Sezession
20. Mai 2018

Nachtgedanken (2): Der Einzelne und sein Bekenntnis

Götz Kubitschek / 43 Kommentare

Während ich über die Kommentare zu den "Nachtgedanken (1)" nachgrübelte, kam es zu einem Telefonat und darin aufs Grundsätzliche.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Ich versuche, jene Passage des Gespräch zu protokollieren, in der sich eine mögliche Antwort auf die Frage nach dem Bekenntnis und seiner Allgemeingültigkeit abzeichnete:

Sie: Mein Priesterfreund stellte genau diese Frage in seinem letzten Brief - wie denn eine Ordnung aussähe, wenn die Konservativen, also die "Neue Rechte" sich durchsetzen könnte.

Ich: Es gibt auf diese Frage stets zwei Antworten. Die eine beinhaltet das eigentlich Notwendige, die andere das gerade noch Mögliche, und zwar im Bezug auf die Formierung der Massengesellschaft. Nur in diesem Bezugsrahmen nämlich klaffen dieses eigentlich Notwendige und das gerade noch Mögliche lähmend weit auseinander. Lähmend weit, weil - hat man diesen unüberbrückbar klaffenden Graben einmal wahrgenommen - nur mehr eine konservative, kommunitaristische "Begleitung" des Niedergangs möglich ist, aufs Ganze gesehen.

Sie: Bist Du deswegen aufs Ganze gesehen ratlos? Diese Gedanken Richard Millets über den "erschöpften Sinn" - Dominique Venner war aufs Ganze gesehen auch ratlos, aber seine Konsequenz, seinen Selbstmord vor fünf Jahren am Altar von Notre Dame, lehne ich als Geste rundheraus ab. Denn sie ist nicht nur aufs Ganze gesehen, sondern in jeder Hinsicht ratlos.

Ich: Aber wir (wir Deutsche, wir Europäer) haben doch alles ausprobiert, wirklich alles. Auch in dieser Hinsicht sind wir die Erben der "toten weißen Männer", die wir lieben sollen. Woher mag, aufs Ganze gesehen, Verbindlichkeit kommen, und zwar gedeihliche Verbindlichkeit, also: fruchtbar ordnende Verbindlichkeit? Wir haben Gott abgeräumt und es mit der Vernunft versucht; wir haben eine ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts in Gang zu setzen versucht und dann die -ismen durchexerziert: den Nationalismus, den Kommunismus, den Faschismus, den nationalen Sozialismus, den internationalen Sozialismus, den Demokratismus - und immer stand dahinter die Überzeugung, daß es etwas Aufrichtendes, etwas Vertikales geben müsse, um die Masse aus- und aufzurichten. Im Vergleich zur göttlichen Vertikalen sind diese Realtranszendenzen sozusagen kopierte Vertikalen, Ersatzvertikalen - immerhin Entwürfe mit Anspruch auf Verbindlichkeit.

Sie: Allesamt gescheitert oder katastrophal aus dem Ruder gelaufen. Und ich meine sogar, daß es überhaupt keinen Sinn mehr hat, in Realtranszendenzen zu denken oder in einer Rückbesinnung (einer ewig gültigen Besinnung) auf die Vertikale Gottes aufs Ganze des Volks oder der Gesellschaft zu zielen. Es kommt vielmehr darauf an, daß Einzelne in sich das Aufrichten, was insgesamt verloren ging. Anders ausgedrückt: Wir müssen akzeptieren, daß wir mit unserer Arbeit nicht mehr auf ein "Wir" zielen können.

Ich: Das wäre das Ende der Massenpolitik als Formierungspolitik.

Sie: Mag sein, aber es ist der einzige Weg. Für alles andere fehlen die Voraussetzungen, und damit meine ich nicht irgendeine rechte Machtoption oder demographische Potenz für morgen, sondern den geschlossenen Raum, der unverzichtbar für die Formulierung und Durchsetzung des Verbindlichen wäre.

Ich: So ist das nicht präzise genug ausgedrückt. Es gibt ja durchaus etwas Verbindliches: die Selbstoptimierung, die eine Emanzipation des Ichs von den anderen voraussetzt und einen Gutteil seines Antriebs aus der Vorstellung gewinnt, daß das Individuum menschheitsunmittelbar sei, also keine Zwischeninstanz mehr akzeptieren müsse und als optimiertes Ich wiederum der Menschheit am besten diene.

Sie: Das ist exakt der Punkt, und von dieser Emanzipierung des europäischen Ichs führt kein Weg zurück in eine einordnende Verbindlichkeit.

Ich: Das stimmt wohl, und es ist verheerend. Bei allem Individualismus und aller Selbstoptimierung muß sich dieses Ich nämlich trotzdem nicht egoistisch fühlen und infrage stellen - denn aus seiner Menschheitsunmittelbarkeit folgt eine im Konkreten unverbindliche, im Mentalen jedoch extrem entlastende "moralische Weltordnung", die es dem Einzelnen gestattet, fast jede seiner oft absurden Handlungen und Entscheidungen nur an sich selbst abzumessen. Hier ist die "Vertikale" zu einem Trick verkommen.

Sie: Aber verstehst Du trotzdem, warum es der einzig gangbare Weg ist, diese Voraussetzung aufzugreifen? Die Selbstoptimierung ist das nicht veränderbare Paradigma unserer Zeit  - und diese Selbstoptimierung in eine Richtung zu treiben, die ihrem suggerierten Kern diametral entgegensteht, ist unsere subversive Aufgabe: vertikal statt horizontal! Selbstoptimierung als Hingabe an die göttliche Ordnung beispielsweise, oder als Hingabe an eine konkrete, auf meinen Dienst und meine Liebe und meine Dankbarkeit angewiesene Lebenswelt, die - das garantiere ich Dir - ausstrahlen wird auf andere, die sich selbst ebenfalls in diese dienende, dankbare Richtung "selbstoptimieren" wollen. Oder, mit den Bremer Stadtmusikanten gegen Venners Weg gesagt: Etwas besseres als den Tod findest du allemal.

Ich: Das klingt sehr bescheiden und in seiner Beschränkung fruchtbar, weil es dem Hader den Boden unter den Füßen wegzieht. Woher hast Du das?

Sie: Unter anderem las ich Adalbert Stifters Nachsommer - vielleicht die weiseste, weil aufgreifende und umwandelnde Antwort auf die aufs Ganze zielende Hybris.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Kommentare (43)

Tobinambur
21. Mai 2018 06:50

Sind wir in unserem Denken und mehr noch in unserem Hoffen und Sehnen vielleicht habituelle Linke? Der Glaube an eine rechte Utopie, an ein rechtes Eschaton, ein Kommendes, eine perfekte Ordnung, in der die Vertikale gepflegt wird, ist ein so offensichtliches Analogon zur linken, sozialistischen, totalitären Utopie, in der die Horizontale gepflegt wird, dass wir diesen Universalismus zu allererst herausreißen müssen, um auch nur einen Schritt voran zu kommen. Es ist eine säkularisierte christliche Idee.
Die sozialistische Idee ist ein spätes Produkt der Säkularisierung, aber die politische Vision der Rechten ist mehr noch als das: Es ist eine Frühform der Säkularisierung. Genau das behauptet ja letztlich die politische Theologie. Doch damit ist es vorbei. Hat nicht gerade Carl Schmitt dies geahnt, als er sich am Ende seines Lebens für die Gnosis zu interessieren begann? War nicht der Sieg der Kirche und ihrer politischen Struktur den Dogmen der Kirchenväter zu verdanken, die diese GEGEN die Abweichler der Gnosis durchsetzten: argumentativ, mit Bücherverbrennungen und schließlich mit der Polizeigewalt des ganzen römischen Reiches? Man lese dazu: „Elaine Pagels: Versuchung durch Erkenntnis“, ein Augenöffner.
Ohne diese katholische Kultur (ist mir lieber als abendländisch-christlich, denn dieser Begriff ist bloßes Wischiwaschi) gäbe es unsere Kultur nicht, auch nicht die darin eingebetteten Deutschen (wie sie mal waren). Aber der Katholizismus hat auch den Keim des Niedergangs in sich. Denn alles ist vergänglich. (Ich weiß, es gibt noch viele Gründe. Und ich denke nicht monokausal, aber die katholische Lehre ist eine der Grundfrequenzen unserer Kultur, ihr basso continua.). Erst im Nachhinein können wir Ursachen und Gründe des Niedergangs erkennen. Eine gnostische Kultur wäre eine andere Kultur geworden - und wahrscheinlich wäre sie schon wesentlich früher untergegangen. Denn eines muss man der katholischen Kirche lassen: sie zeigte Stabilität, Dauer und Größe. Aber das ist auch verhängnisvoll. Es suggeriert Dauer, die es nicht gibt.
Aus diesem Grunde (u.a.) bin ich Buddhist, denn wohin ich mich wende, sehe ich die Menschen in die teuflische Falle des Universalismus und des sub specie aeternitatis tappen, Linke wie Rechte. Den Universalismus und das Prinzipielle zu verabschieden (Odo Marquard) ist das Gebot der Stunde: partikularistisch, regionalistisch, lokal, individuell (im Sinne von unabhängig) kämpfen, leben, vorleben, Modell sein - das ist geboten! Tun was vor der Nase liegt! Angefangen bei sich selbst, bei seinen Kindern und seiner Familie, seinem Dorf, seiner Region… irgendwann verliert sich diese Reihe in den eisigen Höhen der Abstraktion. Die Idee des Volkes ist an der Grenze. Grenzen sind immer heiß umkämpft. Hinter dieser Grenze liegen die Idee des „die die schon länger hier sind“, reine Mengenangaben also, Quantitäten, von jeder Qualität abstrahiert. Wir können diese zunehmende Abstraktion, Entindividualisierung, Ent-Volkung, dieses Marschieren in die gleiche Richtung hin zur noch größerer Gleichschaltung nur stören. Symmetriebrüche, alles chtonische, chaotische, ursprüngliche, Eigene stört die Vereinheitlichung und bildet Wirbel, lokale Zentren etc. War nicht vielleicht der Flickenteppich der deutschen Vielstaaterei viel besser (und „rechter“) als die vereinheitlichte Nation? Ein solcher einziger Nationenkörper lässt sich viel leichter vergiften, als ein Bündel nahezu unabhängiger Staaten, die aber als Volk und Kultur vereint sind.

