Sezession
16. Juni 2018

Bernhard Pörksen: „Die Große Gereiztheit“

Ellen Kositza / 5 Kommentare

Gibt es "Wege aus der kollektiven Erregung"? Bernhard Pörksen hat darüber ein interessantes BUch geschrieben:

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Zeiten eines grundstürzenden Umbruchs überhaupt als solche wahrzunehmen, sie erst recht detailliert zu analysieren, ist meist Nachgeborenen vorbehalten.

Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen (*1969) ist nicht der erste, der sich als Zeitgenosse an der Gemengelage versucht: Es geht um den »kommunikativen Klimawandel« in Zeiten des Internets: Heute kann jedermann zum »Sender« werden, die Funktion der Großmedien als Gatekeeper hat sich verflüssigt. Man könnte das für einen Zuwachs an Demokratie halten – oder andererseits konstatieren, daß wir uns einer »Skandalokratie« nähern.

Was Pörksens Panoptikum über das Netz und die »große Gereiztheit«, die es produziert, von ähnlichen Inspektionen unterscheidet: Er pflegt einen wirklich eloquenten Duktus; eine Sprache, eine Gliederung und Gedankengänge, die weder verschwurbelt noch allzu billig daherkommen. Man kann ihm gut folgen (durchaus widersprechend), und unter sein Niveau geht Pörksen nur dann, wenn er (affirmativ) all die »Netzphilosophen«, »Netzpublizisten« und»Netzpsychologen« zitiert, die irgendwie en vogue sind – Sascha Lobo als Autorität, komm! In zahlreichen Punkten darf eine selbstkritische Rechte Pörksens Analyse folgen: Eine Menge der heutigen Erregungszustände und, ja, auch der Panikmache, die den Populisten in die Hände spielt, ist netzgemacht.

In der Tat sind die nichtlinken Verlinker und Wirbelmacher keine Unschuldslämmer; »gefaket« und perhorresziert wird nach Kräften von allen Seiten. Die krude Skandalnummer um die jugendliche, russischstämmige Lisa ist nur ein Bespiel: Das Gerücht, daß die 13jährige von Südländern entführt worden sei, diffundierte 2016 aus der lokalen Gerüchteküche ins Netz, dann auf die Straße und aufs Parkett der internationalen Diplomatie. In Wahrheit hatte gar kein Verbrechen stattgefunden.

Pörksen nimmt solche »digitalen Fieberschübe«, die »Empörungskybernetik« und handgemachte »Empörungsindustrie« recht genau (womöglich, das ist irritierend, gar zu genau: Ohne dieses Buch würde mancher Leser von kritisierten Netzhypes wie Vaginalhefen im Brot und anderen Possierlichkeiten nichts wissen) unter die Lupe. Die Anschaulichkeit und Durchdringungstiefe seiner Zusammenschau sollte allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, daß er parteiisch argumentiert: Einerseits lobt er die pulsierenden Korrektive und – abermals eine schöne Wortschöpfung – »Konnektive«, die durch Hashtags wie #aufschrei, #metoo und diverse Umweltinitiativen im Netz produziert wurden. Hier sieht er eine »aufrüttelnde« und endlich »massenwirksame« Wucht am Werke, die den Anliegen zur nötigen Durchschlagskraft verholfen haben.

Von »Schwarmdummheit« und»digitalem Maoismus« will er hingegen sprechen, wenn die Strahlkraft des Netzes nichtlinken Anliegen zur Relevanz verhilft. Das eine Mal handelt es sich laut Pörksen um notwendige Virulenzerzeugung, das andere Mal um »destabilisierende Bedrohungsszenarien«. Für beide Seiten trifft zu, daß Google ihnen ein »Geheimrezept der Wirklichkeitskonstruktion« zubereitet. Die Suchmaschine erzeugt für jemanden, der öfter »Legehennenbatterie« und»Rechtsterror« recherchiert, andere Ergebnisse als für den, der nach »linker Gewalt« und»Jagdschein« googelt – Wirklichkeit, sagt Pörksen, wird kuratiert.

Eine »Gnade des Vergessens« gibt es nicht mehr, weder für Sucher noch Gesuchte. Gerade das Flüchtige, die zufällige Äußerung, könne man heute fixieren und barrierefrei verbreiten. Mustergültig werden verschiedene Formen der »Kontextverletzung« dekliniert, ein Mechanismus, der dafür sorgt, daß das Reden und Handeln einer Person durch zusammenhanglose Perpetuierung in einen Kontext versetzt wird, über die der eigentliche Sender nicht mehr verfügen kann. Laut Pörksen sind wir heute mit fünferlei Krisen konfrontiert: Der Wahrheits-, der Diskurs-, Autoritäts-, Behaglichkeits- und Reputationskrise. Wo er formidabel ausführt, was diese Krisen im einzelnenbedeuten, ist Pörksen doch seltsam verstockt bei der Formulierung eines Wegs hinaus:

Wir bräuchten endlich eine »redaktionelle Gesellschaft«, man müßte die »Player der öffentlichen Welt insgesamt involvieren« und eine »Plattform-Ethik« entwickeln, die einer a) wahrheitsorientierten, b) skeptischen, c) diskursorientierten [warum fällt mir hier der mit Verve vorgetragene, aber letztlich furchtbar fruchtlose Claim »Mit Rechten reden« ein?, E.K.] d) an Relevanzkategorien sich anschmiegenden, e) kritisch-kontrollierten, f) ethisch fundierten und g)transparenten Netzöffentlichkeit dienten.

