Sezession
16. April 2018

Der Schulderhaltungssatz – wir sind immer schuld

Johannes Poensgen / 35 Kommentare

Ein Freund kommt von einer Dienstreise nach Indien zurück. Er erzählt, was er sah, als er auf der Autobahn aus Neu-Delhi herausfuhr:

Johannes Konstantin Poensgen

Johannes Konstantin Poensgen studiert Politikwissenschaft und Geschichte.

  • Sezession

Da waren rundherum Slums. Im rechten Winkel zweigten Straßen von der Autobahn ab, und führten direkt in die Slums hinein. Immer wieder mußten wir halten, weil vor uns jemand eine Vollbremsung hinlegte, um dann in eine dieser Straßen abzubiegen. Wenn man diese Straßen entlang sah, lag da überall Müll. Und daß waren noch die mittelmäßigen Stadtteile! Die ärmsten der Armen wohnten draußen praktisch auf der Müllhalde.

Ich sah ein Kind, das mit einem Plastikkanister zu einem Wasserhahn ging und diese braune Brühe nach Hause brachte. Da wurde mir schlecht. Wenn man das gesehen hat, dann kann man schon verstehen, warum die alle hierher kommen und auch ihr Stück vom Kuchen abhaben wollen.

(nachdenklich)

Und wenn man sich die Weltwirtschaft anschaut, kann man ja nicht sagen, daß wir daran unschuldig sind.

Auf den letzten Satz antworte ich ihm, daß Indien vollkommen korrupt ist (mit dem Durchschnittsintelligenzquotienten versuche ich es erst gar nicht).

Er antwortet:

Aber Korruption gibt es Überall, im Grunde ist das halt nichts anderes, als daß man eben jemanden kennt, der etwas für einen macht. Natürlich, wenn du im mittleren Osten Geschäfte machen willst, da sagt der Scheich dir halt: „Im Übrigen hätte ich gern noch den neuen Ferrari für 300.000€.“ Das gehört mit dazu. Aber im Grunde ist das nichts Anderes, als bei uns.

Szenenwechsel. Ein Gespräch:

„Ich habe diese Reportage über Peru gesehen. Da bezahlt so ein Agrarkonzern der Regierung Wassergeld, dann pumpt der das Wasser aus 150 Meter Tiefe hoch und pflanzt dort seine Avocados an und drum herum verdursten die Menschen.“

„Ich meine, da steckt auch unser Konsumverhalten dahinter“

„Ja, wenn das nur im Supermarkt so gekennzeichnet wäre: „Wegen dieser Avocado sind so und so viele Kinder gestorben.“, aber so ist das schwierig.“

„Es gibt halt zu viele Leute mit zu viel Geld.“

Diese Leute fühlen sich schuldig für das Elend der Dritten Welt. Das ist zunächst nicht so absonderlich, wie es scheint. Denen geht es schlecht, uns geht es gut. Die leben im Elend, wir leben im Überfluß. Seit eh und je haben Menschen zwischen dem Reichtum der Einen und der Armut der Anderen kausale Verbindungen angenommen.

Das ist ja nicht immer falsch. Afrika zum Beispiel ist der ärmste Kontinent der Welt. Seine Präsidenten aber sind die reichsten. Aber genau dagegen, die einheimischen Eliten dieser Länder verantwortlich zu machen, wehrt sich der Durchschnittsdeutsche mit Händen und Füßen.

Ich werde den Verdacht nicht los, daß er tief unter seinen antirassistischen Phrasen weiß, daß die grassierende Mißwirtschaft der Dritten Welt nichts mit diesem oder jenem Regime zu tun hat und alles mit den entsprechenden Völkern. Daß das Krebsgeschwür der Drittweltkorruption etwas ist, was keine Revolution, keine Demokratisierung und kein Good-Governance-Programm jemals beseitigen wird.

Nun ist aber Bestechlichkeit keine Folklore. Brasilianerinnen laufen während des Karnevals im Stringtanga durch die Öffentlichkeit und wackeln dabei mit dem Hintern. Araberinnen schlagen ganzjährig in die entgegengesetzte Richtung aus. Und Franzosen beiderlei Geschlechts essen Frösche, Schnecken sowie den euphemistisch als „Meeresfrüchte“ titulierten Beifang. Selbst wenn es ihn persönlich stört, hindert das den Fremden nicht daran, den betreffenden Kulturen mit Respekt zu begegnen. Auch wenn es ulkig und/oder eklig ist: Das ist deren Kultur, wer bin ich, daß ich mir darüber ein moralisches Urteil anmaße!

Über Korruption und Mißwirtschaft, die ganze Kontinente ins Elend stürzt, mit derselben Geste der Akzeptanz hinwegzublicken, bringt aber keiner zustande. Vor allem dann nicht, wenn die dadurch Verelendeten an unseren Küsten anlanden. Niemand kann diese Zustände wahrnehmen, ohne ein abwertendes Urteil über die besagten Völkerschaften zu fällen und ihnen die Schuld an ihrem Elend selbst zuzuschreiben.

Doch „andere Abwerten“ und „victim blaming“ gehören zu den Todsünden der toleranten Gesellschaft. Zumindest, solange es um lizenzierte Opfergruppen geht, welche unter dem Schutz eines Abwertungsverbotes stehen. Nur verschwindet damit ja kein Problem aus der Welt und mit dem Problem bleibt auch die Schuld an seiner Verursachung erhalten.

Der Schulderhaltungssatz besagt:

Wann immer dem Verursacher A nicht die Schuld an etwas zugerechnet werden darf, geht die Schuld auf B über, wobei B in den seltensten Fällen etwas dafür kann. Solange es sich bei B um weiße Männer handelt, gilt dieser Vorgang in westlichen Gesellschaften als Ausdruck höchster Tugend und Merkmal einer vorurteilsfreien Gesinnung.

Ja, so ist das zweifellos, und dieser Mechanismus funktioniert übrigens nicht nur beim Elend der Dritten Welt. Ich gehöre zu den Jahrgängen, die mit dem Irakkrieg politisiert wurden. Wir Jugendlichen waren sowieso alle dagegen und der größte Teil der Erwachsenen auch. Einen dementsprechend großen Markt gab es für antiamerikanische Literatur im allgemeinen und Schriften gegen die Regierung George W. Bushs im besonderen.

Diese Autoren schrieben alle sehr mutig gegen den US-Imperialismus an, die Israellobby für diesen Krieg verantwortlich zu machen, ging dann aber doch zu weit auf vermintes Gelände. Folglich brauchte es Ersatzbösewichte und die fand man auch: die Ölindustrie, schießwütige Texaner und fundamentalistische Irre aus dem Bible Belt.

Heute ist es mir ziemlich peinlich, aber als Sechzehnjähriger wußte ich ganz genau, daß Exxon Mobile und Bibelspinner, die an die Armageddonschlacht glauben, den ganzen Mittleren Osten in den Abgrund gestürzt hatten. Und daß Amerikaner strunzdumme Rednecks sind. Ich war mächtig stolz, das zu wissen!

In meinem kritischen Antiamerikanismus habe ich damals nicht eine Sekunde lang gemerkt, daß ich die komplette Galerie meiner Feindbilder zweiter Hand aus Hollywood und von der Intelligenzia der amerikanischen Ostküste bezog. Diese Indoktrination mit Ersatzfeindbildern funktionierte so gut, daß ich Michael Moores Bestseller Stupid White Men zur Hälfte durchlesen mußte, um mich mit angegriffen zu fühlen.

Daß solche Schuldverschiebungen so hervorragend funktionieren, liegt daran, daß sie auf subtile Weise eine Tugend ausnützen: Den Unwillen, denen, die es (ob tatsächlich, oder nur angeblich) eh schon schlecht haben, auch noch weh zu tun.

Das moralische Gebot lautet nicht: „Du sollst B beschuldigen, egal ob es stimmt oder nicht!“ Damit kommt man auch bei vielen Durchschnittsmenschen nicht durch. Man muß sich nur einmal anschauen, wie viele Menschen die Hetze gegen Rußland kritisch sehen, die sonst durchaus auf Linie sind.

