Fabian Scheidler: Chaos. Das neue Zeitalter der Revolutionen

Mit dem Ende der Megamaschine gelang dem Bochumer Journalisten und Videomacher (Kontext TV) Fabian Scheidler ein Bestseller.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Das The­ma: umfas­sen­de Kapi­ta­lis­mus- und Impe­ria­lis­mus­kri­tik. Das von ihm beschrie­be­ne »aggres­si­ve Sys­tem aus end­lo­ser Geld­ver­meh­rung« und ver­schie­de­nen »mili­ta­ri­sier­ten Staa­ten« schil­der­te er als Wohl­stands­ga­rant für weni­ge und Höl­le für viele.

Auch sein neu­es Buch Cha­os ist vom Impuls getra­gen, dazu bei­zu­tra­gen, Zustän­de zu schaf­fen, in der Gemein­wohl (nicht Pro­fit), gerech­te Ver­tei­lung (statt Wachs­tum per se) und Nach­hal­tig­keit (anstel­le Natur­ver­nich­tung) im Fokus stehen.

Wer mit die­sem Welt­ver­bes­se­rer-Impe­tus nichts anfan­gen kann, wird sich die Lek­tü­re spa­ren kön­nen. Für alle ande­ren hält die Stu­die indes eini­ge auf­schluß­rei­che Noti­zen und Gedan­ken bereit.

Scheid­lers Grund­the­se ist, daß wir der­zeit in einer »chao­ti­schen sys­te­mi­schen Über­gangs­pha­se« leben, in der Poli­tik und Welt­wirt­schaft an ihre Gren­zen gelan­gen wer­den – nur die revo­lu­tio­nä­re Stim­mung fehlt.

Trotz man­nig­fal­ti­ger Kri­sen­sym­pto­me wür­den die Men­schen nicht auf­be­geh­ren; eine mäch­ti­ge »Ablen­kungs­ma­schi­ne­rie« stüt­ze Apa­thie und poli­ti­sche Ent­halt­sam­keit, das poli­ti­sche Sub­jekt, der Mensch, star­re lie­ber auf »Welt­ersatz­ma­schi­nen« (Smart­pho­nes etc.) als sei­ne Rol­le als Gestal­ter der Geschich­te anzu­neh­men. So weit, so schlüssig.

Auch ande­re Kapi­tel des Buches kön­nen überzeugen:

Scheid­ler zeigt die Dimen­si­on der gegen­wär­ti­gen Umver­tei­lung von unten nach oben auf, ana­ly­siert die Rol­le von Groß­kon­zer­nen und Ban­ken, bemän­gelt feh­len­des Bewußt­sein der Bür­ger für Steu­er­flucht und Schat­ten­wirt­schaft und ver­an­schau­licht zudem, wie es den obers­ten Schich­ten des Wes­tens gelun­gen ist, ein »bedin­gungs­lo­ses Maxi­mal­ein­kom­men« zu gene­rie­ren, das von indi­vi­du­el­ler Leis­tung ent­kop­pelt ist, nur auf Besitz und Kapi­tal­ver­meh­rung beruht und damit neo­feu­da­le Ver­hält­nis­se schafft.

Auch die neue Dimen­si­on des Trans­hu­ma­nis­mus, in des­sen Zen­trum die Unter­wer­fung des Men­schen unter die Logik ewi­gen Fort­schritts und end­lo­ser Geld­ver­wer­tung gestellt wird, kann Scheid­ler, wie Tho­mas Wag­ner eini­ge Zeit vor ihm (vgl. Sezes­si­on 77), anschau­lich darlegen.

Spe­zi­ell für nicht­lin­ke Leser beson­ders inter­es­sant sind schließ­lich zwei Aspekte:

Ers­tens plä­diert Scheid­ler für eine begriff­li­che Trenn­schär­fe zwi­schen Markt­wirt­schaft und Kapi­ta­lis­mus. Unter Rück­griff auf das theo­re­ti­sche Arse­nal des His­to­ri­kers Fer­nand Brau­del sieht Scheid­ler die Markt­wirt­schaft dadurch kon­sti­tu­iert, daß Markt­teil­neh­mer, also Anbie­ter, kon­kur­rie­ren. Prei­se nähern sich den Pro­duk­ti­ons­kos­ten an, Pro­fi­te sind ten­den­zi­ell limitiert.

Im Kapi­ta­lis­mus hin­ge­gen domi­nie­ren Mono­po­le oder Oli­go­po­le; nicht mehr Anbie­ter kon­kur­rie­ren frei (um Markt­an­tei­le), son­dern Arbei­ter und Klein­pro­du­zen­ten (um Arbeits­plät­ze). Auch des­halb sei die unge­heu­re Kapi­tal­kon­zen­tra­ti­on in weni­gen Hän­den mög­lich, wie sie für den real­exis­tie­ren­den Kapi­ta­lis­mus – mit allen Fol­gen – kenn­zeich­nend sei.

Der Kapi­ta­lis­mus setz­te also der­einst eine Markt­wirt­schaft vor­aus, beu­te­te aber ihre Struk­tu­ren aus und ist, nach einem gewis­sen Ent­wick­lungs­pro­zeß, nicht mehr mit ihr iden­tisch, son­dern ein eige­nes System.

Der zwei­te Aspekt betrifft die Kri­tik der Medi­en­land­schaft. Deut­lich wird von Scheid­ler die Eigen­tums­kon­zen­tra­ti­on im Medi­en­be­reich des Wes­tens ver­an­schau­licht. In Groß­bri­tan­ni­en beherr­schen etwa drei Mil­li­ar­dä­re 60 Pro­zent der lan­des­wei­ten Zeitungsauflage.

Und in Deutsch­land gehö­ren die gro­ßen Wochen­zei­tun­gen und Buch­ver­la­ge über­wie­gend mil­li­ar­den­schwe­ren Olig­ar­chen (von Die Zeit und Focus bis zu Rowohlt, Ber­tels­mann und DVA) – mit dem heu­te vor allem von rechts immer wie­der atta­ckier­ten Resul­tat der Meinungsmonotonie.

Die zu kon­sta­tie­ren­de Viel­falt der The­men des vor­lie­gen­den Buches ist ein Vor­teil: Für nahe­zu jeden Leser sind reiz­vol­le Abschnit­te vor­han­den. Zugleich ist sie eine offen­kun­di­ge Schwä­che: Das Gros der Sujets wur­de bereits vor­her in ande­ren Büchern tief­grei­fen­der ana­ly­siert, und nur ver­ein­zelt kann Scheid­ler eige­ne Akzen­te setzen.

Cha­os ist daher ein flott geschrie­be­nes Kom­pen­di­um geläu­fi­ger poli­ti­scher und öko­no­mi­scher Gegen­warts­kri­tik, jedoch kein gro­ßer Wurf.

– – –

Fabi­an Scheid­lers Cha­os. Das neue Zeit­al­ter der Revo­lu­tio­nen, Wien: Pro­me­dia 2017. 240 S., 17.90 € kann man hier bestel­len.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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