Das war’s. Diesmal mit: Afroamerikanern und viel Gerede

31. März 2018 -- Wir (ich mit den kleineren Kindern, Abendlektüre) lesen gerade Franz Fühmanns Die dampfenden Hälse der Pferde im Turm von Babel.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Es ist eine hei­te­re und welt­wei­se Sprach­spiel­ge­schich­te. Wir haben die ach­te Auf­la­ge vor­lie­gen, sie stammt aus dem Jahr 2005. Ein­mal geht es um das Wort­spiel Neger-Regen. Natür­lich wur­de nun das Wort „Neger“ von den Her­aus­ge­bern mit einem Stern­chen versehen.

Im Anhang fol­gen­de Erläu­te­rung: „Neger lei­tet sich vom latei­ni­schen niger=schwarz ab. Ganz abge­se­hen davon, daß nicht alle ‘Neger´ schwarz sind, son­dern farbig/dunkelhäutig, wur­de die­se Bezeich­nung oft auch sehr abwer­tend, respekt­los gebraucht. Des­halb wird heu­te von Afri­ka­nern und Afro-Ame­ri­ka­nern gespro­chen.“  Kind, ver­such, damit heu­te durchzukommen!

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1.April 2018 – Haben wir schon oft fest­ge­stellt: Was gesagt /geschrieben wird, ist gar nicht ent­schei­dend, son­dern viel­mehr, wer wo und wann etwas äußert. Das gilt auch jen­seits des strikt poli­ti­schen Raums.

Ein Buch namens Beu­te wur­de nun geschrie­ben. Dar­in: Jemand lernt das Jagd­hand­werk. Beschreibt, wie erhe­bend es ist, wenn man das Blut eines mäch­ti­gen Tie­res ver­gießt, wenn “die Potenz” die­ses Wesens auf einen über­geht. Mit See­len­ru­he wird geschil­dert, wie Spei­se­röh­ren aus Keh­len gezo­gen, Schä­del aus­ge­kocht wer­den. Und die erleg­te Wild­sau trug eine Hand­voll Frisch­lin­ge im Bauch – das ist dann wohl ein effi­zi­en­ter Schuß gegen die Schädlinge!

Ich bin über­zeugt davon, daß die­ses Buch  eher „nicht so gut“ auf­ge­nom­men wor­den wäre bzw. gar kei­nen Ver­lag gefun­den hät­te, wenn es von einem jun­gen wei­ßen Mann geschrie­ben wor­den wäre. Die Autorin, Pau­li­ne de Bok, ist in ihren Sech­zi­gern. Dann ist es schon wie­der ganz cool, oder?

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2. April 2018 – Noch mal: Was man sagt, ist gar nicht ent­schei­dend. Im Umgang mit Jour­na­lis­ten ken­nen wir zum einen ver­schie­de­ne For­men der Kontextverletzung.

Der Medi­en­wis­sen­schaft­ler Bern­hard Pörk­sen hat in sei­nem gera­de viel­be­ach­te­ten (und trotz vie­ler­lei Ein­wän­den lesens­wer­ten) Buch Die gros­se Gereizt­heit sechs For­men der Kon­text­ver­let­zung her­aus­ge­ar­bei­tet. „Kon­text­ver­let­zung heißt, daß das Reden und Han­deln in ande­ren Zusam­men­hän­gen auf ein­mal eine ande­re Bedeu­tung zuge­spro­chen bekommt, über die man nicht mehr zu ver­fü­gen vermag. “

Ein Bei­spiel: Vor zwei Jah­ren hat­te Kubit­schek in einem viel­stün­di­gen Gespräch mit zwei FAZ-Leu­ten sich zur Fra­ge geäu­ßert, wer Deut­scher sei. Kubit­schek hat­te einen lan­gen Bogen gespannt. Er sag­te dar­in auch, daß es im Ernst‑, d.h.  Kriegs­fall natür­lich sim­pel sei: Wer bereit sei, für sein (in dem Fall: deut­sches) Vater­land zu ster­ben, sei frag­los ein Deut­scher. Davor waren vie­le Sät­ze zum „Deutsch­sein“ gefal­len, nach­her auch. Die­ser eine publi­zier­te mach­te aber nach­hal­tig die Run­de: Ein Deut­scher sei, wer sich für Deutsch­land erschie­ßen las­se – das simp­le Welt­bild des Herrn Kubitschek.

Daß Sät­ze aus dem Kon­text gezerrt wer­den, ist das eine.

Das ande­re ist: Jour­na­lis­ten fra­gen gezielt, man ant­wor­tet gezielt. Es gäbe Dut­zend Bei­spie­le, wie es den­noch aus dem Ruder lau­fen kann. Bei­spiel a): Ich brin­ge Jour­na­lis­tin X auf das The­ma „Ambi­va­lenz“, und wie wich­tig es sei, sich die Fähig­keit zur Ambi­va­lenz, zur Ambi­gui­tät zu erhal­ten. Ich male das aus. Ich nen­ne Bei­spie­le, wo die „Gegen­sei­te“ ver­mut­lich rich­tig liegt.