Nein, der Trick ist viel perfider:

Du kannst doch A nicht beschuldigen. Vor allem nicht Gruppe A, das sind doch Vorurteile und gute und vor allem intelligente Menschen haben keine Vorurteile. Was B anbelangt, auch Gruppe B, nun, da sehen wir stillschweigend darüber hinweg.

Deshalb dürfen wir uns auf kein „Du kannst die doch nicht beschuldigen“ einlassen. Die Schuldvorwürfe landen dadurch nur bei jemand anderem - bei jemandem, der sie wirklich nicht verdient hat.


Johannes Konstantin Poensgen

Johannes Konstantin Poensgen studiert Politikwissenschaft und Geschichte.

  • Sezession

Kommentare (35)

Gotlandfahrer
16. April 2018 21:04

Dachte iss einfacher: Wenn Du doof, dann Du überlebst, wenn Du immer heute an Dich denkst. Je mehr Hirn, also im Durchschnitt Deiner Gruppe, dann Du das schaffst mindestens genauso gut. Dann aber Du haben ein bisschen mehr Zeit, Dein Hirn für andere Sachen zu benutzen. Zum Beispiel um Dir zu überlegen, dass es Dir hilft, dem anderen in der Gruppe glauben zu machen, Du seiest der bessere Mensch, weil Du nicht nur an Dich selbst denkst, sondern, anders als jeder sich zuschreiben lassen, muss, auch an andere. Die Intelligenz des Individuums wird zum Nachteil der Gruppe, die Dummheit des Individuums zum - zumindest - Robustheitsvorteil der Gruppe. Kakerlaken schreiben keine Opern, aber sie überleben den Atomkrieg.

deutscheridentitaerer
16. April 2018 21:38

Ja, sie sind halt einfach dumm oder psychisch krank, wie auch immer, was will man da schon viel Energie aufwenden, um die genauen Gründe für dieses Elend herauszufinden.

[Der Punkt ist, daß diese Leute eben nicht Geisteskrank sind. Es handelt sich nicht um die Deutschland-Verrecke-du-mieses-Stück-Scheiße-Irren. Das sind ganz normale Leute, auf die die Diagnose "Ehtnomasochismus" nicht zutrifft. Gerade deshalb sind sie interessant. Weil sie unser eigentliches Zielpublikum darstellen, müssen wir lernen, wie die ticken. Johannes Konstantin Poensgen]

Wenn die Spasten sich für die Scheiße auf den Straßen in Indien verantwortlich fühlen wollen, dann sollen sie halt.

Hier wird ja oft über cuckservatives gelästert, aber die eigentlichen cucks sind doch wir, die wir uns für das Schicksal unserer Landsleute interessieren, denen wir wiederum (bestenfalls) völlig egal sind.

Es ist doch völlig offensichtlich, dass mit diesen Menschen nichts mehr zu reißen ist. Wir wollen ja nicht nur die Moslems raushauen, sondern irgendwie auch eine Renaissance des Deutschtums. Aber so läuft das halt nicht und so ist es meines Wissens nach auch noch nie gelaufen.

Das 19. Jahrhundert war ganz offensichtlich der Gipfel der europäischen Kultur und jetzt geht es halt abwärts. Bitter, aber unausweichlich. Weniger bitter, wenn man es als unausweichlich akzeptiert.

Es ist ja nicht so, dass etwas Großes, Hervorragendes untergeht. Das haben wir ja schon längst hinter uns. Nach dem geistigen Ende kommt jetzt halt auch das physische.

Caroline Sommerfeld
16. April 2018 21:46

Ich habe in einem früheren SiN-Artikel ("Ethnomasokarbonmethode") einmal geschrieben: "Hyperuniversalistische Globalargumente machen wunderbar gefügig: Sie sind knallhart altruistisch, alle Gegenargumente müssen daran gemessen egoistisch bleiben, da kommt keiner mehr gegenan."
Insofern pflichte ich Ihnen vollkommen bei, ich hab's damals "Moralschwuchtelei" genannt, "moral fagging" übersetzend.

eike
17. April 2018 04:15

... da sagt der Scheich dir halt: „Im Übrigen hätte ich gern noch den neuen Ferrari für 300.000€.“ Das gehört mit dazu. Aber im Grunde ist das nichts Anderes, als bei uns.

Oh doch, es schon was Anderes als bei uns.

Die lumpigen 300k€, die der Gemeinschaft von einem Despoten entzogen werden, zahlt jede Volkswirtschaft aus der Portokasse. Und selbst unter die "Ärmsten der Armen" verteilt, würden sie nur die "Müllhalde" vergrößern, denn in der Euphorie des unverdienten Geldsegens würden noch mehr Arme gezeugt werden.

Unsere korrupten Scheichs hingegen sind dabei, unter als 'demokratisch' bezeichneten Verhältnissen, ein ehemals gut funktionierendes, prosperierendes Gemeinwesen auf allen Ebenen komplett zu ruinieren: sein Rentensystem, sein Erziehungssystem, seine Kultur, seine Medienpluralität, seine innere Sicherheit, uam..

Die Größenordnung und heuchlerische Gutmenschengestik, mit der unsere korrupten Scheichs ihre Verschleuderung von Gemeinschaftswerten zu begleiten pflegen, würde jeden orientalischen Despoten beschämen.

Bernard Udau
17. April 2018 06:18

Ich verstehe nicht ganz, warum Sie das Problem an der Schuldfrage aufhängen. Die Zustände in den einstigen Kolonialländern sind ohne allen Zweifel sehr stark beeinflußt von den europäischen (weißen!) Kolonialmächten. Dies natürlich im positiven wie im negativen Sinne. Denken Sie beispielsweise nur an die willkürlichen Grenzziehungen (negativ) oder den Import von westlicher Technik und Bildung (wohl positiv).
Selbstverständlich ist Europa also mitschuldig an fast allem, was dort passiert. Ganz einfach deswegen, weil die Geschichte die Gegenwart bestimmt, und Europa in die Geschichte dieser Länder eingegriffen hat. Ich halte es verfehlt, die "grassierende Mißwirtschaft" dort den "entsprechenden Völkern" anzulasten. Wie wir wissen, können die bestsituierten und entwickeltsten Völker innert kürzester Zeit in die Barbarei zurückfallen - und gerade im Falle Deutschlands würden Sie doch sicher auch nicht darauf verzichten wollen, einen schüchternen Blick auf die Vorgeschichte zu werfen.
Die Frage ist nun allerdings, wie man mit dieser Situation nun heute umgeht. Hier scheint mir der Hase im Pfeffer zu liegen. Die Reaktion des Westens - oder sagen wir lieber: der Bürger der westlichen Welt - scheint zu sein, sich den klaren Blick auf die Tatsachen durch ein schlechtes Gewissen verschleiern zu lassen. Entwicklungshilfe, "Fair Trade", Massenmigration - all das sind doch Mittel, die zum Scheitern verurteilt sind. Aber das schlechte Gewissen verhindert hier eine rationale Diskussion.
Kurz: Man kann sich sehr wohl einer Schuld des weißen Europas bewußt sein, ohne deswegen eine hirnverbrannte Politik betreiben zu müssen.

Franz Bettinger
17. April 2018 07:15

Man braucht nicht nach Indien zu reisen, um gravierende Unterschiede in der Mentalität von Völkern zu erkennen. Griechenland reicht schon. So schön das Land, vor allem das vielen Urlaubern kaum bekannten Bergland im Innern, ist, so rücksichtslos sind häufig seine Bewohner. Innerhalb ihrer vier Wände, ja auch noch innerhalb ihres Gartens, ist meist alles picobello, vor der Tür beginnt jedoch schon das, worum man sich nicht kümmert, was man lediglich nutzt und abnutzt, wohin man den Müll entleert, idealer Weise in einen Bach. Paddler der ansonsten herrlichen Wildflüsse Griechenlands können ein Lied davon singen. Würde es sich wie in den Jahrhunderten zuvor nur um organischen Müll handeln, wäre die Landschaft nicht ganz so unästhetisch verändert. Es ist hingegen Kunststoff, der die Flüsse wie ausgeflaggt und die Seen wie mit einem Plastik-Teppich überzogen aussehen lässt. Okay, es ist besser geworden über die letzten 10 - 20 Jahre. Die Anfänge eines Umwelt-Bewusstseins haben sich in Griechenland entwickelt. Auch Frankreich war vor 40 Jahren bei den Saarländern wegen seiner Vermüllung verrufen. Auch dies hat sich gebessert. Ich glaube, ein Verantwortungs-Bewusstsein gegenüber dem eigenen Land entwickelt sich erst, wenn man auf sein Land, seine Heimat, seine Leute stolz sein kann. Ich war bis etwa zur Jahrtausendwende stolz, Deutscher zu sein. Nun nicht mehr. Wird sich das bald in meinem Umweltverhalten zeigen? Ich glaube nicht. Es ist mir eingebrannt. Wie das Gegenteil anderen, Fremden, eingebrannt ist.

