Sezession
7. Mai 2018

Ramadan als Wehrübung

Gastbeitrag / 26 Kommentare

von Jörg Seidel -- Ab dem 15. Mai begehen Millionen unserer Mitmenschen den Ramadan. Mittlerweile wird das in der Presse gefeiert.

Mittlerweile klären die Medien flächendeckend auf, mittlerweile wünschen staatliche Stellen einen „Gesegneten Ramadan“, mittlerweile haben wir uns an den Mundgeruch in der Straßenbahn gewöhnt – als Ausdruck des Rechtes auf freie Religionsausübung.

Alle Religionen kennen Fastenzeiten und asketische Exerzitien. Wenn man den Begriff der Religion – religio: Rückbindung – aber modifiziert oder ihn durch einen anderen ersetzt, dann werden neue Perspektiven sichtbar, dann wird auch verständlich, weshalb der Islam – die theologisch wohl schwächste aller Weltreligionen – eine solche Ausdauer haben konnte und weshalb er gerade jetzt, verbunden mit einer demographischen Explosion, sich anschickt, die Welt ein zweites Mal zu erobern.

Der Ramadan ist eine der „fünf Säulen des Islam“:

  1. Das Glaubensbekenntnis, die Schahada
  2. Das fünfmalige tägliche Gebet
  3. Das einmonatige Fasten während des Ramadans
  4. Der Haddsch, die Pilgerreise nach Mekka
  5. Der Zakad, die Spende an die Bedürftigen

Peter Sloterdijk hatte in seinem fulminanten Großessay Du mußt dein Leben ändern den umstürzenden Gedanken geäußert, den Begriff der Religion abzulegen. Es gibt keine Religionen, „es gibt nur mehr oder weniger ausbreitungsfähige oder mehr oder weniger ausbreitungswürdige Übungssysteme.“

Und: „Das wirklich Wiederkehrende, das alle intellektuelle Aufmerksamkeit verdient, hat eher eine anthropologische als eine ,religiöse‘ Spitze.“ Darüber hinaus sei der Begriff kulturimperialistisch, da er nur im Westen verstanden würde und Hindus und Buddhisten schon Jahrhunderte zuvor „Religion“ ausübten, ohne diesen Begriff zu benötigen, der ihnen erst durch „Religionswissenschaftler“ aufgedrängt worden sei.

Mohammeds Genie liegt in der Vorwegnahme dieses Gedankens und in der Installation eines entsprechenden Regulariums. Betrachtet man unter diesem Gesichtspunkt die fünf Säulen des Islam – andere Pflichten, wie der kleine und der große Djihad, die Koranlektüre, das Auswendiglernen … kommen hinzu –, so erkennen wir ein ausgeklügeltes Hochintensivtrainingsprogramm. Bis auf die Schahada, die theoretisch nur ein Mal, bei der Annahme der Religion, gesprochen werden muß, die in der Realität aber tagtäglicher innerer Begleiter der meisten Muslime ist – etwa beim Bismillah vor jeder Mahlzeit, vor dem Geschlechtsverkehr etc. –, bis auf die Schahada und den Haddsch, handelt es sich um Permanenzübungen.

Vor allem das Gebet entfaltet eine enorme Macht. Alle drei Stunden circa ist der Muslim angehalten innezuhalten, sich aus der realen in die spirituelle Welt zu begeben, eine „Vertikalspannung“ zu seinem Gott aufzubauen, und dabei immer wieder die gleichen Formeln zu beten und sich mindestens 17 Mal vor dem Gott in den Staub zu werfen. Die psychomotorische Ausrichtung eines Hirns, das sich diesem Exerzitium unterwirft, ist sehr wahrscheinlich. Der physische Akt des Niederwerfens – hier erkennt man, daß Mohammed ein kluger Intuitivpsychologe war – verbindet beide Ebenen und vertieft die geistige Gravur durch körperliche Repetition. Heute ist das neuester Stand der Wissenschaft, heute nutzt man das Verfahren im Profisport, bei Rehabilitation oder bei der Gehirnwäsche.

Der Haddsch war einst ein enormer Kraftakt. Sich in einen Jet zu setzen, in Mekka zu landen, sich ein Tuch umzuwerfen, ein Selfie zu machen, dieses bei Instagramm einstellen und zwei Tage später schon wieder im Trainingslager der Nationalmannschaft zu sein (wie Mezut Özil), dürfte an der Paradiespforte eher wenig goutiert werden.

Der Haddsch war als asketisches Exerzitium gedacht, als Leidenszeit, als Zeit des Selbstrisikos. Wer einmal durch die Wüste zog, um die Kaaba zu umrunden, und dabei Hitze und Entbehrung erleiden mußte, den Tod riskierte oder den Überfall durch marodierende Banden, die gnadenlose Sonne ertrug … für den ist die Ankunft, ist das Gemeinschaftserlebnis, ist das Erreichen des Ziels wie eine Offenbarung. Man muß als moderner Mensch schon Reinhold Messner lauschen, um heutigentags noch eine Ahnung davon zu bekommen.

Selbst der Zakad ist als Übung zu beschreiben. Es geht darum, 2,5 % bis 10 % seines Einkommens an die Armen abzugeben. Die christlichen Konfessionen kennen das als Zehnt oder Kollekte. Das Opfer, die Spende, das Almosen ist seit je ein stark wirkendes Gottes-Aphrodisiakum, eine Wohlfühlmaschine und eine Verbindung zum Transzendenten. Wird sie regelmäßig eingeübt, entfaltet sie ihre abhängig machende Glückswirkung.

Unter diesen Vorzeichen ist die Funktion des Ramadan evident. Sein jährlicher Wiederholungscharakter zeichnet ihn als Exerzitium par excellence aus. Dem Haddsch vergleichbar, konnte Mohammed nicht ahnen, daß seine Jünger einst in allen Weltteilen sich umtreiben, bzw. war es Mohammed nicht bewußt gewesen, wie groß die Welt eigentlich ist.

Es gibt Indizien dafür, daß er vom Scheibencharakter der Erde und damit ihrer Endlichkeit, überzeugt war. Seine Religion ist eine Wüstenreligion, seine Welt reichte bis an den Rand der Dürre, bis an die Berge, er konnte also nicht ahnen, daß es für einen Muslim in Norwegen Probleme geben könnte, die Mekkawanderung zu leisten oder den Ramadan ohne Kompromisse zu überleben. Man hätte von Al Alim, dem Allwissenden, möglicherweise eine konkrete Anweisung für diesen Fall erwarten können …

Auf der arabischen Halbinsel teilen sich Tag und Nacht in schöner Gleichmäßigkeit von ca. 12 Stunden (± zwei) die Zeit, sommers wie winters. Trotzdem ist der Übungserfolg bedeutend. Es ist eine 30-malige Übung zur Abwehr des Zweifels, eine Überwindung des inneren Schweinehundes (pardon), ein zwar überschaubares Leid, durch seine Wiederholung aber ein sehr wirksames.

Zudem führen die Intensivierung des Gebets, die größere Offenheit für Spiritualität während des Fastens, die Freude über die Überwindung zu einer gefühlten Gottesnähe, das täglich gemeinsame Fastenbrechen stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl der Umma, die Distinktion zwischen „Wir“ und „die anderen“, zwischen mumin und kuffar, und damit die Sicherheit des Dazugehörens.

Vermutlich ist der Islam das am meisten durchorganisierte „religiöse“ System – man kann auch von Psychodesign sprechen. Seine Anhänger sind, auch als Bauern und Städter – das muß die Intention des Gründers gewesen sein – mehr oder weniger durchtrainierte potentielle Glaubenssoldaten.