Gustav Grambauer
21. Mai 2018 08:47

OT: Mich würde mal etwas interessieren:

Warum dauert es - in seltenen Fällen - so lange, bis Beiträge nach dem Absetzen erscheinen? Hatte bis jetzt immer gedacht, dies läge jeweils mit technischen Ursachen an enthaltenen Verknüpfungen ("Links", was jemand hier auch einmal als Erklärung gebracht hat), aber zuletzt hat es bei mir (zum ersten Teil der "Nachtgedanken") von vorgestern abend bis heute morgen gedauert, obwohl ich gar keine Verknüpfung gebracht hatte. Oder vielleicht liegt es nur am Zögern mit der Freischaltung, was ich mir aber in dem Fall aus dem - für die "Organe" unanstößigen da tagespolitisch harmlosen - Inhalt meines vorgestrigen Beitrags heraus nicht erklären könnte, höchstens daraus, daß nicht jeder die verschwörerische Dimension der Aufklärung / des Illuminatismus / des Logenwesens und bis hin zur heutigen Tolerierung des "Dauergequassels" gern erwähnt haben wird.

Bitte um (!) Aufklärung ...

- G. G.

Kositza: Lieber Grambauer, manchmal sind wir einfach zwei Tage offline und schalten deshalb nichts frei. Meistens schalten dann Angestellte frei und lassen erst mal das liegen, was sie irgendwie "krude" finden. Den Inhalt des vorgestrigen links von Ihnen (medialalaland) hab ich grad noch mal durchgelesen, mir war nicht klar, was das bedeuten sollte, ich fand es furchtbar albern.

Caroline Sommerfeld
21. Mai 2018 09:38

@Topinambur:
"Sind wir in unserem Denken und mehr noch in unserem Hoffen und Sehnen vielleicht habituelle Linke? Der Glaube an eine rechte Utopie, an ein rechtes Eschaton, ein Kommendes, eine perfekte Ordnung, in der die Vertikale gepflegt wird ...".

Hier gilt "Goad's Law": If you disagree with someone who has a dumb belief system, he will automatically think you believe in a competing dumb belief system." Oder auf Deutsch: "Wenn Sie mit jemandem uneins sind, der ein System blöder Überzeugungen vertritt, wird derjenige automatisch annehmen, Sie glaubten an ein Konkurrenzsystem blöder Überzeugungen."

Nur weil wir das linke Überzeugungssystem ablehnen, haben wir nicht automatisch ein vergleichbares rechtes zu aufzubieten. Und zwar in mehreren Hinsichten: wir haben kein solches, wir sollten nicht danach trachten und wir sollten uns nicht unterstellen lassen, eines zu haben oder haben zu müssen.
Ich bin an der Stelle unrettbar postmodern: wir haben nur mehr Flickwerk und Trümmer zur Verfügung. Aus denen was zu basteln, "bricolage"-mäßig, ist das äußerste.
Wichtig ist daher, uns nicht darauf verpflichten zu lassen von denen mit den blöden Überzeugungssystemen, auch eines haben zu müssen. Was kommt nach der Reconquista? Sicher keine Diktatur der Rechten.
Die "Vertikalspannung" (Peter Sloterdijk) ist das Motiv unseres Strebens, nicht sein Inhalt. Sie ist die Triebfeder, das was Kant auch "eleater animi" nannte. Das wäre auszuführen, auch in Richtung existenzielle Ergriffenheit ...

Der Gehenkte
21. Mai 2018 09:40

Darüber sollte man lange nachgrübeln - das geht an die Substanz! Am liebsten fragte ich nach der Telefonnummer!

Der Feinsinnige
21. Mai 2018 10:33

Gefesselt habe ich die „Nachtgedanken (1)“ und die dazu geführte Diskussion gelesen. Millet ist sicher einer der größten Denker der Gegenwart. Die Neuauflage von Millets Text werde ich mir (trotz Besitz der ersten) allein schon deswegen zulegen, um zu erfahren, was Thorsten Hinz zu dem Text zu sagen hat.

Die obigen „Nachtgedanken (2)“ lassen mich – jedenfalls gegenwärtig - ratlos zurück. Vielleicht wird die Diskussion daran ja etwas ändern.

Eine neue Ordnung, die (allein) auf „Selbstoptimierung“ beruht, wenn auch mit dem Zusatz: „als Hingabe an die göttliche Ordnung beispielsweise, oder als Hingabe an eine konkrete, auf meinen Dienst und meine Liebe und meine Dankbarkeit angewiesene Lebensumwelt“? Das ist mir zu abgehoben, auch zu kurz gegriffen. Mit diesen Formulierungen könnte sich jede Ordnung, jeder „...ismus“ schmücken, auch die gegenwärtige "One World"-Ideologie und „Willkommenskultur“.

Sollte es einer konservativen „Neuen Rechten“ nicht gelingen, konkretere mehrheitsfähige Werte und Ziele zu formulieren, unabhängig davon, daß „kein Weg zurück in eine einordnende Verbindlichkeit“ führt, wäre das in der Tat „verheerend“.

Louise
21. Mai 2018 12:00

Dominique Venner war nicht „ratlos“, als er seinen Freitod wählte. Sein Selbstmord war keine Verzweiflungstat, es war eine politische Tat. Sein ganzes Leben hat Venner immer das aus seiner Sicht beste Mittel, die beste Aktionsform gewählt, um seine Ziele zu erreichen. Er hat sich als junger Mann freiwillig für den Krieg in Algerien gemeldet, um seine Blutsbrüder dort zu verteidigen, und hat im Nachhinein bemerkt, daß dieser Krieg an den äußeren Verteidigungslinien Europas stattfand.
Als er verstanden hat, daß der Krieg nicht im Gefecht entschieden werden würde, sondern in der Politik, die in Paris gemacht wurde, ist er dorthin gegangen und hat sich in den politischen Aktivismus gestürzt, wegen seines Engagements und einem Attentatsplan auf das Staatsoberhaupt hat er im Gefängnis gesessen. Danach hat er sich vom politischen Aktivismus verabschiedet und sich der metapolitischen Arbeit zugewendet, hat sich in historische Studien und der Suche nach unseren europäischen Wurzeln vertieft, hat Bücher herausgegeben, Zeitschriften verlegt. Dominique Venner war kein Nihilist.
In seinem Buch „Das rebellische Herz“ schreibt er: „Ein gelungener Tod ist einer der wichtigsten Akte des Lebens. Der selbst gegebene Tod kann auch seine Schönheit haben.“ Er erwähnt den Tod Henry de Montherlants zur Tag- und Nachtgleiche im Herbst 1972. „Ein Tod, der mit einem Mal alles hinweggefegt hatte, was es im Leben dieses großen Schriftstellers an Ungereimtheiten gegeben hatte, und der den Teil überlegener Größe in ihm und seinem Werk hervorhob.“
Man könnte auch den Freitod Mishimas als ein Beispiel dafür anführen, daß der selbstgewählte Tod, als ein letztes großes Zeichen, ein von kampferfülltes Leben vollendet. Dominique Venner hat in hohem Alter seine letzte Kraft eingesetzt, um gegen die Dekadenz der modernen Welt zu protestieren. Sein Selbstmord war kein Akt der Ratlosigkeit, sondern eine letzte heroische Tat.

0002
21. Mai 2018 13:32

Das Attraktive an der One-World-Multikulti-Religion ist, daß sich der Gläubige mit dem Gefühl der moralischen bzw. ethischen Reinheit und Überlegenheit seinen niederen Trieben hingeben kann, solange er nur die wichtigsten Gebote einhält. Die Hingabe an irgend etwas anderes wird in der Masse kaum jemanden beeindrucken und schon gar nicht zur Nachahmung motivieren.
Da der herrschende Zeitgeist religiöser Natur ist, wird gegen ihn auch keine rationale Argumentation helfen, sondern nur die bittere und vor allem physisch-materielle Erfahrung, daß der neue Glaube den Gläubigen im Diesseits schließlich ebenso unerlöst im Stich läßt, wie die anderen Religionen zuvor.
Die Masse interessiert sich nicht für deutsche, europäische oder irgendeine andere Kultur, gar für eine göttlichen Ordnung. Die Masse will Frieden und Wohlstand (in Ruhe konsumieren). Wer ihr das verspricht, dem schenkt sie auch Gehör.