Den Schuld-Erhaltungs-Satz, lieber Herr Poensgen, macht sich kaum ein Tourist zu eigen, und das aus gutem Grund, denn er ist falsch. Jeder fühlt und weiß das, erst recht Sie. Nur eingefleischte Vegetarier der Marke linksgrün glauben an unsere ewige Schuld. (Da sind sie auf einem Level mit den christlichen Erb-Sündern. Oder ist die Erbsünde vom Papst auch schon entsorgt?) Machen wir uns nichts vor: Die Ewigschuldigen, das ist eine riesige Minderheit, obwohl sie laut herum quakt wie ein Tümpel voller Kröten. Darüber kann man nur lachen.

Tobinambur
17. April 2018 07:27

Man kann diesen "Schulderhaltungssatz" noch verfeinern. Die "weißen" Männer" sind ja zunächst ein Spezialfall. Entscheidend ist der Begriff der "Verursachung". Wenn ich in nicht-naturwissenschaftlichen Zusammenhängen von "Ursachen" und "Verursachern" lese, schrillen bei mir zunächst die Alarmglocken. Schon im Bereich der Naturwissenschaft ist der Ursache-Begriff hochproblematisch. Es gibt Hypothesen über gesetzmäßige Zusammenhänge, die durch die Empirie allenfalls gestützt aber niemals bewiesen werden können. Außerhalb der Naturwissenschaften sind Ursachen und/oder hinreichende und notwendige Bedingungen im strengen Sinn für das Eintreten eines Ereignisses praktisch nicht auffindbar. Es wird alles zur ideologischen Frage, d.h. Ursachen und Bedingungen werden hypothetisch benannt, sind aber niemals beweisbar. Jedes gesellschaftliche oder historische Ereignis ist einmalig und nicht experimentell wiederholbar. Auch in Ihrem folgenden Satz sehe ich diese Hypothesenbildng ohne Reflexion auf die Prämissen (was bei Ihrer theoretischen Intention aber wichtig wäre): "Diese Autoren schrieben alle sehr mutig gegen den US-Imperialismus an, die Israellobby für diesen Krieg verantwortlich zu machen, ging dann aber doch zu weit auf vermintes Gelände." Der Kontext dieses Satzes lässt vermuten, dass Sie der Beschreibung des Einflusses der Israellobby mehr Wahrheitswert beimessen, als der Zuschreibung des US-Imperialismus. (Es geht hier nicht darum, ob das "wahr" ist oder nicht!) Überall zeigt sich doch, dass solchen Zuschreibungen logisch eine Bewertung, bzw. die Entscheidung für eine ideologische Prämisse vorhergeht. Erst aufgrund dieser Prämissen lässt sich der "Schulderhaltungssatz" überhaupt anwenden und müsste so formuliert werden: "Wenn A die Ursache aus ideologischen Prämissen P nicht zugeschrieben werden kann, wird sie B zugeschrieben, bezüglich dem entweder der geringste Konflikt besteht oder sogar geboten ist." Das "Minimalprinzip" ist hier wichtig, denn es würde das Warum erklären.
Das interessante daran sind die Prämissen P, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben, sondern nur mit unseren Überzeugungen. Diese zu untersuchen und zu analysieren ist die Aufgabe. Das wäre reinste "Ideologiekritik". Aber es bliebe reine Theorie. Es ist jedoch noch mehr: es ist "Metatheorie", denn in der Praxis gehen wir immer von bereits gefällten Wertentscheidungen aus, die in eine Theorie verpackt sind. Ohne Theorie könnten wir nicht politisch handeln: Die Bestimmung des Feindes z.B. mag emotional, verstandesmäßig, vorurteilsbeladen oder wie auch immer erfolgen: Sobald er benannt ist, ist er der Kern einer Theorie über diesen Feind ("Die Russen bedrohen uns...") und diese Theorie ist dann Anleitung und Rechtfertigung unseres Handelns. Wir brauchen Metapolitik, aber gerade deshalb auch Metatheorie, denn diese ist ein Bestandteil unserer kulturellen Tätigkeit. Es wäre fatal, hier nicht präsent zu sein. Nur so konnte man überhaupt die Entdeckung machen, dass hinter einer zunächst vielleicht nur intuitiven rechten Einstellung die Ablehnung des Universalismus, die Ablehnung von Dekonstruktion anthropologischer Konstanten etc. steckt. Im brisanten Fall von Israel oder Antisemitismus (um das Minenfeld des Beispielsatzes aufzugreifen) würde dies eine echte "Vergangenheitsbewältigung" möglich machen, fern von den plumpen, ritualisierten und geistlosen Schuldbekenntnissen. Denn um diese Vergangenheit zu bewältigen muss zuallererst die in der jüngeren Vergangenheit liegende Vergangenheitsbewältigung bewältigt werden. Denn diese Bekenntnisse enthalten genau diese Prämissen, die sich zusammenfassen lassen in dem einen Satz, also in der Supertheorie: "Ich bin schuld", Dies ist die billigste Schuldzuschreibung, die auf den geringsten Widerstand stößt, wenn die Masse sie im Chor ruft. Hier zeigt sich das Extremalprinzip: Das Wasser fließt zum tiefsten Punkt. Denn diesem Satz kann nur im Bürgerkrieg ernsthaft widersprochen werden. Diese Schwelle liegt nämlich höher als der Krieg gegen einen starken äußeren (und schuldigen) Feind.

[Ich kann Ihnen nur zustimmen. So wie Sie das schreiben, ist es theoretisch sauberer formuliert. Johannes Konstantin Poensgen]

bartleby
17. April 2018 07:45

Es ist doch gar keine Frage, dass die nun schon mehr als 200 Jahre andauernde wirtschaftliche/kulturelle/ideologische Hegemonialstellung des "Westens" die restliche Welt, wie wir sie heute erleben, erst erschaffen hat (was nicht heißen soll, dass lokale Welterklärungsmuster und Sozialgefüge aufgehört hätten zu existieren -> Stichwort Eigenverantwortung)

Ebenso dürfte dem Autor durchaus bewusst sein, dass "unsere" Produktions- und Konsummuster in direkter Relation zu einigen weniger schönen Entwicklungen im Rest der Welt stehen.

Diese teilweise (nennen wir's beim Namen) ausbeuterischen Abhängigkeitsverhältnisse, durchaus unter aktiver Mitwirkung lokaler Eliten, sind, wenn man's rational betrachtet, einer der Gründe für Ressourcenraubbau, Verelendung, politische Instabilität und Konflikte, kurz: all jene push-Faktoren, die Massenmigration erst so richtig ins Rollen bringen. Wenn das "moral fagging" sein soll, kann ich durchaus mit dem Etikett leben.

Man kann also durchaus auch ohne persönliche Schuldgefühle von einer Mitverantwortung sprechen. Gesteht man sich dies ein, ist der Wunsch, zu einer Verbesserung beizutragen, durchaus auch konsequent.

Dass ein verpfafftes bürgerliches Teilmilieu in diesen Themen mit einem moralinsauren Schuldbegriff hantiert, entspricht zwar durchaus der Realität, lässt aber keineswegs ein so absolutes Urteil zu, wie der Autor hier suggeriert.

