Sezession
20. Juli 2018

Jürgen Egyptien: Stefan George. Dichter und Prophet

Gastbeitrag / 10 Kommentare

Jörg Seidel bespricht für uns Jürgen Egyptiens Stefan George. Dichter und Prophet:

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Man war sich doch einig. Vor zehn Jahren hatte Thomas Karlauf die ultimative George-Biographie geschrieben; sie wurde wenig später von Ulrich Raulffs gelehrter Studie über Georges Erben im bundesrepublikanischen Betrieb und durch Ernst Osterkamps tiefsinnige paradigmatische Analyse einiger Gedichte – als Flaggschiffe der postsakralen George-Deutung – kongenial ergänzt, das Kapitel schien vorerst abgeschlossen.

Nun legt Jürgen Egyptien eine neue voluminöse Biographie vor, nachdem bereits Kai Kaufmanns biographischer Beitrag vor vier Jahren, als Beweis obiger These, bedauerlicherweise nahezu unbemerkt vorüberging. Zum 150. Jubiläum, muß man vermuten. Denn eine innere Notwendigkeit kann Egyptien nicht nachweisen, es sei denn, man wolle den Willen, sich des eigenen überbordenden Wissens endlich zu entledigen, gelten lassen.

Der Mann steht im Stoff, daran läßt er keinen Zweifel – jahrzehntelange Beschäftigung mit George, die leitende Arbeit in der George-Gesellschaft, das Wühlen in den Archiven … das alles hat Spuren hinterlassen. In seiner Herleitung steht das Charisma im Zentrum, also just Karlaufs Motiv. Wozu also dieses Buch, was leistet es?

Wissen, Fakten, Daten, Namen – Fülle. Das zuerst. Der Überfluß einer Epoche – eigentlich müßte das Buch »George und seine Zeit« lauten – wird sichtbar, die selbst an ihren intellektuellen und künstlerischen Rändern derart prall und vielfältig und originell war, daß man sich wundert, wie man in heutigen vertrockneten Zeiten überhaupt noch Luft holen kann.

Dann ein paar gute literaturtheoretische Einführungen, die man jenen Studenten des Faches empfehlen darf, die sich nicht durch den Berg Literatur hindurcharbeiten und eigene Urteile bilden wollen oder können – das sind fast servierfertige Exkurse, mit denen man ohne Probleme einen Schein machen könnte, etwa über Symbolismus, Schwabing, Hofmannsthal, Baudelaire, Dekadenz, Parnass, Verslehre etc. Man kann das Buch also »nützlich« nennen: George für Leser in dürftiger Zeit. Ein paar bislang wenig beachtete und überraschende Facetten und Idiosynkrasien werden ebenfalls sichtbar, etwa Georges Humor und sein ausgeprägter Sinn für Selbstironie, und neue, wichtige, wenn auch mikroskopisch kleine Archivfunde werden bekanntgegeben. Und in einigen Passagen gelingt sogar eine Annäherung an das Geheimnis George, wird die Faszination spürbar und das, obwohl die eigentliche Dichtung nur am Rande und in erstaunlich wenigen Beispielen auftaucht.

Allein, diese Stellen sind rar und in der nahezu absatzlosen Bleiwüste in kleiner Schrift – das allein schon ein Sakrileg in diesem Kontext – schwer zu finden, zumal sich Egyptien immer wieder von seinen selbstgewählten thematischen Labyrinthgängen in die Verirrung treiben läßt und dann den Lesefluß mit Gewalt unterbrechen muß und des weiteren sein eigentlicher Schwerpunkt – er selbst scheint das gar nicht zu merken – gar nicht George ist, sondern die enorme Zahl an mehr oder weniger bedeutsamen peripheren Gestalten in dessen Umfeld, die in nahezu lexikalischer Manier abgearbeitet werden. Geschrieben hat er letztlich eine Beziehungs-Geschichte aus Beziehungsgeschichten, aus Anziehungen, Unterwerfungen und Abstoßungen. Wenn George noch durchscheint, dann weniger als Dichter oder Seher oder Führer, sondern als exzellenter Menschenkenner mit ausgeprägtem Gespür für Machtspiele und Verführung. Zufällig aufkommende Dramatik liegt in den spannungsreichen Beziehungen selbst.