Simplicius Teutsch
21. Mai 2018 14:36

@ Toninambur, 21.05.2018, 06:50, Sie schreiben:

„die Idee des „die, die schon länger hier sind“, reine Mengenangaben also, Quantitäten, von jeder Qualität abstrahiert. Wir können diese zunehmende Abstraktion, Entindividualisierung, Ent-Volkung, dieses Marschieren in die gleiche Richtung hin zur noch größerer Gleichschaltung nur stören.“
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Ja, das haben Sie gut entlarvt. Dahin geht die Richtung der Merkel'schen Politik. Ist schon interessant, wie hier die deutschen, einheimischen Menschen mit Kultur und Herkommen von ihrer obersten Staatsführung definiert werden: als reine „Quantitäten, von jeder Qualität abstrahiert.“

Damit macht die Merkel-Politik ideologisch den Weg frei für die Gleichschaltung und Konditionierung des Individuums zum widerstandslosen, reibungslos funktionierenden Ameisengeschöpf, forciert durch mediale und digitale Rundum-Anleitung, -Einschüchterung und -Überwachung, wie sie im wirtschaftlichen Arbeitsprozess in den fortschrittlichsten Büros schon Gang und Gäbe ist. Da liegt sie voll auf der Linie der Sillicon Valley-Big Brothers.

Wir gehen in eine neue Phase der menschlichen Evolution über. Und Deutschland marschiert vorne weg. Was wollen wir mehr!

Heinrich Loewe
21. Mai 2018 16:28

Nach dem zweiten Lesen habe ichs, glaube ich komplett verstanden.
Welch ein treffendes Wort zum heutigen Pfingstmontag, dieser kleine Dialog. In der Benediktsregel gibt es folgenden schönen Spruch: "Eigensinn führt zur Strafe, Bindung erwirbt die Krone." Die Weisheit darin (besonders der zweite Teilsatz) kann z.B. derjenige bestätigen, der eine "gute" Ehe führt. Oder derjenige, der durch Schenken, Geben, Dienen die Öffnung des eigenen Herzens erfahren hat. Und nur das im "kleinen Haufen" wirkende Vorbild und Beispiel kann, wie ein Ferment, dann die Gesellschaft grundsätzlich verändern in eine Richtung, wo wir Konservativen zustimmen würden. - Das soll jedoch die Mühen und Opfer der AfD-Leute nicht gering achten!
Der moderne, emanzipierte Mensch muß aus freiem Entschluß, aus Einsicht das Opfer (?) der Bindung, Beschränkung, Einordnung, Festlegung auf sich nehmen. Andernfalls wird ebendies ihm von Außen auferlegt werden.
Ich wünsche Ihnen allen die Weiße Taube...

Tobinambur
21. Mai 2018 16:59

@ Caroline Sommerfeld - Ich versuche eine historisch einmalige Situation geistig in den Griff zu bekommen, zu analysieren. Dies sollte möglichst kühl und kühn geschehen. Sun Tsu sprach aus, was zwar eine Trivialität, aber auch eine Weisheit ist, weil sie immer missachtet wird: “Kenne deinen Feind und kenne dich selbst, und in hundert Schlachten wirst du nie in Gefahr geraten.“ Also: Ich gebe Sloterdijk und damit diesbezüglich (aber nur diesbezüglich) auch Ihnen recht: Die "Vertikalspannung" ist das Motiv unseres Strebens, nicht sein Inhalt.
Aber: Lassen Sie die Beiträge dieses Forums der letzten Jahre an ihrem Geist vorbeiziehen (und natürlich nicht nur dieses Forums, sondern überhaupt des neurechten Gesprächs) und sie werden ganz genau erkennen, wo der Unterschied liegt: wo es um Vertikalspannung geht (Beispiel Kubitschek) und wo Inhalte als „universelle“ Lösungen (manchmal fast in pastoralem Ton) vorgetragen werden… Da geht es dann doch eher um ewige platonische (rechte) Ideen als ums Probieren, Provisorien zusammen bauen (also ihre „bricolage“ – wozu ich übrigens kein postmodernes Denken bemühen muss. Jeder der schon einmal als Laie einen alten Rasenmäher repariert hat, weiß was ich meine. Und angesichts der Einmaligkeit des historischen Augenblicks sind wir alles Laien! Gerade auch die Linken und die „habituellen Linken“ unter den Rechten.) Diesen Unterschied zu erkennen ist überlebenswichtig. Analysieren, sezieren, partikulare Versuche starten… und aus Fehlern lernen. Wir versuchen uns in der Unordnung der gegenwärtigen Ruinen zu orientieren. Unser in der Tradition fest verschraubte Haltegriff ist das Bewährte. Gut. Der linke Haltegriff ist schließlich nur ein Betrug: Das sind die experimentellen Operationen am offenen Herzen mit falschen Versprechen. Die Unterscheidung und Scheidung des Bewährten vom Hinderlichen, ja Gefährdenden muss aber entschlossen angegangen werden: kühl und kühn. Darüber muss diskutiert und argumentiert werden. Wohl angesichts der Gefahr eher wie eine militärische Stabsbesprechung Stab als wie ein akademischer „Diskurs“.
[Im Übrigen haben Sie das Gesetz (von wem auch immer es sein mag) falsch auf meine konkrete Aussage angewendet. Der weil-Satz ist korrekt, aber der „haben wir nicht automatisch ein vergleichbares rechtes zu aufzubieten“-Teil ist nicht die Spezialisierung von „will automatically think you believe in a competing dumb belief system“. Es müsste vielmehr heißen: „Nur weil wir das linke Überzeugungssystem ablehnen, glauben die Linken automatisch wir glauben auch an ein vergleichbar dummes rechtes System.“ Was die Linken aber glauben, dass ich glaube, ist mir jedoch völlig egal. Umgekehrt wird aber auch kein Schuh draus (versuchen Sie’s). Tut mir leid, wenn ich so Oberlehrerhaft daher komme, aber den Versuch der katastrophalen Realität klar ins Auge zu blicken mit fehlerhafter Argumentation zu durchkreuzen, halte ich für fatal.]

Caroline Sommerfeld
21. Mai 2018 17:48

@Topinambur:
Nö. Ich habe doch mehrere Bedeutungen von "haben wir" aufgezählt. Die eine ist die, die Sie auch meinten: wir müssen überhaupt nichts, was die Linken von uns erwarten oder uns unterstellen zu haben. Die anderen: wir haben kein eigenes wie auch immer dummes oder kluges "System" ausgetüftelt als Gegenangebot oder als Telos oder als politische romantische Utopie. Und drittens "haben wir" im Sinne von "have to" - wir müssen das auch gar nicht wollen. Sind also nicht defizient oder defensiv, sondern im Vollbesitz unserer Kräfte. Die liegen aber nicht im Inhaltlichen bis dato, denn da überwiegen doch die rückwärtsgewandten Utopien oder vorwärtsgewandten Dystopien, die liegen eben in der Flickkunst, die Sie ja auch hervorheben.
Oder hab ich Ihre argumentative Nuß noch nicht geknackt, weil ich so verliebt bin ins Basteln?

Tobinambur
21. Mai 2018 19:18

Das eigentlich Notwendige vs. das gerade noch Mögliche in Bezug auf die Formierung der Massengesellschaft: M.a.W. Zur Abwendung der Massengesellschaft wäre so vieles notwendig, ein riesiger Berg von Anforderungen an uns, und gleichzeitig ist nur so weniges möglich, ein kleines Häuflein an Optionen, das uns bleibt. Ist stimme dem zu, worüber ich aber schon seit der Lektüre des Artikels nachdenken muss, ist der darauf folgende Satz: dass nur mehr eine konservative, kommunitaristische "Begleitung" des Niedergangs möglich ist, aufs Ganze gesehen.
Stimmt das?
Zunächst war ich baff, weil da nun jemand ist, der noch pessimistischer denkt als ich, der ich den Pessimismus so schätze, weil er nach de Bergerac viel zu früh die Wahrheit erzählt. Das nimmt dem ganzen Drama natürlich die Spannung. Der Pessimist betreibt spoiling wie es neudeutsch heißt. Wir Pessimisten versauen das ganze Stück. Denn: Brauche ich noch eine weitere Tragödie a la Bolschewismus mit der „bangen“ Frage: Kommt es zur Wende oder gewinnen die Bösen (die Guten - je nach Standpunkt?). Können wir den letzten Akt, die egalitäre Massengesellschaft, den Globalismus und all sein buntes und geschlechtsloses Bühnenbild noch verhindern? Nein. Notwendig wäre es, das ganze Theater abzufackeln und die drittklassigen Sprechpuppen abzuschießen (so viel zu dem „eigentlich notwendigen“). Und andererseits fehlt uns die Möglichkeit dazu. Was ist diese Möglichkeit? Was ist dieses „gerade noch Mögliche“?
Lassen wir Erich Mühsam, den linken Anarchisten zu Wort kommen: „Was ist es, was vom Standpunkt höchster Sittlichkeit dem Rebellen zu seiner Gewalttätigkeit das reine Gewissen gibt, während es ihm den Krieg verdammenswert scheinen lässt? Es ist die Gewissheit, einem Zweck zu dienen, der der Menschheit selbst zugute kommen soll.“
All das darf für uns niemals das Mögliche sein: Nicht das Geschwätz von „höchster“ Sittlichkeit; nicht die Gewalttätigkeit, keine Gewissheiten und schon gar kein „reines“ Gewissen und niemals die „Menschheit“ als Zweck. Daraus lässt sich ableiten, was das „gerade noch Mögliche“ für uns sein könnte. Es muss auf jeden Fall UNTER den genannten linken Maximaloptionen bleiben („gerade noch“). Diese universalistischen Maximalideen gilt es zu vermeiden, weil sie Theaterillusionen sind und Betrug.
Also: Keine „höchste Sittlichkeit“, aber Sittlichkeit! Keine Gewalttätigkeit, aber Präsenz und aufrechter Gang! Keine Gewissheiten aber Suche nach Wissen, episteme! Kein „reines Gewissen“ aber ein Gewissen mit menschlichem Maß! Keine universelle Menschheit aber Menschen und Mitgefühl!
Dann bleibt uns angesichts der Brutalität und der Kultur- und Sittenlosigkeit des Feindes und seiner Gesellschaft tatsächlich nur noch eine palliative Funktion: sie ist nicht auf Heilung angelegt (die ist unmöglich), sondern auf die Reduktion der leidvollen Folgen (für uns und die, die wir lieben). Soweit die medizinische Metapher. Mit der politischen Metapher der kommunitaristischen Sterbebegleitung drückt glaube ich Herr Kubitschek dasselbe aus. Jetzt habe ich seinen Gedanken verstanden.