Lediglich der Buddhismus kennt in einigen Spielarten ein ähnlich starkes Training, die Meditation, deren Energie freilich komplett nach innen geleitet wird, wohingegen der Islam eine extrovertierte Religion darstellt. Seine hohe Repetitivität verleiht ihm seine Macht, die er seit 1400 Jahren, trotz weitgehend kultureller Rückständigkeit, beeindruckend unter Beweis stellt. Wer all diese Entbehrungen auf sich genommen hat, für den ist es mit jedem Male schwerer, den zurückgelegten Weg kritisch zu betrachten. Es wäre dann alles umsonst gewesen …


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Kommentare (26)

Andreas Walter
8. Mai 2018 01:57

Na ja, ich finde das Christ Sein gerade auch sehr belastend, zumal das absolute Tötungsverbot lebensbedrohlich sein kann. Wenn man dadurch also immer auf die Möglichkeit der Flucht oder auf Schutz durch weniger Geprüfte angewiesen ist. Auch andere Gebote aber sind in der globalisierten und diktatorisch gleichgeschalteten Welt gar nicht mehr zu leisten, ohne dadurch Armut und sogar Gefängnis zu riskieren. Christus hat daher entweder auch noch in anderen Dimensionen gedacht oder müsste als Gottes Sohn eigentlich bereits gewusst haben, dass die Erde begrenzt und eines Tages masslos überbevölkert sein würde. Dass das Christ Sein dadurch im Lauf der Zeit also immer schwerer, eine immer grössere Herausforderung werden würde.

Da haben es doch Juden und Mohammedaner viel leichter.

Flüchten müssen ist daher auch ein kluger Winkelzug, eine Lehre möglichst weit zu verbreiten, was eine Weile darum ja auch ganz gut geklappt hat, doch seit etwa 200 Jahren hat auch das Christentum immer mehr Konkurrenz auch durch andere Ideologien bekommen, hauptsächlich vom Marxismus, dem es auch nichts entgegenzusetzen hatte.

Für mich spielen daher Juden und Mohammedaner in einer ganz anderen Liga, die an das Christentum nicht einmal im Traum heranreicht. Christen unterwerfen sich nicht, sie liefern sich sogar mit Leib und Leben, auch das ihrer Geliebten, Gottes Willen aus. Es gibt überhaupt nichts, was damit auch nur vergleichbar wäre. Wenn also jemand Gottes Kinder sind, dann nur die Christen, und sonst niemand.

Als Christ werde ich selbst in Deutschland derzeit sowohl von den Juden, den Marxisten wie auch den Mohammedanern bedroht, verfolgt und unterdrückt, den Atheisten teilweise auch, wobei ich den Unwissenden und Dummen nicht einmal einen Vorwurf machen darf. Denn wie sagte und wusste auch schon und bat darum der Erlöser den Vater: Lukas 23:34

Durendal
8. Mai 2018 06:49

Solche „Hochintensivprogramme“ mit regelmäßigem Aufbau von „Vertikalspannung“ (danke für die Begriffe) finden sich in den nicht-dekadenten Formen des Katholizismus ebenfalls, wobei die fortgeschrittenen Elemente ebenfalls ein Element des bewusst ertragenen Leides pflegen: http://www.kathpedia.com/index.php?title=Opus_Dei#Lebensplan
Solche Formen des Katholizismus haben gegenüber ihren Gegenbildern im Islam den enormen Vorteil, dass sie intellektuelle Übungen (geistliche Lektüre, betrachtendes Gebet) mit einschließen und nicht nur passives Befolgen von Regeln darstellen.

Taurec
8. Mai 2018 07:44

Der Islam ist im Sinne Spenglers „zweiter Religiosität“ eine vollendete Fellachenreligion. Es ermangele solchen an der schöpferischen Kraft der frühen Kultur.

„Ihre Größe liegt dort in der tiefen Frömmigkeit, welche das ganze Wachsein ausfüllt – Herodot nannte die Ägypter [übrigens auch Semiten] die frömmsten Menschen der Welt, und denselben Eindruck machen China, Indien und der Islam auf den heutigen Westeuropäer – […], aber die Schöpfungen dieser Frömmigkeit sind ebensowenig etwas Ursprüngliches wie die Form des römischen Imperiums. Es wird nichts aufgebaut, es entfaltet sich keine Idee, sondern es ist, als zöge ein Nebel vom Lande ab und die alten Formen träten erst ungewiß, dann immer klarer wieder hervor. Die zweite Religiosität enthält, nur anders erlebt und ausgedrückt, wieder den Bestand der ersten, echten und frühen. Zuerst verliert sich der Rationalismus, dann kommen die Gestalten der Frühzeit zum Vorschein, zuletzt ist es die ganze Welt der primitiven Religion, die vor den großen Formen des Frühglaubens zurückgewichen war und nun in einem volkstümlichen Synkretismus, der auf dieser Stufe keiner Kultur fehlt, mächtig wieder hervordringt.
[…]
Aber es ist nicht der religiöse Zeitvertreib gebildeter und literaturgesättigter Kreise und überhaupt nicht der Geist, aus dem die zweite Religiosität hervorgeht, sondern ein ganz unbemerkter und von selbst entstehender naiver Glaube der Massen an irgendwelche mythische Beschaffenheit des Wirklichen, für die alle Beweisgründe ein Spiel mit Worten, etwas Dürftiges und Langweiliges zu sein beginnen, und zugleich ein naives Herzensbedürfnis, dem Mythos mit einem Kultus demütig zu antworten.
[…]
Aus dieser zweiten Religiosität gehen endlich die Fellachenreligionen hervor, in denen der Gegensatz von weltstädtischer und provinzialer Frömmigkeit ebenso wieder verschwunden ist wie der von primitiver und hoher Kultur. Was das bedeutet, lehrt der Begriff des Fellachenvolkes. Die Religion ist völlig geschichtslos geworden; wo einst Jahrzehnte eine Epoche bedeuteten, haben jetzt Jahrhunderte keine Bedeutung mehr, und das Auf und Nieder oberflächlicher Veränderungen beweist nur, daß die innere Gestalt endgültig und fertig ist.“

Solchen Spätreligionen scheint eigentümlich zu sein, daß sie kein originäres religiöses-transzendentes Empfinden mehr haben, wie es in Spenglers Philosophie den von einem starken geistigen Drängen gezeichneten Frühzeiten der Hochkulturen zu eigen ist, die ihre Ideen erst entdecken, entwickeln und in Form bringen müssen. Vielmehr sind es starre, stark ritualisierte Systeme, in denen der Glaube sich letztlich über bloße Repetition, also das strikte Befolgen starr ausgelegter, schriftlich fixierter Regeln und Rituale definiert, über reine Äußerlichkeiten. Dem entspricht das Auswendiglernen des Korans, das per se noch nichts mit inhaltlichem Durchdringen zu tun hat. Man muß überhaupt nicht verstehen, was und warum man etwas tun, solange man es tut. Eigentliches Verstehen ist der Ausübung vielmehr hinderlich. Im Unverständnis liegt der Mythus, im Herunterbeten religiöser Phrasen, Floskeln und Rituale das Bekenntnis.
Eine solche Religion spricht den kleinsten gemeinsamen Nenner aller Menschen an, zu dem auch der Dümmste fähig ist. Es sind oberflächliche Bekenntnisse und oberflächliche Tätigkeiten, die kein Bewußtsein des Transzendenten erfordern, aber durch Wiederholung als Teil einer Masse Gläubiger womöglich eine Art Trance als Ersatzphänomen geistiger Erfahrungen erzeugen. Zugleich verhindert ein starres, „fertiges“ Religionssystem, das sich jeder Veränderung verschließt, daß jemals eine Weiterentwicklung oder eine neue Idee einträte, geschweige denn, daß der Einzelne über sich selbst erhoben und aufgefordert werden würde, je mehr als er selbst sein zu wollen, sich selbst und seine Lebensweise über die Grenzen eines unfruchtbaren Ritualismus hinaus zu vervollkommnen. Daraus und aus der primitiven Anschlußfähigkeit für alle erklären sich wohl der Erfolg des Islams und die Rückständigkeit des größten Teils seiner Anhänger. Er ist eine einfach gestrickte Ideologie mit einem effektiven System, um formlose Massen einzunorden.

t.gygax
8. Mai 2018 08:55

Psychodesign? Selten habe ich eine schönere sprachliche Formulierung gelesen für etwas, das man härter und konsequenter auch als Gehirnwäsche bezeichnen könnte.