Auch das wäre ein faszinierendes Thema – Freund und Feind – nur leider liest sich das Buch in weiten Teilen wie ein Briefmarkenalbum, nein, wie ein Briefmarkenkatalog: es ist alles drin, komplett und systematisch aufgereiht – doch an Seele mangelts. Es wird in Lehrer- und Bürokratendeutsch in kleinen Miniaturen ein scheinbar unendlicher Reigen an Namen – jeder einzelne eigentlich ein mitreißender Solitär – in immer gleichen Formulierungen und in der immer gleichen Tonlage entworfen, so daß weder ein Kreis-Gefühl ermöglicht, noch das dauernd beschworene Charisma in irgendeiner Weise nacherlebbar und begreifbar gemacht wird. Egyptien will an die »entspannte literaturwissenschaftliche und biographische Beschäftigung mit George« anschließen und schafft selbst das Musterexemplar der Entschärfung des Meisters.

Ein faktensattes George-Buch mehr, das bleibt löblich, aber neue begeisterte Leser wird es kaum gewinnen.

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Jürgen Egyptien: Stefan George.  Dichter und Prophet, Darmstadt: Theiss 2018. 472 S., 29.95 € kann man hier bestellen.


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Kommentare (10)

Maiordomus
20. Juli 2018 14:37

Ich habe das Buch von Egyptien vor ungefähr zwei Wochen als Urlaubslektüre gelesen und fand insbesondere die Darstellung von Georges Kindheit, seinem für seine Entfaltung wichtigen Urszene vom "kindlichen Königreich", einem Hauptschlüssel zu vielen seiner Gedichte, wie überhaupt die weinbäurische Herkunft anregend und mit Gewinn lesbar, wiewohl ich das Wichtigste darüber schon 1972 in einer brillanten Vorlesung von Peter von Matt in Zürich vernommen hatte. Klar, wird von Jürgen Egyptien jede Menge Umfeld aufgearbeitet, nicht zuletzt das Tessin betreffend, u.a. die Zeugnisse und die Lebensgeschichte von Clothilde Schlayer als quasi Georges letzter Haushälterin in Minusio, darüber war ich bis anhin nicht in diesem Ausmass im Bild. Aus meiner Sicht alles andere als Banalitäten, auch Georges Beziehungen zu seiner Familie, etwa seiner Schwester Anna Maria Ottilie. Nicht erwähnt ist bei Egyptien freilich, dass eine weitere Verwandte Georges in Schaffhausen mit einem deutschnational gesinnten Chefingenieur der Grossfirma Georg Fischer verheiratet war, die sich dann nach der Scheidung ebenfalls nach Minusio begab, dies als Ergänzung, wenn schon in Details gekramt wird, die grundsätzlich keineswegs belanglos sein müssen.