Waldgaenger aus Schwaben
21. Mai 2018 20:51

Das Märchen vom Hans im Glück ist wahrscheinlich allgemein bekannt. Ich gebe es trotzdem kurz wieder (adaptierte Kopie aus wikipedia)
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Hans erhält als Lohn für sieben Jahre Arbeit einen kopfgroßen Klumpen Gold. Diesen tauscht er gegen ein Pferd, das Pferd gegen eine Kuh, die Kuh gegen ein Schwein, das Schwein gegen eine Gans, und die Gans gibt er für einen Schleifstein mitsamt einem einfachen Feldstein her. Zuletzt fallen ihm noch, als er trinken will, die beiden schweren Steine in einen Brunnen. Endlich ist er glücklich, die schweren Steine nicht mehr tragen zu müssen.
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Das Märchen wurde schon als Parabel auf den Verlust der Religion im Abendland gedeutet. Die Hoffnung auf die Auferstehung der Toten und die Erlösung der gesamten Schöpfung am Ende der Zeit wurde zur Hoffnung auf Ewigen Weltfrieden und Wohlstand für alle Menschen, dann nur für das eigene Volk, dann nur noch zur Hoffnung auf ein eigenes kleines Glück in der kurzen Zeit zwischen Geburt und Tod.

Diese letzte Hoffnung scheint nun auch noch mit der Globalisierung zu verschwinden. Die Menschen, speziell die Jugend im Westen sind unglücklicher als vor einigen Jahren noch.

Und so bleibt am Ende bleibt dem modernen, dem letzten Menschen gar nichts mehr. Frei fühlt er sich aber nicht, wenn er alles verloren hat.

Dem Märchen vom Hans im Glück soll ein älteres Schelmenstück zugrunde liegen. Der Held nimmt einen wertlosen Feldstein und tauscht ihn gegen immer höherwertigere Güter um, bis er am Ende einen Klumpen Gold erwirbt. Ein genialer Erzähler hat nun die Geschichte einfach umgedreht.

Doch könnte diese ältere Version der Erzählung nicht eine Parabel werden für das was kommen wird, wenn wir am Ende aller diesseitigen Hoffnungen angekommen sind.

Wir können, glaube ich, in der Gegenwart schon beide Entwicklungen, die sich gegenseitig durchdringen beobachten. Abstieg und Aufstieg der Hoffnungen.

Martin Heinrich
21. Mai 2018 21:20

@Caroline Sommerfeld.
"Bricolage".
Mir fiel bei diesem Wort die Geschichte des römischen Mainz ein. Gegründet 12 v. Chr. wuchs Mainz (mogontiacum) zu einer blühenden römischen Provinzstadt heran. Erst mit den Alamanneneinfällen um 350 n.Chr. setzte der Verfall ein. Um diese Zeit baute man zur Verteidigung gegen die Barbareneinfälle eine zweite Stadtmauer. Und hierfür verwendete man zahlreiche Säulen- und Gebäudeteile alter Zeit, weil die Zeit drängte, die Mittel knapp waren und die unruhigen Zeiten einen regulären Mauerbau zu schwierig gemacht hatten. Bricolage, halt. Ein Notbehelf, mehr schlecht als recht.
Wie mögen sich im Jahr 350 die letzten "römisch" denkenden Männer und Frauen in Mainz gefühlt haben angesichts von Regierungschaos, Alamanneneinfällen und erstarkendem Christentum?

Ist es heute nicht ähnlich? Angesichts der Migrationsströme in unser Land, dem Versagen von Staat und Kirche, was bleibt uns anderes übrig als wenigstens aus Versatzstücken einen halbwegs brauchbaren inneren Schutzwall zu bauen, solange "der große Wurf" noch nicht steht? Bricolage. Ja. Wenn sie uns erst einmal dazu verhilft, nicht zu verzweifeln, ist schon viel gewonnen.

Der Gehenkte
21. Mai 2018 21:28

Was ist das? Ist das jetzt die "Kehre" in Schnellroda? Noch bin ich mir nach dem vorherigen Spiel mit der Identität nicht ganz sicher, wie wörtlich dieser Beitrag zu verstehen ist, zumal "Sie" leer bleibt. Das hat immerhin den Vorteil, sich auf das reine Wort konzentrieren zu können.

@Topinambur hat bereits zwei wesentliche Punkte herausdestilliert: "Die Unterscheidung und Scheidung des Bewährten vom Hinderlichen, ja Gefährdenden muß aber entschlossen angegangen werden: kühl und kühn." - das ist die Mindestaufgabe, das "eigentlich Notwendige". Das "gerade noch Mögliche" ist dann die Frage nach der Politik. Das Gespräch ist der Nachweis der Einsicht in die Grenzen der Politik und deshalb unter "Kehre"-Verdacht, denn das scheint mir neu zu sein.

Die zweite Essenz: "den Versuch der katastrophalen Realität... mit fehlerhafter Argumentation zu durchkreuzen, halte ich für fatal" - Das ist Grundbedingung und diese Einsicht ließ mich hier die letzten drei Jahre oft verzweifeln, weil der Wille zur akkuraten Analyse - "Erkenne die Lage!
Rechne mit deinen Defekten, gehe von deinen Beständen aus, nicht von deinen Parolen.
Vollende nicht deine Persönlichkeit, sondern die einzelnen deiner Werke" - leider nur bei wenigen Teilnehmern vorhanden ist: die einen glauben an Gott, die anderen an diese oder jene Theorie ... und lassen sich verblenden. Glaube stört bei der Analyse, er mag gern zur privaten Geisteshygiene gepflegt werden.

Die Ausgangsfrage nach dem Bekenntnis muß neu gestellt werden und sie kann vorerst nur negativ beantwortet werden. Ja, wir "haben alles ausprobiert", aber wir haben noch nicht ausprobiert, nichts auszuprobieren. Rechts sein sollte heißen, sich zur tabula rasa machen, alles Ideologische auslöschen und so neue Sensorien für das Notwendige und das Mögliche zu erlangen. Das Bewährte ist der Grundkonsens. Dann würde man begreifen, wie hoch der objektive Anteil an der Geschichte ist und wie gering die bewußte subjektive Möglichkeit der Einflußnahme.

Und tatsächlich, das ist nicht mehr als ein "Wir" zu denken oder doch nur als ein Wir in der Summe der Einzelnen. Das Ende der Massenpolitik als Formierungspolitik ist real, sofern man den diktatorischen Weg ausschließt. Die Masse wird nicht mehr politisch geformt, sondern durch den way of life. Politik kann diesen nur noch begleiten - ob "kommunitaristisch", das hinge von der Sinngebung dieser Vokabel ab.

Ich stimme "Ihr" zu. Die Vertikalspannung hin zu einer divinen Instanz ist nur noch für ein paar Einzelne möglich aber irrelevant, die hin zu den Real-Transzendenzen sind langfristig diskreditiert udn widerlegt, es bleibt nur noch die Selbstoptimierung. Die darf aber nicht in die "Intensitäts"-Überdrehung führen, wie sie Tristan Garcia predigt. Sie muß sich schon transzendent anbinden und das kann nur - soweit ich sehe - das Sein und das Werden und der Tod sein. Heidegger und Deleuze. Von daher kommt auch Sloterdijks "Vertikalspannung".

PS: Venners Tod ist achtenswert. Man mag ihn "für sich" ablehnen, aber wenn ein solcher Mensch diesen Weg geht, dann urteile ich nicht, sondern stelle die Frage: Wozu?

Peter Niemann
22. Mai 2018 00:47

Die Welt kann sehr einfach verstanden werden, und in wenigen Sätzen meine ich darstellen zu können wie sich Deutschland im 21. Jahrhundert verändern wird wenn Identitäre (vulgo: Rechte) versus Nichtidentitäre (vulgo: vom Neoliberalismus gekaperte (Pseudo-)Linke) die Macht besäßen bzw. besitzen. Denn tatsächlich ist der Westen ans Ende der -ismen gekommen und ist nur noch konfrontiert mit einem Schrumpfen, einem eigenen Reduktionismus.

(1) Die Identitären regieren: China wird bzw. ist Weltmacht und der arabische und afrikanische Bevölkerungsüberschuß führt zu Krisen und Konflikten. Deutschlands Rolle in der Welt nimmt ab. Deutschland vergreist und der Anteil der Deutschen nimmt ab, man spricht vom Altersheim BRD.

(2) Die Nichtidentitären regieren: China wird bzw. ist Weltmacht und der arabische und afrikanische Bevölkerungsüberschuß führt zu Krisen und Konflikten. Deutschlands Rolle in der Welt nimmt ab. Deutschland vergreist und der Anteil der Deutschen nimmt ab, man spricht vom Altersheim BRD. Im gleichen Maße nimmt der Anteil der Nichtautotochthonen (vulgo: Nichtdeutsche) zu, mit entsprechenden Konsequenzen auf politischer, metaphysischer, religiöser, also letztlich identitätsbildender Ebene.

