Sezession
8. April 2018

Sonntagsheld (55) – Sand im Getriebe

Till-Lucas Wessels / 6 Kommentare

Von der Normalität der Konsensstörung

Es ist eine Binsenweisheit, dass die politische Stimmung im Land nicht nur auf Buchmessen und Brandenburger Toren, sondern vor Allem im täglich Leben der Menschen neu verhandelt und geformt wird. Das geschieht mal mehr, mal weniger bewusst, der Großteil dieser Entwicklungen läuft allerdings subkutan unter der Epidermis des Alltags ab. Nun kommt es gelegentlich vor, dass sich auf dieser Haut Unreinheiten zeigen, als juckende Stellen und wunde Punkte; und in solchen Situationen beginnt ein Dilemma, welches man auch aus den unpolitischen Schattierungen der Zivilcourage kennt: Die innere Beunruhigung begibt sich in einen Widerstreit mit der Sorge um das eigene Ansehen. Greift man ein? Wenn ja – wie und wann? Geht man auf Nummer sicher und kümmert sich um seine eigenen Angelegenheiten, oder hört man auf sein Gewissen und riskiert sich zu blamieren, oder unangenehm aufzufallen? Hinzu kommt im politische Kontext natürlich die Frage: Beziehe ich Stellung, oder bleibe ich ein U-Boot?

Till-Lucas Wessels

Till-Lucas Wessels studiert und ist identitärer Aktivist sowie »Minenhund für zukünftig Zumutbares«.

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„Es wird jetzt in Burgwedel etwas schwieriger, narzisstisch dieses Gutmenschentum auszuleben - vor sich selber und vor der Gesellschaft“ – Diese nüchterne Feststellung steht am Ende eines kleinen Videoabschnittes, den mir vor wenigen Tagen Kollege Wegner zusandte. Darin zu sehen: Die Fußgängerzone der niedersächsischen Stadt Burgwedel, in der Ende März ein 17-jähriger Syrer eine Frau niederstach und lebensgefährlich verletzte, eine Bürgerin Typ „Flüchtlingsmutti“ und ihr Schutzbefohlener. „Ich hab‘ zwei [Flüchtlinge], der eine studiert demnächst und einer macht eine Ausbildung“ weiß erstere gerade zu berichten, während letzterer mit einem Ausdruck betroffener Treuseligkeit in der Gegend umherschaut, da mischt sich auf einmal ein Dritter in das Gespräch ein. Es ist ein älterer Herr, der ihre Ausführungen mit zynischer Verachtung ergänzt: „Und die anderen stechen Leute ab“.

Es ist eine simple, provokante Feststellung, nur ein kleiner Satz, aber er bringt die Interviewpartnerin gehörig aus dem Konzept; als der Bericht ausgestrahlt wird, fungiert die Szene als Aufmacher, der Ausschnitt mit dem unbekannten Störer schafft es bis über den Atlantik. Der Mann mit dem grimmigen Blick hat mit einer raschen Entscheidung einen Gegenstandpunkt gesetzt, in einem Bericht, der sonst nur die altbekannten O-Töne engagierter Bürger reproduziert hätte. Er hat, um das eingangs Geschriebene aufzugreifen, den Finger direkt in die Wunde gelegt, anstatt dabei zuzusehen, wie andere Gesellschaftsquacksalber sie notdürftig mit ein paar Pflastern und viel Make-Up überdecken. Das alles mitten am Tag, in einer westdeutschen Fußgängerzone, mit ein paar aus der Hüfte geschossenen Bemerkungen.

Das Video zeigt deutlich: Es bedarf nicht immer einer ausgeklügelt geplanten Aktion, oder einer stringenten Argumentationslinie, um erfolgreich zu sein. Das Politische wird in der Debatte verhandelt, ja, aber wir, die wir die Herrschaft über diese Debatte erlangen wollen, wissen nur zu gut, dass es nicht immer darauf ankommt das bessere Argument zu haben. Manchmal reicht es vollkommen aus, einfach nur zu stören. Es geht nicht darum Chaos zu stiften, es geht darum – man erinnere sich an ein legendäres Video der Konservativ-Subversiven Aktion - den Gegner in einen permanenten Unruhezustand zu versetzen. Wenn unsere Aktivisten einen Infotisch in der Fußgängerzone aufbauen, eine Aktion durchführen, oder einfach nur ein paar Flyer verteilen, dann wissen sie, dass das von linker Seite nicht lange unwidersprochen bleibt. Warum sollten wir denjenigen, die uns verneinen, diesen Luxus gönnen?

Ich schließe diesen Sonntagshelden deshalb diesmal mit einer etwas unorthodoxen Aufforderung an meine Leser: Seien Sie in der kommenden Woche einmal Sand im Getriebe. Gehen Sie mit offenen Augen und Ohren auf die Straße; wenn Sie einen Antifa-Aufkleber sehen, reißen Sie ihn ab. Wenn Sie an einem linken Infotisch vorbeikommen, lassen Sie sich so viele Flyer wie möglich geben und entsorgen Sie sie fachgerecht. Wenn es am Ort einen Bürgerdialog, oder eine Veranstaltung der etablierten Parteien gibt, gehen Sie hin, ergreifen Sie das Wort und widersprechen Sie. Und wenn in Ihrer Heimatstadt Menschen angestochen werden und Ihnen in der Fußgängerzone ein Kamerateam über den Weg läuft, fassen Sie sich ein Herz und stören Sie.


