Johannes Heinrichs: Gastfreundschaft der Kulturen. Der Weg zwischen Multikulti und neuem Nationalismus

Jörg Seidel las für uns Johannes Heinrichs Gastfreundschaft der Kulturen:

 Gastbeitrag

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Das muß man erst mal kön­nen, ange­sichts der plötz­lich mit aller Gewalt her­ein­bre­chen­den Migra­ti­ons­kri­se einen 25 Jah­re alten Text aus dem Schub­fach zie­hen und ihn als Ant­wort auf hoch­ak­tu­el­le Fra­gen neu ver­le­gen. Johan­nes Hein­richs kann das, weil er seit vier Jahr­zehn­ten an einer »Refle­xi­on-Sys­tem­theo­rie«, wie er das nennt, arbei­tet, die nicht nur die Demo­kra­tie voll­kom­men neu den­ken will, son­dern die auch fle­xi­bel genug scheint, aktu­el­le Pro­ble­me kate­go­ri­al schnell einzuordnen.

Die Grund­idee hat­te er schon 1976 ent­wor­fen und spä­ter in sei­nem Haupt­werk Revo­lu­ti­on der Demo­kra­tieela­bo­riert, um schließ­lich dar­aus u.a. eine fünf­bän­di­ge Sprach-theo­rie, eine Hand­lungs­theo­rie und selbst eine »Öko-Logik« zu ent­wi­ckeln. Zuletzt ver­sucht er sogar, Euro­pa neu zu den­ken und alles in einer Inte­gra­len Phi­lo­so­phie zusam­men­zu­fas­sen. Mul­ti­kul­ti und Migra­ti­on sind vor die­sem Hin­ter­grund eher Nebenthemen.

Hein­richs will der Demo­kra­tie ein vier­tei­li­ges sys­tem­theo­re­ti­sches Ras­ter über­stül­pen, das sich in Wirt­schafts­sys­tem, Poli­ti­sches Sys­tem, Kul­tur- und Legi­ti­ma­ti­ons­sys­tem aus­fal­tet. Wenn wir von »Inte­gra­ti­on« spre­chen, dann bewe­gen wir uns pri­mär im kul­tu­rel­len Bereich. Des­sen Medi­um sei die Spra­che. Zwar gebe es auch eine wirt­schaft­li­che und poli­ti­sche Inte­gra­ti­on, doch sei­en die­se der kul­tu­rel­len untergeordnet.

Ent­schei­dend sei also, ob der Migrant die Spra­che lernt und sich kul­tu­rell assi­mi­liert, die gast­ge­ben­de Kul­tur affir­miert, in sei­ner Geschich­te akzep­tiert und sich mit ihr iden­ti­fi­ziert. Dabei ste­he es ihm frei, im Pri­va­ten sei­ne Her­kunfts­kul­tur lands­mann­schaft­lich zu leben. Die gast­ge­ben­de Kul­tur muß das Umfas­sen­de blei­ben, von kul­tu­rel­ler Pari­tät kann kei­ne Rede sein. Das alles wird durch eine Kul­tur der Gast­freund­schaft regu­liert – wobei die Kul­tur der Gast bleibt, der Ein­zel­ne aber sei­ne Kul­tur behal­ten kann, wenn er möchte.

Ras­si­sche oder eth­ni­sche Dif­fe­ren­zie­rung fal­len durch Hein­richs Ras­ter; statt der Dis­kus­si­on um ein ius solivs. ius san­gui­nusfor­dert er ein ius cul­tu­rae. Das sei im Fal­le Deutsch­lands, das eine his­to­ri­sche Auf­ga­be hat, die es nur erfül­len kann, wenn es sich selbst iden­tisch bleibt, beson­ders nötig, weil der dro­hen­de Ver­lust »an Kraft der Kon­zen­tra­ti­on und des Den­kens«, die »spe­zi­fi­sche deut­sche Stär­ke des umfas­sen­den Den­kens«, ein »Abfal­len von die­ser Beru­fung« uner­setz­bar wäre. Es gibt Pas­sa­gen in die­sem Buch, die ver­blüf­fend an die stärks­ten Aus­sa­gen Sie­fer­les erin­nern, die unmit­tel­bar an die Neue Rech­te andocken.

Über­haupt han­delt sich Hein­richs bekann­te Geg­ner­schaft ein, an der er sich flei­ßig abar­bei­tet. Haber­mas’ »Ver­fas­sungs­pa­trio­tis­mus« wird eben­so aus­ein­an­der­ge­nom­men wie die Visio­nen eines Cohn-Ben­dit oder Leg­ge­wie einer mul­ti­kul­tu­rel­len Gesell­schaft. Das Ori­gi­nel­le dar­an ist, daß Hein­richs dabei nicht auf übli­ches Voka­bu­lar zurück­grei­fen muß, son­dern aus sei­nem eige­nen sys­te­mi­schen Ent­wurf her­aus argu­men­tie­ren kann. Auch wenn die Ergeb­nis­se sich glei­chen, die Her­lei­tun­gen und Legi­ti­ma­tio­nen sind gänz­lich ande­re, der Mann sitzt habi­tu­ell zwi­schen allen Stüh­len, das links-rechts-Sche­ma lehnt er nicht nur ab, er paßt auch nir­gend­wo hin­ein. Es blei­ben Bau­stel­len. So spielt die Quan­ti­tät der Ein­wan­de­rung bei Hein­richs kei­ne Rol­le, er meint, jede Zahl sei ver­kraft­bar, wenn kul­tu­rell assi­mi­lier­bar. Auch die kul­tu­rel­len Dif­fe­ren­zen blei­ben unter­be­lich­tet. Was, wenn ein bestimm­ter Teil der Ein­wan­de­rer kul­tu­rell und intel­lek­tu­ell, durch Reli­gi­on, Sozia­li­sa­ti­on und Bil­dung geformt, gar nicht in der Lage sein kann, sich zu inte­grie­ren? An poli­ti­scher Hand­ha­be bie­tet Hein­richs wenig – er bleibt im abs­trak­ten Bereich.

Und noch etwas macht die Hein­richs-Lek­tü­re mit­un­ter schwie­rig. Er lei­det unter der Igno­ranz von Poli­tik und Phi­lo­so­phie, die ihn par­tout nicht ernst neh­men wol­len, und die­ses Lei­den über­setzt sich zum einen in Lar­moy­anz, zum ande­ren in Aggres­si­vi­tät gegen­über Dif­fe­ren­zen und schließ­lich in ein Sen­dungs­be­wußt­sein, das alle sei­ne Bücher durchzieht.

Dar­aus ergibt sich aller­dings auch eine Chan­ce! Man soll­te ihn in die Ver­ant­wor­tung neh­men, die­sen wesent­li­chen Bei­trag stu­die­ren, ihn dann streng und kri­tisch befra­gen, vor allem soll­te man ihm ein Forum geben – und wenn es der Main­stream nicht tut, wer bie­tet sich dann an?

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Johan­nes Hein­richs’ Gast­freund­schaft der Kul­tu­ren. Der Weg zwi­schen Mul­ti­kul­ti und neu­em Natio­na­lis­mus, Stutt­gart: Ibi­dem 2017. 208 S., 24.90 € kann man hier bestel­len.

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