Nath
22. Mai 2018 03:15

Wow. Falls die englische Interjektion in diesem Forum nicht zu despektierlich erscheint, nehme man sie als das, was sie ist: Als einen vorreflexiven Ausruf der Anerkennung, den ich umso mehr ohne Gefahr des mitschwingenden Eigenlobs aussprechen darf, als ich mich hier nach wie vor als Gast - als nicht-rechts - betrachte. Man wird von Qualität geradezu erschlagen. Bezeichnend im positiven Sinne ist, dass all die Wortmeldungen erfolgen, wenn die Notwendigkeit der phänomenologischen Destruktion (Ab-Bau) a l l e r weltanschaulichen Vor-Eiligkeit am Horizont erscheint. Wie durchaus irritierend es vom Standpunkt des intellektuellen Ego sein kann, die Diskussion mitzuverfolgen, bestätigt mir der obige Beitrag von dem "Gehenkten". - Gerade jetzt erst, beim aufmerksameren Durchlesen, stelle ich nämlich fest, dass er den von mir erwogenen Reflexionsansatz voweggenommen und somit entbehrlich gemacht hat. Ich war "nicht schnell genug" und muss mich neu sammeln. Einstweilen bleibe dies einfach als Zwischenruf stehen.

Andrenio
22. Mai 2018 06:02

@Louise
Anlässlich der fünften Wiederkehr des Freitodes von Dominique Venner hatte ich angeregt ihn als Sonntagsheld in Erinnerung zu bringen.
Sie haben dankenswerter Weise sein spannungsreiches Leben zusammengefasst.

Hinsichtlich der Überlebenschance unserer Art leben zu wollen gibt es nur diesen einen Lackmustest: Wieviele Einzelne sind bereit sich dafür zu opfern, damit den Nachkommenden diese Option erhalten bleibt?

Ein Beispiel aus unseren Tagen: Ohne eigenes Risiko Wehrlose abzuschlachten ist unmännlich und feige. In einer echten Kampfsituatiin früher hätte man angesichts steigender Opfer lieber die Option des Rückzugs gewählt.

Auf der anderen Seite opfern sich in selbstmörderischer Manier Unbewaffnete, um einen brennenden Reifen noch einen Meter weiter zu bewegen. Wozu? (Fragt der Gehenkte).

Eigentlich ist die Antwort einfach: Solange es noch opferbereite (selbstoptimierte) Einzelne gibt, solange gibt es noch Hoffnung für ein Überleben einer Idee. Versiegt dieser Strom, ist diese bereits auf dem Weg auf dem Müllhaufen der Geschichte namenlos zu verschwinden.

Märtyrer haben deshalb ihren geehrten Platz in der Erinnerung der Völker/Religionen. Solange die katholische Kirche noch solche hervorbringt, wird sie nicht untergehen.
Schon deshalb muss einem für die Zukunft der Kopten nicht bange sein.

@Tobinambur
Was entsteht, muss wieder vergehen.

Nimm die Dinge so, wie sie sind, und nicht wie Du sie gerne haben willst.

A. Kovacs
22. Mai 2018 06:16

Ich wundere mich immer wieder über die zu theorielastigen Kommentare. Dieses sehr deutsche Grübeln führt zur Blässe des Gedankens und lähmt. Es gibt in Europa Beispiele, wie mit der Linken umgegangen werden muss, erstens um an die Regierung zu kommen und zweitens um an der Regierung zu bleiben. Es sind die Regierungen, die mit geradezu tollwütigem Hass seitens Brüssel und Berlin bekämpft werden, weil sie einen notwendigen Umbau der Gesellschaft vorantreiben, der nur Linken (natürlich!) als „autoritär“ erscheint. Das ist er nicht, aber gegenüber Linken mitleidlos ist er schon, muss er auch sein. Mag sein, dass die Mittel (z. B. politische Reden mit „Soli Deo Gloria“ zu beenden) den Atheisten und Neuheiden unter den Rechten sosehr nicht gefallen, dass sie auch noch gegen diejenigen kämpfen, die ihre Verbündeten sind, doch dann ist ihnen nicht zu helfen.
Aber um den Theorielastigen entgegenzukommen: Ulrich Hintze hat kürzlich beim Gerhard Hess-Verlag ein kluges Buch („Theoria Politica Generalis“) veröffentlicht, in dem er es erfolgreich unternimmt, die Gräben zwischen den Nicht-Linken zuzuschütten, um zu einer einheitlichen Front zu gelangen. Ich kann dieses Werk nur nachdrücklich empfehlen.

Tobinambur
22. Mai 2018 10:06

@ Der Gehenkte. Ganz Ihrer Meinung. Noch Ergänzendes zur Bekenntnisfrage, die wir Ihrer Meinung nach "vorerst" nur negativ beantworten können. Was wäre, wenn sie immer nur negativ beantwortet werden könnte/sollte: "Das nicht... das nicht... und das nicht..." (im Falle von Allgemeinheiten, Abstraktheiten, Universalien wie Sozialismus etc. ).
Den Gegensatz dazu habe ich schon auszudrücken versucht: Tun was vor der Nase liegt! Das geht von mir als empirischer Person aus, zu der ich mich bekenne (aber nicht von meinem "transzendentalen Ich" und nicht von einem nach den Plänen der Aufklärung selbstoptimierten Individuum). Das geht von meiner Familie aus, zu der ich mich bekenne (das ist kein Abstraktum, sondern basiert auf der negativen Ausgrenzung: Das ist nicht meine Familie... und das nicht... und das nicht...). Das geht von meiner Sippe aus usw.
bis hin zum Volk. Dann wird auch das Wort Menschheit ungefährlich, dann ist, wer Menschheit sagt auch kein Betrüger mehr, denn es meint Anthropos, das uns Menschenwesen Eigene, das wir auf dem Weg zu diesem Begriff von uns aus entdeckt haben (und nicht die Konstruktionen der Progressisten und Globalisten)

"Wir haben noch nicht ausprobiert, nichts auszuprobieren." Exakt. Diese von der eigenen Nase ausgehende Herangehensweise: "probiert nichts aus", macht keine linken und quasi-linken Experimente. Denn meinen Körper verstümmle ich nicht, meine Familie töte ich nicht, indem ich an ihnen etwas unbekanntes Neues oder bekanntes Gefährliches "ausprobiere". Ich schütze und unterstütze sie durch Bewährtes. Dazu muss ich das Bewährte aber erst unterscheiden. Das macht in allen Bereichen Sinn. Da kann man aber immer nur Beispiel sein und ein Modell erschaffen, das man gut findet und vielleicht andere auch - ohne zu erwarten, dass es "ALLE ausprobieren MÜSSEN"(die das fordern, haben immer auch ein Schafott dabei).
Deshalb mag ich auch den Begriff Bricolage nicht. Erstens weil ich das Wort nicht mag, denn es ist eine gewisse Infantilisierung dieser Tätigkeit. Der Bauer bastelt nicht die Ernte, er erntet. Der Bäcker bastelt kein Brot, er bäckt. Das Wort ist bei allem Respekt vor Claude Lévi-Strauss einfach zu akademisch leer: Es kommt abgesehen auf den partikularen Charakter nämlich auch auf den konkreten Inhalt der Tätigkeit an und damit eben auf den Unterschied zwischen dem Bewährten und dem Nichtbewährten, Gefährlichen.

PS. Es gibt immer wieder Stimmen, die einen Unwillen zur "Theorie" ausdrücken. Aber das ist bei allem Respekt ein weiteres Beispiel für "habituelles Links-sein". Ältere Generationen kennen gewiss noch die altlinken 68-Sprachhülsen: "Hör mal auf dein Bauch", "Sei mal nicht so kopfig", "sei doch mal spontan"... bei gleichzeitiger Befangenheit in simpelste quasireligiöse Abstraktionen und revolutionäre "Theorien".
Echte Theorien sind KEINE Ideologien sondern nur Hypothesen. Es ist auch nicht nur ein reines Beobachten. Da hat sich der griechische Begriff einfach gewandelt. Da geh ich mit der Wissenschaftstheorie konform. Auch der Bäcker hat in diesem Sinn eine Theorie über das Brotbacken, sonst könnte er es nicht backen. Er hat es gelernt. Wenn sich die Hypothese bewährt, bleibt er dabei und ändert sie nicht willkürlich. Er macht es nicht aus dem "Bauch" heraus. Das sagen wir erst, wenn es habituell geworden ist. Dann erkennen wir aber auch nicht mehr auf den ersten Blick die Theoriebeladenheit und Herkunft seines Tuns. Wir brauchen dazu Analyse. (Letzteres auch @ Caroline Sommerfeld).

Waldkind
22. Mai 2018 10:08

Bekenntnisse abzulegen, erfordern nicht Religionen an sich, sondern die monotheistischen Bekenntnisreligionen - besonders der jüdisch-christlich-muslimische Drilling. Dieser fordert die Unterwerfung des Menschen unter die Gesetze des "Vaters" (nachdem, wie Jesus es ja selbst sagt, die konkreten familiären Bindungen, germanisch Friede, mit dem Schwert zerschnitten worden sind).

Hieran wird auch der monotheistisch-väterliche Charakter des modernen Nationalstaates erkennbar, zu dem (bzw. zu dessen Verfassung/en) man sich zu bekennen habe. Der Monotheismus lebt hierin als jakobinischer Kult ums Höchste Wesen fort.

Wer sich vorrangig auf sein Deutschsein bezieht, der betet ein modernes Abstraktum an und muss alsbald auch B sagen: ..., ich bin Europäer, ich bin Mensch,...
Alles für sich nicht falsch, als Ausgangspunkt aber der Beginn des Weges in die universalistische Sackgasse.

Im Kern bin ich der Sohn von X aus Y. Wenn ich dieser Spur folge, stoße ich auf die Kette, deren Glied ich bin, mit allen Konsequenzen. Und diese Kette will ich, muss ich fortsetzen im Gewebe der anderen, das meinen Faden umgibt.

