stu­fe »wil­der, unzähm­ba­rer Tie­re«, da »über­all dort, wo die Bedui­nen gesiegt haben, die Kul­tur zusam­men­bricht und die­se Gegen­den ent­völ­kert wer­den«. Sol­che bar­ba­ri­sche Roh­heit spre­che jedoch mit­nich­ten gegen die Noma­den, denn schließ­lich neig­ten die Seß­haf­ten »zum Luxus und zum Ver­sin­ken im Wohl­le­ben«. Und gegen­über sol­cher »Weich­heit des seß­haf­ten Lebens« rühm­te Ibn Khal­dun alle­mal die »Här­te des Noma­den­le­bens«, derer es bedarf, um »die Ober­hand zu gewin­nen und an sich zu rei­ßen, was in den Hän­den ande­rer Völ­ker ist«.

1.4. Die­ser kla­re Gegen­satz von Seß­haf­tig­keit und Noma­den­tum begann sich im Zeit­al­ter der Refor­ma­ti­on zu trü­ben, als jener von Max Weber als »Ent­zau­be­rung der Welt« cha­rak­te­ri­sier­te reli­gi­ons­ge­schicht­li­che Ratio­na­li­sie­rungs­pro­zeß, der mit der alt­is­rae­li­schen Pro­phe­tie ein­ge­setzt hat­te, in der »pro­tes­tan­ti­schen Ethik« sei­ne neu­zeit­li­che Fort­set­zung fand. Den »Geist des Kapi­ta­lis­mus« sah Weber aller­dings weni­ger im luthe­ri­schen Pro­tes­tan­tis­mus als im cal­vi­nis­ti­schen Puri­ta­nis­mus vor­ge­bil­det: Wäh­rend Luther mit sei­nem welt­from­men Berufs­ge­dan­ken die Arbeit zum Selbst­zweck erhob, indem er als ihren ein­zi­gen Wert­maß­stab die inne­re Tat­ge­sin­nung aner­kann­te, lag es in der aske­ti­schen Kon­se­quenz von Cal­vins Bewäh­rungs­ge­dan­ken, daß hier der akku­mu­la­ti­ve Geld­erwerb zum Selbst­zweck wer­den soll­te, da allein der äuße­re Berufs­er­folg Heils­ge­wiß­heit ver­schaf­fen konnte.

Doch mit ganz ähn­li­chen Wor­ten wie Weber, der die »inner­welt­li­che pro­tes­tan­ti­sche Aske­se« und eine »metho­disch ratio­na­li­sier­te ethi­sche Lebens­füh­rung« als kon­sti­tu­ti­ve Merk­ma­le der pro­tes­tan­ti­schen Sitt­lich­keit aus­ge­wie­sen hat­te, stell­te Ernest Gell­ner die »ratio­na­le Sys­te­ma­ti­sie­rung des sozia­len Lebens« und den »spi­ri­tu­el­len Ega­li­ta­ris­mus« der isla­mi­schen Sozi­al­leh­re heraus.

Auf­grund sol­cher Wahl­ver­wandt­schaft konn­te im Zuge der Ent­fal­tung des moder­nen Kapi­ta­lis­mus der ori­en­ta­li­sche Noma­dis­mus zum Schick­sals­ge­setz auch der okzi­den­ta­len Welt wer­den. Spä­tes­tens seit der neo­li­be­ra­len Dere­gu­lie­rung der Welt­wirt­schaft fun­giert das Kapi­tal nicht mehr vor­ran­gig als »Mit­tel des seß­haft-pro­duk­ti­ven Unter­neh­mers«, der die Bewirt­schaf­tung sei­nes Lan­des sichert, son­dern vor allem als »Gegen­stand des extrak­tiv-noma­di­schen Spe­ku­lan­ten« (Rein­hold Oberlercher),der des­sen Abwirt­schaf­tung betreibt: Wie dazu­mal mul­ti­eth­ni­sche Krie­ger­no­ma­den unter der Begleit­mu­sik flö­te­spie­len­der Hir­ten­no­ma­den über ansäs­si­ge Völ­ker­schaf­ten her­fie­len, so unter­neh­men der­weil mul­ti­na­tio­na­le Kapi­tal­no­ma­den unter dem Bei­fall frei­schwe­ben­der Intel­li­genz­no­ma­den para­si­tä­re Abwei­dungs­feld­zü­ge gegen gan­ze Volks­wirt­schaf­ten, um mit frei flot­tie­ren­dem Spe­ku­la­ti­ons­ka­pi­tal alles stand­ort­ge­bun­de­ne Pro­duk­ti­ons­ka­pi­tal abzu­gra­sen und zu entwurzeln.

Dabei gehen die Sie­ge des abgrei­fen­den Geld­ka­pi­tals über das her­stel­len­de Indus­trie­ka­pi­tal aufs Kon­to längst nicht mehr allein ame­ri­ka­ni­scher Bro­ker, son­dern auch euro­päi­scher, ara­bi­scher und asia­ti­scher Ban­ker. Das läßt den vor­mals berech­tig­ten Arg­wohn, uns Deut­sche ver­bän­de mit dem »Bör­sen­bro­ker aus Man­hat­tan« schwer­lich mehr als mit dem »Okra­scho­ten­händ­ler aus Kai­ro«, mitt­ler­wei­le obso­let erscheinen.

– – –

2. (Ad Wald­stein-The­se 4)

2.1. Der his­to­ri­sche Nie­der­gang des Islam stell­te eine con­di­tio sine qua non für den poli­ti­schen Auf­stieg des Isla­mis­mus dar. Nach dem Ende sei­nes letz­ten, des osma­ni­schen Welt­rei­ches droh­te der Islam zu einem ori­en­ta­li­schen Ana­chro­nis­mus her­ab­zu­sin­ken. Kemal Ata­türk, der Begrün­der des tür­ki­schen Staa­tes, befand: »Der Islam gehört auf den Müll­hau­fen der Geschich­te! (…) Die­se Hir­ten­re­li­gi­on eines pädo­phi­len Kriegs­trei­bers ist der größ­te Klotz am Bein unse­rer Nation!«

Aber nicht nur dem tür­ki­schen Kema­lis­mus, auch dem ägyp­ti­schen Nas­se­ris­mus sowie dem syri­schen und ira­ki­schen Baathis­mus gelang es zeit­wei­lig, den inte­gra­len Herr­schafts­an­spruch des Islam nie­der­zu­hal­ten, bevor der ira­ni­sche Kho­me­nis­mus das Ende die­ser anti­is­la­mi­schen Peri­ode eines »ara­bi­schen Natio­na­lis­mus« einläutete.

Um dem Islam wie­der zu welt­po­li­ti­scher Aktua­li­tät zu ver­hel­fen, bedurf­te es fer­ner ter­ro­ris­ti­scher Avant­gar­den, wel­che zunächst den west­lich kor­rum­pier­ten Regi­men des Nahen Ostens den Kampf ansag­ten, bevor sie schließ­lich dem hege­mo­nia­len Wes­ten selbst den Krieg erklärten.

2.2. Der reli­gi­ös moti­vier­te Mord und zumal das Selbst­mord­at­ten­tat steht in der isla­mi­schen Tra­di­ti­on der Assas­si­nen. Mit die­ser Speer­spit­ze der Ismaeli­ten­sek­te der ers­ten Jahr­tau­send­wen­de ver­bin­det die Selbst­mord­at­ten­tä­ter der zwei­ten nicht zuletzt dies, daß auch sie das Über­le­ben ihrer Anschlä­ge als Schan­de emp­fän­den. Aller­dings waren die regio­nal ope­rie­ren­den Assas­si­nen nur eine sek­tie­re­ri­sche Häre­sie der schii­ti­schen Häre­sie des hege­mo­nia­len sun­ni­ti­schen Islam, wohin­ge­gen der glo­ba­li­sier­te Glau­bens­kampf der heu­ti­gen Isla­mis­ten gegen die Irr- und Ungläu­bi­gen aller Kon­ti­nen­te die geball­te Wut der ara­bi­schen Welt hin­ter sich weiß.

