Hannah Arendt und die „politischen Religionen“

Unser Gastautor Carlos Wefers Verástegui setzte sich mit Hannah Arendts Begriff der „politischen Religionen“ auseinander:

 Gastbeitrag

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Ein kläg­li­cher letz­ter Über­rest poli­ti­scher Reli­gio­si­tät ist das von unse­ren Poli­ti­kern mit unter­schied­li­chem Erfolg beschwo­re­ne Wir(gefühl): „Wir schaf­fen das“; „Wir las­sen uns unse­re Art zu leben nicht neh­men“. Dass die­ses mys­ti­sche Wir eigent­lich nur noch in pfäf­fi­scher, d.h. pries­ter­lich-betrü­ge­ri­scher Absicht ver­wen­det wird, steht mit der poli­ti­schen Reli­gio­si­tät nicht in Wider­spruch: auch Pries­ter­be­trug kann es nur geben und funk­tio­niert nur unter der Vor­aus­set­zung, dass die Men­schen reli­gi­ös sind.

Der selt­sa­me Begriff „poli­ti­sche Reli­gio­nen” wird seit Eric Voe­ge­lins gleich­na­mi­ger Stu­die von 1938 eigent­lich nur für die drei tota­li­tä­ren ‑ismen Kom­mu­nis­mus, Faschis­mus, Natio­nal­so­zia­lis­mus gebraucht.

Klar geht aus Voe­ge­lins Stu­die her­vor, dass die­se ‑ismen bloß akti­vis­ti­sche Extre­me poli­ti­scher Reli­gio­si­tät dar­stel­len. Im Säku­la­ris­mus näm­lich ist trotz kate­go­ri­schen Aus­schlus­ses Got­tes – Stich­wort Gott ist tot– die Poli­tik reli­gi­ös, min­des­tens aber durch eine Form inner­welt­li­cher Reli­gio­si­tät mit­be­stimmt. Das gilt kei­nes­falls nur für die Tota­li­ta­ris­men. Oft wird über­gan­gen, dass Voe­ge­lin auch die Demo­kra­tie als poli­ti­sche Reli­gi­on gedeu­tet hat.

Dem ganz in Libe­ra­lis­mus und Demo­kra­tie ein­ge­tauch­ten Leser mag dabei fol­gen­des durch den Kopf gehen: „Es geht nicht an, in einen ein­zi­gen Topf, der noch dazu »poli­ti­sche Reli­gi­on« heis­sen soll, ohne Unter­schied gute – Libe­ra­lis­mus, Demo­kra­tie und Huma­nis­mus – wie schlech­te– die Tota­li­ta­ris­men – welt­an­schau­li­che Her­vor­brin­gun­gen zu wer­fen. Und, was soll das über­haupt heis­sen, »poli­ti­sche Reli­gi­on«?“ Damit stimmt die­ser Leser haar­ge­nau über­ein mit einem pro­mi­nen­ten Kri­ti­ker des Begriffs, mit Han­nah Arendt nämlich.

Eigens zu sei­ner Wider­le­gung hat Arendt einen vor his­to­risch-phi­lo­so­phi­scher Gelehr­sam­keit nur so strot­zen­den Vor­trag gehal­ten, „Poli­tik und Reli­gi­on“ (1953). Die in ihm zum Zuge gekom­me­ne Metho­de sieht zusam­men­fas­send so aus: Das Reli­giö­se wird aus dem Poli­ti­schen weg­ope­riert, nicht etwa des­we­gen, weil das Reli­giö­se für das Poli­ti­sche ein Makel wäre, son­dern umge­kehrt soll es unschön sein für die Reli­gi­on, mit der Poli­tik, nament­lich mit tota­li­tä­ren poli­ti­schen Ideo­lo­gien, in Ver­bin­dung gebracht zu wer­den. Und tat­säch­lich scheint es Arendt in ihrem Vor­trag um die Rein­heit und Makel­lo­sig­keit, um die Frei­heit der Reli­gi­on von der Poli­tik gegan­gen zu sein.