Tobinambur
8. Mai 2018 09:32

Ich sehe die Funktion der islamischen Ritualpraxis auch so, möchte aber ergänzend das Folgende hinzufügen. Richtig ist die Beobachtung der Parallelität zwischen Buddhismus und Islam in der Einstellung gegenüber repetitivem "Hochtintesitätstraining". Dies gibt es zwar auch in anderen sog. Religionen wie Christentum, Judentum und Schamanismus, aber nirgendwo ist der Gegensatz so radikal ausgeprägt wie zwischen Buddhismus und Islam. Der Gegensatz bezieht sich dabei natürlich nicht auf die Formen der Praxis (Prostrationen gibt es auch im Buddhismus; z.B. in den sogenannten Ngöndro-Vorbereitungen), sondern auf die inhaltlichen Ziele und den konkreten Zweck der Übungen. Die Gegensätzlichkeit ist sogar derart stark, dass ich Islam (als politische Religion) und Buddhismus (als nicht-politische Nicht-Religion) für Paradigmen des größtmöglichen Gegensatzes von Überzeugungssystemen überhaupt halte. Dabei ist deren Charakterisierung als "innerlich" und "extrovertiert" eher verdunkelnd, was sich daran zeigt, dass Sie dabei zu dem vagen esoterischen Begriff von "Energien" Zuflucht nehmen müssen. Sie betonen aber zu Recht: der allgemeine Zweck solcher Praktiken ist die Gewohnheitsbildung. Es geht um die Herstellung eines neuen habituellen Menschentyps (So wie die linken zeitgenössischen Ismen ebenfalls einen neuen Menschentyp konstruieren wollen, was die Dekonstruktion des bisherigen Typs erfordert). Nur hat der Islam den zweifelhaften Vorteil vor allen Feminismen, Sozialismen und Genderismen, dass er zugleich das Minimum an Transzendenzbedürfnis befriedigt, das eine anthropologische Konstante zu sein scheint, und es gleichzeitig für seine politischen nichttranszendenten Zwecke ausnützt. Tatsächlich ist der Typus des Muslim der eines Gotteskriegers, der mit oder und/ohne Gewalt den politischen Feind vernichtet, also entweder bekehrt, physisch liquidiert oder sonst auf eine Weise diesem Ziel dient. Es geht also um die Einübung einer spezifischen Gewohnheit, die sich von der bisherigen (womöglich friedlichen) Alltagsgewohnheit dadurch abhebt, dass sie sich vom partikularen Interesse (für sich selbst, Familie, Stamm) ab- und dem universalistischen Interesse der Überzeugungsgemeinschaft zuwendet - und zwar mit der individuell adäquaten Möglichkeit und Intensität: von der kinderwerfenden Gebärmaschine über den Kaufmann, der den Reichtum der Gemeinschaft vermehrt, bis hin zum todesbereiten Martyrer. Im Buddhismus hingegen geht es um das Abtrainieren von bisherigen Alltagsgewohnheiten und dem Antrainieren von neuen Gewohnheiten, die nach Buddhas Lehre den Ausgangspunkt dafür bilden, dass überhaupt jede Konditionierung abgeworfen werden kann, also eine Befreiung möglich wird, die das eigentliche Ziel ist. Dabei erweisen sich gerade Gottesvorstellungen nicht nur als überflüssig, sondern als hinderlich, da sie ja nichts anderes als Gewohnheiten sind, nämlich eine besondere Form des "Immer-dieselbe-Überzeugung-habens". Und genau das erkannte Buddha, dass es nämlich ein solches dauerhafte Selbst, eine ewige Substanz, eine unveränderliche Identität nicht gibt. Dass es eine Illusion und eine Dummheit ist, die für das Leid verantwortlich ist. Das hat nicht mit linker Dekonstruktionsbesessenheit zu tun. Diese ist auf diesem Hintergrund nichts anderes als der extrem dumme, materialistische Schatten dieser Erkenntnis. Welche Konsequenz hat aber dieses Nicht-Selbst (Anatman), die "Standpunktlosikeit" für einen Buddhisten? Es bedeutet, dass uns nichts anderes zu tun bleibt, als das, was vor der Nase liegt, d.h. man geht seinen regionalen, lokalen, partikularen Weg und schaut mit den anderen, die das auch tun, klar zu kommen und sich vor denen zu schützen, die einen das nicht zugestehen wollen: seien es Gutmenschen, Mohamedaner oder sontige Universalisten, die uns ständig bevormunden wollen. Auf diesen Punkt gebracht haben wir hier in wesentlichen DEN Gegensatz zwischen Partikularismus und Universalismus vorliegen. So ist z. B. jede buddhistische Philosophie immer eine Variation des Nominalismus.

Der_Juergen
8. Mai 2018 15:28

Ein bemerkenswerter Artikel.

Ich habe mich vor einiger Zeit der Mühe unterzogen, den Koran vollständig zu lesen. Mein Eindruck war niederschmetternd. Wie ist es möglich, dass ein dermassen "schlechtes Buch" (Schopenhauer) seit weit über einem Jahrtausend die geistige Grundlage eines grossen Teils der Menschheit bildet?

Was bei der Lektüre dieses düsteren Werkes besonders auffällt, ist die obsessive Fixierung auf die "Ungläubigen", vor deren Verruchtheit unermüdlich gewarnt wird und denen ebenso unermüdlich die wohlverdienten Höllenstrafen im Jenseits in Aussicht gestellt werden. Wer da von der Chimäre eines "Euro-Islam" schwärmt und von einem "christlich-islamischen Dialog" faselt, macht sich nur zur Lachnummer. Wie kann es einen Dialog mit Leuten geben, die nicht um ein Jota von ihren Dogmen abweichen und jede Konzession der Gegenseite triumphierend als Beweis für deren Schwäche deuten - zu Recht übrigens?

Den Islam mit dem Christentum, dem Buddhismus oder dem Hinduismus in einem Atemzug zu nennen, ist eine Sünde wider den Heiligen Geist. Das einzige andere "heilige Buch", das in gleichem Umfang vom Wüstenstaub der absoluten Sterilität geprägt ist, ist der Talmud (nicht jedoch das Alte Testament!).

Ich gebe zu, dass dem Klang in arabischer Sprache verlesener Koranversen eine düstere Grossartigkeit innewohnt. Ich leugne nicht, dass auch islamische Denker, vor allem Perser, Bedeutendes zu schaffen vermochten - nicht wegen des Koran, sondern trotz ihm.

Europa hat die Anhänger dieser finstersten aller universalistischen Religionen zu Millionen und Abermillionen willkommen geheissen. Es erntet jetzt die Früchte seines Wahnsinns. Und die Einfuhr der Ernte hat eben erst begonnen.