2.3. Wie die zeit­ge­nös­si­sche »Poli­ti­sie­rung des Islam« letzt­lich nur eine »Re-Poli­ti­sie­rung der von Anfang an poli­tischs­ten aller Reli­gio­nen« (Ernst Nol­te) dar­stellt, so bedeu­tet auch die»Radikalisierung des Islam«keine Abir­rung von sei­ner mode­ra­ten und tole­ran­ten Wesens­art, son­dern ein Anknüp­fen an die Radi­ka­li­tät sei­ner Ursprünge.

Indem der Pro­phet Moham­med die jahr­tau­sen­de­al­te Kriegs­kul­tur ara­bi­scher Noma­den­stäm­me in den Dienst des »Dschi­had« stell­te und zu einem »sakra­len Mili­tan­tis­mus« über­höh­te, grün­de­te er eine auf Ara­ber zuge­schnit­te­ne, wie­wohl auch ande­ren Ori­en­ta­len zuträg­li­che Reli­gi­on, die sich seit Anbe­ginn als »Reli­gi­on des Feld­la­gers« (Peter Slo­ter­di­jk) bewähr­te. Allein durch per­ma­nen­te Raub- und Erobe­rungs­krie­ge konn­te die reli­gi­ons- wie mili­tär­his­to­risch bei­spiel­lo­se Expan­si­on des Islam gelin­gen, der über sei­ne drei Welt­rei­che hin­weg das weit­räu­migs­te und lang­le­bigs­te Skla­ven­sys­tem der Welt­ge­schich­te aufrechterhielt.

Das christ­li­che Abend­land sah sich über fast tau­send Jah­re, von der Lan­dung der Mau­ren in Spa­ni­en bis zur zwei­ten Bela­ge­rung Wiens durch die Tür­ken, einer exis­ten­ti­el­len Bedro­hung durch den Islam aus­ge­setzt, und inso­fern war die »begrenz­te und erfolg­lo­se Imi­ta­ti­on des Dschi­had«, wel­che die christ­li­chen Kreuz­zü­ge unter­nah­men, ledig­lich »ein Ver­such, mit­tels eines hei­li­gen Krie­ges zurück­zu­ge­win­nen, was durch einen hei­li­gen Krieg ver­lo­ren war«. (Ber­nard Lewis)

Erst das neu­zeit­li­che Euro­pa ver­moch­te die mit­tel­al­ter­li­che Vor­herr­schaft des isla­mi­schen Ori­ents zu bre­chen, um schließ­lich in sei­ner impe­ria­lis­ti­schen Peri­ode dem Islam für sei­nen vor­aus­ge­gan­ge­nen und viel län­ger wüten­den Noma­den-Impe­ria­lis­mus die vol­le Rech­nung zu präsentieren.

2.4. Vor die­sem Hin­ter­grund muß­te die radi­ka­le Renais­sance des Islam, die bereits nach der Zer­schla­gung des Osma­ni­schen Rei­ches ein­setz­te, auch den Cha­rak­ter einer von anti­ko­lo­nia­lis­ti­schen Res­sen­ti­ments durch­setz­ten fun­da­men­ta­lis­ti­schen Reak­ti­ons­bil­dung tragen.

Gleich­wohl läßt sich die über das gesam­te 20. Jahr­hun­dert sich erstre­cken­de Repo­li­ti­sie­rung und Radi­ka­li­sie­rung des Islam nicht aus­schließ­lich dem »euro­päi­schen Kolo­nia­lis­mus« in die Schu­he schie­ben, denn bedeut­sa­mer als die Arro­ganz der Kolo­ni­al­her­ren war die Demü­ti­gung durch die mit der Nie­der­la­ge im Ers­ten Welt­krieg unab­weis­bar gewor­de­ne Ein­sicht, daß die isla­mi­sche Welt weit hin­ter der euro­päi­schen zurück­ge­blie­ben war, nach­dem die Selbst­ab­schot­tung des osma­ni­schen Rei­ches die gegen­tei­li­ge Illu­si­on hat­te blü­hen las­sen, der Islam wäre die höchs­te Kul­tur und in Euro­pa haus­ten nur ungläu­bi­ge Barbaren.

Im übri­gen war gera­de die ara­bi­sche Halb­in­sel, auf die kein Kolo­ni­al­herr jemals sei­nen Fuß gesetzt hat, die Hei­mat einer mäch­ti­gen Strö­mung des Isla­mis­mus: des aus dem fun­da­men­ta­lis­ti­schen Waha­bis­mus her­vor­ge­gan­ge­nen Sala­fis­mus. Umge­kehrt konn­ten in jenen isla­mi­schen Län­dern, in denen die west­li­che Kolo­ni­al­herr­schaft am inten­sivs­ten gewe­sen war, isla­mis­ti­sche Bewe­gun­gen erst erstar­ken, als sie von den USA zum Zwe­cke der Besei­ti­gung säku­la­rer Moder­ni­sie­rungs­dik­ta­tu­ren mili­tä­risch auf­ge­rüs­tet wurden.

Daß sich der isla­mi­sche Ter­ro­ris­mus schließ­lich auch gegen die USA selbst rich­ten soll­te, geht auf die­se stra­te­gi­sche Fehl­kal­ku­la­ti­on zurück, die aller­dings nur eine sub­stan­ti­el­le Feind­schaft zuta­ge för­der­te. Inso­fern ist der »ame­ri­ka­ni­sche Neo­ko­lo­nia­lis­mus« eher als zufäl­li­ger Aus­lö­ser denn als eigent­li­che Ursa­che des gegen­wär­ti­gen Kul­tur­kamp­fes anzusehen.

– – –

3. (Ad Wald­stein-The­se 6)

3.1. Samu­el Hun­ting­tons The­se vom »clash of civi­liz­a­ti­ons bet­ween the West and the rest« bie­tet eine rea­lis­ti­sche Lage­be­schrei­bung. Der Ein­wand, daß die­ser Topos nichts als ame­ri­ka­ni­sche Pro­pa­gan­da sei, kann nicht ver­fan­gen, da er zugleich ein Bestand­teil der isla­mis­ti­schen Pro­pa­gan­da ist, und gera­de die Wech­sel­sei­tig­keit die­ser Feind­schafts­er­klä­rung beweist die Rea­li­tät eines »Kamp­fes der Kulturen«.

Bei die­sem Kul­tur­kampf han­delt es sich kei­nes­wegs um einen zum Völ­ker­kampf inter­na­tio­na­li­sier­ten Klas­sen­kampf zwi­schen den »rei­chen« Län­dern des Wes­tens und Nor­dens und den »armen« Län­dern des Ostens und Südens, denn sonst hät­ten die »Wider­stands­be­we­gun­gen« der letz­te­ren kei­ne radi­kal­re­li­giö­se, son­dern eine sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­re Agen­da. Was Mus­li­me zu fana­ti­schen Dschi­ha­dis­ten wer­den läßt, ist jedoch weni­ger das Elend von poli­tisch Fremd­be­herrsch­ten oder öko­no­misch Aus­ge­beu­te­ten als viel­mehr ihr Ekel vor der mora­li­schen Deka­denz des Westens.