Das Buch enthält nicht weniges Informative über die letzten Lebenstage von George. Von Bedeutung, wenngleich tatsächlich nicht ganz neu (darüber hat schon Edwin Maria Landau geforscht, welcher dem erweiterten späten George-Kreis angehörte) ist die Darstellung von Georges Beziehung zu Karl Wolfskehl und generell nicht zu unterschätzen sind die jüdischen Aspekte des Kreises, wiewohl es in Georges Umfeld natürlich immer auch Antisemitismus gab. Egyptien hebt sich scharf ab von den Germanisten der Zeit um 1968, deren wichtigstes Anliegen es war, den Meister zu "entlarven". Natürlich gehört die Verstossung von Friedrich Gundolf zu den unerschöpflichen Themen der George-Rezeption, nicht zu vergessen die Freundschaft mit Waclav Rolics-Lieder und Richard Perls, worüber Egyptien sich informativ auslässt.. Aus Schweizer Sicht war für mich der Berner Schriftsteller Michael Stettler, geb. 1913, der später u.a. mit dem marxistischen Berner Nonkormisten Franz Keller Kontakt hatte, als George-Jünger eine Entdeckung, etwas weniger neu die Bedeutung, die der deutsche Botschafter Ernst von Weizsäcker George von Anfang an gab, wohl nicht nur im Auftrag seiner Regierung. Gottfried Benn nannte George in seiner Akademierede kurz nach dem Tod des Meisters "das grossartigste Durchkreuzungs- und Ausstrahlungsphänomen, das die deutsche Geistesgeschichte je gesehen hat", ein Zitat, dem Autor Egyptien nicht nur nicht widerspricht, sondern dem er durch eine Darstellung der Georgeschen Netzwerke gerecht zu werden versucht. Im Hinblick auf die Nachwirkung hätte man noch vertieftere lyrische und poetologische Analysen erwarten können, bis hin etwa zu Erwin Jaeckle, der als einer der fruchtbarsten und sprachmächtigsten Lyriker der Schweiz ("Eineck-Gedichte") stark von George geprägt war. Eher widersprechen würde ich Egyptiens aus nachträglicher Perspektive aufgestellten Behauptung, der im Prinzip unpolitische George sei von der damaligen politischen Situation "überfordert" gewesen. So etwas hätte man sogar von Thomas Mann schreiben können, zu schweigen davon, welcher heutige Autor ist nicht von der politischen Situation überfordert?

Über alles gesehen bleibt das Buch für denjenigen, der sich für George interessiert, zumal das Ästhetische von dessen Existenz, durchaus lesenswert und durchaus reich an Anregungen.

Andreas Walter
20. Juli 2018 22:18

"Wenn George noch durchscheint, dann weniger als Dichter oder Seher oder Führer, sondern als exzellenter Menschenkenner mit ausgeprägtem Gespür für Machtspiele und Verführung."

Ist das die gleiche Person, von der auch in den folgenden Artikeln die Rede ist?

https://gemeinsam-gegen-die-gez.de/stauffenberg-und-die-george-sekte/

"George-Kreis", Wikipedia

https://archive.nytimes.com/www.nytimes.com/books/98/10/25/specials/gay-germans.html

Soviel auch zu Alys "Neidtheorie". Doch solche "Kreise", damals Salons, gab es auch schon 150 Jahre früher, in Preußen, habe ich erst neulich erfahren. Nur hiessen die da eben noch nicht "Coyote Ugly" oder "O. K. Corral", Azazel in Warschau oder Raquel's womöglich in Abasto, Buenos Aires.

https://www.youtube.com/watch?v=tohTM3W_Jy0

Maiordomus
21. Juli 2018 07:14

Es stimmt natürlich nicht, wie Seidel mehr oder weniger unterstellt, dass Egyptien kaum Gedichte zitiert: im ersten Teil des Buches sogar sehr bedeutende, und auch am Ende schliesst er mit einem Gedicht "Das Wort" mit dem berühmten Schluss "Kein ding sei wo das wort gebricht". Was die Urszene von George betrifft, "seiner Urszene", wie es heissen muss (statt meinem obigen Verschrieb "seinem Urszene"), ging es um Knabenspiele in einem andersweltlichen kindlichen Königreich im Schilf, wobei jedoch der junge George sein Versprechen, womit er Kollegen ins Schilf lockte, bei der Rolle des Königs mal auch einen anderen ranzulassen, nie halten konnte. Es scheint schon damals und dort eine kindliche Kunstsprache praktiziert worden zu sein, ein Phänomen, mit dem sich gemäss Peter von Matt auch Siegmund Freud befasst haben soll. Faszinierend bleibt die von George verbundene reine Kunstsprache mit den Versen CO BESOSO PASOJKE PTOROS CO ES ON HAMA PASOJA BOAN, wenn ich mich richtig erinnere. Es handelt sich hier um den seltenen Fall von "Wörtern 1. Art", wie es der Sprachlogiker nennt, also Wörter, die grundsätzlich nicht für herkömmliche allgemeinbegriffliche Kommunikation vorgesehen sind, sondern zwecklos, absichtslos, l'art pour l'art, der reinen Kunst dienen. Diese steht bei George in der Tat noch über der Religion und Politik. Eines seiner bedeutendsten Gedichte bleibt trotzdem die grandiose Hommage auf Papst Leo XIII., so wie George als ein Klassiker des ästhetischen Katholizismus gelten kann. Entgegen dem reformatorischen Klischee war die Zeit der Renaissance, wenn man an die religiöse Kunst von damals denkt, auf einem ganz anderen Niveau als der kulturell fast belanglose gegenwärtige Kirchenbetrieb.