Stil-Bluete
8. Mai 2018 15:49

Ein längst fälliger Beitrag, der auf das nichtreligöse Fundament des Islam als größtes einheitliches Trainings-, ja Überlebens-Trainingslager der Gegenwart hinweist.
Allein die Konditionierung durch fünfmalige tägliche gymnastische Übungen, die den Tagesablauf nicht nur strukturieren, sondern physiotherapeutische yogaähnliche Dehn- und Streckübungen des Körpers bis ins hohe Alter vorschreiben, ist eine Meisterleistung der Disziplinierung Aller. Ganz abgesehen von der hygienischen Erfrischung und Pflege durch die Waschungen. Allerdings auf Kosten des Geheimnisses, des Mysteriums.
Was mag die Ausrichtung Aller zur gleichen Zeit in die gleiche Richtung, mal die Zeitverschiebung ausgenommen, die das Ganze ja emotional noch verstärken könnte, da nun in der ganzen Welt rund um die Uhr trainiert wird, für ein Kraftquell sein!
Das Schwein als Konkurrenten zum Menschen, das als Tier die Wasserquelle durch Sülen im Schlamm verschmutzt, auszuschalten, hat rein ebenfalls praktische Gründe.
Auch beim Ausüben des Sports die Trennung von Frauen und Männern vorzuschreiben, ist einleuchtend. Denn wie wäre es, wenn die Frauen vor ihrem Angesicht die emporgereckten Allerwertesten der Männer zu Gesicht bekämen. Umgekehrt ebenso.
Pragmatisch ist auch nicht die völlige Bedeckung der Frauen nüchtern zu betgrachten. Nicht nur Schutz vor der Sonne, auch Schutz vor lüsternen Blicken. Dafür hat man hingenommen, dass die Damenwelt, früher als ihre der Sonne ausgesetzten westlichen bzw. nördlichen Geschlechtsgenossinnen, an Osteoporose erkrankt; sie hat als Fruchtbare, Gebärende, mithin Attraktive ohnehin ausgedient. Orthopäden warnen in unseren Breitengraden immer noch nicht laut genug vor frühzeitigen Verfallserscheinungen des Knochenabbaus speziell muslimischer Frauen. Auch hat sich die totale bis totalitäre Trennung der Frauen- und Männerwelt sowohl für die kämpferische bzw. kriegerische Seite des Mannes als auch für die passive, erzieherische weiche Seite der Frauen als Vorteil erwiesen: Keine Ablenkung! Konzentration auf den Wett-Kampf unter Männern. Harem, Küche und liebevolle enge Beziehung Mutter-Kind in den ersten Lebensjahren für die Frauen. Die Mohammedaner bedurften nicht - wie die Spiele im Mittelalter - des Frauenlobs und des 'Handschuhs'. Verfeinerung war weniger erwünscht. In der Folge auch weniger Dekadenz. Allerdings fällt mir auf, dass die üppigen Speisen, Kleidungen, die ja Kostümierungen gleichen, des Osmanischen/Orientalischen under Persischen ('Perser') da rausfallen.
Könnte man diesen Pragmatismus (ohne Bilder, Musik, Theater) von vorn herein die Ausschaltung von Geist (intellektuell) und Geist (religiös), nicht beinahe als gelungene soziale bis sozialistische Gleichstellungsidee, als Gesellschaftsmodell auffassen? Eine enorme Orientierungshilfe, wo immer sich ein Moslem befindet, ist es ohnehin. Denken wir nur daran, in welchen heruntergekommenen Hinterhöfen die ersten Moscheen in Deutschland zu finden waren. Die Bevorzugung von Wohngebieten, die steril und nichtssagend in der westdeutschen Nachkriegszeit gebaut wurden, entspricht der anspruchslosen Wüstenmentalität, zumindest stört es sie nicht. Ist Der Einsatz für große attraktive Moscheen dem Einstz der christlichen Gläubigen für eine Kirche adäquat? Ähnelt er nicht vielmehr dem Einsatz von Sportlern für einen gepflegte Trainingsstätte?
Wenn schon, ist das alles ein Kultur-, aber kein Religionsk(r)ampf.

Martin Heinrich
8. Mai 2018 19:35

Zu den bisherigen Betrachtungen zum Buddhismus möchte ich ergänzen, dass Buddha nicht nur für Mönche und Nonnen predigte. Er hat ganz eindeutig zwischen Laien und Mönchen/Nonnen unterschieden. Fritz Schäfer hat das sehr deutlich in seinem.großen Werk herausgearbeitet. "Buddha sprach nicht nur für Mönche und Nonnen."
Buddhas Aufforderung an den interessierten Menschen "ehi passiko" "komm und sieh' selbst!", läßt gar keine pauschale, standardisierte Übungsabfolge zu.

Diese Unterscheidung gibt es im Islam nicht. Der Koran und die Hadithe gelten in gleichem Umfang für alle Gläubige. Es gibt daher auch im Islam keine Mönchs- oder Nonnenorden. (Die Sufis sind eine spät entstandene, in der Regel verfolgte Randgruppe von Mystikern, die auch kaum als Ausnahme von der Regel gelten können.)

Während das muslimische Glaubensbekenntnis gänzlich apodiktisch ist "Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist sein Prophet.", weist die buddhistische Zufluchtnahme "Ich nehme Zuflucht zu Buddha, Dharma, Sangha" auf einen stets individuellen Prozess hin, der immer ein eigener Erfahrungsprozess ist. Da, wo in der Spiritualität ein individuelles Suchen zwangsläufig ist, kann es keine "stramme" Gefolgschaft geben. Kein Wunder, dass der Islam den Buddhismus stets aufs Schärfste verfolgt hat.

Der Gehenkte
8. Mai 2018 19:36

@ Tobinambur

Sie haben da eine Wesensdifferenz zwischen Islam und Buddhismus unterstrichen. Vermutlich werden die meisten Leser der buddhistischen Position näher stehen - allerdings hat dies auch zur großflächigen Vernichtung des wehrlosen Buddhismus (nebst der Buddhisten) durch den kriegerisch-missionarischen Islam in Indien geführt. So gesehen kann auch der Buddhismus bis zum Märtyrertum führen, zum passiven.

Ihre Kritik am Begriff der "Energie" verstehe ich nicht ganz. Haben Sie einen anderen? Das würde mich interessieren. Wie würden Sie das Verhältnis Innerlichkeit-Äußerlichkeit beschreiben? Freilich, man kann es auch "Konditionierung" nennen ... nur: was leistet dieser Begriff mehr? Ist "Energie" abzulehnen, weil New Age und Esoterik es ausgenudelt haben? Dann müßten wir fast sprachlos sein.

Buddha hat die Frage nach Gott nicht beantwortet, weil er sie als nicht-beantwortbar erkannt hatte; sie sei daher nicht heilsförderlich und auszuschließen. Mit Ihrer radikalen Gegenüberstellung, könnte man zu dem Schluß kommen, daß der Islam eine extrem positive, der Buddhismus aber eine extrem negative "Theologie" besitzt; positiv im Sinne von bestimmt, konkret, vollständig ausgemalt.

Schließlich: der anfängliche Satz, es gebe "Training" auch in anderen Religionen geht wohl immer noch an dieser Interpretation vorbei, denn Sloterdijk meint wohl identisches: Religion i s t Training!

@ Der_Juergen

Mir ging es bei der Lektüre des Korans ähnlich - aber ich würde nicht solche Schlüsse ziehen.

Clive Bell sagte mal: "To me the sight of cheese is offensive, the smell shocking, the mere thought disturbing and vexatious: to see people eating it revolts my whole being to its depths and undermines my sense of human dignity.

Yet reason tells me that the eating of cheese is no sin. Reason forbids me to mistake a physical reaction for a moral judgement, which is what every other part of my nature longs to do. Reason overrides prejudice."

Außerdem halte ich die Fixierung auf den Koran für falsch. er ist ein hochgradig widersprüchliches Buch und gerade deswegen in vielerlei Richtung lesbar. Nicht daß, sondern wie er gelesen wird, ist entscheidend und also die Vorprägung und Erwartung des jeweiligen Lesers.

Gustav Grambauer
8. Mai 2018 22:53

OT und dennoch zum Thema:

Am heutigen Tage der Scheidung des Iran vom Westen durch Trump ist es vielleicht angebracht, darauf hinzuweisen, daß der - inzwischen obsolete - Plan für das Kalifat Europa zwei Stufen hatte:

Stufe 1: der "böse" (sunnitische) Islam hätte Europa überrollen sollen (was auch zu, sagen wir, 0,5 % gediehen ist, schlimm genug).