Aber nichts ist einem ordentlich gepflegtem Feindbild dienlicher, als sich möglichst an den idiotischsten und ärgerlichsten Einzelstimmen aus dem gegnerischen Lager aufzuhängen. Scheint eine Grundregel der Aufmerksamkeitsökonomie zu sein...

John Haase
17. April 2018 07:53

Ich stand irgendwann mal vor einer Pinwand, an der für ein protestantisches Projekt zur Ausstattung armer nicaraguanischer Familien mit Kochmöglichkeiten beworben wurde. Vorher hatte ich das nie so gesehen, aber jetzt fragte ich mich plötzlich: warum eigentlich Nicaragua und Kochstellen, warum nicht Sierra Leone und Trinkwasser oder Papua-Neuguinea und Sexualaufklärung? Wie zur Hölle kommt ein protestantischer Hampelmann aus der deutschen Provinz auf Kochstellen in Nicaragua? Wie kann man morgens aufwachen und denken: „Kochstellen in Nicaragua! Das isses, au ja, da müssen wir was machen“?

@deutscheridentitaerer
Das übliche Schwanken zwischen Siegesgewißheit und Defaitismus. Manchmal denkt man, ein echter Umschwung komme schnell, denn so könne es ja gar nicht weitergehen, und dann werde sich das Deutschtum schon von selbst wieder durchsetzen.

Dann wieder fragt man sich: Renaissance des Deutschtums,
1. mit wem?
2. wie?

Und wenn man diese beiden Fragen schon nicht ordentlich beantworten kann:

3. wozu?

Andreas Walter
17. April 2018 08:33

Ihnen fehlt es lediglich noch etwas an Standhaftigkeit, Herr Poensgen, Ihr Wissen und darum Überzeugungen standhaft zu vertreten. Liegt vielleicht auch an Ihrem Alter, weil Sie beim Aspekt Erfahrung noch nicht so Punkten können wie ein erfahrener Mensch. Ich sage bewusst nicht Älterer, denn es gibt auch alte Menschen ohne oder mit nur wenig Erfahrung.

Wenn "wir" oder "der weisse Mann" im allgemeinen Schuld an der Armut anderer wären, dann müsste doch auch China wie Indien, Afrika, Bolivien oder Bangladesch sein. Ist es aber nicht, auch wenn China teilweise mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hat, mit denen wir aber auch schon zu kämpfen hatten, zu lediglich anderen Zeitpunkten in der Geschichte.

Wir sind es daher definitiv nicht - und auch nicht der weisse Mann oder die weisse Frau. Diese Theorie ist daher schon mal vollkommener Blödsinn und die Frage muss daher richtig lauten:

Was ist es dann?

Nun, alles das, was auch einen erfolgreichen Weissen von einem weniger erfolgreichen Weissen unterscheidet, oder auch einen erfolgreichen Schwarzen von einem weniger Erfolgreichen.

Und als letztes stellt man dann die Frage, warum manches mit manchen Gruppen, Völkern oder auch Ethnien stärker korreliert, anderes wiederum nicht. Ganz viele Aspekte liegen zum Beispiel nur am Standort, andere haben etwas mit entwicklungsgeschichtlichen Aspekten zu tun, die aber schon Jahrtausende zurückliegen können.

Und wenn das den Leuten mit denen Sie darüber diskutieren zu kompliziert ist, oder diese einfach zu wenig wissen, dann müssen Sie sich entweder aus der Diskussion mit genau eben diesen Worten verabschieden, oder Sie klären sie auf, werden zum Aufklärer.

Denn natürlich ist es bitter, dass viele Dinge ausserhalb unserer Macht als Menschen liegt, doch auch das muss man im Leben lernen zu akzeptieren, gehört zum erwachsen werden dazu. Weshalb es ja auch so vehement von manchen Menschen abgelehnt wird, weil es ihnen Engst bereitet.

Was glauben Sie, warum vor allem junge Frauen Grün wählen. Mir ist das absolut klar, warum das so ist, woher das kommt.

Doch wir sind 7,5 Milliarden Menschen auf der Welt, nicht mehr 500 Millionen wie noch vor der Industriellen Revolution.

Was sollen bitte die restlichen 7 Milliarden machen? Sterben?

Es hätte eben nie so weit kommen dürfen oder wir brauchen viel mehr Energie, um jetzt noch mehr möglich zu machen, noch mehr Menschen in Wohlstand zu versetzen, denn nur Wohlstand beruhigt, befriedet, senkt die Geburtenrate.

Mit moderner, besserer Kernkraft in modularer Serienfertigung im grossen Stiel, denn alles andere ist viel zu teuer und immer nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Freude durch Kraft dank Thorium und synthetische Kraftstoffe für die weniger Friedliebenden. Oder eben alternativ immer mehr Tote, dann aber Millionen, durch Hunger, Krieg, Krankheit und Seuchen. Alles Andere sind doch Blumen und Regenbogen pupsende Einhörner.

bartleby
17. April 2018 08:42

@John Haase

Ich hab da mal eine ganz abwegige, total verkopft-abstrakte Erklärung für die nicaraguanische Kochstelle:

jemand aus dieser Gemeinde hat wohl wie auch immer geartete Verbindungen nach Nicaragua (und eben nicht nach Sierra Leone) und sich gedacht: "Hey, da könnte man doch mit wenig Aufwand was verbessern." Crazy, nicht?

Ich persönlich frage mich zwar auch, wie manche es fertig bringen, ohne größere kognitive Dissonanzen sich einerseits der Weltenrettung zu verschreiben, aber gleichzeit fröhlich Teil dieses Systems sein, das viele der so wortreich verdammten Zustände erst ermöglicht. Menschen sind eben komisch.

Sich aber - wie Sie - über derart tölpelhafte Gesten der Anteilnahme derart in Rage bringen zu lassen, kann mitnichten gesund sein. Der Mensch ist ein soziales (-im ursprünglichen Sinn gemeint, falls Sie schon im Begriff sind, "grünlinksversifft" in die Tastatur zu hacken-) Wesen, und Weltenhass sagt mehr über den Hassenden aus als über die Welt...

PS: Zum Thema "Teutschthum" kann ich Ihnen als stolzer Nachkomme von Oberallgäuer Bergbauern nur sagen, dass Sie diesen preussischen Brei gerne selber löffeln dürfen. Mit meiner Herkunft, meiner Kultur, meinem Boden hatte und hat dieses Konzept rein gar nichts zu tun.

Der_Juergen
17. April 2018 09:34

Ein hervorragender Artikel; überzeugender als die zwei oder drei letzten desselben Autors. Das von den Linken und Liberalen gestrickte Argumentationsmuster kenne ich von den Zeiten, wo ich noch mit solchen Leuten zu diskutieren versuchte, in- und auswendig.

In gewissem Sinne ist Europa allerdings in der Tat "schuld" am Elend in der "Dritten Welt", vor allem Afrika. Dieser "Schuld" lagen freilich die allerbesten Vorsätze zugrunde.

Im Zusammenhang mit der Tat eines nigrischen Merkelgastes, der seine deutsche Frau und ihr gemeinsames Kind abgeschlachtet hat, machte ich mich im Netz über das Herkunftsland der Messerfachkraft kundig und erfuhr, dass die Bevölkerung des mausarmen Wüstenstaates Niger seit der Unabhängigkeit von Frankreich im Jahre 1960 bis heute von drei auf 21 Millionen gestiegen ist und dass jede nigrische Frau im Schnitt 6,8 Kinder zur Welt bringt. Selbstverständlich war diese Entwicklung nur dank der westlichen Medizin möglich, welche die Seuchen, die früher eine solche Geburtenexplosion verhinderten, eingedämmt hat. Dass am Ende ein millionenfaches Hungersterben stehen wird, ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

Noch ein Wort zur Korruption. Es stimmt natürlich, dass afrikanische Eliten ungewöhnlich korrupt sind und sich schamlos bereichern. Andererseits, warum sind die Eliten anderer aussereuropäischer Länder weitaus weniger korrupt oder sogar, wie im Falle Singapur, bemerkenswert unkorrupt? Hier kommt ohne Zweifel der von Poensgen beiläufig erwähnte durchschnittliche IQ ins Spiel. Völker mit tiefem IQ bringen offenbar regelmässig extrem korrupte Eliten hervor. Andererseits können auch Völker mit hohem IQ unter die Herrschaft korrupter Eliten geraten, aber bei ihnen ist es kein Naturgesetz, und eine Revolution kann - vollständig oder teilweise - Abhilfe schaffen.