@Andreas Walter. Eines ist klar: mit Herumgoogeln und Wikipedia-Schrott usw. wird George maximal missverstanden, das ist eine Rezeption, die ein für allemal bei ihm nicht vorgesehen ist. Absoluter Meister bleibt er schliesslich in der genialischen Nachdichtung, so unübertroffen mit Baudelaires "Albatros", aber auch Dante und Shakespeare. Das ist nun mal die Liga von George. In Deutschland ist aufgrund der herrschenden geistigen Situation, wo obszönvulgären Schrottschreibern wie Feridun Zaimoglu Literaturpreise nachgeworfen werden, heute das Klima für eine solche Art Dichtung schier unmöglich geworden. Es scheint mir auch unangemessen, George als "rechts" einzuordnen, was schliesslich auch bei den stärksten Texten der Jünger-Brüder sich am Ende als absurd erweist. Selbst noch das Gedicht "Der Täter", gemäss Egyptien wichtig für die Stauffenbergs und die sogenannten Helden vom 20. Juli, passt zumindest nicht zum Stauffenberg-Kult, wie ihn jeweils die Junge Freiheit um diese Jahreszeit betreibt, wohl auch, um zu beweisen, dass sie als anständige Deutsche in die Geschichte eingehen wollen. "Der Täter" hingegen bei George verachtet und bleibt verachtet. Die preussischen Salons, etwa von Rahel Varnhagen, können in keiner Weise mit dem George-Kreis verglichen werden. Immerhin sind sie für die Bildungsgeschichte der Frauen bedeutsam.

Ja, Egyptien ist eine Buchanschaffung wert. Man sollte mehr in Buchhandlungen gehen und weniger herumsurfen.

Der Gehenkte
21. Juli 2018 09:39

@ Maiordomus

Ich fürchte, Sie verleihen Georges sehr frühen Sprachspielereien zu viel Bedeutung - sie sind im biographischen und dichterischen Prozeß sicher wichtig und ich kenne im übrigen keine einzige Biographie, die sie nicht zitiert, aber man geht wohl fehl, wenn man darin gleich "Wörter 1. Art" sieht. In einer Zeit, in der Volapük und Esperanto große Karriere machte, klingen dieses Zeilen, die stark daran erinnern, auch griechische und latinische Versatzstücke enthalten, doch eher konventionell. Lautmalerische Dichtung war en vogue, lag in der Luft - man erinnere sich an Sloterdijks Passage "Wo sind wir, wenn wir Musik hören".

Es spricht sich darin die jugendliche Freude am Sprachklang aus und er macht damit die frühe Erfahrung, andere beeindrucken und verunsichern zu können. Denn im Gegensatz zu Nietzsche, sind seine Jugendfreunde eher einfache Menschen, denen Ehrfurcht einzublasen, nicht allzu schwer gewesen sein dürfte. Daraus ließ sich Genuß generieren.

Das Problem der George-Biographik ist stets der Spagat zwischen Leben und Dichtung. Da George sich ausschließlich in der Dichtung und im Bild "erkannt" sehen wollte, steht der Biograph von vorneherein vor der Entscheidung, ob er sich darauf einlassen will oder nicht. Wenn ja, muß er sich an der Dichtung orientieren, wenn nein, dann kann profane Biographik her.

Egyptien wählte den zweiten Weg, den der "Entzauberung" und seine doch etwas trockene Schreibart und sein quasi kataloghaftes Abarbeiten verstärken das bewußt. Gemessen an den fast 500 Seiten, die man auch, bei besserem Druck, zu 700 hätte machen können, scheinen auch mir die Dichtungen seltsam abwesend.