Die nationale Alternative dazu ist in der Tendenz eine unglaubliche Verflachung, an deren Ende ein seelenloses Wesen steht, wahlweise besoffen in vollgepisster Jogginghose und Deutschlandtrikot, als Abziehbild einer nationalsozialistischen Germanenkarikatur, oder oder oder.

Ein Bekenntnis kann derjenige ablegen, der sein Wesen im Wortsinne veräußert hat, sich unterwirft. Wem ich meine bindende Treue zeigen möchte, dem schwöre ich.

Dabei ist es mir persönlich völlig egal, wer sich zu wem bekennt oder wem schwört, denn sein Handeln hat letztlich ein Jeder vor den Seinen zu verantworten; Bekenntnisse zu rinks oder lechts spielen wesentlich nur in der Massenpolitik eine Rolle.

Auch, wenn ich mich dementsprechend so nicht in einem kollektiven WIR wiederfinde, möchte ich das oben Geschriebene mit folgendem Passus aus Tobinamburs ersten Beitrag unbedingt unterstreichen:

"Der Glaube an eine rechte Utopie, an ein rechtes Eschaton, ein Kommendes, eine perfekte Ordnung, in der die Vertikale gepflegt wird, ist ein so offensichtliches Analogon zur linken, sozialistischen, totalitären Utopie, in der die Horizontale gepflegt wird, dass wir diesen Universalismus zu allererst herausreißen müssen, um auch nur einen Schritt voran zu kommen. Es ist eine säkularisierte christliche Idee."

hagustaldaz
22. Mai 2018 10:10

@ A. Kovacs

Ich weiß nicht, ob Sie Beispiele dafür kennen, daß Regierungschefs wie Viktor Orbán von den "Atheisten und Neuheiden unter den Rechten" bekämpft werden. Ich stelle hierzulande immer wieder die gegenteilige Tendenz fest, nämlich daß von seiten bestimmter Christen ein Exklusionsvokabular gewählt wird.

Nehmen wir die noch recht aktuelle Rede Jörg Meuthens auf dem Neuen Hambacher Fest, anzuschauen auf YouTube. An einer Stelle führt er die europäische Kultur ausschließlich auf "christliche und jüdische" Wurzeln zurück, an einer anderen kritisiert er zwar zu Recht die "wertebefreite" Spaßgesellschaft, beschreibt deren Vertreter aber u. a. als "mit heidnischen Runen tätowiert" und erntet dafür beträchtliche Zustimmung.

Wer keine Ideale hat und sich nur am Pool besaufen will, der wird in den seltensten Fällen Tätowierungen zur Schau stellen, die ihn zur Zielscheibe von Antifas machen. Meuthens Aussage ist nichts als eine antiheidnische Polemik, und Leute wie Patrick Lenart von der IB Österreich, dessen Oberarm voller Runen ist, haben Besseres verdient.

JohanNilsenNagel
22. Mai 2018 14:00

Selbstformung der Erde durch inneren Lavafluß, oder Selbstoptimierung auf dem Planeten Mars-
Wähle selbst!

Simplicius Teutsch
22. Mai 2018 19:41

Zum Thema „Selbstoptimierung“ ein Spruch, den ich heute in meiner Tageszeitung in einem Leserbrief „In Sorge um die Welt“ gefunden habe:

„Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst, für diese Welt.“ (Mahatma Gandhi).

Schon. Aber, ob's hilft, wenn die Deutschlandabschaffer an den Schaltstellen der politisch-medialen Macht sitzen und systematisch austauschen, einreißen und umbauen?

0002
22. Mai 2018 20:54

„Schon. Aber, ob's hilft, wenn die Deutschlandabschaffer an den Schaltstellen der politisch-medialen Macht sitzen und systematisch austauschen, einreißen und umbauen?“

Eben.

Jahr Drei nach der Grenzöffnung: AfD in Bayern bei ca. 13%

Es gibt offenbar noch sehr viel Luft nach unten in unserem Land. Aber der Endsieg vom letzten Mal ist schließlich auch eine ordentliche Marke die es erstmal zu erreichen gilt.

Tobinambur
23. Mai 2018 08:37

@ Waldkind: „Im Kern bin ich der Sohn von X aus Y. Wenn ich dieser Spur folge, stoße ich auf die Kette, deren Glied ich bin, mit allen Konsequenzen. Und diese Kette will ich, muss ich fortsetzen im Gewebe der anderen, das meinen Faden umgibt.“ Das ist so auf den Punkt gebracht, dass ich es hier nochmals zitieren muss, damit es nicht verloren geht.
@ Waldkind: „Wer sich vorrangig auf sein Deutschsein bezieht… der Beginn des Weges in die universalistische Sackgasse.“
Das stimmt nicht ganz. Ich hatte ähnliches, aber bzgl. der Idee der Nation formuliert, wo es finde ich stimmt. Ich denke beim Bezug auf Deutschsein stimmt es aber nicht. Denn Deutschsein, Franzose sein, Europäer sein ist Zugehörigkeit zu einer Gestalt, einer zeitlosen Gestalt (nicht Idee, kein Begriff) und damit etwas anderes als Staatsangehöriger von X sein. Ich sage „zeitlos“, weil man dazugehört ob man will oder nicht. Es ist eine bestimmte Ausprägung des Eigenen. Wer dazugehört verändert nicht die Gestalt, sondern Tonart, Tonhöhe, Stimmlage, Instrumentierung… Eine Melodie in F-Dur bleibt als Gestalt dieselbe, wenn ich sie nach fis-moll transponiere und sie auf der Gitarre spiele statt singe - doch klingt sie völlig anders. So versuche ich mir das verständlich zu machen (Ehrenfels, Mach etc.). Eine zeitlose Gestalt kann nicht verschwinden, kein Dekonstruktivist kann sie zerstören, kein Linker kann auf sie „sch…en“. Sie kann nur vergessen werden. Nur die Erinnerung an sie kann zerstört werden. Nur auf mich als Träger der Erinnerung kann der Linke „sch…en“. Deshalb empfinde ich „Deutschland verrecke“ als einen Aufruf zum Genozid – und das meine ich nicht metaphorisch! Früher haben die Linken „Juda verrecke“ geschrien. Richtig gehört: Ich sehe im NS eine universalistische linke Idee, die auf dem Tiger einer Volksgestalt reiten wollte, der Gestalt der Deutschen. Der Tiger hätte den linken Reiter abgeworfen, hätte er mehr Zeit gehabt… Stalin hat ähnliches versucht und den linken Universalismus durch „Sozialismus in einem Lande“ begrenzt, um ihn damit überlebensfähig zu machen. Ganz abgesehen von dem patriotisch-nationalen Tiger, den er im WWII erfolgreich geritten hatte. Die Gestalt der Russen.
Deshalb ist nicht das Deutschtum (allg. X-tum), sondern die Nation eine Zwischenstation zum Universalismus, hin zur Menschheit und zum Weltstaat (C. Schmitt hat am Ende seines Lebens noch versucht eine geopolitische Großbremse einzubauen. Aber ist das nicht auch nur Zwischenstation?). Die Aufklärung hat die Idee der Nation als Vehikel zu diesem Großziel missbraucht, ausgenutzt. Man lese Immanuel Kant „Zum ewigen Frieden“. Jetzt kann die Idee der Nation von den Kindern der Aufklärung weggeworfen und durch das Auflösungsprodukt „derer, die schon länger hier leben“ ersetzt werden. Der nächste Schritt ist dann das Gebilde „derer, die hier leben und durchziehen“, das wäre der vorletzte Schritt vor „Menschheit“: das sind die, die vorübergehend auf der Erde leben und währenddessen auf ihr herumziehen. Wir werden nicht zu Fellachen (Spengler), sondern zu posturbanen Nomaden.
Alles wird horizontal vom Winde verweht. Jeder der sich eine Scholle kauft und sich in der Erde festkrallt arbeitet mit vertikaler Spannung dagegen. Ich sage nur ein Wort: Tara!

Der Gehenkte
23. Mai 2018 08:38

@ Tobinambur

"Das geht von meiner Familie aus, zu der ich mich bekenne"

Dieser Punkt freilich ist schwierig: "Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder? Und er sah rings um sich auf die Jünger, die im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und meine Brüder! Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter." (Mk.3.33ff.)

Und so mit der Sippe etc. Die Familie kann irren. "Our sense of values" (G.E.Moore) schweißt uns mehr zusammen als Blut. Blut kann ein "Konstrukt" sein. Im alten Rom gehörte zur Familie, wer den Namen des Hausherren trug, egal ob leiblicher Sohn oder Sklave und ganz gleich welcher Ethnie und Kultur entstammend. Das "Blut" ist nur deswegen bedeutsam, weil Familien durch gemeinsame Erziehungsgeschichten Werte und Dankbarkeitsverhältnisse teilen.

Also: Nähe ja, aber die ist beweglich.