@Tobinambur

Wenn Poensgen auf die massgebliche Verantwortung der zionistischen Lobby für den Irakkrieg hinweist, so hat das entgegen Ihrer Darstellung nichts mit Ideologie zu tun. Fakten sind Tyrannen, sie dulden keinen Widerspruch.

John Haase
17. April 2018 10:23

@bartleby
Wo lasse ich mich denn in Rage bringen? Wo sehen sie Hass?

Grünlinksversifft. Bitte, sie wollten es haben. Weiß nicht, warum, aber mi stört‘s ned und Ihnen gefallt‘s.

Ja ja, Deutschtum ist nur ein Konstrukt, wie Sie stolzer Bauer natürlich durchschaut haben. Solange die Felsweide das Vieh ernährt, eine hübsche Schwester das Bett und die gemeinsamen Kinder hütet und alljährlich im Mai als Bären verkleidete junge Männer das hübscheste Madel des Dorfes entführen und erst gegen eine Auslöse von sieben Schweinehälften wieder vom Maibaum lassen ist im Oberallgäu alles in Ordnung.

Thomas
17. April 2018 10:31

Anderen Zeitgenossen, die ebenfalls von diesem Schuldwahn besessen sind, empfehle ich eine einfache Übung, das Mantra eines alten, weisen Mannes zu sprechen. Einen Glaubenssatz der immer hilft, wenn man an einem Plakat einer Hilfsorganisation vorbeigeht, die um Spenden für ferne Länder bittet, bei Sammlungen für Kochtöpfe in Nicaragua, für Schulbücher für Afrika, für Fußbälle in Nepal oder andere Fässer ohne Boden irgendwo auf der Welt. Dieser Glaubenssatz erlöst einem von dem quälenden Gefühl nicht genug getan zu haben und bringt einem irgendwann einen tiefen inneren Frieden zurück. Man braucht dazu keine Medikamente, keine Gebete, keine Psychotherapie, keine metapolitischen Analysen. Dieser Glaubenssatz lautet ganz einfach:
Not my fucking problem
Nicht mein verdammtes Problem

Das Relikt
17. April 2018 11:01

@ John Haase

Fernreisen generell und insbesondere in die dritte Welt sind seit Jahrzehnten wesentlicher Prestigekonsum der oberen Mittelschicht und ihrer linksalternativen Jugend um den Lebenslauf anzureichern, auf dem Partnermarkt interessanter zu werden und die eigene charakterliche Belanglosigkeit zu überspielen. Diese sogenannten Projekte sorgen für dauerhafte Möglichkeiten genau diese Reisen zu unternehmen und dabei noch den Nimbus des großen Helfers aufzubauen. Warum dann nun gerade jeweils diese eine Destination gewählt wird und keine andere? In der Regel banal: Einer hat halt angefangen und der wollte halt schon immer mal dahin oder woanders waren schon zuviele.

In der Entwicklunhshilfe geht es um Interessen der bürgerlichen Klasse: Distinktion (Meine Tochter reist nach dem Abi erstmal nach Tansania...), Hedonismus (Ich habe da auch jemanden kennengelernt...) und bei den großen Mitspielern (Unicef etc.) ist es einfach Buisness.

In der Kritik am sogenannten Entwicklungshilfetourismus dringt diese Erkenntnis ganz schwach in den Mainstream.

Hartwig aus LG8
17. April 2018 11:12

Wer schon mal in Indien war, der weiss, dass Indien das allerungeeignetste Land ist, an dem allgemeingültige, beispielhafte Darstellungen sinnvoll möglich sind. Das aber nur am Rande.
Man sollte sich vergegenwärtigen, dass es die Projektanten der Globalisierung sind, die mit allen Mitteln für unseren Trugschluss sorgen. Der Trugschluss (und mithin die Selbstzuschreibung von Schuld) liegt ganz einfach darin, dass wir uns einreden lassen, als Deutsche, als Weisse von der Globalisierung zu profitieren. Selbstverständlich tun wir das nicht! Die Europäer, und momentan besonders auch die Deutschen steuern auf den Totalverlust zu.

bartleby
17. April 2018 11:25

@John Haase

Lese ich da etwa Verachtung gegenüber der Landbevölkerung und ihren Traditionen aus Ihren Zeilen?

Ich dachte eigentlich, spätestens seit Oswald Spengler habe die intellektuelle Rechte im einfachen Landleben die die bewahrende Kraft der deutschen Identität identifiziert?

Oder war dies, oh Schock, doch nur das Salbadern einer von urbanen Leben (und somit von sich selbst) angewiderten urbanen rechten Intelligenzija, mit dem angenehmen Nebeneffekt, dem zukünftigen Kanonenfutter aus einfachen Bauernjungen vorher noch nen freundlichen Klapps auf die Schultern zu geben?

Wie dem auch sei: wo ich herkomme, weiß man aus kultureller Erfahrung, dass das Leben immer hart und selten in Ordnung ist. Man tut sein bestes für die Seinen und gesteht anderen (ob von hier oder anderswo) das selbe zu.

Für die großen Konzepte und den Schwachsinn, der in ihrem Namen geschieht, mögen sich gerne andere verantwortlich fühlen.

nom de guerre
17. April 2018 11:39

Sie mögen mit manchem, was Sie schreiben, richtig liegen, trotzdem machen Sie es sich meiner Meinung nach zu einfach. In Teilen kann ich mich @ Bernard Udau und bartleby anschließen, daher fasse ich mich kurz: Die meisten Probleme haben - wie Sie sicherlich selbst wissen - komplexe Ursachen, die von einer Vielzahl an Akteuren herbeigeführt wurden bzw. werden. Nur einen Teil dieser Akteure zu benennen und die anderen unter den Tisch fallen zu lassen, um das eigene Weltbild zu schonen, bringt überhaupt nichts, denn davon verschwindet nicht das Problem. Wenn ich den Beitrag, den die entwickelte Welt zu den Problemen der Entwicklungsländer leistet (bzw. in der Vergangenheit geleistet hat), wahrnehme, bedeutet das allerdings nicht, dass ich der Meinung wäre, "der weiße Mann" müsse diese Probleme zum eigenen Schaden im Alleingang lösen - was im Übrigen auch gar nicht möglich sein dürfte; so werden ja bspw. durch die Auswanderung von Afrikanern nach Europa die Verhältnisse in Afrika nicht verbessert, dafür aber die Verhältnisse in Europa verschlechtert.

John Haase
17. April 2018 12:00

@bartleby
Nein, hören Sie nicht. Ich selbst bin in siebter Generation Hafenpenner in Tietenhus und habe daher großen Respekt vor Regionalismen: für ein unabhängiges Ost-Nord-Ostfriesland! Nieder mit Proisn!

Na, Spaß beiseite. You either have an empire or you are part of someone elses sagen die Briten. Wenn die Deutschen aus Feigheit, Schwäche, Desinteresse, falsch verstandenem Regionalismus oder was auch immer nicht mehr dazu bereit sind, ein eigenes Reich zu führen, dann werden sie eben wieder Spielball der anderen Reiche. Wenn man Glück hat wird man dann von Dänen und Holländern dominiert, wenn man etwas weniger Glück hat von Franzosen und Italienern, die östlichen Landesteile von Polen und Tschechen oder das Gesamtgebilde von Moslems oder den USA.

Klar, das wird alles keine Terrorherrschaft sein und was besseres als Merkel findet man sowieso fast überall, aber es sollte einem klar sein, daß Rückzug ins Lokale letztlich Akzeptanz der Herrschaft anderer und damit Unterwerfung unter deren Gnade oder Ungnade bedeutet.

