Sezession
1. Juni 2018

Fabian Scheidler: Chaos. Das neue Zeitalter der Revolutionen

Benedikt Kaiser

Mit dem Ende der Megamaschine gelang dem Bochumer Journalisten und Videomacher (Kontext TV) Fabian Scheidler ein Bestseller.Das Thema: umfassende Kapitalismus- und Imperialismuskritik. Das von ihm beschriebene »aggressive System aus endloser Geldvermehrung« und verschiedenen »militarisierten Staaten« schilderte er als Wohlstandsgarant für wenige und Hölle für viele.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Auch sein neues Buch Chaos ist vom Impuls getragen, dazu beizutragen, Zustände zu schaffen, in der Gemeinwohl (nicht Profit), gerechte Verteilung (statt Wachstum per se) und Nachhaltigkeit (anstelle Naturvernichtung) im Fokus stehen.

Wer mit diesem Weltverbesserer-Impetus nichts anfangen kann, wird sich die Lektüre sparen können. Für alle anderen hält die Studie indes einige aufschlußreiche Notizen und Gedanken bereit.

Scheidlers Grundthese ist, daß wir derzeit in einer »chaotischen systemischen Übergangsphase« leben, in der Politik und Weltwirtschaft an ihre Grenzen gelangen werden – nur die revolutionäre Stimmung fehlt.

Trotz mannigfaltiger Krisensymptome würden die Menschen nicht aufbegehren; eine mächtige »Ablenkungsmaschinerie« stütze Apathie und politische Enthaltsamkeit, das politische Subjekt, der Mensch, starre lieber auf »Weltersatzmaschinen« (Smartphones etc.) als seine Rolle als Gestalter der Geschichte anzunehmen. So weit, so schlüssig.

Auch andere Kapitel des Buches können überzeugen:

Scheidler zeigt die Dimension der gegenwärtigen Umverteilung von unten nach oben auf, analysiert die Rolle von Großkonzernen und Banken, bemängelt fehlendes Bewußtsein der Bürger für Steuerflucht und Schattenwirtschaft und veranschaulicht zudem, wie es den obersten Schichten des Westens gelungen ist, ein »bedingungsloses Maximaleinkommen« zu generieren, das von individueller Leistung entkoppelt ist, nur auf Besitz und Kapitalvermehrung beruht und damit neofeudale Verhältnisse schafft.

Auch die neue Dimension des Transhumanismus, in dessen Zentrum die Unterwerfung des Menschen unter die Logik ewigen Fortschritts und endloser Geldverwertung gestellt wird, kann Scheidler, wie Thomas Wagner einige Zeit vor ihm (vgl. Sezession 77), anschaulich darlegen.

Speziell für nichtlinke Leser besonders interessant sind schließlich zwei Aspekte:

Erstens plädiert Scheidler für eine begriffliche Trennschärfe zwischen Marktwirtschaft und Kapitalismus. Unter Rückgriff auf das theoretische Arsenal des Historikers Fernand Braudel sieht Scheidler die Marktwirtschaft dadurch konstituiert, daß Marktteilnehmer, also Anbieter, konkurrieren. Preise nähern sich den Produktionskosten an, Profite sind tendenziell limitiert.

Im Kapitalismus hingegen dominieren Monopole oder Oligopole; nicht mehr Anbieter konkurrieren frei (um Marktanteile), sondern Arbeiter und Kleinproduzenten (um Arbeitsplätze). Auch deshalb sei die ungeheure Kapitalkonzentration in wenigen Händen möglich, wie sie für den realexistierenden Kapitalismus – mit allen Folgen – kennzeichnend sei.

Der Kapitalismus setzte also dereinst eine Marktwirtschaft voraus, beutete aber ihre Strukturen aus und ist, nach einem gewissen Entwicklungsprozeß, nicht mehr mit ihr identisch, sondern ein eigenes System.

Der zweite Aspekt betrifft die Kritik der Medienlandschaft. Deutlich wird von Scheidler die Eigentumskonzentration im Medienbereich des Westens veranschaulicht. In Großbritannien beherrschen etwa drei Milliardäre 60 Prozent der landesweiten Zeitungsauflage.

Und in Deutschland gehören die großen Wochenzeitungen und Buchverlage überwiegend milliardenschweren Oligarchen (von Die Zeit und Focus bis zu Rowohlt, Bertelsmann und DVA) – mit dem heute vor allem von rechts immer wieder attackierten Resultat der Meinungsmonotonie.

Die zu konstatierende Vielfalt der Themen des vorliegenden Buches ist ein Vorteil: Für nahezu jeden Leser sind reizvolle Abschnitte vorhanden. Zugleich ist sie eine offenkundige Schwäche: Das Gros der Sujets wurde bereits vorher in anderen Büchern tiefgreifender analysiert, und nur vereinzelt kann Scheidler eigene Akzente setzen.

Chaos ist daher ein flott geschriebenes Kompendium geläufiger politischer und ökonomischer Gegenwartskritik, jedoch kein großer Wurf.

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Fabian Scheidlers Chaos. Das neue Zeitalter der Revolutionen, Wien: Promedia 2017. 240 S., 17.90 € kann man hier bestellen.


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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