3.2. Die ursprüng­lich lin­ke und erst nach­träg­lich von isla­mi­scher Sei­te auf­ge­grif­fe­ne The­se, der Isla­mis­mus des Nahen Ostens sei letzt­lich vom Impe­ria­lis­mus des Fer­nen Wes­tens selbst ver­ur­sacht wor­den, ist längst inte­gra­ler Bestand­teil der zu einer erpreß­ba­ren Schuld­kul­tur her­ab­ge­sun­ke­nen Leit­kul­tur Euro­pas gewor­den. Dies bezeu­gen all jene Zeit­ge­nos­sen, die aus einer per­ver­sen Mischung von hyper­mo­ra­li­schem Sün­den­stolz und post­ko­lo­nia­lis­ti­scher Her­ab­las­sung Mus­li­men nicht ein­mal die ele­men­ta­re mensch­li­che Frei­heit zuge­ste­hen, aus eige­nem Antrieb böse zu sein, und dar­um noch die enthu­si­as­tischs­ten Mas­sen­mör­der zu sozi­al frus­trier­ten Ver­zweif­lungs­tä­tern erniedrigen.

So füh­len sich Mus­li­me denn auch noto­risch als Ernied­rig­te und Belei­dig­te und for­dern die straf­recht­li­che Sank­tio­nie­rung soge­nann­ter »Isla­mo­pho­bie«, nicht ohne damit den Geist der euro­päi­schen Auf­klä­rung, die sich maß­geb­lich als Reli­gi­ons­kri­tik pro­fi­lier­te, in die Vor­höl­le des poli­tisch Unkor­rek­ten zu verbannen.

Ernied­rigt und belei­digt fühl­te sich bereits der Analpha­bet und Kamel­trei­ber Moham­med, der von jüdi­schen und christ­li­chen Gelehr­ten ver­lacht wur­de, als er bei deren theo­lo­gi­schen Dis­pu­ta­tio­nen mit­re­den woll­te, aber nicht konn­te. Es war die­ses Res­sen­ti­ment eines Zukurz­ge­kom­me­nen, was den spä­te­ren Pro­phe­ten und Feld­her­ren die Juden zu »Affen« und die Chris­ten zu »Schwei­nen« ent­mensch­li­chen ließ.

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Kommentare (25)

quarz

4. April 2018 07:42

"Denn die islamische Religion und die arabische Sprache gaben lediglich die Rahmenbedingungen für die eigentlich schöpferischen Leistungen jener klassischen Periode vor, welche hauptsächlich von Angehörigen der eroberten Religionen und Völker vollbracht wurden."

Ich sehe die islamische Religion und die arabische Sprache nicht nur nicht als Rahmenbedingungsgeber, sondern im Gegenteil sogar als Hindernis für die schöpferischen Leistungen auf wissenschaftlicher Ebene.

Die Religion deshalb, weil sie - anders als das Christentum - nicht dazu einlädt, die Natur als naturgesetzlich geregelt anzusehen und die entsprechenden Gesetze zu erforschen. Das liegt in der theologisch angelegten Unergründlichkeit des Willens Allahs begründet, der seine Allmacht nicht an Naturgesetze delegiert, sondern alle Veränderung der Welt unmittelbar seinem Willen entspringen lässt. Eine vergleichbare Strömung hat es zwar auch im christlich-lateinischen Mittelalter gegeben, die war aber nicht in den Fundmenten des Christentums verwurzelt und hat auch nicht obsiegt.

Und die arabische Sprache deshalb, weil sie zu primitiv war, um überhaupt die begrifflichen Grundlagen für eine wissenschaftliche Weltbetrachtung zu beinhalten. Diese mussten erst mühsam durch Christen aus den eroberten Gebieten in die arabische Sprache eingeführt werden. Der Mittelalterhistoriker Sylvain Gouguenheim formuliert den Sachverhalt kompakt: "Die wissenschaftliche Ausdrucksform im Arabischen stammt von A bis Z von Christen!"

In diesem Umstand kommt ja auch nur die umfassendere Tatsache zum Ausdruck, dass die Araber den eroberten Gebieten zu Beginn keineswegs Kultur gebracht, sondern sich auf hochentwickelte spätantike Kulturen draufgesetzt, diese militärisch kontrolliert und ohne viel eigene Mitwirkung von dem Ruf profitiert haben, den die Angehörgen dieser Kulturen - christliche Syrer und Griechen, Juden, zoroastrische Perser - intellektuell erwirtschaftet haben.

Der_Juergen

4. April 2018 08:44

Ein facettenreicher und sehr fundierter Kommentar, dem man nur die Höchstnote geben kann. Bei aller Wertschätzung für Thor von Waldstein - bei dieser Debatte zieht er den Kürzeren, weil seine romantisierende Vorstellung vom Islam eher propagandistischen als wissenschaftlichen Charakter trägt, aber wohl auch, weil es ihm einfach an Wissen zu diesem Thema fehlt.

Dem vielen Richtigen, was sich bei von Waldstein findet, widerspricht Gerlich ja keineswegs. Dass beispielsweise der eigentliche Feind nicht die muslimischen Immigranten sind, sondern das verbrecherische System, das sie nach Europa und Deutschland lockt, darüber sind sich die beiden Autoren zu Recht einig.

Die Vorstellung, europäische Nationalisten und islamische Fundamentalisten könnten ein Bündnis gegen die USA und den Globalismus schmieden, war noch vor relativ kurzer Zeit bei vielen Rechten populär; ich mache kein Hehl daraus, dass auch ich dieser Illusion lange anhing. Dies hat sich unter dem Druck der Realität geändert.

Mit dem "Antiamerikanismus" der islamischen Radikalen ist es ohnehin nicht weit her, und dasselbe gilt für ihre "Feindschaft gegen Israel". Eine genuin antiisraelische und antizionistische Haltung vertreten nur noch der Iran und dessen Verbündete. Es hat sich mittlerweile wohl herumgesprochen, wer die Terrororganisation IS gegründet hat, die übrigens wundersamerweise ausgerechnet den Staat Israel mit ihren Anschlägen gänzlich verschont. Dass das erzreaktionäre Saudi-Arabien und der zionistische Staat de facto Verbündete sind, ist seit langem jedem Einsichtigen klar.

Wer nach dem Koran auch noch den ebenso finsteren Talmud wenigstens auszugsweise liest, erkennt, dass die beiden Ideologien eng miteinander verwandt sind. (Hinken würde der Vergleich in Bezug auf das Alte Testament, das streckenweise ein grossartiges literarisches Werk ist.)

Noch ein Punkt: Bei aller Kritik an der repressiven Politik Israels muss man, verehrter Thor von Waldstein, fairerweise auch darauf hinweisen, dass auf einen von Juden getöteten Muslim wohl hundert oder mehr von anderen Muslimen umgebrachten Muslime kommen.

Kierkegaard

4. April 2018 08:45

Der Islam war in keiner Weise wichtig für die kulturelle Entwicklung Europas (das sah ich bereits so als Atheist, wieviel mehr jetzt als Christ).

Es ist das Verdienst des Christentums (davor das der indoeuropäischen Griechen und Römer), das sich nicht nur, aber auch wieder der Antike öffnete (Ein finsteres Mittelalter gab es so nicht, siehe hierzu nicht nur den folgenden Hinweis auf Woods, sondern z. B. auch Angenendts "Das Frühmittelalter: Die abendländische Christenheit von 400 bis 900"). Siehe, wie gesagt, Thomas Woods "How the Catholic Church Built Western Civilization". Selbst der Agnostiker Stefan Molyneux mußte das Einsehen.

PS: Ich sehe hier in gewisser Weise eine Abwertung des Mittelalters per se, auch auf rechter Seite. Nur ist dies ein völlig verzerrtes Bild. Dessen war sich bereits Gómez Dávila bewußt, wenn er schreibt: „Um den Dummkopf zu entlarven, gibt es kein besseres Reizwort als mittelalterlich. Er sieht sofort rot.“ (Für ihn waren ja die Zeiten von Konstantin bis Dante goldene Zeiten.)