Till-Lucas Wessels

Till-Lucas Wessels studiert und ist identitärer Aktivist sowie »Minenhund für zukünftig Zumutbares«.

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Kommentare (6)

TS
8. April 2018 18:34

Hervorragend, Politik der tausend Nadelstiche. Sie funktioniert ebenfalls im engsten Freundes- und Familienkreis.

Franz Bettinger
8. April 2018 18:37

Ich habe mich sehr gefreut über diesen spontanen Alltags-Helden, den Sand, den der forsche Mann ins Getriebe der Asyl-Industrieellen streut und ihren Kommentar dazu, Herr Wessels. Sie haben recht: Das sind genau die Leute, die wir brauchen, täglich, überall! Hoffentlich werden es mehr.

Hartwig aus LG8
8. April 2018 19:25

Ein wichtiger Beitrag! Erst kürzlich wieder in einer Runde entfernterer Bekannter nach Offenbarung meines Wählervotums bei der letzten BTW: Diskussion! Man ist von jetzt auf gleich der Exot bei Tische und im besten Fall Objekt von Missionierungsversuchen. Wobei ich mich doch auf das Diskutieren nicht mehr einlassen will (und auch jedem davon abrate)! Ein Statement, eine Provokation, eine Klarstellung und ein nach Möglichkeit höfliches Beenden der Debatte, bevor sie überhaupt beginnt. Wirkt besser als das "Argument".
Der letzte Absatz von Wessels sollte bei jedem Sezessionisten zum aktionistischem Repertoire gehören.

Lotta Vorbeck
8. April 2018 20:30

@Hartwig aus LG8 - 8. April 2018 - 07:25 PM

"... Ein Statement, eine Provokation, eine Klarstellung und ein nach Möglichkeit höfliches Beenden der Debatte, bevor sie überhaupt beginnt. Wirkt besser als das "Argument". ..."

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Selbiges wird meinerseits genauso wie vom @Hartwig aus LG8 gehandhabt. Indem man fruchtlos-ermüdende Blödmannsdiskussionen vermeidet, bleibt man in der Offensive.

Wer sich von saturierten BRD-Konformisten in den Rechtfertigungsmodus drängen läßt, kann nur verlieren.

Götz Kubitschek mit Mikrophon in der Hand unlängst als Demonstrationsredner in Cottbus auf der Ladefläche eines Kleintransporters stehend (sinngemäß): "Ich rechtfertige mich nicht mehr für meine Meinung!"

Thueringer
9. April 2018 16:15

In meiner ostdeutschen Provinz hat man das Glück, nicht mehr allein zu sein. Offen getraut sich in meinem beruflichen Umfeld keiner zu bekennen, daß er z. B. zu den 22% gehört, die in unserem Bundesland AfD zur Bundestagswahl gewählt haben. Als neulich beim gemeinschaftlichen verpflichteten Kaffeetrinken der (westdeutsche) Chef über die AfD herzog, wurde die sonst so gesprächige Runde stiller als sonst. Mein betont scherzhaft vorgetragener Einwand, daß rein theoretisch 3 AfD-Wähler an diesem Tisch säßen, tat er damit ab, daß die hohen Ergebnisse ja durch die ungebildeten Dörfler kämen, und hier sind wir Akademiker ja unter uns.

Wenn der wüßte. Ich denke, er wird bald.

Eine Taktik der Linken übernehme ich schon seit längerem, nämlich die feindlichen Kräfte zu binden. (Das habe ich mir bei friedlich auftretenden Linken an AfD-Ständen abgeschaut.) Bei uns ist ja bald Bürgermeister- und Landratswahl. Die Kandidaten der linken Parteien freuen sich immer, wenn jemand mit ihnen redet. Daß kann man auch sehr lange tun, und sie auch – „das ist interessant, erklären sie mir das genauer, während ich eine Bratwurst hole“ – von den Ständen weglocken.

Und nein, ich fühle mich nicht großartig dabei, wenn ich das mache. Es ist reine Gegenwehr.

Waldgaenger aus Schwaben
11. April 2018 06:54

Diese Erdung der SiN begrüße ich.

Der genannte Held ist kein einsamer Held. Irgendjemand muss auch entschieden haben, das zu senden und irgendjemand muss ihn auch dazu ermutigt haben.

Ich sah in der BILD einen ganzseitigen Artikel über die verletze Frau:
Die junge Frau, offenbar noch im künstlichen Koma, im Bett, überall um sie herum Schläuche und Geräte, als Überschrift:

Mutter: Die Leute sollen sehen, was meiner Tochter angetan wurde!

Die Verletzungen wurden beschrieben. Die Milz muss entfernt werden und durch die Wucht des Messerstoßes sind mehrere Rippen gebrochen.
Wer denkt da nicht: Das könnte meine Tochter, Freundin oder Frau sein.

Vielleicht war es dieser Artikel in BILD über die schwer verletzte junge Frau, die den Held dazu ermutigte.

Die wenigsten Held sind einsame Helden, sondern Kristallisationskerne von Stimmungen.
Statt des Bildes vom Sand im Getriebe möchte ich deshalb ein anderes bringen. Das Bild der Erosion. Wasser sickert in feinste Ritzen und sprengt dann dort Gestein auf.

In Anlehnung an das Buch Kohelet:
Es gibt eine Zeit zum Einsickern und es gibt eine Zeit zum Sprengen.

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