Arendt redet bezeich­nen­der­wei­se pfäf­fisch, nicht phi­lo­so­phisch, von der „Gefahr der Blas­phe­mie, die stets dem Begriff »säku­la­re Rel­gi­on« inne­wohnt”, und spricht durch den Gefah­ren­hin­weis letzt­lich ein Tabu aus. Frei­lich ist das ein Tabu nur für den­je­ni­gen, für den das Wort, bes­ser noch die Sache „Blas­phe­mie“ noch etwas bedeu­tet, für den Gläu­bi­gen. Wie bei jedem Tabu, so han­delt es sich auch bei dem von Arendt über den Begriff „poli­ti­sche Reli­gi­on“ ver­häng­ten um ein Erzeug­nis reli­giö­ser Scheu und Furcht, um Ehr­furcht vor einem Höhe­ren (Kraft? Wesen?), des­sen Herr­lich­keit, Hei­lig­keit und Gött­lich­keit es zu wah­ren gilt.

In sei­nem bekann­tes­ten Werk Die neue Wis­sen­schaft der Poli­tik (1952) hat sich Voe­ge­lin schein­bar zu den katho­li­schen Kri­ti­kern des säku­la­ren (libe­ra­len) Staats, den Tra­di­tio­na­lis­ten und Ultra­mon­ta­nen des 19. Jahr­hun­derts, gesellt. Sein Rück­griff auf die Scho­las­tik und Aris­to­te­les scheint die­se Sicht zu bestä­ti­gen. Wich­tig sind christ­li­che und grie­chi­sche Theo­lo­gie und Phi­lo­so­phie Voe­ge­lin gera­de des­halb, weil ihm zufol­ge die Prin­zi­pi­en der Ord­nung nicht allein aus einer rein dies­sei­ti­gen Wirk­lich­keit bezo­gen wer­den kön­nen. Ganz wesent­li­che sozio­lo­gi­sche und anthro­po­lo­gi­sche Ord­nungs­prin­zi­pi­en beru­hen auf Erfah­run­gen reli­giö­ser Natur, die die Diess­eig­keit und, damit auch, die Sin­nes­er­fah­rung über­stei­gen, d.h. auf der Erfah­rung von Transzendenz.

Wie jede inner­welt­li­che Reli­gio­si­tät folgt auch die poli­ti­sche einem Schnitt, bzw. macht selbst die­sen Schnitt, der unse­re Welt von der Tran­szen­denz trennt und ver­ab­so­lu­tiert. Eine rei­ne Dies­sei­tig­keit, wie wir sie alle ken­nen, ist die Fol­ge. Mit der Ver­nei­nung, in Form der Behaup­tung der Unmög­lich­keit und Unsin­nig­keit von „Meta­phy­sik“, der Mög­lich­keit der Erfah­rung von Tran­szen­denz, geht der Ver­lust wesent­lichs­ter Ord­nungs­prin­zi­pi­en einher.

Das aber will nicht heis­sen, dass mit dem aus-dem-Blick­feld-gera­ten des tran­szen­den­ten Got­tes und dem Ende meta­phy­si­scher Spe­ku­la­ti­on die Not­wen­dig­keit von Ord­nung sowie die reli­giö­se Hal­tung über­haupt ver­lo­ren gingen.

Inner­welt­lich enste­hen neue, immer mehr unvoll­kom­me­ne, weil ratio­na­lis­tisch und natu­ra­lis­tisch – Voe­ge­lin nennt sie spä­ter  gnos­ti­sche– poli­tisch-sozia­le Ord­nun­gen. Auch kommt es zu sehr zwei­fel­haf­ten reli­giö­sen Erfah­run­gen, die in der See­le mehr Ver­wir­rung anrich­ten denn Ord­nung stif­ten. Mit der gesam­ten Sozi­al­wis­sen­schaft und ‑phi­lo­so­phie kommt Voe­ge­lin zu dem Ergeb­nis, dass Ord­nung in Staat und Gesell­schaft und Ord­nung der See­le sich gegen­sei­tig ent­spre­chen und bedin­gen. Voe­ge­lin schließt  mit Pla­to, wo die See­len ver­wirrt sind, da wird auch die gesell­schaft­lich-staat­li­che Ord­nung höchst unvoll­kom­men sein und umgekehrt.