Stufe 2: dann hätte der "gute" (schiitische) Islam (mit Konzessionen wie zu finden beim Googeln von "teheran disco party", haargenau dieser Art west-östlich-gebrochener Exotik lechzen ja die Roths und Göring-Eckarts entgegen) als "Rettung" angepriesen und der Iran zur neuen Schutzmacht Europas gemacht werden sollen. Am heutigen Tag hat Trump diesen Plan engültig zu Klopapier gemacht, das ist der eigentliche Grund für das Gejaule auf allen Kanälen heute, für das die Einigung auf das Stichwort "Gefährlichkeit" nur eine Einigung auf eine Codierung ist.

Gratulieren wir Putin zu seiner vierten Amtszeit und danken wir ihm, daß er den Arabischen Frühling gestoppt hat, so daß die Ebene Kissinger und aufwärts den neuen Plan gefaßt hat, Europa wieder zu stabilisieren (als Stoßkeil erneut vom Westen her gegen Rußland, welcher Europa aber nicht werden will und nicht werden wird, selbst das Gelingen der Stabilisierung nach 50 Jahren Zersetzung ist ja fraglich).

Dennoch, stoßen wir darauf mit, - kleines Wortspiel -, Seeckt an, Prost schon mal auf den Ramadan!

Daß der Wind in jüngster Zeit so schroff nach rechts dreht ist vor allem Ausdruck der Änderung des Plans, auch wenn viele dafür andere Ursachen sehen mögen. Vor allem: liebe Dschihadisten, ihr könnt ab jetzt ewig auf euren koordinierten Befehl zum Losschlagen in Europa warten, der wird nicht mehr kommen. (Umso mehr wird der Frustrations- und Aggressionsdruck in den Ghettos steigen, aber der ist, man muß es leider so hart sagen, das kleinere Problem, und dieses wird auch gelöst werden, da bin ich mir sicher.)

- G. G.

Tobinambur
9. Mai 2018 08:35

@ Der Gehenkte
Sie haben Recht: Das hat zur Vernichtung des Buddhismus in Indien geführt. Die Eroberung des indischen Subkontinents war nach W. Durant das vielleicht blutigste Kapitel der Menschheitsgeschichte, ca. 80 Mio. Tote, die Opfer durch Vergewaltigung und Sklaverei nicht eingerechnet. Diese Eroberung war eine brutale militärische Eroberung und Einwanderung zugleich. Gegen die immense militärische Übermacht war kein Widerstand möglich - auch nicht im Bündnis mit der hinduistischen Bevölkerungsmehrheit. Der Rückzug war die rational angemessene Strategie: Die Zuflucht in das unzugängliche Tibet hat die Kontinuität des Buddhismus bis heute gesichert. Was jetzt bei uns stattfindet ist eine rein zivile Einwanderung. Im Gegensatz zu unserer ehemals christlichen und nun säkularisierten Gesellschaft, die sich den islamischen Immigranten und ihrer Ideologie freiwillig unterwirft, hat ein kleines buddhistisches Land den Kampf gegen die „friedliche“ islamische Einwanderung zum Schutz ihrer Menschen und Kultur aufgenommen: Myanmar. Die Heftigkeit mit der dieses Land dafür von unseren Unterwerfungsbefürwortern angegriffen wird, zeigt dass ein buddhistisches Weltbild wohl mehr Potenzial zum Schutz des Eigenen besitzt als eine Säkulargesellschaft mit christlichem Hintergrund.
Bzgl. Gegen den Begriff Energie habe ich nichts. Doch lässt sich wohl kaum abstreiten, dass er oft sehr schnell dann eingesetzt wird, wenn man glaubt, es nicht anders ausdrücken zu können und „die Worte fehlen“. Ein wenig mehr Mühe und „Arbeit am Begriff“ dient aber immer der Klarheit und Unterscheidung: In dem vorliegenden Kontext ging es aber ja gerade um Einübung von Gewohnheiten, deshalb kann man den letzten Gedanken des Beitrags dadurch denke ich präzisieren.

Tobinambur
9. Mai 2018 09:08

@ Der Gehenkte. Apropos: negative "Theologie". Das könnte man durchaus so sagen. "positiv" und "negativ" bedeuten in diesem Zusammenhang ja nicht gut oder schlecht. In der negativen Theologie können nur negative (verneinte) Aussagen über Gott wahr sein. Im Buddhismus wird nun nicht auf die Behauptung der Nichtexistenz Gottes wert gelegt (B. ist kein Atheismus, was ja auch eine Religion ist), sondern es soll die "Leerheit" der Dinge (auch der Götterdinge) und damit ihr illusionärer Charakter gezeigt werden: Eine philosophische Methode als Ergänzung zur Meditation entwickelte z.B. Dignaga mit seiner Apoha-Theorie, die natürlich auf Lehrreden des Buddha basiert. Aussagen über Götter und beliebige Gegenstände unserer Rede können letztlich nur sinnvoll als Verneinungen rekonstruiert werden, so dass wir entdecken können, dass ihre Essenz "leer" ist. Wobei "leer" nicht heißt, dass es diese Dinge und ihr charakteristisches Wesen nicht "gibt" (B. ist kein Nihilismus). Es gibt sie, aber nur in wechselseitiger Abhängigkeit ("abhängiges Entstehen"). Die moderne Rede von "Kontext" ist eine dumme Schrumpfidee, die mit dem buddhistischen Begriff des "abhängigen Entstehens" nichts zu tun hat und zwangsläufig zu Verneinung des Eigenen und insbesondere der menschlichen Natur führen muss - also jener Dinge, deren Gestalt sich nur langsam verändert und entwickelt, weil wir darauf physisch oder geistig nur geringen Einfluss haben und unsere innerweltliche Begrenztheit erkennen sollten. Es sei denn man spielt den größenwahnsinnigen Demiurgen wie z.B. die Genderisten und zerstört es bewusst.

Der_Juergen
9. Mai 2018 16:24

@Der Gehenkte

Natürlich ist der Koran ein widersprüchliches Buch. Es wird allgemein zwischen den "friedlichen" Mekka- und den kriegerischen Medina-Versen unterschieden. Solange Mohammeds Anhänger in Mekka eine Minderheit bildeten, mussten sie sich zum Selbstschutz zur Toleranz gegenüber den anderen Religionen bekennen. Diese toleranten Mekka-Zitate (z. B. "Es soll kein Glaubenszwang sein" oder "Wenn jemand einen Menschen tötet, ist es, als habe er die ganze Menschheit getötet") werden von Islam-Apologeten immer wieder angeführt, als Beweis für die Friedlichkeit ihrer Religion. Ihnen steht aber eine weitaus grössere Zahl intoleranter Zitate gegenüber, in denen zum Krieg gegen die "Ungläubigen" und, sofern sie sich nicht bekehren, zu ihrer Vernichtung aufgerufen wird.

In der islamischen Theologie gilt das Prinzip der Abrogation, was heisst, dass die Aussagen der früheren Verse aufgehoben werden, wenn spätere Verse ihnen widersprechen.

Natürlich gibt es in den kanonischen Schriften aller Religionen Widersprüche. Das Christentum macht da keine Ausnahme; man vergleiche etwa die völlig entgegengesetzten Angaben über den Tod des Judas Ischariot in den Evangelien und der Apostelgeschichte. Ins Bewusstsein der Christen eingegangen ist die Version der Evangelien, wonach Judas sich erhängte, nicht die der Apostelgeschichte, wonach er in zwei Teile zerrissen wurde. Ebenso ging ins Bewusstsein der Christen ein, dass einer der beiden Schächer, zwischen denen Jesus gekreuzigt wurde, ihn schmähte und der andere den Schmäher zurechtwies und Jesus bat, seiner im Himmelreich zu gedenken. Wer die Bibel nicht genau gelesen hat, weiss meist nicht, dass laut dem Matthäus-Evangelium beide Schächer den Erlöser schmähten. Die schönere der beiden Geschichten erhielt den Vorzug vor der hässlicheren, was man begreifen kann.