W. Wagner

4. April 2018 09:02

Kaplaken-Band draus machen. Nehme 10 ab.

A. Kovacs

4. April 2018 09:24

Soweit völlig korrekt. Ich möchte noch auf die Erkenntnisse der Gruppe „Inârah“ und Anderer hinweisen, die die Sunna des arabischen Propheten und die traditionelle Heilsgeschichte, die leider von westlichen Historikern seit Gibbon kritiklos übernommen wurden, ins Reich der Phantasie verweisen. Das lässt sowohl die Rolle der „Juden und Christen, Griechen und Perser“ noch besser hervortreten als auch die der (nichtbeduinischen) „Araber“. Diese waren nämlich keineswegs „Muslime“, sondern syrisch-christliche Anhänger eines „abdallah [Knecht Gottes]“ und „muhammad [Gepriesener]“ genannten Jesus, der allerdings nicht als Sohn Gottes betrachtet wurde. Zudem haben sie keineswegs das antike Erbe „übernommen und bewahrt“, wie immer fälschlich behauptet wird, sondern sie waren als ehemalige Bürger des oströmischen Reichs genuine Träger antiker Kultur, die sie als ihre eigene zunächst weiterentwickeln konnten, weil es Katastrophen wie die Völkerwanderung nicht gab. Der „Islam“, wie wir ihn heute kennen, bildete sich wohl erst zwei bis drei Jahrhunderte nach dem behaupteten arabischen Propheten heraus, was ziemlich schnell zu einer geistigen Erstarrung führte, die bis heute andauert. Das Gerede von einer entscheidenden „islamischen“ Befruchtung des Westens ist ebenso Propaganda wie die verantwortungslose Träumerei von einer „toleranten“ Zeit im islamischen Al-Andalus.
Dann: Herr Gerlich geht kaum auf einen entscheidenden Vorwurf Herrn v. Waldsteins gegen die deutschen Eliten ein, die für die Masseneinwanderung seit den „Gastarbeiter“-Zeiten verantwortlich sind. Es stimmt ja, dass Angriffe auf Migranten und Asylantenheime nicht die wahren Verantwortlichen treffen. Allerdings geht Herr v. Waldstein fehl, wenn er den Migranten keine eigene Agenda zutraut. Die globalistische kapitalistische Agenda freien Geld-, Waren- und Menschenflusses trifft sich hier mit der islamischen Eroberungsideologie (siehe die Rede Boumediennes 1974 vor der UNO). Zudem ist der Islam die bisher perfekteste totalitäre Ideologie, die seit über 1000 Jahren Untertanen produziert. Was will man mehr?
Schließlich: Herr Lichtmesz hat mit seinem Kommentar völlig recht. Solche Thesen wie die Herrn v. Waldsteins untergraben jeden Widerstand, weil sie verzetteln und die Stoßrichtung schwächen. Goethe nannte das die „Blässe des Gedankens“. Elite? Kapitalismus? Migranten? Islam? USA? Ja was nun? Wir sollten uns auf zwei Dinge einigen: 1) sofortiger Grenzschluss und Stopp der Einwanderung von Mohammedanern (siehe Gemeinsame Erklärung vom 15. März 2018) und 2) möglichst frühe Regierungsbeteiligung der AfD. Das sind die einzigen und, seien wir ehrlich, letzten demokratischen Möglichkeiten, die Deutschland noch hat. Darauf sollte sich alles konzentrieren.

Franz Bettinger

4. April 2018 10:27

@Jürgen:

1. Israel wurde vom IS deshalb verschont, weil Israel (im Gegensatz zu Frankreich und der brd) am Krieg gegen den IS nicht teilnahm.

2. Koran, Talmud und Altes Testament gehören auf den Mist, alle drei. Ich hätte nicht gedacht, dass man sich im aufgeklärten Europa nochmals mit diesem Bibel-Quatsch beschäftigen muss. Mir haben sich bei der Lektüre schon als Zehnjähriger die Nackenhaare gesträubt.

Franz Bettinger

4. April 2018 11:02

@Gerlich: Sie schreiben:
"Um dem Islam wieder zu weltpolitischer Aktualität zu verhelfen, bedurfte es terroristischer Avantgarden, die zunächst den westlich korrumpierten Regimen des Nahen Ostens den Kampf ansagten, bevor sie schließlich dem hegemonialen Westen selbst den Krieg erklärten."

Wo bitte steht diese Kriegserklärung? Glauben Sie, die westliche Allianz (allen voran USA, GB und Frankreich) könnte Afghanistan und Irak überfallen (und dies wie wir wissen, völlig grundlos), von Libyen und Syrien mal ganz abgesehen, hunderttausende töten und dann behaupten, der Islam habe "uns" den Krieg erklärt? Da kann ich nur konstatieren, die Hirnwäsche unserer Propaganda-Medien wirkt auch bei Rechten. Die Wiedergeburt des radikalen Islam ist einzig dem Treiben der CIA zuzuschreiben. Das gab Hillary Clinton zu. Ohne den westlichen Unruhestifter (deep state's Ordo-ab-Chao Doktrin) würde der Islam weiterhin seinen steinernen Steinzeit-Schlaf halten und könnte mir egal sein. Jammerschade, dass Peter Scholl-Latour nicht mehr unter uns ist. Seine Stunde würde jetzt schlagen.

Benedikt Kaiser

4. April 2018 11:15

@Franz Bettinger:

Und genau dies zeigt, daß die US-amerikanisch-neokonservative Umdeutung geopolitischer, materieller und religiöser Realitäten auch bei neokonservativ-deutschnationalen Publizisten greift.

Ohnehin läßt sich ja zusammenfassen: Das gesamte Problem des »radikalen Islam« ist ein Problem der diversen Erscheinungsformen sunnitischer Neofundamentalismen (Wahhabismus, Salafismus et al.), die wesentlich auf der Takfiri-Ideologie beruhen. Weshalb, im übrigen, die Opfer ihres globalen Terrors in der Mehrzahl der Fälle »andersgläubige« Muslime (Schiiten, Aleviten, Alawiten usw.) sind.

Aufschlußreich ist in diesem Kontext insbesondere die Kumpanei westlich-kapitalistischer Nationen mit den Exporteuren der wahhabitischen Ideologie um Saudi-Arabien. Beide Modelle harmonieren geostrategisch (Anti-Iran, Anti-Syrien, partiell Anti-Rußland), aber auch in zunehmenden Maße vom Menschenbild her: der ostentative Konsumismus in den Malls der Golfstaatenstädte unterscheidet sich jedenfalls nur graduell von den Vorbildern im Westen, und die neuen Prunkmoscheen in Bosnien oder dem Kosovo, aber häufig auch in Westeuropa, werden von wahhabitischen Finanziers ermöglicht. Es ist ausschließlich diese depravierte Form des sunnitischen Islam, die zutiefst expansionistisch wirkt und, in letzter Konsequenz, wenn die Rahmenbedingungen es als Option zulassen (vgl. Irak und Syrien 2012ff, Libyen 2015ff usf.), eliminatorische Dimensionen annimmt. Es geht daher, dies erneut betont, augenscheinlich nicht um »den« Islam.

