Sezession
1. Juni 2018

Robert Pfaller: Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden

Caroline Sommerfeld

Erwachsene Menschen genießen »Geschlecht, Begehren, Geselligkeit, zivilisiertes Rollenspiel, finstere Genüsse,

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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weiße Lügen oder schwarze Wahrheiten, gespaltenes Sprechen, befreiendes Fluchen oder auch nur charmantes Scherzen und Glück im allgemeinen«. Der erwachsene Mensch kann deswegen »erwachsen« genannt werden, weil er dergleichen beherrscht, weil er kultiviert ist, weil er Zweideutigkeiten erträgt, weil er sublimieren kann. Er muß nicht vor adult languagegewarnt werden, braucht keine Schockphotographien auf Tabakpackungen und keine universitären Schutzräume vor Vorlesungen alter weißer Männer. Vielleicht, merkt Pfaller an einer Stelle seines Buches an, ist ja das übel beleumundete mansplaining, daß Männer immer Frauen alles erklären müssen, keine Herrschaftsgeste, sondern Höflichkeit: wer das Leben erklärt bekommen soll, ist jünger an Jahren – und welche Frau möchte nicht für jünger gehalten werden?

Robert Pfaller, Wiener Psychoanalytiker und Philosoph, Žižek-Schüler und linker Denker, ist auf der richtigen Spur. Er erkennt mit sicherem Gespür die logischen und psychologischen Abgründe von Höflichkeit, schwarzem Humor (perfekte Analyse!), politischer Korrektheit, sogenannter »Haßrede« und der »Tyrannei der Intimität« (Richard Sennett) in unserer postmodernen Moderne.

Die gegenwärtig grassierende Ermunterung an alle Marginalisierten, Mühseligen und Beladenen, ihre Marotten in Form von identity politicsin die Öffentlichkeit zu tragen, zerstört die Öffentlichkeit, weil sie infantilisiert wird. Das ist die Hauptthese des Buches.

Pfaller begründet diese These allerdings falsch. Er meint, der Sinn von Öffentlichkeit wäre »Gleichheit« im sozioökonomischen Sinne. Am globalen Kapitalismus wäre das besonders Perfide, daß er, indem er jeder Minorität und jedem Einzelsubjekt zu einer »Identität« verhilft, die Menschen ungleich statt gleich macht. Sie kämpfen nicht mehr für Gleichberechtigung, sondern nur mehr für ihre Besonderheit, solidarisieren sich nicht, sondern stellen ihre Schutzräume und Identitätspolitiken gegeneinander.

Pfaller fordert politisch mehr Gleichheit, »weil Menschen, die Aussicht auf Gleichheit haben, aufhören, ihre Vorteile in Differenzen zu suchen.«

Jedoch – ist nicht das Versprechen von mehr zukünftiger Gleichheit eine ziemlich paternalistische Behandlung der Leute? Und ist es nicht außerdem anthropologisch zweifelhaft?

Ungleiche sind sehr viel eher in der Lage, die Zumutungen der anderen zu ertragen, weil sie um deren Abgründe wissen und darum, daß die Welt nicht aufgeht. Der Autor muß, so scheint es, seine politische Zielsetzung (linkes Klassenbewußtsein, Kampf gegen den Kapitalismus und Verhindern des Rechtspopulismus) auf Biegen und Brechen in seine feine Beobachtung einflechten, wodurch er sie an vielen Stellen zerlöchert.

Pfaller argumentiert gegen den heutigen Feminismus beispielsweise exakt so, wie es auch Camille Paglia tut: »Hatten die Konservativen lange Zeit der Gesellschaft den Sex zu verbieten versucht, so war es plötzlich die aufbegehrende Linke selbst, die Gründe dagegen fand.« Nur Erwachsene (physisch wie psychisch) können mit dem Sex umgehen. Daß sie »starke und gefährliche Wesen« im nietzscheschen Sinne und nicht schwache Opfer sind, ist für Pfaller allerdings gleichbedeutend mit ihrer demokratischen citoyenneté(um nicht Bürgerlichkeit sagen zu müssen).

Warum nur hängt er fest an der (mit seinen eigenen Werkzeugen analysierbaren) Illusion, daß die Linke der Rechten überlegen wäre, insofern sie »Vernunft« repräsentiere und deshalb »erwachsen« wäre? Zu jeder Vernunft gibt es nicht erst seit Freud eine mindestens genauso große Menge Unvernunft – der Witz des Erwachsenseins besteht doch darin, dessen eingedenk zu sein, und mit seinem Über-Ich und auch mit dem von Pfaller ins Spiel gebrachten kindlichen Unter-Ich haushalten zu können. Da er aber leider an seiner Illusion festhängt, schreibt er dann so kindlich-frohgemute Sätze wie »Alles was uns heute stört, könnten wir dann ebenso gut begrüßen und gutheißen«. Klar, wir könnten total glücklich sein und nicht immer die Rolle der abgehängten neidischen Ressentimentrechten spielen. Dazu müßten wir aber Linke oder Kinder werden, und nicht die Erwachsenen, die wir längst sind.

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Robert Pfallers Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur, Frankfurt a.M.: S.-Fischer-Verlag 2017. 205 S., 15 € kann man hier bestellen.


Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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