Th.R.
10. Mai 2018 13:01

Interessante Ausführungen, Herr Seidel.

Letztendlich haben diese Rituale bzw. ritualisierten Glaubensübungen den (sekundären ) Zweck, als psychologische Hilfsdienste und turnusmäßige Willens- und Glaubensertüchtigungen den einzelnen Gläubigen "auf der Spur" bzw. "dem geraden Weg" zu halten" und ihn dem eigentlichem Zweck, nämlich dem individuellen positiv beschiedenen Gottesurteil im Jenseits, entgegen zu führen und seine Hoffnung darin zu mehren.

Diese zyklisch sich wiederholenden Glaubensübungen tragen dazu bei, die glaubensmäßige Gesamtausrichtung der Einzelseele, bewußt wie unterbewußt, zu stabilisieren und auf der geraden Bahn zu halten.

Um diesen Zusammenhang plastisch zu verdeutlichen, kann man vielleicht das Beispiel einer abgeschossenen Gewehrpatrone heranziehen, die bei ihrem Flug durch die Luft zu ihrem Ziel sich permanent wiederholend um die eigene Achse dreht und dadurch stabilisierend auf die Flugbahn einwirkt.

Für uns sollte sich aber auch die Frage nach dem Nutzen solcher Erkenntnisse und deren weiterer Verwendung stellen. Belassen wir es bei den Erkenntnissen und sagen: "Aha, so funktioniert das also, das ist also das Geheimnis dahinter! Das ist ja interessant.", oder werden wir daraus unseren eigenen Nutzen ziehen, in dem wir dieses Erkenntnisse und dieses Wissen um die psychologischen Wirkungen solcher Rituale für unsere Zwecke und Ziele dienstbar machen, wie auch immer das dann konkret auch aussehen mag?

Tobinambur und Stil-Bluete haben ebenfalls sehr interessante Aspekte eingebracht. Danke dafür.

heinrichbrueck
10. Mai 2018 21:10

"Aha, so funktioniert das also, das ist also das Geheimnis dahinter! Das ist ja interessant."
Ja. Den Dingen auf den Grund gehen. Faustisch.

Die Software Islam paßt nicht zur germanischen Hardware. Wir bringen ein ganz anderes Betriebssystem zustande, deshalb auch das "Experiment" der Hardwarezerstörung (in Wahrheit ein Vernichtungskrieg).

Der_Juergen
10. Mai 2018 21:25

Eben las ich den Antaios-Band "Nationalmasochismus". Der Beitrag, der mich vielleicht am stärksten beeindruckt hat, war "Wir haben das Glück erfunden" von Tilman Nagel, einem pensionierten Arabisten und Islamwissenschaftler, von dem ich zuvor nur den Namen gekannt hatte. Allein schon dieser Artikel hat die 21 Euro für den Erwerb des Buchs gerechtfertigt.

Mit profunder Sachkenntnis umreisst Nagel die gewaltigen Unterschiede zwischen Christentum und Islam und stellt die Irrsinnigkeit der Versuche bloss, einen "Euro-Islam" heranzüchten zu wollen oder sich mit den Muslimen auf einen "Dialog" einzulassen, in der vergeblichen Hoffnung auf Konzessionen ihrerseits. Wie vor ein paar Tagen zu lesen war, haben in Frankreich unlängst 300 Esel von dem Muslimen gefordert, jene Suren, in denen Feindseligkeit gegen Juden und Christen geschürt wird, für ungültig zu erklären. Erdogan las diese Einfaltspinseln gleich die Leviten: "Wer seid ihr, dass ihr es wagt, von uns ein Abrücken von unserer heiligen Schrift zu verlangen?"

Vielleicht sollte man "Biedermann und die Brandstifter" meines Landsmanns Max Frisch wieder einmal lesen oder besser noch aufführen. Dass der linksgewirkte Frisch, wäre er noch am Leben, heute zu den fleissigsten Trommlern der "Multikultur" gehören würde, ändert nichts am lehrreichen Charakter seines Stücks.

Cacatum non est pictum
11. Mai 2018 02:46

@Der_Juergen

"... Wie vor ein paar Tagen zu lesen war, haben in Frankreich unlängst 300 Esel von dem Muslimen gefordert, jene Suren, in denen Feindseligkeit gegen Juden und Christen geschürt wird, für ungültig zu erklären. Erdogan las diese Einfaltspinseln gleich die Leviten: 'Wer seid ihr, dass ihr es wagt, von uns ein Abrücken von unserer heiligen Schrift zu verlangen?'"

Und darin ist ihm nachdrücklich zuzustimmen. Die Multikulturalisten wollen respektive können nicht begreifen, daß es noch große Gemeinschaften gibt, die sich an etwas gebunden fühlen, das sie nicht aufzuweichen, abzuschwächen und auf einen liberal-unverbindlichen Allerweltskonsens herunterzudampfen bereit sind; die mit Stolz auf ihre Herkunft blicken, ihre Vorfahren ehren und in erster Linie für die Interessen ihrer eigenen Gruppe eintreten.

Diese lebensklugen Konzepte sind dem konsumfixierten, im Diesseits gefangenen Linksliberalen unserer Tage völlig fremd geworden. Um seinen Traum einer multiethnischen Mischgesellschaft (die in der Realität meist ein Alptraum für die inbegriffenen Völker ist) nicht beerdigen zu müssen, will er seine eigene Kultur- und Prinzipienlosigkeit auf möglichst weite Teile der Bevölkerung ausdehnen. Seine Betonköpfigkeit hindert ihn daran, statt dessen für eine weitgehende Entmischung einzutreten; für ethnisch und kulturell möglichst homogene Bevölkerungen, in denen es klare Mehrheiten gibt, die ein leidlich harmonisches und friedliches Zusammenleben ohne permanente Spannungen und ohne die Notwendigkeit polizeistaatlicher Repression ermöglichen.

Nun denn - er wird eben scheitern, der Linksliberale. Wofür wird er im Ernstfall sein Leben zu geben bereit sein: für das zweifelhafte Recht, daß jeder alles tun darf? Für Toleranz? Für den Kampf gegen Rechts? Ich glaube nicht. Wir dürfen annehmen, daß er - sobald Gegenwind aufkommt - brav spuren und sich dem Nächststärkeren fügen wird, der ernsthafte und unverhandelbare Ziele verfolgt. Sein ganzes politisches Engagement ist wohlfeil und auf Konformismus gegründet. Natürlich jubiliert er, wenn eine 89jährige Meinungsdelinquentin in den geschlossenen Vollzug wandert, deren Außenseiteransichten ihm nicht passen. Mit reichlich Vernichtungswillen ausgestattet, wünscht er ihr sogar noch Schlimmeres an den Hals (siehe etwa Onlinekommentare bei der taz, beim Tagesspiegel usw.). Für die niedergemesserten und vergewaltigten Frauen seines Volkes, deren Zahl in den letzten drei Jahren offenbar explosionsartig angestiegen ist, mag er hingegen nicht eintreten. Das könnte ihm Unannehmlichkeiten bescheren und ihn zum Kuschen bewegen.

Hoffen wir, daß die Geschichte über diesen Menschenschlag bald hinweggehen wird.

Der_Juergen
11. Mai 2018 09:53

@Caccatum

Wenn mir die Bademeister-Riege diese vierte und letzte Wortmeldung in diesem Strang noch durchgehen lässt, möchte ich Ihnen nachdrücklich beipflichten - ausser dass ich Ihre Hoffnung, wonach die Geschichte bald über "diesen Menschenschlag" (d. h. den von Ihnen geschilderten charakterlosen Mob) hinweggehen möge.