John Haase
17. April 2018 12:09

@ Das Relikt
Damit haben sie natürlich Recht. Ich empfand nur gerade diese Kombination als besonders bizarre Mischung aus Globalismus und Partikularismus. Gleichzeitig hinaus in die große Welt und hinein in die ganz kleine! Kochstellen für Nicaragua hat eine völlig andere Dimension als Trinkwasser für Afrika oder Reis für Südostasien. Wenn man gegen den Welthunger sammelt, ist der Anspruch auf entwicklungshilflichen Vorrang klar, aber wenn es um so etwas bestimmtes wie Kochstellen für Nicaragua geht, dann kann man auch fragen: warum nicht ein neuer Spielplatz für die Grundschule neben der Kirche? Hungern tun sie in Nicaragua jedenfalls nicht, sonst wären die Kochstellen ja nutzlos.

heinrichbrueck
17. April 2018 13:17

Der Schulderhaltungssatz verschleiert die pure Heuchelei, blickt man wahrheitsgemäß in die Mördergrube der Finanz (-mächte und -welt). Ohne Heuchelei, also Indienstnahme dieser demokratisch vorausgesetzten Charaktereigenschaft, keine linke Agenda in perpetuum.

Schuld soll töten und wertlos machen. Es liegt an der Erziehung, am politischen System. Mit solchen Zuständigkeitsdemokraten ist kein Staat zu machen.

Anstatt die Slums nach Germoney zu verfrachten, einfach mit den entsprechenden Ländern Leasingverträge abschließen. Gutes Gewissen garantiert! Oder man verheiratet die Tochter mit dem Neger, dann muß sich die nächste Generation auch nicht mehr um den Schulderhaltungssatz kümmern.

bb
17. April 2018 15:31

Bin die ewigen Schuldfragen und Erklärungsversuche leid. Egal ob es jetzt am IQ, an der Ostküste oder am bösen weißen Mann liegt: Lassen Sie uns doch bitte einfach vom ewigen Fachsimpeln zur Praxis übergehen und dafür sorgen, daß wir es uns hier ungeachtet der Anderen schön machen. Dazu gehört für mich auf jeden Fall ein geordnetes Gemeinwesen, ästhetische Architektur, Sicherheit und einem reichhaltigen Angebot an Waren des alltäglichen Gebrauchs. Doch wo bleibt das identitäre Dorfprojekt; die Sezession im Reallife? Warum den stetigen Kampf mit der Mehrheit, den der Mitforist zu recht als „cucked“ und aussichtslos beschrieb? Mir würde ein beschauliches Leben in einer konservativen Parallelgesellschaft ausreichen. Vielleicht könnten sich die Artikel hier mehr darauf konzentrieren, wie ein Leben trotz BRD und nicht mit BRD gestaltet werden könnte.

RMH
17. April 2018 17:06

"so werden ja bspw. durch die Auswanderung von Afrikanern nach Europa die Verhältnisse in Afrika nicht verbessert,"

Einspruch: Afrika profitiert davon, da damit der dortige youth bulge abgeflacht wird und die Männer, die bei uns sind, überweisen vielfach ja auch noch was in die Heimat zurück. Wenn dann noch mal der eine oder andere hier eine gewisse Ausbildung genießt und wieder zurück kehren würde, dann wäre der Kontinent eindeutig im Vorteil.

Wie auch immer, es ist nun einmal alles nicht unser "verursachtes" Problem. Um es künstlerisch bzw. literarisch zu umreißen, empfehle ich die Lektüre von Jack Londons Südseegeschichte "Der unvermeidliche weiße Mann."

http://gutenberg.spiegel.de/buch/sudsee-geschichten-10092/8

Und das Herz der Finsternis von Conrad:

http://gutenberg.spiegel.de/buch/das-herz-der-finsternis-3028/1

Da ist eben etwas Unfassbares, Unrationalisierbares, etwas "Unbegreifliches" da draußen, in den Tiefen der nichteuropäischen Welt --- wir wollten es zähmen, aber jetzt kommt es zu uns. In Kategorien der Schuld und auch der Sühne ist dieses Geschehen gänzlich unbeschreiblich bzw. sind diese Kategorien untauglich.

Sozialist
17. April 2018 18:37

Sehr geehrte Herren dieser erlauchten Runde,

was hielten Sie denn davon, zum "Schulderhaltungssatz" des Herrn Poensgen noch den "Schuldenerhaltungssatz" des Herrn Wolff zu ergänzen:

https://www.youtube.com/watch?v=Zt7lONlgU-o

Mir schiene das Thema damit doch wohltuend abgerundet zu sein.

Bran
17. April 2018 20:15

Bartleby: Sie gehören nicht zufällig zu der unheimlichen Spezies der Antideutschen? Ihre Argumentationsmuster, so man diese denn so nennen kann, erinnern auf bestürzende Weise an diese. Munteres dem Anderen Worte in den Mund legen, Dinge verdrehen und Behauptungen aufgrund willkürlich ausgedachter Prämissen aufstellen. Das mag gewiss unterhaltsam sein, wenn man es so schreibt, aber es zu lesen, grenzt an geistige Selbstverstümmelung.
Können Sie mir beantworten, weshalb Sie, wenn Sie den Wunsch verspüren, etwas zur Verbesserung der Zustände z.B. in Nicaragua oder Afrika beizutragen, hier tiefsinneln, anstatt im Urwald den armen Eingeborenen zu zeigen, wo der Allgäuer den Most gärt?
Mit Ihrer Behauptung, dass dieses Deutschtum, das schon John Haase nicht genau ausdefiniert, Sie aber genau deshalb gerne im Vagen belassen, gar nichts mit Ihrer urchigen Herkunft zu tun hätte, wollen Sie vermutlich (ich unterstelle jetzt auch mal frei von der Leber weg) insinuieren, dass Sie mit dem nicaraguanischen Kaffeebauern gleich viel zu tun hätten, wie mit diesen penetranten Preussen. Das ist natürlich kreuzverkehrt und ausserdem sind Sie dann einen Kommentar tiefer darüber eingeschnappt, dass Ihr edelbäurisches Leben, ebenfalls unterstellenderweise, da Sie John Haases Ironie natürlich geflissentlich ignorieren, nicht Deutsch genug sein soll. Ja, was darf's denn nun sein?

Daneben und zum allgemeinen Thema: Wir tragen an gar nichts Schuld und für überhaupt nichts Verantwortung, was in Afrika oder sonstwo passiert. Wir treiben mit diesen Ländern Handel. Dass sie sich aufgrund ihrer korrupten Eliten dabei übervorteilen lassen, ist alleine ihr Problem. Ostasien macht ja vor, wie man es auch machen kann. Was können wir dafür, wenn die Afrikaner das nicht abschauen?
Was die Kolonien anbelangt: Geschenkt. Sind alle aufgegeben. Und wo hätte es das in der Geschichte schon mal gegeben, dass ein Eroberer, der abzog, nachher noch bis zum Sankt Nimmerleinstag Präsente rumreichte für seine ach so grosse Schuld?
Habe ich verpasst, wie die Türkei den Arabern und Afrikanern für das osmanische Reich Abbitte geleistet hätte?
Was die Kriege der Neocons allerorten anbelangt: Nein, da fühle ich mich auch nicht besonders verantwortlich. Bei unserem letzten gemeinsamen Telefongespräch hat mir George Soros gesagt, ich solle mit meiner Mutter unaussprechliche Dinge anstellen und dann aufgehängt. Dergestalt ist also mein Einfluss auf solcherlei Albereien.
Ach ja, und die Probleme in den Entwicklungsländern hatten diese schon, bevor der Westen dort rumkolonialisierte. Im Grunde hätten diese Länder nach Abdankung der Kolonialherren sogar noch Schulen, Bildung und funktionierende Verwaltungen übernehmen können. Wollten sie aber nicht. Eines der jüngeren und besonders ernüchternden Beispiele dafür ist Südafrika. Da wurde eine gut geschmierte Maschine übernommen und flugs zu einem Müllhaufen umgebaut. Aber klar, daran sind sicher wir alle und die Buren und überhaupt jeder ausser den Zulu und Xhosa natürlich. Die würden den ganzen Tag lang Regenbogen weben, wenn der böse weisse Mann sie nur liesse.