A. Kovacs
23. Mai 2018 08:39

@Waldkind
Der Islam ist eben keine Bekenntnisreligion, sondern eine Daseinsordnung. Mit dem Gerede von den „abrahamitischen Religionen“ ist man schon der islamischen Propaganda auf den Leim gegangen.
@hagustaldaz
Besten Dank für Ihre Antwort! Das Neuheidentum zeigt, nicht nur in Deutschland, sondern auch z. B. in Ungarn, eine geistige Verwirrung, der – bei allen individuellen Verdiensten – entgegenzutreten ist, da sie es ist, die spaltet, nicht das Christentum. Es waren ja analog auch nicht die Katholiken, die spalteten, sondern die Protestanten, die sich von der allgemeinen Kirche trennten. Diese Zersplitterung muss beseitigt werden, indem der geistigen Kraft gefolgt wird, die Europa geschaffen hat und wahrscheinlich immer noch die meisten Menschen mobilisieren könnte. Dass hierzulande darüber diskutiert werden muss, zeigt schon das Problem, nämlich den religiösen Analphabetismus (siehe die kürzliche Diskussion mit v. Waldstein über den Islam). Der Vorurteile sind zu viele, der sog. „Aufklärung“ und ihrer antichristlichen Propaganda glauben zu viele, was dann zu Neuheidentum, Pseudobuddhismus, „Freidenkertum“ etc. führt. Das aufzulösen, dafür mag es in Deutschland zu spät sein. Doch mag es einen anderen Weg noch geben. Deshalb fand ich den Ansatz Ulrich Hintzes so fruchtbar, auf den ich in meinem letzten Kommentar hingewiesen habe.

Waldkind
23. Mai 2018 10:38

@A.Kovacs
Sie legen hier einen anderen, spezifischeren Begriff von Bekenntnis zu Grunde als ich. Selbstverständlich ist der Islam eine Bekenntnisreligion wie Judentum und Christentum insofern, als dass der sich zu ihm Bekennende "Gott" allein und seinen Gesetzen unterwirft.

Ihr spezifischeres Verständnis von Bekenntnis in allen Ehren; für mich ist das ein Suchen kleinster Muttermale, um die ansonsten wesensgleichen Drillinge zu unterscheiden.

Die praktische, degenerierende Wirkung des abrahamitischen Bekenntnisses (und hier tatsächlich: auf den Menschen schlechthin) ist die, dass er dies um den Preis seiner familiären Bindung, seiner Ahnen, seines Familienheils tut, dem allein der Naturgläubige /Kosmotheist sich verpflichtet fühlt.

Als solcher sehe ich im Gegensatz zu Ihnen auch kein Problem in der von Ihnen abgelehnten "Zersplitterung".
Soll doch jeder sein Heil suchen, wo er es zu finden glaubt. Zusammenkunft kann problemlos überkonfessionell erfolgen - wenn man seine Wahrheiten etwas mehr für sich behält.

P.S.: Inwiefern ich "islamischer Propaganda" auf den Leim gegangen sein soll, verstehe ich nicht; mir ist keine nennenswerte islamische Strömung mit ausgeprägt ökumenischem Ansatz bekannt.

Stil-Bluete
23. Mai 2018 13:09

Ist Christus' Kreuzes-Tod nicht eigentlich Frei-Tod, ja, Selbst-Mord, um andere Morde zu verhindern?

A. Kovacs
23. Mai 2018 13:56

@Waldkind
Vielen Dank. Ich würde nie wagen, eigene Definitionen von "Bekenntnis" o. ä. vorzulegen, einfach weil ich außerhalb einiger Wissensfelder, die ich kompetent beherrsche, auf die Expertise von Gelehrten angewiesen bin, wie in diesem speziellen Fall Tilman Nagel einer ist. Sein soeben erschienenes Werk "Was ist der Islam?" ist auch für jemanden wie mich, der eine kleine Bibliothek zum Thema gelesen hat, eine Offenbarung. Sie finden darin die wohlbegründeten Erklärungen für die Feststellungen, die ich in meinem vorigen Kommentar gemacht habe.

Monika
23. Mai 2018 14:42

Liebe Stil-Blüte
beim Überfliegen der Kommentare blieb ich an Ihrem letzten Beitrag hängen. Und erschrak zunächst.
Als ein mir sehr nahestehender Mensch vor einigen Jahren auf sehr tragische Weise starb, war in all dem Schmerz ein erster Gedanke....Er ist für mich gestorben.... in dem Sinne, daß mir durch diesen Tod eine große Befreiung zuteil wurde. Die es sonst nicht gegeben hätte. Und die natürlich auch Auswirkungen auf das Umfeld hat.
Ich habe zuvor nie verstanden, was es heißt, Christus ist für uns gestorben. Frei Tod - im Sinne von Freimachen anderer Menschen von Verstrickungen ( Sünde), so kann ich Ihren Gedanken verstehen.
Der Freitod von Dominique Venner läßt mich ratlos zurück. Er wirkt auf mich gerade nicht be-freiend..., sondern beklemmend.

Ergon
23. Mai 2018 19:22

@A. Kovacs Ein reines Autoritätsargument wie ihre Bezugnahme auf Nagel wäre allenfalls dann schlüssig, wenn es sich bei ihm um eine unbestittene Autorität handeln würde. Dem ist aber nicht so, die Vokabel "umstritten" beschreibt wohl am besten seinen Status innerhalb der Orientalistik. Einer Rezension seiner Mohammedbiographie, die ich vor einiger Zeit gelesen habe, ist das Zitat "Geist ohne Methode schädigt die Wissenschaft nicht minder als Methode ohne Geist." vorangestellt. Der Rezensent gesteht Nagel ein umfassendes und detailliertes Wissen zum Islam zu, attestiert ihm aber gleichzeitig gravierende methodische Mängel und in letzter Konsequenz eine unwissenschaftliche Vorgehensweise. Zudem spricht gegen ein reines Autoritätsargument der erkenntnistheoretische Status der Orientalistik, die genau wie die Sozialwissenschaften eine im Kuhnschen Sinne vorparadigmatische Wissenschaften darstellen.

Sie können sich natürlich trotzdem auf Nagel beziehen, müßten dann der Kritik an Ihrer Kurzpolemik aber mit einer Skizze des Arguments, Zitaten o.ä. begegnen. Selbst wenn sich die hier ansässigen Neurechten betont antiaufklärerisch gebärden, ein wenig "Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" ist doch vonnöten.

Tobinambur
23. Mai 2018 19:58

@ Der Gehenkte
Ja und Nein.
Wir lernen doch den Gebrauch der Worte am Konkreten, am physisch Unmittelbaren. Wir benennen das, was uns als hilfloses Kind am nächsten und notwendigsten ist mit Worten: „Mutter, Vater, Familie“. Noch bedeuten diese Worte die leibliche Mutter etc. Dann wachsen wie da heraus und streben in die Ferne. Wir lösen uns vom rein Biologischen, sind aber immer daran zurückgebunden. Nähe tritt deshalb in vielfachen Gestalten auf, aber diese werden nicht konstruiert, sondern sind überkommen, tradiert, hergebracht – reichen zurück zu dieser leiblichen Quelle und tragen die Namen dieser Gestalten: Mutter, Vater, Familie…
Wir übertragen später die so am Konkreten gelernten Worte auf abstraktere und gesellschaftliche Beziehungen. Wittgenstein sprach z.B. von Familienähnlichkeit unter Begriffen. Oder nehmen wir Ihr Beispiel der römischen Familie. Sie wurde durch das Blut (der Geburt und des Krieges) UND auch von gemeinsamen Werten zusammengeschweißt. Ciceros Sekretär Tiro. Ein Sklave und sein Patron: eine Familie. Wahlverwandtschaften, Zwangsverwandtschaften. Es gibt viele Familienformen.
Der springende Punkt ist: Der Mensch kann nicht über alles verfügen, seine Macht ist begrenzt. Wir sind unverfügbaren Notwendigkeiten ausgesetzt bis hin zu den Naturgesetzen. Der Mensch will die Grenzen verschieben. Doch wenn er dies nicht eingedenk seiner Grenzen macht, dann landet er in linkem Universalismus, in technokratischer Hybris und/oder auf dem OP-Tisch eines Schönheitschirurgen und letztlich im Fleischwolf des Dekonstruktivismus. Die Genderisten glauben dass wir nicht bedingt sind und dass wir uns voraussetzungslos selbstoptimieren können. Sie wollen nicht sehen, dass wir eingebettet sind in das uns Unverfügbare. Im „östlichen Weg“ ist dieses Gefühl des Eingebettet-seins die Vorstufe zur Erleuchtung. Ich denke wir müssen – um auf die Nachtgedanken (2) zurückzukommen – „diese Selbstoptimierung in eine Richtung … treiben, die ihrem suggerierten Kern diametral entgegensteht…“ Das ist „unsere subversive Aufgabe: vertikal statt horizontal!“
Und hier ist mein Nachtgedanke: Wenn der Hauptstrom die Vertikale zum allein seligmachenden Dogma erklärt (wie im Monotheismus), dann werde ich als Gegengewicht die Horizontale einfordern und gegen Transzendenz und Mythos die Fahne des Naturalismus und der Wissenschaft hochhalten. Ego non! Buddha lehrte den Weg der Mitte.

hagustaldaz
23. Mai 2018 20:22

@ Der Gehenkte

"Im alten Rom gehörte zur Familie, wer den Namen des Hausherrn trug, egal ob leiblicher Sohn oder Sklave und ganz gleich welcher Ethnie und Kultur entstammend."

In gewissem Sinne haben Sie recht, aber nur aus dem Grunde, daß das Wort familia bei den Römern die Grundbedeutung "Hausstand" hatte, wie der Sprachwissenschaftler Helmut Rix 1994 in einem Kapitel seines Buches "Die Termini der Unfreiheit in den Sprachen Alt-Italiens" nachweisen konnte, indem er den Zusammenhang mit dem lautgesetzlich entsprechenden und urverwandten altgriechischen themélios "Hausfundament" erkannte. Das lateinische famulus "Diener, Sklave", das man bisher als Ausgangspunkt von familia angesehen hatte, entpuppte sich nun als Rückbildung davon in der Bedeutung "zum Hausstand Gehöriger".

Man kann aus der Wortsippe von familia demnach keineswegs auf eine enge Verbundenheit der Römer zu den nicht-blutsverwandten Personen ihres Haushalts schließen.