Tobinambur

4. April 2018 11:55

Aufatmen! Die Waldstein-Thesen sind eine Katastrophe. Im Wesentlichen sind sie nicht nur „romantisch“, sondern zumindest im ersten Thesendrittel linksradikal: sie kolportieren die linke These vom antiimperialistischen Impetus des Islam. Man lese Roger Garaudy, der 82 zum Islam konvertierte. Es ließen sich zu S. Gerlichs brillanter Erwiderung noch weitere Belege hinzufügen. Tatsächlich war der Islam eher ein Hindernis für den Transfer des antiken Geistes und nicht nur des bloßen Buchstabens. Dies liegt im unantastbaren politisch-religiösen Glaubenskern des Islam begründet, der unter den Bedingungen gleichzeitiger säkularer nichtreligiöser Tendenzen nur mehr oder weniger ausstrahlen, nicht aber absolut dominieren oder völlig erlöschen kann. Das lässt sich schön an der Biografie von Ibn Rushd alias Averroës aus Córdoba verdeutlichen: Er bekam vom Almohaden-Kalif Yusuf I., der ein relativ toleranter, säkularer Herrscher war, die Aufgabe Aristoteles‘ Werke zu übersetzen und zu kommentieren. Sein Sohn und Nachfolger Yaqub al-Mansur war Averroës zunächst ebenfalls wohlgesonnen, benötigte jedoch für seine Kriegsführung die Unterstützung des islamischen Klerus zur Mobilisierung der Massen, weshalb sie seinen Tod forderten. Der Kalif erreichte jedoch, dass sich der islamische Klerus mit einer Verbannung des Philosophen und der Verbrennung seiner Bücher zufrieden gab. Von der islamischen Orthodoxie werden seine Werke bis heute abgelehnt.
Keine Gesellschaft ist immer zu 100% ihren religiösen oder sonstigen Grundüberzeugungen verpflichtet. Diese sind mal mehr oder weniger dominant. Das Beispiel zeigt: Ein starker politischer Herrscher mit säkularen, vielleicht sogar hedonistischen Charakterzügen, dem mindestens aber die kindliche Neugier und Wissbegierde nicht von religiösen Lehrern aberzogen werden konnte, kann so lange einen Spielraum und Freiraum schaffen, bis die Machtkonstellation wieder umschlägt und er – wie im Beispiel – wieder auf die Massen und damit auf die Dirigenten ihrer Überzeugungen angewiesen ist.
Die Bedingungen für diesen Wandel zu analysieren ist Aufgabe der Historiker und Forscher – doch diese verfehlen ihre Aufgabe fast durchgehend und schreiben ihre monokausalen „Meistererzählung“ (so auch Waldstein), statt sowohl die vielen Schichten und deren Zusammenspiel zu beschreiben, als die uns die Gestalten der Geschichte erscheinen.
Dann würde auch die vermeintliche „Islamsympathie“ von Denkern wie Nietzsche und auch Dichtern wie Ernst Jünger verständlich werden: Sie erkennen im Islam ein viriles Überzeugungssystem, das zu dem dekadenten und nihilistischen Geist ihrer eigenen Kultur einen lebensfähigen Kontrast bildet. Diese Virilität, dieser Wille zur Macht ist tief in das islamische Überzeugungssystem eingebaut. Würde man es „hinwegreformieren“, dann wäre das kein Islam mehr und jeder, der diese Reform negiert, würde damit den Islam wieder zum Leben erwecken. Dem Islam ist sein eigener Waldgang eingebaut; er ist – einmal in der Welt – unausrottbar. Er ist eine ideale Religion zur Beherrschung einer geschlechtslosen konsumistischen Biomasse. Er bedient gleichzeitig antimoderne Überzeugungen bei gleichzeitiger Akzeptanz eines reinen Halal-Konsumismus, der sich an seine Regeln hält. Gerade diesem Antimodernismus gehen Linke wie Rechte auf den Leim (Davila wäre das nicht passiert!). Das ist zumindest mit Mr. Spock gesprochen: faszinierend.

Valjean72

4. April 2018 13:24

Nun, ich bin Thor von Waldstein für seinen diskursanregenden und wie gewohnt stilistisch überaus feinen Aufsatz dankbar.

@A.Kovacs: „Dann: Herr Gerlich geht kaum auf einen entscheidenden Vorwurf Herrn v. Waldsteins gegen die deutschen Eliten ein, die für die Masseneinwanderung seit den „Gastarbeiter“-Zeiten verantwortlich sind.“

Zustimmung zu dieser Aussage, allerdings scheint mir die nachfolgende Behauptung damit nicht recht in Einklang zu bringen zu sein.

„Solche Thesen wie die Herrn v. Waldsteins untergraben jeden Widerstand, weil sie verzetteln und die Stoßrichtung schwächen.“

Was ist denn die Stoßrichtung? Der Kampf gegen den Islam? Das widerspräche doch dem eingangs aufgeführten Zitat von Ihnen.

Nach meinem Verständnis kommt die beinahe ausschließliche(!) Fokussierung auf den Islam einer Ablenkung gleich.

Franz Bettinger: „Glauben Sie, die westliche Allianz (allen voran USA, GB und Frankreich) könnte Afghanistan und Irak überfallen (und dies wie wir wissen, völlig grundlos), von Libyen und Syrien mal ganz abgesehen, hunderttausende töten und dann behaupten, der Islam habe "uns" den Krieg erklärt?“

Nach meiner Einschätzung werden das alte Europa und die muslimische Welt Afrikas und des Nahen Osten gezielt gegeneinander in Stellung gebracht, spätestens seit der Theateraufführung „11. September“, wobei Huntington diese Blaupause ja schon vorher ankündigte.

Die Militäroperationen, Kriege gegen den Irak und gegen Libyen sind folglich auch keine gescheiterten Operationen, wie für gemeinhin kolportiert wird, da der „Westen“ ja die besten Absichten gehabt hätte, in dem er vollkommen von Humanismus beseelt „freedom and democracy“ exportieren wollte.

Nein, die Schaffung von „gescheiterten Staaten“ (verbrannter Erde) in Nachbarschaft zur EU (Libyen, Irak, Ukraine) dient dazu dauerhaft Brandherde zwischen Europa und Nahost, bzw. zwischen Europa und Russland (respektive zwischen Russland und Nahost) zu installieren, um ein kooperatives Zusammenleben zu erschweren, auszuschalten oder gar in eine Konfrontation übergehen zu lassen.

Jene, die für die Zerschlagung Libyens verantwortlich zu zeichnen sind, mussten zudem wissen, dass dadurch (als Nebeneffekt?) mittelfristig der Migrationsdruck auf Europa ungeheuer ansteigen wird.

Dies gilt ebenso für die Kräfte, welche den IS aufbauten und die für Syrien ein libysches Schicksal vorsahen.

Darüber hinaus sollte es sich doch mittlerweile herumgesprochen haben, dass die Agenda des Austausches ("diversity") doch von den „eigenen Eliten“ in Politik, Medien und Kirchen vorangetrieben wurde und wird.

Ein (vermeintlich oder auch tatsächlich) expansiver Islam wäre ein geringes Problem für die Nationalstaaten der europäischen Union, wenn diese von Politikern geführt würden, die das Wohl des jeweils eigenen Volkes - in Einklang mit den Nachbarnationen - in den Mittelpunkt der Betrachtung stellten.

Andreas Walter

4. April 2018 14:21

Interessant, wie jeder Schriftsteller (und Denker) anscheinend seine Eigenarten hat. Schwacher Anfang, schwaches Ende, doch der Mittelteil hat es absolut in sich, ist beeindruckend.

Auch bei diesen Ausführungen scheint jedoch diese tiefere Wahrheit wieder durch, die etwas mit Nahrungsangebot, Wüste, Kargheit, Härte, Nomadentum usw. zu tun hat.

Verspielte, infantile, dekadente, übersexualisierte, sesshafte, "Bonobos" im "Westen" stehen all dem natürlich diametral entgegen.

Die Lehre der Leere versus die Lehre der Fülle. In der Einen gibt es darum Bananen, in Anderen keine.

