Quistorp, Schröder, Weißgerber: Weltoffenes Deutschland? Zehn Thesen

Was soll man von einem Buch halten, das mit der Aufmachung in Schwarzrotgold an rechte Publikationen der 80er Jahre erinnert

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

und von Leu­ten geschrie­ben wur­de, die man bis­lang nicht ohne Grund auf der gut­mensch­li­chen Sei­te ver­or­te­te? Ist das ein Trick der Mar­ke­ting­ab­tei­lung des Ver­la­ges, Rene­ga­ten­tum der Ver­lie­rer oder eine Mogel­pa­ckung, die an den rechts­blin­ken­den Links­ab­bie­ger See­hofer erinnert?

Die Ant­wort dar­auf ist nicht ganz ein­fach – nicht zuletzt, weil die Autoren nicht aus dem­sel­ben Stall kom­men. Mit Weiß­ger­ber und Schrö­der sind zwei Sach­sen mit an Bord, die bei­de in der Wen­de­zeit zur SPDge­fun­den haben und ihr treu geblie­ben sind. Ers­te­rer saß 19 Jah­re für die­se Par­tei im Bun­des­tag, letz­te­rer bekam eine Phi­lo­so­phie­pro­fes­sur an der Theo­lo­gi­schen Fakul­tät der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu Ber­lin. Eva Quis­torp ist ein Urge­stein der Grü­nen, für die sie im Euro­pa­par­la­ment saß, und in zahl­rei­chen Bewe­gun­gen in deren Umfeld aktiv.

Am 14. Okto­ber 2017 hat­ten die drei in der Welt »10 The­sen für ein welt­of­fe­nes Deutsch­land« ver­öf­fent­licht, die sie in dem vor­lie­gen­den Buch näher erläu­tern. Falls es über die­se The­sen eine öffent­li­che Debat­te gege­ben haben soll­te, so wird dies im Vor­wort nicht erwähnt. Statt­des­sen wird das Ziel der gan­zen Sache klar benannt: »Wir kön­nen gegen Frem­den­feind­lich­keit und Abschot­tungs-ten­den­zen nur dann wirk­sam vor­ge­hen, wenn wir die gro­ßen Pro­ble­me, die sich aus der mas­sen­haf­ten Zuwan­de­rung 2015/2016 erge­ben haben und noch erge­ben wer­den, weder beschö­ni­gen noch gar verschweigen.«

Inso­fern ist die all­ge­mei­ne Stoß­rich­tung klar: Es geht dar­um, die offen­sicht­li­che Lücke zwi­schen Wirk­lich­keit und Traum des Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus zu schlie­ßen, ohne die Dis­kur­s­ho­heit zu ver­lie­ren. Die The­sen bewe­gen sich dem­entspre­chend auf dem Niveau von Bana­li­tä­ten (Auf­nah­me­la­ger sind nicht unbarm­her­zig) und Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten (Das Staats­ge­biet ist »Schau­platz der staat­li­chen Herr­schaft«), wenn sie nicht gera­de For­de­run­gen auf­stel­len, die den gan­zen Zustrom nur mund­ge­rech­ter ver­tei­len sol­len (»Wir dür­fen die Kapa­zi­täts­gren­ze nicht überschreiten«).

Die Autoren haben dabei eine Auf­ga­ben­ver­tei­lung vor­ge­nom­men, mit der eine mög­lichst gro­ße Band­brei­te von Lesern erreicht wer­den soll. Schrö­der gibt den stren­gen Rea­lis­ten, der auf Ein­hal­tung von Recht und Gesetz pocht, Weiß­ger­ber ver­tei­digt die bes­te aller Wel­ten, die BRD, gegen Dele­gi­ti­mie­rung von oben und unten und ver­sucht sich in einem zag­haf­ten Patrio­tis­mus, wohin­ge­gen Quis­torp die Flücht­lings­hel­fe­rin dar­stellt, die mit der har­ten Wirk­lich­keit kon­fron­tiert wur­de: das von ihr betreu­te Flücht­lings­mäd­chen war auf dem Weg zur selbst­be­wuß­ten West­eu­ro­päe­rin und kam dann wie­der unter die Obhut ihres patri­ar­cha­lisch gepräg­ten Clans.

Es bleibt zu kon­sta­tie­ren, daß sich hier viel­leicht die etwas Klü­ge­ren unter den Gut­men­schen einen Schritt in die rich­ti­ge Rich­tung vor­wa­gen. Daß sich damit die Lücke zwi­schen Traum und Wirk­lich­keit wie­der zukleis­tern läßt, ist unwahr­schein­lich, so daß der Nut­zen den Scha­den der Publi­ka­ti­on über­wie­gen dürf­te. Viel­leicht kommt der ein oder ande­re der Anhän­ger oder Wäh­ler der Autoren immer­hin ins Grübeln.

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Eva Quis­torp, Richard Schrö­der, Gun­ter Weiß­ger­bers Welt­of­fe­nes Deutsch­land? Zehn The­sen, die unser Land ver­än­dern, Frei­burg: Her­der 2018. 144 S., 16 € kann man hier bestel­len.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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