Was schreibt Frau X: „Bei Kositza gibt es kei­ne Ambivalenz.“

Oder dies: Ein blut­jun­ger „Lang­ZEIT­be­ob­ach­ter“ an unse­rem Mes­se­stand in Leip­zig frag­te inten­siv nach, ob wir nur des­halb in Hal­le 5 gegan­gen sei­en, weil wir dort Ärger gesucht hät­ten. Nö, ganz sicher nicht. Seit 15 Jah­ren war Hal­le 5 unser Besuchs­schwer­punkt, weil dort die inter­es­san­ten Ver­la­ge mit ihren Neu­erschei­nun­gen pla­ziert sind.

Ich hat­te dem Jung­schrei­ber geschil­dert, daß ich dies­mal ein biß­chen Schiß hät­te, weil wir ja mitt­ler­wei­le bekann­ter sei­en, und daß ich mich gar nicht gern allein unbe­glei­tet in die­se Gän­ge begäbe.

Tat­säch­lich gab’s dann Ärger an den lin­ken Stän­den, ein laut­star­ker „anti­fa­schis­ter“ Klein­pro­test. Genervt kehr­te ich zurück an den Stand. ZEIT­mann: „Aber Sie woll­ten pro­vo­zie­ren, oder?“ – „NEIN!“

Was schreibt er? Daß Kositza sich freut, daß end­lich was los sei und daß sie sich ärge­re, daß kei­ne Lin­ken zum Antai­oss‑Stand kämen.  Mit „Kon­text­ver­let­zung“ hat das nun gar nichts mehr zu tun!

Letz­tes Bei­spiel: Als distan­zier­te „Beob­ach­ter“ am Stand hat­ten sich auch René Agu­i­gah und Ijo­ma Man­gold ein­ge­fun­den. Wir baten sie näher, prie­sen natür­lich unse­re Bücher. Es ent­wi­ckel­te sich ein län­ge­res (und ganz gutes) Gespräch zwi­schen Man­gold, Agu­i­gah, Deutsch­land­funk-Kul­tur-Wel­len­chef Hans Die­ter Hei­men­dahl und Kubitschek.

Ein Schwer­punkt: Ob wir uns als „Opfer“ gerier­ten. Kubit­schek wies die­ses Opfer-Nar­ra­tiv strikt zurück: Mit­nich­ten rei­te er auf einer Opfer­rol­le herum.

Das Resul­tat im Deutsch­land­ra­dio-Gespräch, das Agu­i­gah mit den Ass­manns führ­te: War­um wir uns anläß­lich der Buch­mes­se zu Unrecht als Opfer fühlen.

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3. April 2018 – Was ganz ande­res. Unser fami­liä­rer Oster­schock war die­ser: Die Nach­richt, daß die ortho­do­xe Äbtis­sin Diodo­ra bei einem Ver­kehrs­un­fall schwer ver­letzt wur­de und seit­her im Koma liegt. Eine Mit­schwes­ter kam ums Leben.

Wer ist Diodo­ra? Sie sei „die Lie­be selbst“ schreibt der Erz­pries­ter. Wer je das (damals gut­ver­kauf­te) Buch der Jour­na­lis­tin Ilka Piep­gras Mei­ne Freun­din, die Non­ne gele­sen hat, weiß, daß das wohl zutrifft. Frau Piep­gras beschrieb dar­in, wie sie nach Jahr­zehn­ten ihre alte Schul­freun­din besucht, die damals Char­lot­te Sta­pen­horst hieß, eine hoch­be­gab­te Stu­den­tin war und nach einem Grie­chen­land­be­such ihr Leben jäh änder­te – sie trat zum ortho­do­xen Glau­ben über und wur­de zur Ordens­frau, letzt­lich Äbtis­sin Diodo­ra mit extre­mer Strahlkraft.

Fast jeder in unse­rer Fami­lie hat die­ses Buch gele­sen. Diodo­ras Wir­ken – vor­bild­lich! Gera­de eben, Ende letz­ten Jah­res, hat­te sie einen neu­en Auf­trag erhal­ten: ein Frau­en­klos­ter in Nie­der­sach­sen auf­zu­bau­en. Ihr nun best­mög­li­che Gene­sung zu ermög­li­chen, haben wir unser Scherf­lein beigetragen.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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Kommentare (7)

H. M. Richter

3. April 2018 08:50

"Im Anhang folgende Erläuterung: „Neger leitet sich vom lateinischen niger=schwarz ab. Ganz abgesehen davon, daß nicht alle `Neger´ schwarz sind, sondern farbig/dunkelhäutig, wurde diese Bezeichnung oft auch sehr abwertend, respektlos gebraucht. Deshalb wird heute von Afrikanern und Afro-Amerikanern gesprochen.“" [s. o.]
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Was hätte Fühmann auf diese Erläuterung hin wohl gesagt, fragte ich mich beim Lesen.