Dazu würde es aber eines neuen Menschen bedürfen, und den kriegen wir nicht einmal zu zweit hin, selbst wenn uns die ganze Sezessionsequipe dabei hilft. Das haben schon die Marxisten versucht, mit dem bekannten Ergebnis. Es wird in jedem Staat, in jeder Gesellschaft eine recht grosse Zahl von Charakterlumpen geben, die mit den Wölfen heulen.

Ein Schweizer Historiker, der früher hier zu kommentieren pflegte, kann davon ein Lied singen. Auf jede erdenkliche Arbeit wurde seine Forschungsarbeit von bigotten linken und liberalen Lehrern und Professoren behindert. Bekäme er morgen plötzlich den Nobelpreis, würden sie sich darum reissen, zusammen mit ihm fotografiert zu werden.

"Je suis pour le communisme et pour le socialisme/et pour le capitalisme car je suis opportuniste/je retourne ma veste toujours du bon cote", sang Jacques Dutronc in "L'opportuniste".

Wir wollen nur hoffen, dass ein nationaler Staat, sofern dieser überhaupt noch entsteht und wir nicht untergehen, diesen Charakterschweinen keine Posten und Pfründe anbieten wird. Die einfachen Mitläufer wird man natürlich mit an Bord nehmen müssen, denn man kann nicht 95% des Volkes ausgrenzen.

Andreas Walter
11. Mai 2018 11:08

https://www.unzensuriert.at/content/0026827-Schweden-Von-112-Gruppenvergwaltigern-haben-mindestens-99-Migrationshintergrund

Da jubiliert des Psychotherapeuten Herz, das der Erretter und Erlöser sowieso. Denn warum nur finanziell um Absolution bitten, wenn es doch auch darum geht, verlorene Seelen zu erretten und gestörte, böse und in die Irre geleitete Geistern auszutreiben, zumindest aber zu besänftigen. Jetzt können sich das jüdisch/christlich geprägte Abendland und der Humanismus endlich mal so richtig austoben und nach allen Regeln der Kunst ihre geistige und moralische Überlegenheit unter Beweis stellen. Wir schaffen das. Weitere, stechendere Bemerkungen zu Schuld und Sühne verbiete ich mir eh schon selbst, darüber brauchen wir gar nicht zu reden, versteht sich auch so. Im Norden dagegen, nehme ich mal an, liegt es am Mangel an Sonne, das man darum Wohlfühlalternativen dazu gesucht hat, um nicht völlig von Winterdepressionen weggeschwemmt zu werden. Das Wodka der Skandinavier sozusagen. Trunken vor Nächstenliebe bieten sie darum sogar ihre Töchter den Fremden an, um sich bloss nicht schlecht zu fühlen, in eine tiefe, monatelange Traurigkeit zu verfallen. Sozialismus und Christentum als Selbst-, als Lichttherapie, so habe ich das auch noch nicht gesehen.

Cacatum non est pictum
11. Mai 2018 12:59

@Der_Juergen

Natürlich haben Sie recht. Den neuen Menschen kann es nicht geben. Aber wenn die linksliberalen Heuchler ihren politischen Einfluß und ihre Deutungshoheit über ethische Fragen verlieren, dann wird schon einiges gewonnen sein. Ansonsten sprach aus meinem Beitrag vor allem eine gehörige Portion Wut, die hin und wieder mal raus muß. Wut über die Tatsache, daß sich jene Menschen, die den Niedergang meiner Heimat mittragen und sogar beklatschen, auch noch ungestraft öffentlich aufplustern dürfen.

Der Gehenkte
11. Mai 2018 15:56

@ Tobinambur

Bleibt die Frage: muß der praktizierende Buddhist in prekärer politischer Situation eine Entscheidung fällen oder soll er sich enthalten, denn aus höherer Sicht ist auch Politik natürlich nicht heilsförderlich.

Ganz konkret: Ich stand eine Weile einem Theravada-Kreis sehr nahe, der sich an Paul Debes orientierte. Neben Debes und Helmuth Hecker galt auch der von @Martin Heinrich erwähnte Fritz Schäfer als intellektuelle Quelle in hohem Ansehen. 2015 ging das Verhältnis zu Ende, weil ich - im Gegensatz zu den anderen - die Vorgänge im Land nicht ignorieren konnte. Ich konnte nicht einfach weiter im Kreis sitzen und über "Die Meisterung der Existenz durch die Lehre des Buddhas" oder eines der tausend damit verbundenen Probleme nachsinnen und im Übrigen so tun, als ginge uns das alles nichts an.

Aus buddhistischer Sicht war das Schwäche. ... Wie sehen Sie das?

Tobinambur
13. Mai 2018 09:15

@ Der Gehenkte. Eine spannende Frage. Der Buddhismus ist ja kein einheitliches Dogma. Buddha gab viele Belehrungen und Ratschläge, aber er stiftete keine universalistische Moral mit „Du sollst (nicht)“- Gesetzen. Es ist also eine Verhaltens-Ethik mit dem einen Ziel: Erleuchtung (als Zustand des Geistes). Es gibt verschiedene Ausgangsbedingungen und viele Menschentypen und dementsprechend viele individuelle Wege zu diesem Ziel. Die Überlieferung klassifiziert sie in 3 große Gruppen. Erstens: In der Theravada-Tradition geht es zunächst um die eigene Befreiung. Hier rät Buddha die sog. zehn schädlichen Handlungen zu vermeiden: Töten, Stehlen, Zufügen von sexuellem Leid, Lügen, Verleumden, verletzende Rede, sinnlose Rede, Habgier, Hass und falsche Anschauung haben (Verwirrung). Ein Verstoß dagegen ist nicht als Sünde im christlichen Sinn zu verstehen und wird nicht vor einem endzeitlichen Gericht verhandelt, sondern wird in Kategorien von Ursache und Wirkung als anfangs- und endlose Kausalkette analysiert. Ein Mord aus Habgier z.B. hat offenbar eine ungünstige Wirkung auf das Opfer, aber auch auf den Täter, in dessen Geist der denkbar schlechteste Eindruck entsteht, wodurch sich die Bedingungen für sein Erreichen der Befreiung verschlechtern. Zweitens (den dritten Weg spare ich mir der Kürze halber): die Mahayana-Tradition basiert auf der Gestalt des Bodhisattva, der die eigene Erleuchtung zurückstellt, um anderen zu helfen. Es geht also um die Befreiung der anderen. Diese Hilfe geschieht natürlich nicht entlang christlicher Moraldogmen, sondern entsprechend dem eben Gesagten: Es gibt dabei Situationen, in denen man anderen Wesen nützen und sie schützen kann, indem man etwas tut, was auf den ersten Blick wie eine sog. schädliche Handlung aussieht, z.B. nicht die Wahrheit sagen oder gar zu töten. Im Mahayana gibt es unter diesen schädlichen Handlungen eigentlich nur die drei Handlungen des Geistes, die man auf keinen Fall tun sollte: Hassen, Habgier, Verwirrung. Mit Körper und Rede können wir alles tun, um den Wesen bestmöglich zu nutzen. Man sieht, dass der letzte Punkt dabei einen immer größeren Stellenwert bekommt: das Vermeiden von Verwirrung. M.a.W. wir sollten eine Situation analysieren und uns nicht mit simplen, infantilen Moralsätzen betäuben. Ein Verstoß gegen bestimmte sog. schädliche Handlungen sollte aber keine Gewohnheit werden sondern begründet sein, um andere zu schützen. Man sieht: Hier ist Interpretationsspielraum, der ohne schlechte Absicht zu „falschen“ Entscheidungen führen kann. Niemand kann alle Folgen einer Handlung übersehen. Wir tun unser Bestes. Auch hier gilt der „Abschied vom Prinzipiellen“ (Odo Marquard). Deshalb gibt es im Buddhismus auch keine leidfreie, utopische und universalistische Paradiesvorstellung (weder im Himmel noch auf Erden).
Als praktizierender Mahayana-Buddhist kenne ich die von Ihnen genannten Theravada-Kreise nicht (außer das Buch von Schäfer). Übrigens hatte ich aber bei einer Pilgerreise in Indien zu den Wirkungsorten Buddhas intensiven Kontakt zu Theravada-Gemeinschaften. Deren Einstellung gegenüber der problematisierten monotheistischen Religion ist unmissverständlich: ich habe mich politisch sehr zu Hause gefühlt. Viele europäische buddhistische Kreise sind „christianisiert“ und praktizieren eher political correctness als Buddhas Lehre. Sich von ihnen zu trennen war sicherlich konsequent.