eike
17. April 2018 20:26

Daß die Misere der Dritten Welt irgendetwas mit Europa und der Kolonialvergangenheit zu tun haben soll, ist natürlich hanebüchener Unsinn.

a) wenn die Dominanz westlicher Kultur ihre eigene - so sie denn existierte - zerstört hat, so hätten sie eine Alternative: die westliche zu ignorieren und ihr eigenes Wertesystem aufzubauen.

b) selbst die ausbeuterischsten Kolonialherren - die Engländer, Franzosen, Belgier, Spanier, Portugiesen - hinterließen z.T. bedeutende Infrastruktur, die hervorragend als Anschub für die eigene Entwicklung hätte dienen können. In den allermeisten Fällen verfiel sie jedoch unmittelbar nach der Unabhängigkeit.

c) die willkürlichen Grenzziehungen der Kolonialherren rissen in der Tat ethnische Volkszugehörigkeiten (ich hoffe, die Zensur läßt das so stehen!) auseinander. Ob es klüger gewesen wäre, die Grenzen den blutigen Stammesfehden zu überlasen, ist zweifelhaft.

d) das Beispiel China zeigt, daß ein Volk selbst nach brutalster Unterdrückung inkl. Opiumzwang (Sassoon & Co.) die Armut und Übervölkerung erfolgreich bekämpfen kann.

e) das Beispiel Algerien zeigt, daß ein Volk selbst nach Überlassung eines hochentwickelten Agrarlandes und reicher Öl- und Gasvorkommen nicht in der Lage sein kann, seine Bevölkerung zufrieden zu stellen, so daß sie sich zu Millionen bei denen einnisten, die sie zuvor vertrieben haben.

nom de guerre
17. April 2018 22:36

@ RMH
"Einspruch: Afrika profitiert davon, da damit der dortige youth bulge abgeflacht wird und die Männer, die bei uns sind, überweisen vielfach ja auch noch was in die Heimat zurück. Wenn dann noch mal der eine oder andere hier eine gewisse Ausbildung genießt und wieder zurück kehren würde, dann wäre der Kontinent eindeutig im Vorteil."
Stimmt, darauf hätte ich eingehen sollen - dafür fehlte heute Mittag die Zeit. Allerdings hat Afrika laut Wikipedia ca. 1,1 Milliarden Einwohner, sodass sowohl die Verminderung des youth bulges als auch der Umstand, dass die hier lebenden Migranten Geld nach Hause schicken, vermutlich nur einen Tropfen auf den heißen Stein darstellt. Es könnte sogar den Druck, vor Ort etwas zu verändern, verringern (da man sich auf den "reichen Onkel in Europa" verlässt und darauf, den nächsten Sohn auch noch losschicken zu können, statt zu Hause für ein Auskommen zu sorgen oder eben nicht so viele Nachkommen zu haben) und daher die Verhältnisse langfristig sogar verschlechtern. Außerdem kostet die Auswanderung ja auch nicht ganz wenig, was die Familien der jungen Männer erstmal berappen müssen (und interessanterweise auch können).
Heart of Darkness habe ich vor langer Zeit gelesen, als ich ungefähr so alt war wie Herr Poensgen bei seiner Lektüre von Michael Moore, habe aber, wie ich zugeben muss, das meiste inzwischen vergessen. Unfassbar, unrationalisierbar, unbegreiflich - ist das nicht eine Umschreibung zumindest eines Teils des menschlichen Wesens überhaupt?

Franz Bettinger
17. April 2018 23:34

Lieber @Jürgen, Sie überschätzen die Mediziner. Die werden es gerne hören, dass sich durch ihre Kunst Afrika vervielfältigt und die Menschen all überall älter werden. Es stimmt aber nicht. Es sind vielmehr technische Dinge, die die Weltbevölkerung größer und die Menschen gesünder und älter werden lässt: Brunnen, Trinkwasser, Abwasser, Kanalisation, Müllentsorgung und ja: Nahrung. Wobei es überhaupt nicht auf die Qualität der Nahrung ankommt - das ist eine Spielwiese für Grüne, Dumme und Globalisten - sondern allein auf die Menge. Es muss reichen. Der größte Killer der Vergangenheit war der Hunger. Den gibt es so gut wie nicht mehr.

Ohne es begründen zu wollen, das haben andere Foristen schon recht gut getan: Nicht ein Quäntchen Schuld sehe ich bei denen, die man abfällig Kolonialisten nennt. Im Gegenteil. Wenn überhaupt, so haben die Kolonialisten einem Land weit mehr Segen gebracht als Leid. Das gilt auch für Rom in Bezug auf Germanien. Es gilt übrigens auch für die Türken, die Griechenland 400 Jahren lang (bis 1821-29) besaßen. Die Griechen von heute haben mE mit den verehrten Alten Griechen so gut wie nichts mehr zu tun, und nahezu alles Schöne in Griechenland, vor allem die steinernen Bogenbrücken (auch Türken-Brücken genannt) entstammen der Zeit der türkischen "Besatzung".

@Bran hat schon darauf hingewiesen: Das beste und gleichzeitig erschreckendste Beispiel für Kolonialismus und Anti-Kolonialismus ist Süd-Afrika: Vom funktionierenden Staat zum Müllhaufen!

In meinen jungen dummen (Arzt-)Jahren wollte ich mal Entwicklungshelfer für Afrika werden. Was ich dann beim DED in Berlin an weltanschaulichem Müll ("Wir brauchen keine Pillen-Doktoren") und von deutschen Entwicklungs-Helfern erfuhr, ernüchterte mich. Gut, dass ich damals noch die Kurve gekriegt habe.

eike
18. April 2018 06:00

Ach, ja, die Oberallgäuer.

Stolz auf ihr Anti-"Teutschthum" und agressiv, wenn ein Saupreiß bei ihnen aufscheint. Mia san mia !

Und wenn ihre Leib-und-Magen-Partei ihnen halb Afrika in die Bergdörfer schickt, dann kuschen sie und löffeln still den Seehofer/Merkel Brei, die stolzen Nachkommen von Oberallgäuer Bergbauern.

Offenbar hat "dieses Konzept" mit ihrer Herkunft, ihrer Kultur, ihrem Boden mehr zu thun, als mit ihrem "Teutschthum".

Valjean72
18. April 2018 08:55

@Eike:
"c) die willkürlichen Grenzziehungen der Kolonialherren rissen in der Tat ethnische Volkszugehörigkeiten [...]"
---
Diese Grenzziehungen am Ende der Kolonialära wurden bewusst so gezogen, um dauerhafte Konfliktpotentiale zu erreichen.
Diese Unruhe ermöglichte es schließlich von außen verschiedene Parteien, Ethnien und Konfessionen gegeneinander auszuspielen, nach dem alten Herrschaftsprinzip: divide et impera.

Auch die nach dem Ersten Weltkrieg in Mitteleuropa gezogenen Grenzen, hatten nicht zuletzt den Zweck zwischen den Deutschen und ihren östlichen Nachbarn einen eiternden Keil zu treiben.

Nein, ich empfinde überhaupt keine Schuld für das Elend der Dritten Welt aber zu übersehen, dass im entfesselten Kapitalismus global agierende (allmächtige?) Strukturen ausbeutend um den Erdball ziehen, dies ist mir nicht mehr möglich.

>>Bekenntnisse eines Economic Hit Man<<

„Economic hit men (EHMs) sind hochbezahlte Profis, die Länder rund um den Erdball um Billionen von Dollars betrügen. Sie schleusen Geld von der Weltbank und der U.S. Agency for International Development (USAID), sowie anderer Auslands-„hilfs“-Organisationen in die Kassen großer Konzerne und die Taschen einiger reicher Familien, die die natürlichen Ressourcen der Erde kontrollieren. Ihre Werkzeuge schließen gefälschte Bilanzen, gefälschte Wahlen, Provisionen, Erpressung, Sex und Mord ein. Sie spielen ein Spiel, das so alt ist wie der Imperialismus, das jedoch in Zeiten der Globalisierung neue und furchtbare Dimensionen angenommen hat.“
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Bekenntnisse_eines_Economic_Hit_Man

Fritz
18. April 2018 10:03

Ich denke man muss das ganze viel weniger mystifizieren als es hier geschieht.