Eine wahrhaft interessante Völker- und Kulturlehre baut sich dabei immer mehr in meinem Kopf auf, die etwas mit geografischen Gegebenheiten und dadurch Vorgaben zu tun hat. Erst der Affe und dann der Mensch als ein Produkt seiner Umgebung. Sogar bis tief in den Geist hinein, in die Kultur. So fern er denn Einen/Eine besitzt. Also auch innerhalb auch der gleichen Kultur zu beobachten, das Phänomen.

Bei letzterem dienen dann Religion, Philosophie und auch die politischen Lehren lediglich der Verbrämung, der Kaschierung unser aller tierischen, animalischen Wurzeln.

Rechtfertigungsrhetorik für unsere Bestialität, weil wir eben alle auch Tiere sind, körperlich, Bedürftige, und das auch immer bleiben werden. Seit dem Himmelssturz eines jeden von uns. Ein Tier würde mit allem was es kann und hat kämpfen bis zum letzten Atemzug, Gott dagegen lacht, wenn man ihn vor ein Erschiessungskommando stellt.

Muss und kann daher jeder nur für sich selbst entscheiden, wenn es nicht durch sein Schicksal (Geburtsort, Prägung) bereits vorgegeben ist. Die Grundlagen der menschlichen Entwicklung sollen ja mit etwa 21 Jahren abgeschlossen sein. Zum "Rechten" bin ich aber trotzdem erst mit 45 geworden. Oder essen alle armen Teufel auch Fliegen, wenn es keinen Schweinebraten mit Klössen und Soße mehr gibt? Na dann.

Homo dinamicus, alles zu seiner Zeit (Ort und Raum).

Stil-Bluete

4. April 2018 14:33

'Araber
Bei einem östlichern Volke, den Arabern, finden wir herrliche Schätze an den Moallakat. Es sind Preisgesänge, die aus dichterischen Kämpfen siegreich hervorgingen; Gedichte, entsprungen vor Mahomets Zeiten, mit goldenen Buchstaben geschrieben, aufgehängt an den Pforten des Gotteshauses zu Mekka. Sie deuten auf eine wandernde, herdenreiche, kriegerische Nation, durch den Wechselstreit mehrerer Stämme innerlich beunruhigt. Dargestellt sind:
festeste Anhänglichkeit an Stammgenossen, Ehrbegierde, Tapferkeit, unversöhnbare Rachelust, gemildert durch Liebestrauer, Wohltätigkeit, Aufopferung, sämtlich grenzenlos. Diese Dichtungen geben uns einen hinlänglichen Begriff von der hohen Bildung des Stammes der Koraischiten, aus welchem Mahomet selbst entsprang, ihnen aber eine düstre Religionshülle überwarf und jede Aussicht auf reinere Fortschritte zu verhüllen wußte...'
(aus: Johann Wolfgang von Goethe, 'West-östlicher Diwan'. Noten und Anmerkungen)

A. Kovacs

4. April 2018 15:16

@Valjean72
Mohammedaner und damit der Islam sind die gewaltbereite Fünfte Kolonne der politischen und wirtschaftlichen Elite, von der Herr v. Waldstein spricht. Die Stoßrichtung muss daher gegen beide gehen, wie ich versuchte, in meinen abschließenden zwei Punkten zu zeigen: Grenzschließung jetzt (=5 nach 12) und Abwahl der Einheitsparteien hoffentlich nicht erst in drei Jahren (=10 nach 12). Ob das realistisch ist, überlasse ich Ihnen zu beurteilen.

Juerg_Jenatsch

4. April 2018 16:39

Nun was diese Diskussion angeht, so neige ich eher dazu die Position von Herrn v. Waldstein einzunehmen. Herr von Waldstein hat mitnichten, wie oftmals unterstellt, den Islam gehuldigt oder ihn all zu romatisch verklärt, sondern statt dessen das ethnische Problem betont, welches im Zustrom afro-orientalischer Massen liegt, die noch dazu eine höhere Geburtenrate aufweisen. Hat sich doch letztes Jahr die Zahl der Kinder/Frau (ausländischer Herkunft) von 1,95 auf 2,25 erhöht, während die Geburten der deutschen Frauen (plus Eingebürgerte) marginal von 1,46 auf 1,49 bewegt haben. Es geht Herrn v. Waldstein darum, sich nicht im amerikanischen Interesse in einen Konflikt mit dem Islam zu stürzen und uns in einen Kreuzzug hetzen zu lassen. Wir haben doch gar nicht die Kampfkraft an jungen Männern, diesen erfolgreich zu absolvieren. Währenddessen nutzen die Amerikaner die Islambrigaden für ihre geopolitischen Zwecke. Und natürlich dienen die über die Karte verschobenen Massen, dem globalen Kapital als auszubeutende Quelle des Reichtums. Anfangs, zu Zeiten der Gastarbeiter, als geringverdienende Produzenten und jetzt als Konsumenten, welche die Reserven der Mittelschichten verzehren. Sie sind ein Problem, aber nicht das Hauptproblem, denn ohne die Entmachtung der derzeitigen Eliten ist alles Räsonnieren wohlfeil. Projekte wie eine finanziell großzügig dotierte Remigration können erst nach dem Elitenaustausch in Angriff genommen werden.

Immer noch S.J.

4. April 2018 16:40

Bei aller Liebe zur Auseinandersetzung mit der Geschichte muss man sich nötigen, hier die Frage nach dem kulturellen Beitrag des Islam für Europa als nachrangig zu betrachten. Diese Frage ist akademischer Natur. Es gibt einen Beitrag, aber er legitimiert ja nicht einen völlig aus den Fugen geratenen Migrationsprozess, zumal sich dieser – vorsichtig formuliert – derzeit nicht als kulturell inspirierend gestaltet. Die Diskussion wird geführt, weil es um seine Auswirkungen geht.

Eine Auswirkung dürfte sein, dass sich die „Strategie des unberechenbaren Irren“ fortsetzt. Diese Bezeichnung für die Politik der USA führte der französische Politologe Emmanuel Todd im Jahr 2002 ein, um zu beschreiben, dass die wirtschaftlich und militärisch niedergehende Supermacht seit 9/11 durch permanentes Schüren von Konflikten und Krisen Kontrolle und Druck auszuüben bestrebt ist. Es bedarf keiner großen Kunst zu erkennen, wie sehr die Migrationskrise das erstarkende Europa erst einmal gehörig ins Schlittern gebracht hat. Es gehört in die Betrachtungen, dass auch ohne einen Anschub von außerhalb das wohlhabende Europa eine Magnetwirkung für perspektivlose, überbevölkerte Länder ausübt.

Die wirklich wichtigen Auswirkungen sind im bereits genannten Überblicksartikel der französischen Zeitschrift „Commentaire“ ausgeführt worden (https://www.tichyseinblick.de/meinungen/verlockungen-des-islam-und-neue-rollenverteilungen-in-der-weltpolitik/). Kurz gesagt: Die Lektüre ist alles andere als angenehm.
Zum Abschluss sei noch kurz auf die Hoffnung der politischen Linken eingegangen, dass der angenehme, freiheitlich-westliche Lebensstil einen Reformprozess des Islam beschleunige. Diese Annahme setzt eine kontinuierlich prosperierende Wirtschaft voraus, in der das Gros tatsächlich Arbeit und Perspektiven hat oder zumindest ein attraktives Sozialsystem die Härten unerfüllter Wünsche mildert. Wie das in einer unkontrollierten Massenzuwanderung geschehen soll, bleibt offen bis riskant. Eigentlich sollte die politische Linke das wissen. Leider muss man zur Kenntnis nehmen, dass die politische Linke in dieser Hinsicht christlich motivierte Koalitionspartner gewonnen hat. Man gibt sich einer kaum zu überblickenden Wiedergutmachungsverpflichtung hin, die sich aus dem derzeitigen Waffenhandel der Industrieländer, dem Zeitalter des Kolonialismus und der christlichen Nächsten- bis Fernstenliebe zusammensetzt. Diese Wiedergutmachungsverpflichtung wird auf allen Kanälen so stark angetrieben, dass es tatsächlich einem bedeutenden Teil dieser Gesellschaft gelingt, den Islam mit einer Einstellung wahrzunehmen, die der des berühmten Lawrence von Arabien ähnelt.