Voe­ge­lins Stu­die von 1938 geht nicht allein von christ­li­chen Vor­aus­set­zun­gen aus. In der Biblio­gra­phie nennt Voe­ge­lin die klei­ne Schrift Alex­an­der Ulars Die Poli­tik (1906) den „ein­zi­gen dem Ver­fas­ser bekannt gewor­de­ne prin­zi­pi­ell neue­re Ver­such, das poli­ti­sche Pro­blem als reli­giö­ses zu ver­ste­hen.” Auf­grund des von Ular benütz­ten völ­ker­kund­li­chen Mate­ri­als hat Arendt gegen­über Voe­ge­lin den Ein­wand erhe­ben kön­nen, das Pro­blem poli­ti­scher Reli­gio­si­tät beschrän­ke sich auf pri­mi­ti­ve Stam­mes­ge­sell­schaf­ten, bei denen Poli­tik und Reli­gi­on noch nicht geschie­den sei­en. Ular hat tat­säch­lich völ­ker­kund­li­ches Mate­ri­al, und zwar zu Anschauungs‑, beson­ders aber zu pole­mi­schen Zwe­cken hinzugezogen.

Arendt spricht von auf die­ses Mate­ri­al gestütz­ter „Argu­men­ta­ti­on”, in Wirk­lich­keit han­delt es sich dabei aber um Pro­vo­ka­ti­on. Ular woll­te sei­ne Leser bewusst pro­vo­zie­ren, eine Metho­de, die nicht erst von Ular in die Sozi­al­wis­sen­schaf­ten ein­ge­führt wur­de und so eigent­lich nicht zu bean­stan­den ist. Auch stand für Ular die The­se, dass hin­ter bzw. in der Poli­tik die Reli­gi­on steckt, schon fest, bevor er sich sei­ne „Bewei­se” von der Völ­ker­kun­de „hol­te” (Arendt).

Ob mit oder ohne Ular, die Haupt­wur­zel von Voe­ge­lins „Poli­ti­sche Reli­gio­nen” ist nicht in völ­ker­kund­li­chen oder in geschicht­li­chen Mate­ria­len zu suchen, son­dern im son­der­ba­ren Jung­he­ge­lia­ner Max Stir­ner (1806–1856).

Im Ein­zi­gen und sein Eigen­tum (1844) führt Stir­ner aus­drück­lich aus: „Und was wird heu­ti­gen­ta­ges nicht alles Reli­gi­on genannt? Die „Reli­gi­on der Lie­be”, die „Reli­gi­on der Frei­heit”, die „poli­ti­sche Reli­gi­on”, kurz jeder Enthu­si­as­mus. So ist´s auch in der Tat.” Es war bei Stir­ner, nicht bei Ular, bei dem Voe­ge­lin nicht nur Begriff und Stich­wort, son­dern auch eine unüber­trof­fe­ne Aus­ein­an­der­set­zung des Pro­blems fand. Stir­ners Inter­pre­ta­ti­on ist alles ande­re als ein extra­va­gan­ter, weil hilf­lo­ser, mora­li­sche Pro­test des „Ein­zi­gen” gegen sein Zeit­al­ter – als sol­chen hät­te Marx es in sei­nem anti­theo­lo­gi­schen Affekt am liebs­ten dar­ge­stellt –, son­dern eine Her­vor­keh­rung des Libe­ra­lis­mus, mit sei­nen Nie­der­schlä­gen im Lega­lis­mus und Juri­di­zis­mus des bür­ger­li­chen Rechts­den­kens, als eines, wenn auch dies­sei­ti­gen, so doch zwei­fel­los reli­giö­sen Prinzips.

Dank Stir­ner wis­sen wir, nicht umsonst beginnt Voe­ge­lins eigent­li­che Unter­su­chung der poli­ti­schen Reli­gio­nen mit einer Aus­ein­an­der­set­zung der damals sehr bekann­ten „Schul­de­fi­ni­ti­on des Staats“ des Staats­recht­lers Georg Jel­li­nek (1851–1911): „Der Staat ist eine Ver­bands­ein­heit sess­haf­ter Men­schen, aus­ge­stat­tet – Jel­li­nek selbst hat­te aus­ge­rüs­tet geschrie­ben – mit ursprüng­li­cher Herr­scher­macht.” Allein die­ser Aus­gangs­punkt Voe­ge­lins vom rechts­staat­li­chen libe­ra­le Den­ken des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts zeigt, der Begriff „poli­ti­sche Reli­gi­on“ ist nicht eigens für den viel spä­ter auf­ge­tre­te­nen Tota­li­ta­ris­mus geprägt wor­den, son­dern hat tat­säch­lich den Libe­ra­lis­mus zum Gegen­stand. In sei­nem bekann­tes­ten Werk Die neue Wis­sen­schaft der Poli­tik (1952) schließ­lich sind die Spit­zen gegen den Libe­ra­lis­mus zwar wenig zahl­reich, dafür aber umso pointierter.