Aber just Ihr Lob, lieber Maiordomus, überrascht nun nicht - für Sie ist das Buch geschrieben worden! Information pur!

Der Gehenkte
21. Juli 2018 10:38

@ Maiordomus

... im Übrigen entstammen die von Ihnen zitierten Zeilen dem Gedicht "Ursprünge" aus "Der Siebente Ring" - sie sind mithin Schöpfungen des ausgereiften Dichters, wenn auch in Reminiszenz an die Kindheit:

Heil diesem lachenden zug:
Herrlichsten gutes verweser
Maasslosen glückes erleser!
Schaltend mit göttlichem fug
Traget ihr kronen und psalter.
Später gedenkt es euch kaum:
Nie lag die welt so bezwungen •
Eines geistes durchdrungen
Wie im jugend-traum.

Heil dir sonnenfroh gefild
Wo nach sieg der heiligen rebe
Nach gefälltem wald und wild
Kam in kränzen Pan mit Hebe!
Rauhe Jäger zottige rüden
Wichen weissem marmorbein.
Hallen luden wie im süden ..
Wir empfingen noch den schein.
Aus den aufgewühlten gruben
Dampfte odem von legion
Und von trosses fraun und buben •
Hier ihr gold ihr erz ihr thon!
Auf dem bergweg seht die schaar –

Eine stampfende kohorte!
Offen stehen brück und pforte
Für des Caesarsohnes aar.
Auf diesen trümmern hob die Kirche dann ihr haupt •
Die freien nackten leiber hat sie streng gestaupt •
Doch erbte sie die prächte die nur starrend schliefen
Und übergab das maass der höhen und der tiefen
Dem sinn der beim hosiannah über wolken blieb
Und dann zerknirscht sich an den gräberplatten rieb.

Doch an dem flusse im schilfpalaste
Trieb uns der wollust erhabenster schwall:
In einem sange den keiner erfasste
Waren wir heischer und herrscher vom All.
Süss und befeuernd wie Attikas choros
Über die hügel und inseln klang:
CO BESOSO PASOJE PTOROS
CO ES ON HAMA PASOJE BOAÑ.

Die"Geheimsprache" IMRI (Bezüge zu INRI sicher nicht zufällig), sollte ihm "ein Gefühl der Süssigkeit der Sprache" verschafften. Angeblich soll es ausführliche Aufzeichnungen gegeben haben, die Boehringer später vernichtete - warum wohl? Überliefert sind zwei Zeilen.

Später hatte George noch eine Lingua Romana" entworfen, die ganz einfach zu lesen ist: "Amico de meo cor! El tono elegico con que parlas en tua letra de nostra corespondencia longamente interrompida".

Maiordomus
21. Juli 2018 11:46

@Der Gehenkte. Bei genauem Lesen meines Metakommentars zu Seidel haben Sie gesehen, dass ich vieles bei weitem nicht gleich sehe wie Egyptien. Diesen schätze ich aber als Beispiel für eine erfreuliche Trendwende, war doch in der George-Rezeption zu meiner Studienzeit und noch etwas später jedes zweite Wort "Faschismus". Bei der Beurteilung von Lyrik galt: Brecht gut - George schlecht. Vgl. Orwells Hühner über Vierbeiner und Zweibeiner.