Stil-Bluete
23. Mai 2018 20:24

@ A. Kovacs

'Ich wundere mich immer wieder über die zu theorielastigen Kommentare.':

Da setz ich noch eins drauf: 'Theorie' heißt doch nichts Anderes als Betrachtung, Anschauung, Austausch, Besichtigung... (s. etymologisches Wörterbücher). Und das soll - l a s t i g sein? Wenn hier jemand schreibt, wissen wir doch gar nicht, was jemand praktisch tut, wenn er nicht schreibt (Theorie - Praxis).

Sicher gibt es einen Zwiespalt im Deutschen, in den Deutschen, von Hölderlin poetisch als 'gedankenreich' und 'tatenarm' beschrieben. So ist es eben! Man kann es auch als Charakter bezeichnen. Er schreibt aber: 'gedanken r e i c h. '.

Ansonsten empfinde ich Ihren Vorschlag der Vermengung der drei Monoreligionen als Kurpfuscherei.

Waldkind
23. Mai 2018 21:15

"Und so mit der Sippe etc. Die Familie kann irren. "Our sense of values" (G.E.Moore) schweißt uns mehr zusammen als Blut."

Es geht ja nicht um die Unfehlbarkeit der Sippe, sondern erstmal ganz banal darum, dass wir ohne unseren Altvorderen schlicht nicht hier wären. Im Raskolnikow-Faden gab es vorhin einen schönen literarischen Beitrag dazu.

Es gibt in meiner Familie auch einige Fälle, die Unheil über die anderen gebracht haben. Das kann man als Schicksal sehen, das man händeln muss, als spirituelle Aufgabe, an der man sich abzuarbeiten hat, oder ganz materialistisch als mikrosoziologisch bearbeitbare Baustellen. Es bleibt aber ein Erbe, das man nicht einfach so ausschlagen kann.

Dass es darüber hinaus verschiedenste Arten von "Wahlverwandtschaften" gibt, die überdauernd und verlässlich sind, ist doch völlig klar. Die Belastbarkeit solcher Beziehung kann jeder nur für sich selber prüfen, da helfen keinen ideologischen Lehrsätze.

"Blut kann ein 'Konstrukt' sein. Im alten Rom gehörte zur Familie, wer den Namen des Hausherren trug, egal ob leiblicher Sohn oder Sklave und ganz gleich welcher Ethnie und Kultur entstammend."

Etwas bösartig könnte man jetzt "Blut" durch "Volk", "Familie" durch "Gesellschaft" und "Namen des Hausherren" durch "Bekenntnis zur FDGO" ersetzen, und man hätte fast eine der heute so zahlreichen Politplattitüden.
Der pater familias ist m.E. kein gutes Beispiel für verschworen-ausbalancierte Bindungen, und die Etymologie von = Haussklave zeigt ja schon das formal-kühle Verhältnis, das dem (tatsächlichen Konstrukt) zugrunde liegt.

A. Kovacs
23. Mai 2018 22:54

@Ergon
Es gibt keine unbestrittenen Autoritäten in einer Wissenschaft, die lebendig ist. Ausserdem adelt das Wort „umstritten“ in der heutigen korrekten Zeit geradezu. Nun ist mir die Situation speziell der Orientalistik gut bekannt, die einmal eine lebendige Wissenschaft war. Sie ist heute fast überall ersetzt und zur „Islamwissenschaft“ herabgewürdigt, die geradezu ideologisch erstarrt ist. Das erklärt die Kritik am Orientalisten T. Nagel durch „Islamwissenschaftler“ sofort: Er ist jemand, der wissenschaftlich über den Islam als Gegenstand schreibt und nicht einer, der den islamischen Standpunkt multipliziert. Daher halte ich – mit Verlaub – das zitierte Buch für autoritativ, besonders auch weil Nagel es nach seiner Emeritierung und daher frei von akademischen Fesseln geschrieben hat. Das spielt heute leider auch eine Rolle. – Der Epigone Thomas Kuhn hat für mich erheblich an Bedeutung verloren, seit ich das Original, nämlich Ludwik Fleck kenne.
@Stil-Bluete
Ein Missverständnis: Ich lehnte die „Vermengung der drei Monoreligionen“ ja gerade ab, indem ich schrieb, dass die Rede von „abrahamitischen Religionen“ problematisch sei, weil sie den Überlegenheitsanspruch des Islam unbewusst anerkennt. Im Gegensatz zum monolithisch-unitarischen jüdisch-islamischen Gottesbild sollte das Christentum die Einzigkeit seiner trinitarischen Gottesvorstellung viel stärker betonen.

Monika
24. Mai 2018 08:43

@Stil-Blüte @ Kovacs
die drei Monoreligionen sollten nicht vermengt werden !
Ich verweise dazu auf den Vortrag von Hanna Barbara Gerl Falkovitz : "Schluss mit den drei Monotheismen"
https://kath.net/news/51859
Es ist wichtiger den je, die Unterschiede der drei Religionen Judentum, Christentum , Islam hervorzuheben und herauszuarbeiten !
Gerade auch die Besonderheit und Überlegenheit der trinitarischen Gottesvorstellung.
Ich empfehle das Buch von Walter Kasper "Der Gott Jesu Christi"
darin eine verstöndliche Grundlegung der Trinitätslehre
Leider werden die Unterschiede gerade zwischen Christentum und Islam nicht genug herausgearbeitet. Dabei geht das Wesentliche des Christentums verloren . Und der Islam erscheint fatalerweise als die überlegenere Religion.

Waldkind
24. Mai 2018 13:22

@Monika
"Die drei Monoreligionen sollten nicht vermengt werden ! (...)
Es ist wichtiger den je, die Unterschiede der drei Religionen Judentum, Christentum , Islam hervorzuheben und herauszuarbeiten !
Gerade auch die Besonderheit und Überlegenheit der trinitarischen Gottesvorstellung.
(...)
Leider werden die Unterschiede gerade zwischen Christentum und Islam nicht genug herausgearbeitet. Dabei geht das Wesentliche des Christentums verloren . Und der Islam erscheint fatalerweise als die überlegenere Religion."

Niemand hat hier Religionen "vermengt". Vielmehr ging es oben - bei allen trennenden Besonderheiten - um Gemeinsamkeiten der drei; besonders um die, exklusiv monotheistisch, damit tendenziell universalistisch zu sein.

Ob man das erkennen will oder kann und welchen Wert diese Erkenntnis im eigenen Tun hat, ist wie alles eine Frage der Perspektive aus dem eigenen Sein.

Dass oben zwei mal der Begriff der "Überlegenheit" hinsichtlich der Gotteserkenntnis fällt, ist eine, Verzeihung, schon groteske menschliche Anmaßung - und m.E. auch ein gewichtiger Grund dafür, dass viele die Auseinandersetzung mit Monotheisten, hier Christen, als eher müßig empfinden.

@Hagustaldaz
Ihren Beitrag habe ich leider erst gelesen, nachdem ich meinen schon auf die Reise geschickt hatte. Ich habe von Rix' noch nichts gehört, werde da mal nachlesen. Danke für den Hinweis

hagustaldaz
24. Mai 2018 17:25

@ Waldkind

Keine Ursache. Rix' Herleitung erklärt auch am besten den Umstand, daß familia manchmal geradezu den gegenständlichen Besitz bezeichnet.

Haben Sie übrigens Ihr Pseudonym als Übersetzung von Widukind gewählt?

Waldkind
25. Mai 2018 21:04

@Hagustaldaz
So ist es, auch wenn mein Stammbaum ganz überwiegend vom Stamme des Hessi ist.
Ausschlaggebend allerdings war die Schönheit dieses Kennings.

nigromontanus
28. Mai 2018 21:28

"Massenpolitik" als solche ist der Irrtum, weil notwendigerweise zynisch und abstrakt. Wie auch Begriffe wie "Gott" im historischen Sinn. Das Einzige, was retten könnte, ist, die Vertikale im Konkreten zu finden, also in sich selbst, in den eigenen Handlungen, dem selbstgewählten Leben. Auch: der konkreten Gemeinschaft, der Familie, dem Freundeskreis, etc. Das war seit jeher und wird bis in alle Ewigkeit der einzige Ort sein, um tatsächlich etwas zu verwirklichen im eigentlichen Sinn des Wortes, Wirklichkeit auch als Wirksamkeit, nicht nur als maschinenhaftem Ablauf oder solipstischem Narzissmus.
"Massenpolitik" dagegen ist bereits eine Entfremdungserscheinung des modernen Menschen, der seine innere Leere unbedingt in ein Massen-Abstraktum hineinprojizieren muss, um von sich selbst erlöst zu sein. Letztlich kommen wir nicht wieder hinter die "Lichtung" Heidegger zurück, so lange diese Kultur noch besteht. Was aber meines Erachtens wenig verstanden wird ist die Dialektik der Sehnsucht, der Melancholie: sie verweist nicht nur auf ein Fehlendes, sondern auch auf ein Bestehendes, ein Potential, das nach außen drängt.
Nur daß eben der Konservative in der Regel nicht zu verstehen scheint, daß das, was er an der Geschichte, der Vergangenheit, der Tradition liebt, nicht die Geschichte, die Vergangenheit oder die Tradition ist, sondern ein bestimmtes Ideal, das er ganz konkret hier und jetzt im Kopf und im Herzen trägt. Und daß nicht die Rückkehr, die verkrampfte, kathederhafte Rekonstruktion, sondern die Vergegenwärtigung dieses Ideals im Jetzt das wäre, was ihn nur retten kann. Ganz unromantisch, ganz unmittelbar, ganz unpathetisch und ganz ohne Ausflucht.

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