Arendt muss­te für ihren Vor­trag aller­schwers­tes Geschütz auf­fah­ren, um eine ande­re Sicht der Din­ge zu rechtfertigen.

„Max Weber kon­stru­ier­te sei­nen Ide­al­ty­pus des »cha­ris­ma­ti­schen Füh­rers« nach dem Modell von Jesus von Naza­reth; Schü­ler von Karl Mann­heim fan­den es nicht schwie­rig, die­sel­be Kate­go­rie für Hit­ler zu ver­wen­den. Aus der Sicht des Sozi­al­wis­sen­schaft­lers sei­en Hit­ler und Jesus iden­tisch, weil sie die­sel­be sozia­le Funk­ti­on erfül­len. Offen­sicht­lich ist eine sol­che Schluss­fol­ge­rung nur für Men­schen mög­lich, die sich wei­gern, das zur Kennt­nis zu neh­men, was Jesus oder Hit­ler gesagt haben. Etwas ziem­lich Ähn­li­ches scheint heu­te dem Begriff »Reli­gi­on« zu widerfahren.”

Zum Ver­gleich lohnt es sich, die Recht­fer­ti­gung des preu­ßi­schen kon­ser­va­ti­ven His­to­ri­kers Hein­rich Leo (im Vor­wort zu sei­ner Natur­leh­re des Staa­tes [1833]) her­an­zu­zie­hen:

„Ich habe in fol­gen­den Blät­tern den Israe­li­ti­schen Staat öfters eine Ideo­kra­tie genannt, und ihn so nach einer Sei­te hin in Eine Kate­go­rie gebracht mit einer man­nich­fal­ti­gen Rei­he ande­rer gros­sent­heils höchst wider­wär­ti­ger Erschei­nun­gen, nament­lich mit Robespierre´s Staat. Das ist etwa, wie wenn man Gott und Teu­fel auch in die­sel­be Kate­go­rie bringt, weil Bei­de Geis­ter sind.“

Aus Leos wei­te­ren Aus­füh­run­gen geht klar her­vor, dass er sehr wohl unter­schie­den hat zwi­schen den bei­den „Ideo­kra­tien“. Leo for­mu­liert sogar ein Wert­ur­teil: die „jüdi­sche Theo­kra­tie“ ist ihm im „Gan­zen… poli­tisch ver­eh­rungs­wür­dig“. Allein struk­tu­rel­len Gemein­sam­kei­tensind es, wel­che den Gebrauch ein und des­sel­ben Begriffs für bei­de „Erschei­nun­gen“ recht­fer­ti­gen. Damit aber wird der Wert­fra­ge kein Abbruch getan, wie Arendt glau­ben machen möchte.

Genau so, wie man mit dem Begriff der Ideo­kra­tie auf den ers­ten Blick höchst unter­schied­li­che his­to­ri­sche Phä­no­me­ne in Bezug set­zen und ver­ste­hen kann, so erlaubt es der Begriff der poli­ti­schen Reli­gi­on, bestimm­te poli­ti­sche Phä­no­me­ne durch ein wei­ter gehen­des Ver­ständ­nis von Reli­gi­on zu ver­ste­hen: die „poli­ti­schen Religionen“.

Von Arendts mora­li­sie­ren­dem Dis­kre­di­tie­rungs­ver­such ein­mal abge­se­hen, besteht die tat­säch­li­che Gefahr dar­in, dass das Wort „poli­ti­sche Reli­gi­on“ infla­tio­när, unan­ge­mes­sen oder miss­bräuch­lich, in mani­pu­la­ti­ver Absicht, gebrauch wird. Die längst statt­ge­fun­de­ne Ver­en­gung auf den Tota­li­ta­ris­mus zeigt dabei ganz deut­lich, wohin der Trend gegan­gen ist: Wenn über­haupt „poli­ti­sche Reli­gi­on“, dann doch bit­te nur für die uns unlieb­sa­men poli­ti­schen Erschei­nun­gen, d.h. für den Tota­li­ta­ris­mus bzw. „tota­li­tä­re Bewegungen“.