Ich kann Ihnen eines versichern: dass grosse Ästhetik, zumal alles, was in die Nähe von l'art pour l'art zu rücken ist, durchaus in einem wertneutralen Sinn kindliche Züge trägt, das blieb auch für Stefan George lebenslang charakteristisch. Von Matt versuchte noch das Spätwerk von George aus jener frühen "Urszene" im Schilf zu deuten, ohne den Dichter deswegen kleinzuschreiben, wiewohl ideologisch zu relativieren, wobei von Matt interessanterweise gewisse Gedichte von George mit der "Massnahme" von Brecht verglichen hat, als Beispiel für eine Art metapolitische Radikalisierung bedeutender Autoren der damaligen Epoche. Selber habe ich das Gedicht mit dem Zitat aus der faszinierend wohltönenden Geheimsprache auswendig nicht ganz genau wiedergegeben, Ich danke Ihnen für die Korrektur, die Geheimsprache betreffend und anerkenne Ihren Beitrag umso mehr, als Ihr Pseudonym, "Der Gehenkte", an dem ich vor etwa zwei Jahren Anstoss nahm, sich ja auf ein George-Gedicht bezieht, was nicht jeder Sezession-Leser gleich realisiert. Ihre Ausführungen zur Geheimsprache IMRI, bei der Sie zurecht auf die Anspielung INRI verweisen, vgl. was ich zum ästhetischen Katholiken George oben geschrieben habe, kann ich im Prinzip voll gutheissen. Selber besuchte ich Bingens George-Museum zum letzten Mal im Februar 2017. Das Städtchen am Rhein ist in diesem Sinne immer einen Besuch wert. Und klar, da hat Seidel recht: das Buch von Egyptien ist eines unter nicht wenigen über George in den letzten Jahren; jede Seite ist indes nach meiner Auffassung immer noch ungefähr so wertvoll wie 100 Seiten durchschnittliches Feuilleton in der gegenwärtigen Bundesrepublik. Noch eine tiefere Reflexion wäre das Gedicht "Der Täter" wert. So im Hinblick auf die nach wie vor nicht unbefangen führbaren Debatten zum Thema "Stefan George und der 20. Juli". Wahr bleibt indes: Ohne das Stauffenberg-Attentat wäre George möglicherweise heute vergessen. Das scheint mir vorderhand noch eine der nachhaltigsten Bilanzen jener Zeit zu sein, nachhaltiger als die angebliche Rettung der deutschen Ehre. 1944 fand in der Weltgeschichte in der Tat mehr auf dem Spiel als die deutsche Ehre. Wahr bleibt, dass auch Stauffenberg und Goerdeler (der auf gemeinste Weise dann verraten wurde, von einer Frau mit angeblichem Judas-Charakter) sich mit vergleichsweise anständigen und vielleicht sogar unanständigen Repräsentanten des 3. Reiches im Erfolgsfall hätten arrangieren müssen und sie hätten auch wissen müssen, dass Churchill nicht Hitler, sondern am Ende Deutschland besiegen wollte. Der im 3. Reich nicht zu bestreitende Anteil an krimineller Energie vieler Repräsentanten hätte an der verworrenen Gesamtlage nichts geändert, so wie man auch zum Beispiel bei Gaddhafi oder Saddam Hussein nicht nur das Kriminelle hätte sehen müssen, sondern ihre geopolitische Scharnierfunktion. Auch China kann schliesslich nicht nur unter kriminellen Gesichtspunkten als weltpolitische Grösse gesehen werden, wobei freilich ein paar Millionen Opfer des chinesischen Kommunismus niemanden interessieren, das chinesische Volk steht deswegen nicht vor seiner Liquidierung, so wie das deutsche Volk eigentlich bei einer halbwegs vernünftigen Politik durchaus überleben kann, man sollte sich nie durch Panik und reine Feindbildpolitik leiten lassen. Im Prinzip aber unterhalten wir uns hier über Stefan George, den wir auch aus dem Postulat, politisch nicht vereinnahmt werden zu wollen, respektieren sollte. Überdies war er ein unvergleichliches lyrisches Genie. Egyptien hat nachgewiesen, dass die George immer wieder mal vorgeworfene Humorlosigkeit ihrerseits auf einer Fehleinschätzung beruht. Allein dies macht das genannte Buch schon ziemlich bedeutend, wiewohl nicht gerade zu überschätzen. Erarbeitete Fakten bleiben für ein Buch jedoch alleweil länger werterhaltend als Werturteile, die der Zeit und dem Staub zu übergeben sind.