Einmal gibt es natürliche, geographische und biologische Gründe dafür, dass tropische Länder ärmer sind als solche mit gemäßigtem Klima.

http://www.nybooks.com/articles/2012/06/07/what-makes-countries-rich-or-poor/

Jared Diamond schreibt: "Two major factors contribute to the poverty of tropical countries compared to temperate countries: diseases and agricultural productivity. The tropics are notoriously unhealthy. Tropical diseases differ on average from temperate diseases, in several respects. First, there are far more parasitic diseases (such as elephantiasis and schistosomiasis) in tropical areas, because cold temperate winters kill parasite stages outside our bodies, but tropical parasites can thrive outside our bodies all year long. Second, disease vectors, such as mosquitoes and ticks, are far more diverse in tropical than in temperate areas.

Finally, biological characteristics of the responsible microbes have made it easier to develop vaccines against major infectious diseases of temperate areas than against tropical diseases; we still aren’t close to a vaccine against malaria, despite billions of dollars invested. Hence tropical diseases impose a huge burden on economies of tropical countries. At any given moment, much of the population is sick and unable to work efficiently. Many women in tropical areas can’t join the workforce because they are constantly nursing and caring for babies conceived as insurance against the expected deaths of some of their older children from malaria.

As for agricultural productivity, it averages lower in tropical than in temperate areas, again for several reasons. First, temperate plants store more energy in parts edible to us humans (such as seeds and tubers) than do tropical plants. Second, diseases borne by insects and other pests reduce crop yields more in the tropics than in the temperate zones, because the pests are more diverse and survive better year-round in tropical than in temperate areas. Third, glaciers repeatedly advanced and retreated over temperate areas, creating young nutrient-rich soils. Tropical lowland areas haven’t been glaciated and hence tend to have older soils, leached of their nutrients by rain for thousands of years. (Young fertile volcanic and alluvial soils are exceptions.) Fourth, the higher average rainfall of tropical than of temperate areas results in more nutrients being leached out of the soil by rain.

Finally, higher tropical temperatures cause dead leaves and other organic matter falling to the ground to be broken down quickly by microbes and other organisms, releasing their nutrients to be leached away. Hence in temperate areas soil fertility is on average higher, crop losses to pests lower, and agricultural productivity higher than in tropical areas. That’s why Argentina in South America’s south temperate zone, despite its conspicuous lack (for most of its history) of the good institutions praised by economists, is the leading food exporter in Latin America, and one of the leading ones in the world."

Der ganze Artikel ist höchst lesenswert.

Fritz
18. April 2018 10:13

Daneben sollte man sich bewusst sein, dass in Europa vor längerer Zeit exakt die gleichen gewalttätigen und Korrupten Verhältnisse herrschten wie heut in Afrika oder im Nahen Osten

Auch da kann ich wieder ein Buch empfehlen, das dies anschaulich macht: http://www.upenn.edu/pennpress/book/13325.html

Der Autor schildert den Krieg zwischen England und Frankreich im 14. Jahrhundert. Die beiden damals fortgeschrittensten europäischen Ländern stellen sich dar als ein Chaos ähnlich dem heutigen im Kongo. Könige sind unfähig, ihre Untertanen vor Invasoren zu schützen, Banden von arbeitslosen Soldaten ziehen mordend und raubend durchs Land, überall herrscht größte Grausamkeit (bei gleichzeitg hoher Religiosität, auch das eine Parallele).

Diese Zustände konnten bekanntlich in Europa überwunden werden; vielleicht wäre ein ähnliche Entwicklung in Afrika zumindest nicht unmöglich.

Jedenfalls sehe ich keinen Grund, die Menschen der III. Welt als genetisch oder kulturell usw. auf ewig zum Elend verurteilt zu betrachten.

Andreas Walter
19. April 2018 03:41

"Auf ewig zum Elend verurteilt" vielleicht nicht, lieber Fritz, doch im Augenblick scheint es als würde sich selbst Südafrika wieder zurück entwickeln, sehr zum Leid derer, die es überhaupt erst urbar und damit auch für Schwarze attraktiv gemacht haben.

In welche Richtung sich allerdings Eigenschaften durch natürliche Auslese entwickeln, auch beim Menschen, hängt auch immer von den spezifischen Herausforderungen ab. Dazu muss aber auch beides, Herausforderung und Auslese, einschließlich aber auch Variation tatsächlich vorhanden sein.

Auch wir Nordeuropäer sind daher das Produkt von Tausenden von Jahren an Evolution, die sich nicht in wenigen Jahren oder selbst Jahrzehnten wiederholt, nachvollzieht.

Verstehe daher nicht, was Sie uns jetzt damit sagen wollen. Dass wir uns keine Gedanken und Sorgen zu machen brauchen? Weil es Afrika auch irgendwann schaffen wird? Sie dann in 50.000 Jahren womöglich auch blond und blauäugig sind, die, die jetzt hier die weissen Europäer abschlachten?

Doch das nutzt den aussterbenden Wildtieren Indiens und Afrikas auch nichts, wenn die Inder und Afrikaner erst in 1.000 Jahren die Kurve kriegen. Zumindest nicht, wenn nicht andere vorausschauende Menschen jetzt noch einiges auch an Variation von dem Genmaterial retten, was derzeit entweder als bush meat oder Teilweise auch als Medizin durch Speichel und Magensäure für immer zersetzt wird, auf immer und ewig dadurch verloren geht.

Ist doch bei den Neandertalern ähnlich gewesen, könnte man jetzt argumentieren. Nach denen kräht doch heute auch kein Hahn mehr. Ausser vielleicht ein paar verrückte Marxisten, die Grundsätzlich alles retten wollen, was dumm oder schwach genug ist um in deren Sklavenhaltung eingereiht zu werden.

Echte Sieger sind daher Krieger und Poeten zugleich und in der Lage, ihre Intelligenz und Fertigkeiten sowohl im Kampf wie auch in der Kultur zu jeder Zeit zur vollen Entfaltung zu bringen. Eben schnell Auffassungs- und Anpassungsfähig gegenüber jedweder Form von Herausforderung sein.

Sich für Flucht, Kampf oder Unterwerfung immer im richtigen Moment richtig entscheiden zu können.

Fritz
19. April 2018 12:16

Womit natürlich noch nicht erklärt ist, warum es die Europäer geschafft haben, die beschriebenen Zuständes innerhalb von ein paar hundert Jahren zu überwinden.

Zur Ausbildung besserer Gene hätte es wohl wesentlich längere Zeiträume benötigt.

Andreas Walter
19. April 2018 22:50

Das kommt ganz darauf an, wie hoch der Selektionsdruck ist. Das sieht man ja auch bei dem Krankheitskomplex HIV/AIDS. Von der Erstbeschreibung bis zu heute bereits Resistenzen sind keine 40 Jahre vergangen. Die Pest soll ein Drittel der damaligen europäischen Bevölkerung dahingerafft haben, ebenso wie der 30-jährige Krieg in manchen Regionen. Hoch interessant zu dem Thema Evolution, Auslese, Mutation und Anpassung auch folgende Dokumentation von Arte: [Doku] Tschernobyl - Die Natur kehrt zurück [HD]

https://www.youtube.com/watch?v=-WhIDtP64aw

Genetik, die Hardware, ist natürlich nur ein Teil des Ganzen, da ja auch der Geist, die Software, Prozessen der Evolution und Entwicklung unterliegt. Oder eben auch nicht, wenn die Reizarmut zu gross oder die Reizstärke zu klein ist, wodurch schon im Kindesalter unterschiedlich viele Dendriten ("Bio-ICs") im Gehirn entwickelt werden. Da spielen also immer mehrere Komponenten gleichzeitig eine Rolle, doch die Forschung in dem Bereich lag zumindest einige Jahrzehnte nach 1945 erstmal auf Eis, ausser in den Laboren der Militärs.

Bin darum gespannt auf den neuen Artikel, den ich mal mit Furcht vor Forschung, Furcht vor Wahrheit subsumiere.

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.