Vielleicht hätte er ja auf die jüdischen Kinder an Berliner Schulen verwiesen, die derzeit durch einen importierten Antisemitismus damit konfrontiert werden, daß ihnen die Bezeichnung "Jude" als vermeintliches Schimpfwort entgegengeschleudert wird.
Durchaus "oft" und "abwertend".
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Die Nachricht über den Unfall von Äbtissin Diodora schockierte sehr, - der obige Hinweis auf die Möglichkeit, ihre medizinische Versorgung möglichst optimal zu gestalten, ist in signum in bonum gewichtiger als 1.000 Lügen über Schnellroda es in malum je sein könnten.

hessenbursche

3. April 2018 20:18

Leider geht trotz Osterfreude das irdische Leiden weiter :-(

Danke für den Hinweis auf eine Spendenmöglichkeit für die beim Unfall verletzte Äbtissin; werde auch mein Scherflein beitragen.

Gast auf Erden

3. April 2018 20:52

…wollte mich erst einmal bei der Schlossherrin des inzwischen wohl schon sagenumwobenen Neuschwanstein des Ostens bedanken für den mir während der Messe am Stand kredenzten köstlichen Roten.
Während es auf/in der „Leseinsel“ (viel mehr als Robinson und sein Freitag hatten ohnehin keinen Platz) hoch her ging, hatte ich das Gefühl vom „Auge im Taifun“ und den Gedanken von heiterer Gelassenheit, wie es, glaube ich, N. Fest am Ende seiner Clips immer empfohlen hat, wer denn zuletzt die besseren Argumente habe. Gut, wer „Frankfurt“ live erlebt hat oder auch die „Leos“ der Polizei, riesige Wasserwerfer am Jungfernstieg, da war der Überraschungseffekt nicht mehr so gewaltig.
Jedoch ist mehr und mehr Menschen klar, dass bald in der Breite etwas passieren wird. – Eine vielleicht etwas despektierliche Frage: ist Herr Murray bei „Antaios“ abgeblitzt? -

Kositza: Nein, man muß es ganz schnöde sagen: Wir kamen zu spät!
Ich für meinen Teil bin noch etwas unschlüssig, wo und wie ich „meinen Hut in den Ring werfe“. Nochmals danke für die mobile Weinverkostung und ein herzlicher Gruß aus dem Holsteinischen.

Immer noch S.J.

3. April 2018 21:41

Nur das: Jemand, mit dem länger zu arbeiten bereichernd gewesen wäre, sagte mir einmal, man könne etwas oder jemanden begutachten oder beschlechtachten. -

ratzeputz

4. April 2018 07:54

Das Buch "Beute" ist ja nicht überall gut angekommen. Ob es bei denen, die es gut aufgenommen haben, so gewesen wäre, wenn es von einem jungen weißen Mann geschrieben worden wäre? Ich glaube: ja. Weil es ein gutes Buch ist. Die Autorin kann schreiben und das, was sie beschreibt, beschreibt sie gut und eindrucksvoll - und bei einem Thema wie Jagd ist das nun manchmal eben auch blutig.
Ich befürchte, dass Frau Kositza das Buch nicht wirklich gelesen hat; von erhebenden Gefühlen und Potenzübergängen steht da nicht viel drin. Vielmehr schreibt da jemand von seinem Versuch, sich nicht dem Verantwortungsverlust an der Supermarktfleischtheke hinzugeben, sondern das Fleisch, das er essen will, selbst zu erbeuten und das dafür getötete Tier so vollständig wie möglich zu verwerten. Die Autorin versteckt sich dabei auch nicht hinter blumigen Begriffen aus der Jägersprache, sondern geht im wahrsten Sinne des Wortes sehr tief; manchmal eben auch fast schmerzhaft tief. Was sie beschreibt ist Natur und die ist schön und schrecklich zugleich und so ist die Jagd als einer der wenigen Momente, wo der Mensch sich noch mit seiner Natur auseinandersetzen muss, eben auch. Das ist kein cooles Buch, sondern - wie gesagt - ein gutes Buch.

Und, am Rande: fast jedes weibliche Tier, das im Herbst / Winter geschossen wird, ist trächtig. Auch das ist Natur und keine Schädlingsbekämpfung.

Olaf_S

5. April 2018 06:53

Beten wir für die Genesung unserer Äbtissin Diadora! Möge Gott der Seele Mutter Dimitras und der drei älteren Frauen gnädig sein, die bei diesem Unfall ums Leben gekommen sind! Mein letzter Kenntnisstand ist, das es der Äbtissin etwas besser geht. Hoffen wir das beste und beten wir für eine Stärkung des Orthodoxen Christentums für unser deutsches Volk. Möge Gottes dafür den Samen legen.

KMartell

28. Juni 2018 23:23

Ostschismatiker sind Protestanten mit besserer Kleidung.