Brettenbacher
21. Juli 2018 20:34

"Allein dies macht das genannte Buch schon ziemlich bedeutend, wiewohl nicht gerade zu überschätzen. "
@Maiordomus
Wertester Quasilandsmann vom vis à vis Seerücken: Sie geraten mehr und mehr geistiggrammatisch in das Robert-Walserische: hat Sie da noch keine(r) gewarnt

Brettenbacher
22. Juli 2018 16:27

Nachtrag @Maiordomus

was aber nichts daran ändert, daß mir Ihre Gegenkritik durchaus imponiert hat

Maiordomus
23. Juli 2018 06:14

Der Berner Michael Stettler (1913 - 2003), nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Berner Chronisten aus dem 17. Jahrhundert, der damals eine mehrbändige Geschichte Berns schrieb, war wie andere Autoren aus dem Georgekreis, incl. Friedrich Gundolf, auch Edwin Maria Landau und der nicht mehr dem Georgekreis angehörige Erwin Jaeckle, nur im Nebenberuf Schriftsteller, aber immerhin ein noch beachtlicher Lyriker. Hauptberuflich war er zur Zeit, als zum Beispiel die kuriose Ritterrüstungsgeschichte in Klaus Schädelins Jugendroman "Mein Name ist Eugen" stattfand, Direktor des Historischen Museums Bern, überhaupt einer der bedeutendsten seinerzeitigen Akademiker in der schweizerischen Bundesstadt. Stettler, der sich 1931 als 18Jähriger dem Georgekreis angeschlossen hatte, wird indes bei Egyptien nur kursorisch erwähnt, Landau, der dann die bedeutende Publikationsreihe (von den Nationalsozialisten dann wieder geschlossen) "Die Runde" gründete und dann in die Schweiz ins Exil ging, wo er sich später immer wieder gegen den Ruf der angeblich unmenschlichen Flüchtlingspolitik verwahrt hat, wird bei Egyptien nicht einmal genannt. Mit anderen Worten: die Zitrone ist noch längst nicht ausgedrückt, Bücher in der Art der Publikation von Jürgen Egyptien, notabene eines der massgeblichen Mitglieder der Stefan-George-Gesellschaft, können und müssen auch in Zukunft geschrieben werden, vielleicht sogar als ein Zeichen gegen die literarische Null-Epoche. Unter den Schweizer Lyrikern, die noch im Geist Georges weitergearbeitet haben, erwähne ich gern noch den in Murten lebenden mittlerweile über 90jährigen Paul König, dessen wichtigste Gedichte aber schon vor rund 70 Jahren entstanden sind. Die George-Tradition entfaltete sich noch und noch in literarischen Nischen.

Maiordomus
23. Juli 2018 08:54

PS. Der hier genannte Paul König, dessen vor mehr als 60 Jahren entstandenes Hauptwerk "Gesang aus dem Feuerofen" erst 1980 gedruckt wurde, ist nicht, wie ich mich falsch erinnerte, 1925, sondern im Todesjahr Georges 1933 geboren. Als junger Mann kontaktierte er u.a. Leopold Ziegler und Reinhold Schneider, hielt bedeutende Vorlesungen und Vorträge über Hymnik, noch vor wenigen Jahren referierte er über den Ernst-Jünger-Freund und LSD-Entwickler Albert Hofmann, erwarb sich auch Verdienste als Historiker. Er gehört, wie nicht wenige andere nicht unbedeutende Autoren, nicht zum Kreis, sondern zur durchaus nachhaltigen Nachwirkung von George, deren Erarbeitung ein Desiderat der Forschung bleibt. Diese Nachwirkung kann nicht auf das Schlagwort des Epigonentums reduziert werden. Persönlich zähle ich Paul König zu den bedeutenden lebenden Schweizer Autoren, auch wenn er als Lyriker schon über mehr als ein halbes Jahrhundert mehr oder weniger verstummt ist, weil es nun mal nicht mehr die Zeit der grossen Hymniker ist. Letzteres trifft immerhin für die spanische und portugiesische Literatur in Lateinamerika glücklicherweise nicht zu.
Königs literarischer Nachlass befindet sich wie derjenige von Michael Stettler in der Burgerbibliothek Bern.

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