Na klar! Auch die Forderung nach einem eigenen Schulfach »Medienmündigkeit« darf nicht fehlen. Hübsch gesagt! Pörksen spricht »Autonomie und Selbstverantwortung« der Netznutzer an. Das ist ein so gutes wie naives Menschenbild.

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Bernhard Pörksens Die Große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung, München: Hanser 2018. 255 S., 22.70 € kann man hier bestellen.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (5)

Martin Heinrich
16. Juni 2018 11:44

"Medienmündigkeit."
Das gibt es längst. Zwar nicht als Schulfach, aber als Unterrichtsteil an gymnasialen Oberstufen, wenn es darum geht, Internet für wissenschaftliche Zwecke zu benutzen.
Ähnliche Kurse gibt es an Universitätsbibliotheken. Das heißt dann Vermittlung von "Informationskompetenz".

Genauso wichtig wie Informationskompetenzvermittlung ist die Notwendigkeit, Kinder schon im frühen Alter zum Lesen zu bewegen. Da hilft meistens nur das Elternhaus weiter. Dass Kinder am unbewegten Text, am Buch "dranbleiben" dürfte in unserer multimediaverseuchten Zeit eine der größten Herausforderungen sein.

Monika
16. Juni 2018 13:34

Daß es Wege aus der kollektiven Erregung gibt, hat Herr Lichtmesz in dem Beitrag " Susanna Feldmann, die Hierarchie der Opfer" sehr überzeugend ausgeführt: haarscharfe , saubere Analyse und Recherche, die aus einer großen, individuellen Erregung und Empörung resultiert. Und gerade nicht aus einer "Betroffenheit".

Eine Versachlichung findet statt. Etwa durch die Ethnologin Susanne Schröter, die feststellt : "Das ist jetzt kein Einzellfall mehr" (gemeint, der Fall Susanna). Zwischen höchster Erregung und der Erkenntnis: "In Wahrheit hat gar kein Verbrechen stattgefunden", gibt es allerdings eine große Bandbreite möglicher und tatsächlicher Tatabläufe. Die "krude Skandalnummer" um die russischstämmige Lisa hat so nicht stattgefunden, allerdings war das zur damaligen Zeit minderjährige Mädchen über Nacht verschwunden und zuvor bei jungen Männern, die die Grenzen des Erlaubten überschritten haben sollen. Hier muß man sehr genau hinschauen.

In diesem Zusammenhang verweise ich auf den Film der BBC "Three Girls", über die skandlösen Vorgänge in Rotherham, Rochdale usw. Der Film ist sehr beklemmend, weil gerade niemand den Mädchen Glauben schenkt und das Böse nicht sofort erkennbar ist.
https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/serien/three-girls-in-arte-serie-ueber-missbrauch-skandal-15638136.htm
Der Film sollte an Schulen gezeigt werden. Er basiert auf den Aussagen der betroffenen Mödchen. Erzählte Erfahrungen überzeugen m. E. mehr als alle Theorien über "kollektive Erregungen".

Nordlicht
16. Juni 2018 17:24

Sehr geehrte Frau Kositza,

herzlichen Dank für diesen Artikel. Ich las den Namen und das Interesse war erwacht - dem Autor fühlte ich mich auf Grund der gemeinsamen Heimat verbunden, und seine Bücher las ich mal mehr, mal weniger fasziniert. Aber dann merkte ich: Nein, ich hatte den Vater gelesen, Uwe Pörksen, Jahrgang 1935, Sprachwissenschaftler, Romancier, und auch in seinen Themen heimatverbunden.

Nun also der Sohn, Medienwissenschaftler, Jahrgang 1967. Was Ihre Beobachtung angeht, dass bei aller Mühe um Ausgewogenheit die Rechten-Argumente doch irgendwie "bäh" sind ... das ist sicherlich angesichts seiner Sozialisierung nicht überraschend. Er ist mit 50 in der Mitte seiner Karriere und "wird den Teufel tun, sich in die Nesseln zu setzen".

Freundlichen Gruss aus dem Norden Deutschlands

Stil-Bluete
16. Juni 2018 23:21

Schade, daß dieser Buchempfehlung Ihre optische und akustische Präsenz über 'Kanal Schnellroda' fehlt. Sie hatten uns damit schon ganz schön verwöhnt.

Louise
17. Juni 2018 18:09

Zum Fall Lisa: das hier in "Wahrheit gar kein Verbrechen stattgefunden hat" sehe ich anders. Erstens hatten diese erwachsenen Ausländer mit einem dreizehnjährigen Kind Geschlechtsverkehr - das ist nach StGB immer strafbar. Zudem wurde dem Mädchen Gewalt angetan, es waren Anzeichen von Mißhandlung vorhanden, das hat die Mutter bestätigt. Im Fall Lisa waren vielleicht Anfangs unrichtige Anschuldigungen in der Öffentlichkeit ausgebreitet worden, doch die Staatsmedien haben widerum alles heruntergespielt. Ein Verbrechen hat allemal stattgefunden, wie immer auch die Rechtssprechung am Ende geurteilt hat. Das in Deutschland nicht mehr "Recht" gesprochen wird, ist wohl eine Tatsache, die uns inzwischen allen klar sein sollte.

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