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Kommentare (5)

Gustav

11. Mai 2018 13:55

Jede Herr­schafts­rechtferti­gung ist eben in ih­rem Kern Re­li­gion. Al­le prä­g­nanten Begrif­fe der mo­dernen Staatslehre sind sä­ku­la­ri­sier­te theo­logi­sche Begrif­fe, denn jede große politische Frage birgt eine große theologi­sche Frage in sich. Da­her ist je­des System nur im Kern sei­ner meta­phy­si­schen Letzt­recht­fer­tigung erfolgreich an­greif­bar. Diese wird es mit quasi­re­li­giö­ser In­brunst ver­tei­di­gen und dabei mit den Waf­fen der Ket­zer­ver­fol­gung zu­rück­schla­gen müssen, oder es wird un­ter­ge­hen. Es genügt nicht, die Hand­lun­gen des Ab­weich­lers zu ver­bieten. Auf Dau­er läßt sich ein Sy­stem nur ver­tei­di­gen, wenn es alle Taten und die Gesin­nung des­je­ni­gen ver­flucht, der es abschaffen will. Der Humanitarismus ist die Zivilre­ligion des Li­be­ra­lis­mus. Der an­geblich auf­ge­klär­te, sä­ku­larisierte Deutsche entpuppte sich als ebenso anfällig für das Pathos der heute dominanten huma­ni­ta­ri­sti­schen Zi­vil­reli­gion wie sein mit­­tel­al­ter­li­cher Vorfahre für die christ­li­che Religion.

Zu den Dogmen der hu­ma­nitaristischen Zi­vilreligion ge­hö­ren neben der Souveräni­tät des transzendent aufgefaßten Vol­kes ein meta­phy­si­­sches Ver­ständnis der Men­­­schenrechte und ähnliche Ge­dan­kenkon­struk­­te. Sie wer­den von ih­ren Gläu­bigen mit dersel­ben Wut ver­tei­digt, über die Voltaire im März 1737 an Fried­rich schrieb: "Alle Theo­­­­lo­gen al­ler Länder [sind] Leu­te, die von heiligen Schimären trun­ken sind, [und] ähneln jenen Kar­dinä­len, die Gali­lei verdamm­ten..." So zeigt sich heute der theo­lo­gi­­sche Kern der hu­ma­ni­ta­ri­sti­schen Men­­­schen­rechts- und De­mo­kra­tie­­theo­rie, der alle Sä­ku­la­ri­sie­run­gen über­­stan­den hat. Demokratie, Hu­manität und Betroffenheit wer­den heute nicht rational be­nutzt, son­dern ideologi­siert und wie eine säku­la­risierte Theologie gepre­digt.

Mit welchen Begleiterscheinungen so etwas vonstatten zu gehen pflegt, hatte Fried­rich der Große am 4.11.1736 an Vol­taire formu­liert: "Was die Theo­logen an­geht, so scheint es, als ähnel­ten sie sich alle im all­ge­mei­nen, gleich welcher Religi­on oder Na­tion sie an­gehö­ren; stets ist es ihr Be­stre­ben, sich über die Gewissen eine des­po­tische Au­to­ri­tät an­zu­ma­ßen." 230 Jahre nachdem Friedrich das schrieb, folg­­te auf die skeptische Nach­kriegs­genera­tion wieder eine theologi­sierende: Wo mo­rali­sche Hypotheken und Schuld­vorwürfe das Ge­wis­sen über­­lasteten, wur­de sie das Gewissen, um Gewissen nicht mehr haben zu müssen; sie entkam dem Tribunal, indem sie es wur­de. Sie ver­tei­­digt ihr philiströses Moralin mit der­sel­ben In­brunst wie die Gläu­bi­gen aller Zei­ten ihre je­wei­ligen Götter. Fried­rich hatte sie in ei­nem Brief an Vol­taire am 6.7.1737 so charakterisiert: "In Deutsch­­land fehlt es nicht an aber­gläu­­bi­schen Leu­ten, auch nicht an von Vor­ur­tei­len be­herrschten und bös­­artigen Fanati­kern, die umso un­­ver­bes­ser­li­cher sind, als ih­nen ihre tumbe Unwissenheit den Ge­brauch der Ver­nunft ver­bie­tet. Es steht fest, daß man im Dunstkreis sol­cher Un­ter­ta­nen vor­sichtig sein muß. Selbst der eh­renhafteste Mensch ist ver­schrien, wenn er als Mann oh­ne Re­ligion gilt. Re­ligion ist der Fe­tisch der Völ­ker. Wer auch immer mit profaner Hand an sie rührt, er zieht Haß und Ab­scheu auf sich."