Der Gehenkte
14. Mai 2018 11:55

@ Tobinambur

Vielen Dank! Sie scheuen die eindeutige Beantwortung der Frage, nach der politischen Teilnahme des Buddhisten am politischen Geschehen, ja selbst der Involviertheit, der Betroffenheit, sicher mit Absicht. Es gibt keine Regel, obwohl Politik oder auch nur das Interesse daran immer ein Anhangen ist, per definitionem.

Fast alles ist im politischen Handeln vertreten: "Töten, Stehlen, Zufügen von sexuellem Leid, Lügen, Verleumden, verletzende Rede, sinnlose Rede, Habgier, Haß und falsche Anschauung haben (Verwirrung)." Ergo dürfte man als jemand, der die Lehre verfolgen will, hier gar nicht teilnehmen. Das zumindest wäre die Position besagter Theravada-Gruppe, die im Übrigen keineswegs "christianisiert" war, sondern den christlichen Glauben stets als unvollkommenen Versuch der Findung bewertet hat. Diese Leute bewegen sich auch jenseits der PC - wenn Karma schicksalsbestimmend ist, dann muß man z.B. auch bestimmte historische Schicksale einordnen und dann ist man ganz schnell beim A-Wort.

Anders gefragt: Gibt es buddhistische Auseinandersetzungen mit der politischen Krise der Jetztzeit in ihrer Vielfalt?

Tobinambur
15. Mai 2018 21:13

@ Der Gehenkte - auch ein Danke für den interessanten Disput.
Von hinten her beantwortet:
1. Ja, es gibt "buddhistische Auseinandersetzungen mit der politischen Krise der Jetztzeit in ihrer Vielfalt". Ich hatte bereits Myanmar genannt und ex negativo unsere postchristliche Gesellschaft.
2. Ja, "fast alles ist im politischen Handeln vertreten..." Aber NICHT NUR im politischen Handeln, sondern im Leben überhaupt!!! Sie sagen "Ergo… ". Bei allem Respekt, aber das ist ein moralischer, absoluter und universalistischer Fehlschluss: Dann dürfte man auch nicht leben und sollte sich schnellstens umbringen, denn im alltäglichen, lebensweltlichen Handeln ist nicht nur „fast“ sondern absolut „alles“ (von den sog. schädlichen Handlungen) vertreten. Buddha lehnte die Askese ab und lehrte den „Mittleren Weg“ jenseits der Extreme. Nichts ist unsinniger als das Vorurteil vom vermeintlich weltabgewandten Buddhismus. Ich schrieb: "Tun was vor der Nase liegt"; damit meine ich den allernächsten, lokalen Bezugspunkt. Buchstabieren wir es im Fall der Schützer-Eigenschaft aus: Es beginnt beim Selbstschutz (wir meditieren bei den 4 Grundgedanken auf unseren „Kostbaren Menschenkörper“), geht über den Schutz unserer Kinder, Familie, Gruppe, Sippe, Gemeinde über das Volk, die Nation, den Kulturkreis, zur Gesamtheit der Menschen, ja bis hin zum „empfindenden Sein“ überhaupt (Nietzsche). Buddhismus ist Subsidiarität in Reinkultur! Was kann daran missverständlich sein? Nur der Universalist, sieht in „der“ Menschheit das Objekt, das vor der Nase liegt. Nein, meine Kinder sind mir näher als die Menschheit! „Wer Menschheit sagt betrügt“, so Carl Schmitt. Recht hat er.
3. Wenn das die Aussage besagter Theravada-Gruppe ist... Na und? Viele "selbsternannte" Rechte haben Überzeugungen, die ich bullshit finde.
4. ad "christianisiert": Diese Gruppen sind natürlich genauso wenig christianisiert, wie unsere Gesellschaft islamisiert ist (das war jetzt ironisch). Anders gesagt: Diese Gruppen sind ebenso christianisiert wie unsere Gesellschaft bereits islamisiert ist. Ich kenne genug Menschen, die sich Buddhisten nennen und "links-liberal-christlich-islamisiert-unterwürfig" denken. Warum sollte es in buddhistischen Kreisen anders zugehen als in irgendwelchen evangelischen Kaffeekränzchen. Die Hemmschwelle ist größer aber nicht unendlich größer.
5. Last but not least: Ihre Frage ist eindeutig beantwortet: Auf der theoretischen Ebene! Warum sollte ein Buddhist nicht an der Politik teilnehmen? Nicht-Anhaftung heißt doch nicht Enthaltsamkeit oder Askese (s.o). Nicht anhaften heißt: Tun was vor der Nase liegt und getan werden muss und dann: weiter gehen. WEITERGEHEN! Nächste Aufgabe! Ich kenne viele Buddhisten, die in der AfD sind und für die diese Partei eine Möglichkeit aber nicht die Erlösung ist.
Kann es sein, dass Sie eine konkrete Aussage über meine „Zugehörigkeit“ vermissen? Wenn diese Vermutung richtig ist, dann ist dies die pragmatische Antwort: Wir leben in einem zunehmend totalitären Staat. Deshalb machen ich und meine buddhistischen Freunde eine Trennung zwischen meditativen Praxis und Politik. Ich kann politisch sein ohne einen Sticker mit der Adresse meiner buddhistischen Familie zu herumtragen. Es wäre dumm den Hass von Antifanten oder ähnlichen verwirrten Subjekten auf uns zu lenken, denn die charakteristische Emotion dieser Höllenbereiche ist Hass.

Stil-Bluete
17. Mai 2018 08:21

Vier Wochen Ramadan von der Zeit vergleichbar mit unserem Advent. Für mich ist das kein wirkliches Fasten, denn beim Einbruch der Dunkelheit kann man sich den Bauch vollschlagen, was mental und physisch äußerst ungesund ist.

Doch auf etwas anderes möchte ich zu sprechen kommen: Der Ramadan wird nicht, wie unsere christlichen Feiertage von Advent über Weinachten, Ostern, Himmelfahrt bis Pfingsten, kommerziell vermarktet. Bis zum Fastenbrechen am Ende des Ramadan durch buchstäbliche Fressgelage mit einem Haufen von Süßigkeiten keine gesteuerte sichtbare Reklame im Sinne von 'Rama-dan - na dann ran an Rama' (oweja!). Der Ramadan als Marklücke noch unentdeckt. Oder?

Tobinambur
17. Mai 2018 09:54

Deutschlandfunk Kultur, Beitrag vom 16.05.2018:

"Heute früh sind ziemlich viele Menschen vor der Morgendämmerung zu einer eigentlich ungewöhnlichen Zeit aufgestanden um zu frühstücken. Denn ab heute werden diese Menschen für einen Monat lang einen deutschen Brauch praktizieren:
Anlässlich des Ramadans werden sie von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang fasten. Ja, Sie haben richtig gelesen: Der Ramadan ist alter deutscher Brauch, der hier schon länger verbreitet ist als das Oktoberfest."
Na denn, Prost und G'suffa!

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