Ein gebuertiger Hesse

4. April 2018 16:44

Man kann sich wahrlich nur freuen, wenn Thor von Waldstein in einem dritten Beitrag auf diese exzellente Erwiderung Gerlichs seinerseits antworten wird. SiN läuft mit diesem Schlagabtausch, der nicht weniger als Elementares betrifft, einmal mehr zur Höchstform auf.

Thomas Martini

4. April 2018 16:55

Zitat Valjean72:

"Nach meinem Verständnis kommt die beinahe ausschließliche(!) Fokussierung auf den Islam einer Ablenkung gleich."

Die bisherigen Kommentare zu Thor von Waldsteins Thesen zum Islam, sind ein erschreckender Beweis dafür, wie sehr die von Ihnen angesprochene Ablenkung verfängt.

Islamkritische Bundesdeutsche zeigen in dieser Hinsicht das Verhalten von aufgescheuchten Hühnern, die Käfighaltung gewohnt sind. Beachtlich dieser Kampfgeist und Wille zur Selbstbehauptung, gegen einen Hund, den das Herrchen in den Stall ließ.

Wenn Herr Gerlich denn sein prowestliches Störfeuer abgeschlossen hat, kann man die Debatte hoffentlich auf das Wesentliche lenken. Dazu reicht es, sich auf Herr von Waldsteins letzte Thesen zu konzentrieren. ( Nr. 17 und 18 )

Zitat Der_Juergen:

"Bei aller Wertschätzung für Thor von Waldstein - bei dieser Debatte zieht er den Kürzeren, weil seine romantisierende Vorstellung vom Islam eher propagandistischen als wissenschaftlichen Charakter trägt, aber wohl auch, weil es ihm einfach an Wissen zu diesem Thema fehlt."

Es ist Gerlich, der hier bislang in Kaffeehausmanier ohne Quellenbezug argumentiert. Kurios ist, noch niemand fragte nach "Beweisen". Dafür kann es nur einen Grund geben: Sein "Wissen" deckt sich mit den proamerikanischen und proisraelischen Ansichten der Leserschaft. Einer der Kommentatoren ging soweit, Thor von Waldstein einen "Islam-Kollaborateur" zu nennen. Nun gehört Gerlich allerdings zu jenen Neurechten, die den britisch-amerikanischen Imperialismus verteidigen und ausdrücklich gutheißen. Nach der Lesart handelt es sich bei Gerlich also wohl eher um einen US-Kollaborateur. Und weil diese Art der Kollaboration in der BRD zum guten Ton gehört, bekommt er für seine "Antithesen zum Islam" natürlich mehr Zuspruch. Das hat mit Wissen und Empirie herzlich wenig zu tun, und kann ihm ohne weiteres als feiste Gegenpropaganda ausgelegt werden.

Obi Wan Kenobi

4. April 2018 16:55

Eine gewohnt profunde Antwort von Siegfried Gerlich - aber einige Punkte gehen aus meiner Sicht an Thor von Waldstein. Der Islam bildet heute tatsächlich den Gegenpol zu einer sich ständig weiter entortenden, weiter digitalisierenden, weiter verntzenden Welt des Westens. Das macht seine Schwäche, vor allem aber auch seine Attraktivität aus. Der Westen hat - da gebe ich Benedikt Kaiser recht - alles dafür getan, ausgerechnet die problematischsten Strömungen innerhalb der islamischen Welt nach Kräften zu förden. Ein französischer Präsident - nämlich Nicolas Sarkozy - hat den libyschen Staat als Anführer einer westlichen Allianz in Schutt und Asche bomben lassen und damit zahlreiche Katastrophen ausgelöst, die uns in unserer Gegenwart beschäftigen. Sein kriminelles Motiv lag in der Ausschaltung von Mitwissern seiner Käuflichkeit, denn zuvor hatte er - dafür liegen mittlerweile überwältigende Indizien vor - 50 Millionen Euro von Gaddafi genommen, um seinen Präsidentschaftswahlkampf des Jahres 2007 zu finanzieren. Bei dem Blick auf solche Kabalen wirken selbst die klassischen Imperialisten, die vor 100 Jahren ihr Unwesen trieben, wie Mark Sykes oder Francois Georges-Picot, fast noch sympathisch. Der Westen unterstützt die Terror-Financiers vom Golf und gewährt einer reislamisierten Türkei Narrenfreiheit, während Kräfte, die in der islamischen Welt säkulare Staaten aufbauen wollen, entweder bis aufs Blut bekämpft (siehe Assads syrischen Rest-Staat) oder schmählich im Stich gelassen (siehe die kurdischen YPG-Milizen) werden. Man kann es also zumindets teilweise nachvollziehen, wenn viele Muslime ohnmächtige Wut auf den Westen fühlen - hinzu kommen müsste aber noch die Selbsterkenntnis, für wie viele eigene Probleme dieser Kulturkreis selbst verantwortlich ist. Wo ist das Südkorea, wo das Taiwan der islamischen Welt? Die Islamisierung der vergangenen Jahrzehnte hat sich als komplette Sackgasse erwiesen, sie wird den technologischen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Rückstand zum Westen nur noch weiter vergrößern. Seine Blütezeit könnte angesichts seiner offensichtlichen Mißerfolge schon wieder vorbei sein. Aus meiner Sicht sollte die europäische Politik jetzt versuchen, die letzten Bastionen einer säkularen Staatlichkeit im Nahen Osten zu stützen - in der Realität geschieht leider genau das Gegenteil.

Der_Juergen

4. April 2018 17:10

@W. Wagner

"Kaplaken-Band daraus machen. Ich nehme 10 Stück ab."

Ich auch!

@Benedikt Kaiser

Sie haben durchaus recht mit Ihrem Hinweis darauf, dass das "islamische Problem" in Wahrheit ein sunnitisches Problem ist. Der iranische Schiitismus ist kultivierter und versucht nicht, seine Ideologie gewaltsam zu exportieren. Soweit ich weiss, geht kein einziger der vielen islamischen Terroranschläge in Europa auf Anhänger der Schia zurück. Dasselbe gilt für die Alawiten. Wenn solche auf deutschem Boden Zoff machen, dann in ihrer Eigenschaft als kurdische Nationalisten, die ihren Krieg gegen den türkischen Staat hier austragen, nicht aber als religiös motivierte Terroristen.

@Franz Bettinger

Zu Ihrer Gleichstellung des Alten Testaments (also auch der ersten beiden Mosesbücher, der Psalmen und des Buches Hiob) mit dem düsteren Talmud und dem finsteren Koran. Wenn Sie die Dreistigkeit haben zu schreiben, alle drei Bücher gehörten gemeinsam auf den Misthaufen, so begehen Sie eine Sünde wider den Heiligen Geist. Aber als Atheist werden Sie diese Sünde natürlich auch für ein von den Monotheisten erfundenes Ammenmärchen halten.

Ich wundere mich oft über die Borniertheit ansonsten hochintelligenter und in anderen Fragen zu rationaler Analyse durchaus fähiger Rechter, welche die radikale Unmöglichkeit der Vorstellung, unsere unfassbar komplexe Welt könne durch eine unglaubliche Verkettung von Zufällen aus dem Nichts entstanden sein, nicht kapieren können bzw. wollen. Hierzu ein persönliches Erlebnis.