Der_Juergen

11. Mai 2018 17:44

@Gustav

Ein äusserst tiefgründiger Kommentar. Es ist ein von Liberalen wie Arendt und Popper gehätschelter Mythos, dass nur die totalitären Systeme (Kommunismus, Faschismus, Nationalsozialismus) eine religionsähnliche Ideologie besässen.

Wenn ein System in den Grundfesten wankt, sieht es sich gezwungen, seine Dogmen und Mythen mit immer repressiveren Methoden zu verteidigen. Ansonsten geht es unter, so wie die DDR unterging, als sie darauf verzichtete, die Volksbewegung gewaltsam zu unterdrücken.

Ein Lehrbeispiel hierfür ist die heutige BRD, die nicht davor zurückschreckt, eine 89-Jährige, die niemals Gewalt befürwortet hat, wegen ihrer Meinung zu zeitgeschichtlichen Fragen einzukerkern. Es ist durchaus denkbar, dass die Repressionsschraube noch weiter angezogen werden wird und auch besonders aktive Gegner von Islamisierung, Multikultur und Umvolkung schon bald gesiebte Luft atmen werden. An ominösen Zeichen an der Wand fehlt es nicht. Dasselbe gilt für Österreich, wo der eine oder Dissident schon seit über einem Jahrzehnt hinter Gittern sitzt.

Dass das Argument, in der Demokratie könne man im Gegensatz zu totalitären Systemen zwischen verschiedenen Parteien und Weltanschauungen wählen, auf tönernen Füssen steht, hat u. a. der grosse Hans Dietrich Sander in den "Staatsbriefen" hervorgehoben: Im Kommunismus haben nur Kommunisten Meinungsfreiheit, im Faschismus nur Faschisten und in der Demokratie nur Demokraten. - Dass es natürlich in punkto Repression erhebliche Unterschiede gab und gibt, hat Sander nicht bestritten, aber ich habe das Gefühl, die heutige BRD sei mindestens so repressiv wie die DDR in den letzten paar Jahren ihrer Existenz. Von der Inhaftierung 89-jähriger Andersdenkender hat man dort nie etwas gehört.

Sara Tempel

13. Mai 2018 18:36

@Der_Juergen hat gut unsere Lage erkannt: "Es ist ein von Liberalen wie Arendt und Popper gehätschelter Mythos, dass nur die totalitären Systeme (Kommunismus, Faschismus, Nationalsozialismus) eine religionsähnliche Ideologie besäßen."

Schön dazu ein Gedicht von Emanuel Geibel:
"Glaube, dem die Tür versagt,
steigt als Aberglaub' ins Fenster.
Wenn die Götter ihr verjagt,
kommen die Gespenster."

(...)

heinrichbrueck

14. Mai 2018 12:34

@ Gustav
Religion ist Rückbindung. Generationenübergreifendes Denken. Die demokratische Herrschaftsrechtfertigung ist keine Religion. Religion ist keine Lüge, jedenfalls nicht auf ein ganzes Volk bezogen. Voltaire und Friedrich II. könnten in unserer Gegenwart ihre Weisheiten nicht wiederholen. Das Volk war schon damals nicht verkehrt. Warum sollte ein Volk angegriffen werden? Und welche Mühe muß der Feind sich machen, hat er ein dummes Volk vor sich?

@ Der_Juergen
Wollen Sie Meinungsfreiheit oder Herrschaftsmacht?

Hesperiolus

14. Mai 2018 15:22

Alles sehr interessant, aber wie der Forist Der_Juergen in einem anderen Strang leider treffend bemerkt hat, geht nicht nur dem Kommentariat eine gemeinsame Basis ab, wie hier wieder einmal deutlich wird. Humanitarismus ist als invertierte Theologie ja doch grade ein Ausdruck der zur perversen Anthropokratie führenden Säkularisierung. Und die Kako-Ikonen der Moderne, Voltaire und der "Alte böse Mann", wie die große Maria Theresia die Gestalt genannt hat, über deren metaphysische Zwergenhaftigkeit es bei Nebel schöne Stellen gibt, gehören in eine der Neuen Rechten noch mehr als politische Ökonomie fehlende politische Dämonologie.

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