Als ich anno 1999 mit einem befreundeten italienischen Gelehrten das Naturwissenschaftliche Museum in Prag besuchte, machten wir vor einem Sägefisch Halt. Dieser hat bekanntlich eine lange Säge, die ihm allerlei Nutzen bringt (unter anderem ist sie mit - laut den Evolutionisten selbstverständlich durch reinen Zufall entstandenen - elektrischen Sensoren ausgestattet, die dem Fisch beim Aufspüren von im Sand verborgenen Beutetieren helfen) und auf beiden Seiten exakt dieselbe Anzahl Zacken aufweist. Der Italiener sagte mir, allein schon die Säge dieses Fisches offenbare die Aberwitzigkeit der Evolutionstheorie. Wie kann sich ein solches Organ spontan bilden? Die Säge ist für den Fisch ja erst nützlich, wenn sie bereits funktionsfähig ist, d. h. eine gewisse Länge und eine gewisse Anzahl Zacken aufweist. In den Jahrtausenden oder Jahrhunderttausenden, die laut den Evolutionstheoretikern vergangen sind, ehe sie diesen Zustand erreicht hatte, war sie völlig nutzlos. Dass die erhaltenen Fossile von Sägefischen allesamt eine voll entwickelte Säge erkennen lassen, niemals aber einen kleinen Sägestumpf mit ein paar wenigen Zacken, müsste einen denkfähigen Menschen eigentlich davon überzeugen, dass sich die Säge dieses Fisches nicht "entwickelt" hat, sondern er zusammen mit ihr ERSCHAFFEN wurde.

War etwas off topic, aber ich hoffe, die Hausherren streichen mir diesen Abschnitt nicht. Übrigens: Wer keine Kathedrale von Notre Dame will, kriegt eben eine Moschee von Notre Dame. Zu dem vielen Richtigen, was von Waldstein in seinem insgesamt fragwürdigen Artikel schreibt, gehört seine Feststellung, dass der Islam in Europa nur darum so erfolgreich ist, weil er in ein geistiges Vakuum vorstösst. Dieses geistige Vakuum wurde natürlich schon lange vor Beginn der Invasion sorgfältig geschaffen.

Otto

4. April 2018 17:31

Ich möchte meinen Kommentar auf die Mathematik beschränken, weil ich nur davon ein wenig verstehe.

Den Ausdruck: "... die Glanzleistungen der arabischen Mathematik ..." von Thor v. Waldenstein würde ich als etwas übertrieben ansehen.

In der Periode zwischen Spätantike und europäischer Neuzeit gab es einzelne, großartige Mathematiker. Die herausragendste Leistung in dieser Zeit war wohl die Erfindung der Null von Brahmagupta (Ujjain, Indien) und Weiterführung derselben von al-Chwarizmi (Bagdad, heute Irak). Sicher, man könnte die Erfindung des Dezimalsystems als eine banale Neuanordnung der Zahlen abtun. Vermutlich spielten auch kaufmännische Erfordernisse eine Rolle. Aber schließlich muss man auf so was erst mal kommen.

Den Start der "richtigen" Mathematik, so wie wir sie heute kennen, würde ich auf den Beginn der europäischen Neuzeit festlegen.

Allerdings entsteht nichts ohne Ursache oder Vorbereitung, insofern nehme ich einen mittleren Standpunkt, zwischen Thor von Waldenstein und Siegfried Gerlich ein.

hagustaldaz

4. April 2018 19:41

@ Jürgen

Daß die Welt aus dem Nichts entstand, ist doch vielmehr die Konsequenz Ihrer eigenen Vorstellung, denn Ihr Schöpfergott fand schließlich keine Werkstoffe vor.

Martin Heinrich

4. April 2018 21:27

Wenn etwas gibt, das in der westlichen Welt Renaissance und Aufklärung erst ermöglicht hat, dann war das nicht der Islam, sondern die epochemachende Erfindung Johannes Gutenbergs (1400 - 1468)! Ohne ihn keine Kommunikationsrevolution, keinen regen wissenschaftlichen Austausch. Ohne ihn keine schnelle Verbreitung der Schedelschen Weltchronik, deutschen Lutherbibel, "von der Freoheit eines Christenmenschen", usw.
In Ägypten brachte beispielsweise erst Napoleon I. eine Druckerpresse in das Land. Entsprechend gering dürfte dort der wissenschaftliche Austausch selbst innerhalb des Landes gewesen sein ...

Franz Bettinger

4. April 2018 21:38

@Jürgen:
Ich stehe vor der Evolutionslehre genauso hilflos wie vor der Gottes-Lehre. Ich bilde mir nur nicht ein zu wissen, was man nicht wissen kann. Was man aber erkennen kann, sind die grausamen Widersprüche des Alten Testamentes. AT und Evolution sind faule Eier - wie fast alle Religionen. Ich fantasiere mir aus innerer Not nach Sinn aber keinen Gott herbei und auch keine Evolution. Ich kann damit leben, weil ich mein Leben mit greifbarem, wenn auch endlichem Sinn erfüllt habe. Lassen Sie uns das Thema Gott, verehrter Jürgen, an einem Lagerfeuer fortführen (vielleicht mal in Schnellroda ?), denn Sie haben recht, die Debatte ist off topic und nicht zielführend.

Cacatum non est pictum

4. April 2018 22:22

Wie groß der Beitrag islamischer Gelehrter zur abendländischen Wissenschaft war, ist in der Tat eine politisch völlig irrelevante Frage. Überhaupt ist dieses ganze Kreisen um den Islam als Religion meines Erachtens ein Zeitvertreib ohne nennenswerten Ertrag. Er ist massenmedial angestoßen worden, seit Huntingtons Kulturkampfschinken erschienen ist. Danach hat man das Thema Islam immer stärker in die Öffentlichkeit tropfen lassen - wir erinnern uns: Taliban, bin Laden, Al-Qaida, 11. September (der mit dem Islam soviel zu tun hatte wie der Weihnachtsmann mit Elementarphysik), ISIS etc.

Wer wie ich in in den achtziger und neunziger Jahren in einer westdeutschen Großstadt aufgewachsen ist, der weiß, daß der "molekulare Bürgerkrieg" (wie ihn etwa Götz Kubitschek in seinem Buch "Deutsche Opfer, fremde Täter" beschreibt) schon damals heftig getobt hat. "Was guckst du?", "Ich hol' meine Brüder!" und dergleichen sind Sprüche, die nachgerade zum Erfahrungskanon meiner Generation gehören. Darüber ist seinerzeit schon massiv geschimpft worden, wenn auch stärker unter vorgehaltener Hand als heute. Nur mit dem Islam hat das damals kein Mensch in Verbindung gebracht. Heute sind die Erfahrungen die gleichen, wenn auch quantitativ verstärkt. Und auf einmal meint man, mit dem Islam den Schlüssel zur Identifizierung des Problems gefunden zu haben, nachdem die Islamdebatte jahrelang - wie gesagt: seit Huntington - durch die Massenmedien geisterte und damit irreversibel ins Bewußtsein der Leute gesickert ist.

Die Verteufelung des Islams - ob sie nun berechtigt ist oder nicht - lenkt vorzüglich von den Hintermännern der Masseneinwanderung ab, die uns doch ganz bewußt diese Massen an auch radikalen Mohammedanern ins Land gespült haben. Diese Hintermänner sind gewiß im eigenen Land und im angloamerikanischen Raum zu suchen, aber nicht im Orient.

Valjean72

5. April 2018 07:52

Nachtrag: ich werde den Beitrag von Herrn Gerlich später noch ganz zu Ende lesen und füge hinzu, dass ich dieses Diskursformat grundsätzlich spannend finde.